Twitter – was machen wir denn jetzt?!

Es wird nicht mehr lange dauern, würde ich schätzen, bis wir uns nicht mehr ganz so intensiv mit Twitter und Musk beschäftigen. Das ist nicht als „Hören Sie genau hin, hier schreibt die allwissende Orakel-Tante aus Berlin“-Prognose gemeint. Sondern speist sich lediglich aus langjähriger Erfahrung mit Nachrichten. Irgendwann wenden wir uns anderen Dingen zu, Stichwort Aufmerksamkeitsspanne.

Im Moment aber vergeht kein Tag ohne Nachfragen. Ob ich mich privat unterhalte oder im Büro, ob ich interviewt werde oder mit jungen Journalisten diskutiere – immer geht es auch um Twitter. Wie sollen wir uns jetzt verhalten, (wie) geht es weiter?

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Allweissenheit geschweige denn Genialität habe ich sie und meine Antworten darauf mal zusammengetragen.

  1. Warum haben Sie Twitter noch nicht verlassen?

    Erstens kann ich es als Journalistin nicht, weil ich wichtige Infos hier finde, unter anderem von Accounts aus dem Politikbetrieb. Politker, Parteien, Institutionen, andere Redaktionen und Journalisten – der große Run auf Mastodon hat da nicht eingesetzt. Der Ton ist nicht netter geworden, aber ich kann ja auch nicht sagen: „Im Büro ist die Atmosphäre schlecht, geh ich also ab jetzt jeden Tag ins Café.“ (Das ist ein ausgedachtes Beispiel, the Kollegen are alright.)

    Zweitens sind auch noch viele derjenigen, die ich als „Nicole Diekmann, privat hier“ lustig / interessant / nett finde, da. Es haben sich, ich muss das leider so sagen, noch nicht allzu große Lücken aufgetan.
  2. Aber bestätigen wir Elon Musk nicht in seinem Kurs, wenn wir weiter bei Twitter bleiben?

    Nein. „Elon Musk“, „GoodbyeTwitter“ oder „Ende von Twitter“ – seit drei Wochen führen solche Topics die Trends bei – na? Genau: Twitter an. Dort wird wahnsinnig viel über Twitter und seinen neuen Herrscher geschrieben. Das ist auf der Meta-Ebene langweilig, weil irre selbstreferenziell. Allerdings verstehe ich die Belustigung mancher nicht, die darauf hinweisen, wie paradox es sein soll, auf Twitter über Twitter zu meckern. Ich wüsste gerne, wo denn sonst? Ich glaube nicht, dass Musk auf Mastodon mitliest. Bei Twitter weiß ich, er tut es. Nun bin ich nicht Stephen King; mit mir wird Musk nicht um einen angemessenen Preis für das blaue Häkchen feilschen. Aber es ist ja auch die Masse, die es macht. Je mehr dort kritisiert wird, desto mehr Aufmeksamket erregt das Thema. Auch bei Werbetreibenden, die noch da sind und Druck aufbauen können, indem sie ankündigen, es bald nicht mehr zu sein.
  3. Würden Sie für den blauen Haken zahlen?

    Nein. Was wäre mein Vorteil? Dass ich gleichberechtigt bin mit irgendwelchen Accounts, die einfach nur deshalb auch einen haben, weil sie Geld dafür bezahlen? Und die vielleicht Schlechtes im Schilde führen? Warum soll ich ein System unterstützen, das es mir genau so wie anderen nicht mehr ermöglicht, zunächst mal sehr schnell vertrauenswürdige oder aber zumindest relevante Accounts von anderen