Die absurdeste Digitalgeschichte 2022

F., der Mann meiner Freundin N., hat sein Abo für den Öffentlichen Personennahverkehr bei der hiesigen Verkehrsgesellschaft (BVG) gekündigt. Und wollte das dann wieder rückgängig machen. Freundin N. schilderte mir den Vorgang heute via Sprachnachricht. Diese habe ich transkribiert. Lesen Sie im Folgenden den Super-GAU: Wenn Berlin auf Digitalisierung trifft. Spoiler: Zwei Minus ergeben nicht immer automatisch ein Plus.

„Ich hab deine Kolumne gelesen zur Digitalisierung. Da musste ich heute dran denken, als F. mir erzählt hat, wie das mit seinem BVG-Abo gelaufen ist. Er hat es gekündigt, dann wollte er die Kündigung zurücknehmen. Dann hat er eine Mail geschrieben an info@bvg.de, weil er auf deren Seite diese Mailadresse gefunden hat. Dann hat er eine Eingangsbestätigung bekommen und nichts mehr gehört. Dann hat er heute noch mal auf seinen Account geguckt und fand dort plötzlich einen Button ‚Kündigung stornieren‘. Darauf hat er geklickt. Daraufhin ist nichts passiert. Dann hat er lange auf der Seite gesucht, bis er eine Nummer gefunden hat, wo er anrufen konnte. Da kam er beim ersten Mal zu einer Bandansage, wo gesagt wurde: ‚Wählen Sie die 2, wenn Sie eine Person sprechen wollen‘, dann drückte er die 2. Dann kam er wieder zu einer Bandansage zurück, wo gesagt wurde: ‚Drücken Sie die 1 oder die 3, hier ist Ihre freundliche Telefonstimme‘, also ist quasi nichts passiert. Dann hat er noch mal angerufen, unter derselben Nummer. Da kam dann eine andere Bandansage, und er wurde tatsächlich zu einer Person durchgestellt, die ihm dann erzählt hat, dass die Mailadresse info@bvg.de gar nicht mehr aktiv ist und ins Leere läuft. Als F. dann gesagt hat, dass die aber im Impressum steht, sagte der Mensch am Telefon: ‚Ach ja, das muss ich mal weitergeben‘, und irgendwie hat es dann funktioniert, aber er musste auch mit seiner Kundennummer etwas rumspielen, weil die angegebene Kundennummer nur dann funktioniert hat, wenn man die ersten vier Ziffern weggelassen hat.“

Pöbeln, aber richtig

  1. Sie wollen jemandem nachweisen, dass er oder sie mit zweierlei Maß misst? Recherchieren Sie.
  2. Sie wollen jemandem nachweisen, dass er oder sie einen Fehler gemacht hat? Recherchieren Sie.
  3. Sie wollen jemandem nachweisen, dass er oder sie etwas verschweigt? Recherchieren Sie.
  4. Sie wollen jemandem nachweisen, dass er oder sie sich selbst widerspricht? Recherchieren Sie.
  5. Sie wollen jemandem nachweisen, dass Sie cleverer sind als er oder sie? Seien Sie es.
  6. Sie wollen jemandem ausschließlich aus Antipathie einen reindrücken? Verzichten Sie auf die Recherche. Zeitverschwendung. Ihnen werden trotzdem Leute applaudieren.
  7. Sie wollen einfach nur Recht behalten? Verzichten Sie auf die Recherche. Zeitverschwendung. Ihnen werden trotzdem Leute applaudieren.
  8. Sie wollen einfach nur Applaus? Dann ist egal, was Sie schreiben. Entscheidend ist das Wie. Direkt angreifen, Behauptung aufstellen, die irgendwelches Schubladen-Denken erfüllt – wenn nicht, auch nicht so schlimm – und entschlossene Satzzeichen verwenden. Punkte oder gar Fragezeichen sind was für Mastodon.
  9. Sie wollen Applaus von den billigen Plätzen? Berücksichtigen Sie Punkt 8, addieren Sie ressentimentgeladene Aussagen und vermeiden Sie Fremdwörter wie „Ressentiment“.
  10. Ihnen ist es nicht egal, woher der Applaus kommt? Befolgen Sie die Punkte 1 bis 5. Und, ganz wichtig auch: Können Sie diese nicht befolgen, twittern Sie nicht. Fällt schwer, ist aber möglich.
  11. Sie wollen sich komplett zum Idioten machen? Vermeiden Sie unbedingt die Punkte 1 bis 5.
  12. Sie wollen sich noch mehr zum Idioten machen? Geben Sie sich den Anschein, die Punkte 1 bis 5 berücksichtigt zu haben. Liefert Ihnen jemand den Gegenbeiweis, stellen Sie halt auf Durchzug. Twittern Sie weiter, aber einfach nicht mehr direkt mit oder zu der von Ihnen angepöbelten Person. Ihnen werden trotzdem Leute applaudieren.

Nazis raus oder rein? Elon Musk, die 300.

Ein bisschen hat es ja nun doch gedauert, bis Elon Musk Kanye West bei Twitter gesperrt hat. (Moooomentchen – ja, Stand jetzt, 3. Dezember, 16:48 Uhr, ist er noch gesperrt. Man muss schwer auf Zack sein, seitdem Musk Twitter leitet, und das ist nicht als Kompliment gemeint.)

Adidas war schon früher auf die Idee gekommen, sich von West zu trennen. Musk hatte den aufgrund antisemitischer Tweets gesperrten „Ye“ wieder zurückgelassen auf die Plattform. Jetzt aber hat West in einem bizarren Interview durchaus lobende Worte für Adolf Hitler gefunden und er hat ein Hakenkreuz in Verbindung mit einem Davidstern getwittert, sodass dass er derzeit (!) nicht mehr mitmachen darf. „Aufruf zur Gewalt“, lautet der Grund.

Eine gute Idee von Elon Musk. Nazi-Symbole und -Parolen, Antisemitismus – geht nicht. Mark Zuckerberg hat nach jahrelanger Weigerung dann doch irgendwann eingesehen, dass die Leugnung des Holocaust in den USA zwar legal ist, er sie aber trotzdem auf seinen Plattformen in Anbetracht des weltweit wachsenden Antisemitismus nicht weiter dulden sollte.

Also, noch mal: West zu sperren, ist eine gute Idee von Elon Musk.

Aber.

Lassen wir hier mal beiseite, dass West an einer bipolaren Störung leidet und nach Einschätzung mancher nicht mehr an dem gemessen werden darf, was er sagt. (Ich möchte das nicht anzweifeln, um das deutlich zu machen, und ich möchte eine solche Erkrankung auch nicht kleinreden. Es ist hier nur nicht entscheidend.)

Und lassen wir auch mal beiseite, dass Musk ja bekannt dafür ist, Entscheidungen schnell und schmutzig, oder sagen wir es deutlich: Gerne wohl dermaßen überhastet zu treffen, dass er sie dann auch rasch wieder rückgängig macht. Es ist jetzt schon legendär, dass er Leute wieder einstellen wollte/musste, die er nur wenige Tage zuvor gefeuert hatte. Legendär. Dabei ist es gerade mal fünf Wochen und ein paar Zerquetschte her, dass er mit einem Waschbecken in der Twitter-Zentrale einmarschierte.

Der entscheidende Punkt ist: Warum lässt Musk dann im Rahmen seiner via Twitter-Umfrage entschiedenen Amnestie führende Neonazis zurück auf seine Plattform, wie der Rolling Stone berichtet? Darunter einer, der schreibt, viele Menschen seien der Ansicht, „die Juden sollten ausgerottet werden“ (ein einigermaßen kluger Schachzug, es so zu formulieren, als würde er nicht zu diesen Leuten gehören, dabei aber offen zu lassen, wie er zu dieser unglaublichen Aussage steht. Eine Verdammung lese ich da nicht raus. Im Kontext damit, dass er laut Rolling Stone regelmäßig den Holocaust leugnet, fällt mir das noch schwerer. Außerdem schrieb der Mann 2018, er hasse Frauen. Sie gehörten vergewaltigt und in Käfige gesperrt.

Aufruf zur Gewalt? Ist das anscheinend nicht.

Er und andere sind nun also wieder da. Vielleicht bin ich zu spitzfindig, aber ist da der Schritt zur Relativierung von Adolf Hitler dermaßen groß, dass man Kanye West sperren, solche Leute aber – nein, die Frage muss ich nicht zu Ende stellen, sie ist ja absurd genug.

Es ist nicht nachvollziehbar. Es ist nicht so, dass Twitter Accounts sperrt, die gegen die Regeln verstoßen. Das liest man zwar aktuell, ruft man Wests Account auf. Aber es scheint ja keine allgemeingültigen Regeln mehr zu geben, keine objektiven Maßstäbe. Jemand lenkt Twitter, der sich rationalen Gedankengängen und Entscheidungen nicht verbunden fühlt. Man muss das immer wieder festhalten, damit es sich nicht abnutzt. Denn das ist brandgefährlich.

Zu Gast bei „13 Fragen“ – oder: Was an…

Diese Woche hatte ich die Ehre und das überraschend große Vergnügen, Gast bei „13 Fragen“ zu sein. Thema, nicht allzu überraschend: „Twitter – gehen oder bleiben?“

Wir waren sechs Leute, zwei (grob) gesagt, Meinungen. Sechs Gäste, von denen sich fünf aktiv auf Twtter tummeln oder zumindest getummelt haben. Gäste, die Kontroverse gewohnt sind, auch qua Beruf. Und, das ist wichtig: Sechs Gäste, die sich für einen respekvollen Umgang in den sozialen Netzwerken aussprechen.

So, und nun die oben schon erwähnte Überraschung: Wir waren alle überrascht und beseelt, das lässt sich in der ein oder anderen Instagram-Story noch nachlesen und auch in Tweets, wie gelingend kontroverse Debatten verlaufen können. Wie freundlich, wie verbindlich.

Das finde ich ganz schön traurig.

Ich sehe das nicht nur an uns, die wir uns so freuen, zugehört zu haben, gehört worden zu sein, und vor allem: ernstgenommen und respektiert. Wenngleich wir uns auch auf keine gemeinsame Lösung der Frage wirklich einigen konnten.

Ich lese das aber auch in Blogs, in Tweets, ich höre das inzwischen auch in Gesprächen: dass Leute sich schon im vorauseilenden Gehorsam gegen mögliche und seien es noch so absurde Einwände gegen das von ihnen Geschriebene und Gesagte wappnen. Je nach Temperament stellen Sie schonmal vorab und ziemlich bestimmt, weil durch diverse ätzende Erfahrungen verständlicherweise genervt, Dinge klar. Oder aber sie führen ihre Ausführungen noch weiter, bis Viertel vor grotesk manchmal, aus. Oder sie fügen direkt an, dass sie natürlich wissen, dass man jetzt zwischen den Zeilen möglicherweise mit ganz viel Anstrengung auch noch dies oder jenes herauslesen könnte. Sie aber eigentlich lediglich eine Szene aus ihrem Alltag schildern wollten, subjektiv, natürlich, ohne damit irgendjemanden aktiv oder passiv aggressiv zu meinen, etwa durch nonmetioning.

Und ich sehe die Kommunikation auf Mastodon – ganz subjektiv, in meiner Timeline, es kann bei Ihnen natürlich völlig anders aussehen. Und falls ich Ihnen dort folge, könnte es sein, dass ich Sie im Folgenden auch meine, könnte aber auch sein, dass nicht. Und falls ja: Ich kritisiere nicht Sie als Person, sondern ich kritisiere allgemein und voller Respekt einen Aspekt, den ich (subjektiv!) dort wahrnehme.

In meinem Mastodon, wo ich natürlich ausschließlich Leuten folge, deren Gebaren auch schon auf Twitter meinen individuellen und keineswegs allgemeingültigen Ansprüchen an zugewandte Kommunikation entsprachen. Noch mal: meinen. Es müssen nicht Ihre sein. Ich möchte Ihnen nichts verbieten. Selbst wenn ich es könnte. Ok, dann vielleicht doch, aber ich kanns halt nicht.

In diesem meinem Mastodon also sehe ich diese Leute, die ich zum Teil schon seit Jahren von Twitter kenne, anders kommunizieren als dort. Wo sie ja wie erwähnt auch schon völlig ok (meine Meinung, keine Anmaßung) kommuniziert haben.

Mastodon wirkt auf mich wie auf Watte. Wie eine relativ extreme Gegenreaktion auf den relativ harschen Ton, der auf Twitter und anderswo so nervt. (Nein, ich bin nicht neidisch auf Elon Musk; ich weiß, dass Twitter auch vor ihm schon problematisch war, ICH HABE EIN BUCH DARÜBER GESCHRIEBEN, HERRGOTT).

Tschuldigung, geht schon wieder.

Zieht man das Heischen um Markierungen und den Karriere-Faktor ab, erinnert mich Mastodon in seiner Tonalität sehr an LinkedIn und das ältere Instagram. Wo immer alles ganz, ganz super ist. Wo Fynn Kliemann sagt: „Ach so, sorry, war nicht korrekt von mir“, und dann klatschen ihm ganz viel Leute Beifall fürs Entschuldigen. Jedem würden doch mal Fehler passieren. Schwamm drüber! In diesem Zusammehnag erwähnte jemand „Toxische Positivität“, und das fand ich sehr treffend. Durch Reibung – Achtung, wichtig: nicht durch Anbrüllerei oder strategisches Missverstehen – entstehen gute Beziehungen, hab ich mal gelernt. Durch Bussi Bussi eher nicht.

Es gibt etwas dazwischen, immer noch. Das haben wir alle am Dienstag bei der Aufzeichnung von „13 Fragen“ gesehen.

Und das finde ich schön. Nun stellt sich „nur“ noch die Frage, wo wir das digital erleben können. Ich hab leider keine Antwort darauf. Aber ich höre nicht auf, nach ihr zu suchen. Das kann ich anbieten.

Der goldene Mittelfinger

Soziale Medien als Frau? Nicht einfach. Soziale Medien als übergewichtige Frau? Ätzend. Vor allem, wenn man Sport treibt. Katastrophal wird es, wenn man professionell Sport treibt.

Diese Erfahrung musste Ash Pryor dieser Tage machen. Ash Pryor arbeitet für ein Unternehmen, das Sportgeräte für zu Hause anbietet, nebst dazugehörigen Onlinekursen. Dieses Unternehmen setzt auf Social Media, sehr stark sogar, und es setzt auf die Personalisierung seiner Trainerinnen und Trainer. Diese verknüpfen ihre Präsenzen bei Instagram, Facebook usw. sehr stark mit ihrem Job bei dem Unternehmen. „Privat hier“ ist da nicht gewünscht. Im Gegenteil – diejenigen, die auf den Bildschirmen der Kunden Spinning unterrichten oder Yoga oder etwas anderes, sind sogar dazu angehalten, ihre Kanäle auch im Sinne der Firma zu nutzen. Dahinter steckt der Gedanke, man sei eine große Familie, eine Community, die gemeinsam Sport macht und nett zueinander ist.

Nun zu Ash Pryor. Sie wird demnächst als Trainerin für das ebenfalls demnächst einzuführende Rudergerät arbeiten. Ein paar Daten: Ash Pryor trägt Größe 44. Ihre Sporthose hat Größe L, ebenso ihr Oberteil. Ihr Sport-BH ist eine XL. Finden Sie egal? Ob ich verrückt geworden bin, fragen Sie sich? Nein, ich nicht. Mir ist das auch egal. Vielen anderen aber nicht.

Nachdem Ash Pryor nämlich auf den Social Media-Kanälen ihres Arbeitgebers vorgestellt worden war, drehten dort einige durch. Ein Shitstorm entspann sich. Das Stichwort lautet „Bodyshaming“. Ich finde ja, dass wir längst aus der Phase raus sind, in der sich selbst die von den sozialen Netzwerken Lichtjahre Entfernten kein Bild vom dort teilweise herrschenden Ton machen können. So oft und so viele Entgleisungen, die dort ständig zu lesen sind, wurden mittlerweile zitiert und diskutiert. Das ist gut, denn das Problem muss in seiner Dimension ja verdeutlicht werden. Aber, wie gesagt: Das ist es inzwischen hinlänglich. Man muss da aufpassen, dass man nicht (wenn auch oft unfreiwillig) voyeuristische Gelüste bedient. Dieser Kipppunkt ist erreicht. Deshalb hier keine Beispiele oder Zitate, Sie alle können sich ja leider vorstellen, was da zu lesen war.

So. Und Ash Pryor hat sich offensichtlich viel dazu durchgelesen. Sie wird damit gerechnet haben, dass es unangenehm wird. Wie gesagt: Wir alle kennen das ja nun. Aus eigenem Erleben oder aber durchs Mitlesen oder Darüber-Lesen. Und eine Frau mit den oben angegebenen Kleider-Größen erlebt es öfter auch im Analogen, mies behandelt zu werden. Und wenn sie dann nicht nur Sport treibt, sondern sogar Sport trainiert, erst recht. Nur war es, schreibt Ash Pryor auf Instagram, dieses Mal auf Facebook schlimmer als sonst. Schlimmer also, als befürchtet.

Diese oben angegebenen Kleidergrößen kenn ich nicht, weil ich sie aus großem Interesse recherchiert habe. Pryor selbst hat sie auf Instagram gepostet, nachdem auf Facebook die Hölle losgebrochen war. Ash Pryor hat einfach den nächsten logischen Schritt gemacht, nachdem sie sich vor längerer Zeit für eine Karriere im Sport und dann auch noch für eine Karriere bei einem sehr nach außen sichtbaren, von der digitalen Vernetzung mit der Außenwelt ja komplett abhängigen Unternehmen entschieden hat. Sie ist in die Offensive gegangen. Und zwar sehr elegant: Sie hat deutliche Worte auf Instagram gerichtet – nicht aber, und das ist das Überraschende, an denjenigen, die sie beleidigt haben. (Bei denen es sich ihr zufolge „ironischerweise [um] Männer mit Profilbildern, auf denen sie mit ihren Frauen und Töchtern zu sehen sind“ handelt.)

Sondern an diejenigen, die sie nicht beleidigt haben. Die sie ermuntern will, cool zu sein. Unbeirrbar. Ihnen schreibt sie:

„(1) keep fucking going

(2) ich verspreche dir, dass du dich am Ende des Weges fühlen wirst, wir du dich noch nie zuvor gefühlt hast,

(3) wenn du anfängst, selber Entscheidungen zu treffen, wirst du aufhören, dich mit den Leuten zu beschäftigen, die sich gegen dich entschieden haben,

(4) es ist einfach, andere zu kritisieren, wenn du nicht in der arena stehst. lass sie reden, während du arbeitest.

(5) und schließlich: dafür, dass sie so entsetzt von dir sind, beschftigen sie sich ziemlich viel mit dir und widmen dir viel ihrer zeit“

Sensationell vorbildlich, oder? Sich gar nicht erst abzuarbeiten an den Niederträchtigen. Sondern sie als Rampe zu nutzen. Um anderen Mut zu machen. Aus ihrem Shit einen goldenen Mittelfinger. Social Media als Bumerang.

Wer zuletzt lacht – eine Geschichte über Einzelhandel, Onlinehandel…

Vergangene Woche hatte ich mir freigenommen und wollte Schuhe kaufen. Schwarze Stiefeletten ohne Absatz, Größe 40. Wie durchschnittlich kann man sein? Ich: Ja!

Ich wollte alles richtig machen und im Laden einkaufen. Den Einzelhandel unterstützen, der unter Corona und Inflation und ja sowieso unter Online-Konkurrenz ächzt. Also trotzte ich Wind, Wetter und Weicheierei und zog los. Nach draußen. Ins analoge Einkaufsvergnügen.

Moment. Sagte ich: „Vergnügen“?!

Laden 1: Hatte zu. Wir reden hier nicht von einem ausgefallenen Designerladen mit Einzelstücken; wir reden von einer Kette in einem Einkaufszentrum. Wie unglamourös kann man sein? Ich: Ja!

Im Schaufenster des Schuhgeschäftes hingen die Öffnungszeiten. Die aber offensichtlich nur als eine Idee gedacht waren, als eine Leitplanke, vielleicht auch als ein Vorsatz. Es hätte nämlich offen sein müssen. Uhrenabgleich undsoweiter. Gut, nach 17 Jahren Berlin wundert mich sowas nicht mehr, also zog ich einfach weiter.

In ein Kaufhaus. Dort gab es sehr viele schwarze Chelsea Boots in der Schuhabteilung, ich probierte wohlgemut an. Und probierte an. Und probierte an. Eine Verkäuferin oder einen Verkäufer erblickte ich nicht. War aber nicht schlimm, ich bin ja schon groß. Nach einiger Zeit schob sich dann aber doch eine Mitarbeiterin in mein Blickfeld, schaute auf die zirka acht Kartons und Einzelschuhe neben meinem Stuhl und sagte spitz: „Na, hier sieht’s ja aus!“

Nach 17 Jahren Berlin – Sie wissen Bescheid, man passt sich an, ich reagierte entsprechend sachlich. Es lohnt sich ja nicht, zudem droht der Kaufhauskette gerade zum etwa 20. Mal die Insolvenz, also: Nachsicht. „Haben Sie den hier in 40?“, fragte ich deshalb freundlich zugewandt. „Steht der da vorne in 40?“, lautete die Antwort. Da hatte die Tonlage bereits vom Spitzen ins Schnippische gewechselt. Ich wechselte auch, vom Netten ins Stoische und sagte: „Nein, da habe ich dieses Paar ja hergeholt. Haben Sie den denn vielleicht noch auf Lager?“ Antwort: „Glaub ich nicht.“

Ich wechselte wieder, vom Stoischen ins Eine-Augenbraue-Hochgezogene und fragte: „Könnten Sie bitte mal nachsehen?“ Antwort: „Jetzt nicht, ich komme gerade aus dem Lager.“

17 Jahre Berlin. Da ist man hart im Nehmen, da ist man aber auch abgebrühter. Ich wechselte also in „Ich lass mich hier doch nicht veralbern“, lächelte die Frau an und sagte: „Gut, dann bestelle ich den Schuh jetzt online. Von hier aus. Draußen ist ja so schlechtes Wetter, und ich brauche den Schuh schnell.“ Die Stille danach hielt ich gut aus, ich war ja mit Bestellen via Smartphone beschäftigt, und irgendwann zog die Frau von dannen.

Das war an einem Mittwoch. Donnerstagabend bekam ich gegen 20 Uhr eine Mail: Leider sei ich nicht zu Hause, der Schuh deshalb mit dem Paketservice wieder abgereist. Ich war die ganze Zeit zu Hause, aber gut, das kennt man ja auch.

Am Samstag dann klingelte mittags ein Paketbote, drückte mir eine große Versandtasche in die Hand, ich öffnete sie, mich bereits wundernd ob des spürbar fehlenden Schuhkartons – und dann packte ich erstaunt dies aus:

Eine pinke Decke, wie man sieht. (Wie man hier nicht sieht: eine fleckige pinke Decke.) Nun war ich gerade auf dem Sprung zu einer Verabredung im Freien und hätte die Schuhe SUPER gebrauchen können. Nicht aber eine etwas ekelhafte Decke. Der Streifen, mit dem man die Pakettasche bei Unzufriedenheit und Rücksendungs-Aktion wieder zukleben kann, war schon vom Schutzpapier befreit. Jemand hatte sich wohl während der Versandweg-Kette in die Schuhe verliebt und trägt sie jetzt.

Ich rief den Online-Bestell-Dienst an. Dort war man sehr, sehr nett zu mir. Geld wurde sofort storniert, Gutschein wurde geschickt, es wurde sich entschuldigt. Service halt. So wie man ihn kennt. Wenn man zum Beispiel nicht in Berlin lebt.

Stunden später kam ich von meinem schönen Ausflug zurück, erholt und gutgelaunt, und bereit für den dritten Versuch. Ich suchte die Schuhe erneut – inzwischen um 30 Euro reduziert. Dann haute ich Sparfuchs noch den Gutschein drauf – tja. Ich will nicht sagen, dass ich jetzt noch Geld rauskriege für meinen Kauf, aber ich hab ein Schnäppchen gemacht, so weit würde ich schon gehen. Karma, Baby!

(A propos gehen: Jetzt müssen sie nur noch ankommen, die Schuhe. Ich bleibe optimistisch!)


Trump ist wieder da – Was bedeutet das?

Donald Trump ist wieder da, zumindest theoretisch. Elon Musk hat auf Twitter abstimmen lassen, und knapp 52% der über 15 Millionen Teilnehmer der Umfrage, wie auf Musks Twitter-Account nachzulesen ist, wünschen sich den ehemaligen Präsidenten zurück.

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Twitter hatte Trump gesperrt, nachdem er zum Sturm aufs Kapitol aufgerufen hatte – und die Jahre zuvor schon als auffällig aufgefallen war.

A propos auffällig: Interessant sind besonders zwei problematische Aspekte an Musks Umfrage. Erstens: Musk hatte Ende Oktober angekündigt, ein Gremium bei Twitter zu installieren, ohne das derlei Entscheidungen nicht getroffen werden sollten.

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Dieses Gremium konnte nun schwerlich an dieser Entscheidung mitwirken – es existiert nämlich nicht. Jetzt ist Ende Oktober noch keine Ewigkeit her. Das könnte man als Begründung dafür geltend machen, dass dieses Gremium noch nicht zustande gekommen ist. Musk hatte ja viel damit zu tun, seltsame Entscheidungen zu treffen und wieder zu revidieren. Es steht aber auch schwer zu bezweifeln, dass Musk unter hohem Druck gestanden hätte, Trump nun zurückzuholen. Er hätte also einfach in Ruhe so ein Council einrichten und sich dann mit der Causa Trump beschäftigen können. Und eben das Council.

Zweiter problematischer Aspekt: Niemand kann genau sagen, wie repräsentativ diese Umfrage ist. Stichwort: Bots. Ausgerechnet deren angeblich hohe Zahl hatte Musk noch als Argument verwendet, um Twitter nicht kaufen zu müssen. (Wir erinnern uns: Musk ist ja sehr „quirlig“ und hatte erst gewollt, dann doch wieder nicht… Sie erkennen ein Muster, denke ich.) Dass diese Bots durchaus auch jetzt, bei der Trump-Heimkehr-Aktion, durchaus eine Rolle gespielt haben könnten, räumt Musk indirekt ein – bezieht das aber auf die Trump-Gegnerseite und prophezeit, für künftige Abstimmungen könnte den Troll-Armeen womöglich die Puste ausgehen. Ein bemerkenswert leichtfüßiger und ich möchte meinen, nicht ganz unparteiischer Umgang mit der Tatsache, nicht irgendwen, sondern ausgerechnet Trump nun entsperrt zu haben.

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Was bedeutet das nun konkret für Trumps Account?

Erstmal ist Trump „lediglich“ wieder auf Twitter. Bisher hat er dort noch nichts gepostet. Das liegt nicht daran, dass er nun ein anderer ist; bedächtig, abwägend. Trumps ungewohnte Zurückhaltung dürfte viel eher in einer Klausel begründet liegen, die ihn dazu verpflichtet, Statements immer zuerst auf „Truth Social“ zu posten. Das ist seine eigene Plattform, die er gründete, nachdem er bei Twitter und Facebook persona non grata geworden war. Die Tatsache, dass man das immer wieder noch erklären muss, zeigt den eher überschaubaren Erfolg von Truth Social – und die Macht von Twitter. Sechs Stunden müssen zwischen seinen Postings dort und auf anderen Plattformen liegen – es sei denn, er reagiert auf politische Botschaften, Spendensammlungen oder Initiativen zur Wählerwerbung, berichtet die New York Times weiter.

Was bedeutet das für Trumps Wahlkampf?

Egal, ob Trump sich nun an diese Vereinbarung hält oder einen Weg findet, sie zu umgehen – oder sie auch einfach so bricht, ohne einen Weg gefunden oder auch nur gesucht zu haben: Twitter war ein ganz entscheidender Faktor in Trumps Kommunikationsstrategie während seiner Zeit im Weißen Haus, und er kann ihn nun, da er seine erneute Kandidatur angekündigt hat, wieder nutzen. Das dürfte noch immens wichtiger werden, als es zu seinen Hochzeiten war: Die kritischen Stimmen aus den Reihen der Republikaner werden lauter, nachdem sie und speziell Trumps Wunschkandidaten bei den Midterms ja nicht ganz so erfolgreich abgeschnitten haben wie erhofft, woraufhin selbst Rupert Murdochs Medien inzwischen höhnisch über Trump berichten.

Abziehen muss man allerdings von der potenziellen Kraft dieses Powerboosts, dass selbst Musks Wahlempfehlung kurz vor den Midterms zugunsten der Repubilkaner denen nicht den gewünschten Erfolg beschert haben.

Was bedeutet das für uns?

Dass wir einen neuen Beleg dafür haben, dass man nichts auf das geben kann, was Elon Musk erzählt. Schön ist das nicht, aber auch unschöne Gewissheiten sind immerhin Gewissheiten. Eine Handlungsempfehlung kann Dr. Dr. Diekmann daraus leider immer noch nicht ableiten.

Gibt es eine Pointe?

Gibt es. Aber keine schöne. Joe Biden wird heute 80. Ironie der Geschichte.

Twitter – was machen wir denn jetzt?!

Es wird nicht mehr lange dauern, würde ich schätzen, bis wir uns nicht mehr ganz so intensiv mit Twitter und Musk beschäftigen. Das ist nicht als „Hören Sie genau hin, hier schreibt die allwissende Orakel-Tante aus Berlin“-Prognose gemeint. Sondern speist sich lediglich aus langjähriger Erfahrung mit Nachrichten. Irgendwann wenden wir uns anderen Dingen zu, Stichwort Aufmerksamkeitsspanne.

Im Moment aber vergeht kein Tag ohne Nachfragen. Ob ich mich privat unterhalte oder im Büro, ob ich interviewt werde oder mit jungen Journalisten diskutiere – immer geht es auch um Twitter. Wie sollen wir uns jetzt verhalten, (wie) geht es weiter?

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Allweissenheit geschweige denn Genialität habe ich sie und meine Antworten darauf mal zusammengetragen.

  1. Warum haben Sie Twitter noch nicht verlassen?

    Erstens kann ich es als Journalistin nicht, weil ich wichtige Infos hier finde, unter anderem von Accounts aus dem Politikbetrieb. Politker, Parteien, Institutionen, andere Redaktionen und Journalisten – der große Run auf Mastodon hat da nicht eingesetzt. Der Ton ist nicht netter geworden, aber ich kann ja auch nicht sagen: „Im Büro ist die Atmosphäre schlecht, geh ich also ab jetzt jeden Tag ins Café.“ (Das ist ein ausgedachtes Beispiel, the Kollegen are alright.)

    Zweitens sind auch noch viele derjenigen, die ich als „Nicole Diekmann, privat hier“ lustig / interessant / nett finde, da. Es haben sich, ich muss das leider so sagen, noch nicht allzu große Lücken aufgetan.
  2. Aber bestätigen wir Elon Musk nicht in seinem Kurs, wenn wir weiter bei Twitter bleiben?

    Nein. „Elon Musk“, „GoodbyeTwitter“ oder „Ende von Twitter“ – seit drei Wochen führen solche Topics die Trends bei – na? Genau: Twitter an. Dort wird wahnsinnig viel über Twitter und seinen neuen Herrscher geschrieben. Das ist auf der Meta-Ebene langweilig, weil irre selbstreferenziell. Allerdings verstehe ich die Belustigung mancher nicht, die darauf hinweisen, wie paradox es sein soll, auf Twitter über Twitter zu meckern. Ich wüsste gerne, wo denn sonst? Ich glaube nicht, dass Musk auf Mastodon mitliest. Bei Twitter weiß ich, er tut es. Nun bin ich nicht Stephen King; mit mir wird Musk nicht um einen angemessenen Preis für das blaue Häkchen feilschen. Aber es ist ja auch die Masse, die es macht. Je mehr dort kritisiert wird, desto mehr Aufmeksamket erregt das Thema. Auch bei Werbetreibenden, die noch da sind und Druck aufbauen können, indem sie ankündigen, es bald nicht mehr zu sein.
  3. Würden Sie für den blauen Haken zahlen?

    Nein. Was wäre mein Vorteil? Dass ich gleichberechtigt bin mit irgendwelchen Accounts, die einfach nur deshalb auch einen haben, weil sie Geld dafür bezahlen? Und die vielleicht Schlechtes im Schilde führen? Warum soll ich ein System unterstützen, das es mir genau so wie anderen nicht mehr ermöglicht, zunächst mal sehr schnell vertrauenswürdige oder aber zumindest relevante Accounts von anderen zu unterscheiden? Was nicht heißen soll, dass die allermeisten Accounts ohne Häkchen nicht vertrauenswürdig oder aber irrelevant sind. Da muss man dann aber eben etwas genauer hinschauen. Die vergangene Woche hat sehr gut gezeigt, worum es geht und wie es laufen kann, wenn alles durcheinander geht. (Sie hat aber auch gezeigt, dass natürlich auch jeder verifizierte Haken-Inhaber sich verrennen kann. Wer daraus jetzt aber eine allgemeingültige Regel ableiten will, will in der Regel nicht differenziert diskutieren.)

    Ein weiterer Grund, keine 8 oder 20 oder von mir aus auch 0.99$ zu bezahlen: Dadurch würde ich Musk unterstützen.
  4. Ist Mastodon eine Alternative zu Twitter?

    Derzeit nicht. Die Nutzerfreundllichkeit, die Behäbigkeit, das Fehlern von Multiplikatoren, die Zweifel an der Belastbarkeit der Server, ein Fehlen von transparenten Kritierien, wann jemand dort mitmachen kann und wann nicht; valide Schwierigkeiten mit dem Datenschutz… Stand jetzt (!) verhält sich Mastodon zu Twitter wie ein Game Boy wie zu einer Switch.
  5. Sollte man trotzdem zu Mastodon gehen?

    Ja. Der Ton dort ist sehr, sehr viel freundlicher als bei Twitter, und ich registriere an mir ein Aufatmen, obald ich die App öffne. Ich habe sie nur auf dem Tablet, nicht auf dem Smartphone, und das Tablet lasse ich tagsüber zu Haue. (Auf dem Desktop öffnen geht leider nicht, weil ich mein Passwort anscheinend direkt nach Festlegung wieder vergessen habe. Inzwischen habe ich vier Mal versucht, mir per Mail den Passwort ändern-Link schicken zu lassen. Es gab alle vier Male keine Mail (ich kenne den Spam-Ordner, danke), und jetzt hab ich keine Lust mehr. Dann ist das jetzt eben so. Soviel aber zur Nutzerfreundlichkeit.) Um aus der gar nicht Not eine Tugend zu machen, lösche ich Twitter vom Tablet. Lege abends das Handy zur Seite und beschäftige mich nur noch mit den netten Seiten von Social Media. Bestimmt förderlich beim friedlich Einschlafen.
  6. Könnte Twitter auch zerbrechen? Und was passiert dann?

    Klar. Nichts hält ewig, hat meine Oma Therese immer gesagt. Elon Musk ist „quirlig“ (das ist mein Lieblingseuphemismus, hab ich entschieden, nachdem ich das kürzlich in der NZZ gelesen habe), aber er ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht brennend daran interessiert, zu verarmen. Oder auch nur auf ewig Kapitän eines sinkenden Dampfers zu bleiben. Er wird wohl kaum all seine Tesla-Aktien verkaufen, nur um Twitter am Leben zu erhalten. Vor allem nicht, sollten sich noch mehr Firmen zurückziehen und User aufhören, dort viel zu veröffentlichen.
    Sollte das passieren – dann kommt was Neues. Oder etwas schon Bestehendes wird gepimpt.

Der kurzsichtige Mr. Zuckerberg

„Kannst du dir das vorstellen: Die haben Eva bei Meta rausgeschmissen.“ Meine Bekannte Berit steht fassungslos vor mir. Ich kann’s verstehen und mir nur ansatzweise vorstellen, wie fassungslos Eva erst sein muss. Die hat nämlich vor gerade mal acht Wochen Berlin mit Sack und Pack verlassen, um in London bei Meta anzufangen. Im September. Aus ihrem alten Job abgeworben von einem Headhunter. Da dachte Mark Zuckerberg wohl noch, es würde laufen.

Tut‘s aber nicht. Zuckerbergs Traum vom Metaverse ist womöglich ein realistischer; seine Aktionäre sehen das aber anders. Also kündigte Zuckerberg vorvergangene Woche etwa 11.000 der rund 80.000 Mitarbeiter, immerhin rund 13 Prozent der Belegschaft. Eine von ihnen war Eva.

Das ist momentan keine Meta-Besonderheit. Auch die anderen Tech-Riesen feuern Leute. Der Social-Media-Boom während der Corona-Lockdowns ist vorbei; wir können einander wieder in echt treffen statt auf den Plattformen. Hinzu kommen eine galoppierende Inflation und drohende Rezession, die Werbekunden zurückhaltender macht.

Hinzu kommen individuelle Probleme. Bei Twitter ist es Elon Musk. Bei Facebook bahnte sich der Niedergang bereits seit Längerem an. Im ersten Quartal dieses Jahres sanken zum ersten Mal in der Firmengeschichte die Nutzerzahlen, im zweiten dann auch noch der Umsatz. Und wie reagierte Facebook? Mit einem Wort: beschämend. Ob man womöglich nicht mehr ganz so entschieden gegen Fake News vorgehen wolle, wurde da mal angedacht. Fake News schaffen Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit lässt und länger auf den Seiten verweilen, wir lassen mehr Daten da, Unternehmen können ihre Werbung umso besser auf uns zuschneiden, die Social Media-Plattformen entsprechende Preise für diese Werbeflächen verlangen. Ding, Ding, Ding, Ding, Ding – da klingelt die Kasse!

Dieser Mechanismus greift nun wieder: Vergangenes Jahr noch verbannte Facebook Donald Trump. Das war nach dem Sturm aufs Kapitol. Tja, und was lesen wir nun? Facebooks Faktenchecker dürfen Trumps Aussagen nicht mehr checken, berichtet CNN. Posten kann er dort weiterhin nichts (warten wir mal ab, wie lange noch), aber auch seine außerhalb von Facebook getätigten Aussagen sind tabu. Und das ausgerechnet bei einem notorischen Lügner, dem US-Medien zigtausend Falschaussagen während seiner Amtszeit als US-Präsident nachgewiesen haben.

Ja, Facebook checkt generell keine Politikeraussagen auf ihren Wahrheitsgehalt. Das ist problematisch genug. Nur: Trump ist kein Politiker wie jeder andere. Dass man sich bei Facebook nun, da Trump seine erneute Kandidatur angekündigt hat, nicht auch so entschieden hat, weil es Geld bringt – das glauben wohl nur Leute, die auch das Märchen von der gestohlenen Wahl glauben.

Es ist ein durchsichtiger und ein kurzsichtiger Schritt, den Meta da tut. Ebenso kurzsichtig, wie es die Anstellung von Eva und anderen Leuten in der jüngeren Vergangenheit war. Nur: Menschen kann man rausschmeißen. Hass und Lügen aber verbreiten sich. Und lassen sich, einmal in der Welt, nur schwer wieder einfangen.

Liebe am Abend und in harten Zeiten.

Heute erreichte mich ein Newsletter mit dem Betreff „Shit in, shit out“. Soll sagen: Wir sollten uns mit Positivem beschäftigen, denn dann sind wir auch positiv gestimmt und tragen das in die Welt hinein. (Nein, kein Eso-Klangschalen-Newsletter, sondern einer für Finanzen.)

Nun sind die sozialen Medien dafür nur in eingeschränktem Maße geeignet. Ich schreibe regelmäßig darüber und thematisiere das auch regelmäßig, nennen Sie mich ruhig unlogisch, in den sozialen Medien.

Vorvergangene Woche unterrichtete ich Journalistenschüler einen Tag lang und erklärte ihnen Twitter. Jetzt nicht so sehr die technischen Finessen. Gibt ja erstens keine, und zweitens sind das junge Leute. Vielmehr ging es um Positionierung, um Vermarktung journalistischer Produkte – und, natürlich, um Shitstorms.

Aus privaten Gründen konnte ich nicht nach München, wo diese crazy jungen Leute gerade ausgebildet werden, sondern kam meiner Lehrtätigkeit (ich bin ein bisschen stolz, so muss ich das also betonen) digital nach. Und hatte mir den Ablauf minutiös in eine Excel-Tabelle geschrieben und eine Präsentation erstellt. Deshalb kann ich auch felsenfest belegbar sagen: Ich hätte das Thema Shitstorms erst in der zweiten Hälfte des Schultages aufgemacht und zweitens nicht zu dick.

Es kam anders, diese jungen Leute fragten erfreulich viel, und wir behandelten diesen Aspekt unseres Social Media-Daseins bereits früh und dann, so wollte es die Dynamik, sehr ausführlich.

Irgendwann meldete sich eine Teilnehmerin und fragte, warum sie denn überhaupt Twitter benutzen sollten. Ob da auch was Gutes passieren würde.

Das tat mir Leid und gut – denn dadurch konnte ich tun, was ich gern tue: Von Twitter und all den anderen schwärmen. Ein Buch zu schreiben ist, glauben Sie mir, nicht glamourös, es ist nicht mal schön. Es ist Arbeit, und irgendwann, wenn der Lektor wieder anderer Meinung ist, hat man auf die Scheiße Aufgabe keine List mehr. Würde ich also Social Media nicht aus tiefster Überzeugung und ganzem Herzen liegen, hätte ich mir die ganze Scheiße Arbeit nicht angetan.

Gestern war wieder so ein Moment. Ich habe eine neue Esszimmerlampe gekauft. Und erst nachgedacht, als sie hier ankam. Einige nicht ganz unkomplizierte Dinge müssen getan werden, damit sie hier hängen kann. Und sie muss hier hängen, denn ich finde sie schön. Sonst hätte ich sie nicht gekauft. So, da sehen Sie’s: Ich bin logisch. Entschuldigen Sie sich gerne später, ich erzähl erstmal zu Ende.

Ich kürze das aber ab, es ist nicht so spannend. Sollten Sie jedoch einen Lampenfetisch haben oder einen für kniffelige elektronische Fragen, können Sie alles hier nachlesen.

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Und Sie können 28 Antworten lesen. Da sind sehr nette Tipps dabei. Links zu Produkten. Fotos, wie man es lösen könnte. Das finde ich großartig. Ganz, ganz toll finde ich das.

Der wahrscheinlich altruistischste Ratschlag, den ich bekommen habe: Fachmann ranlassen. Mit Elektrik ist nicht zu spaßen. Das stimmt. So wird’s jetzt gemacht. Ich liebe Social Media!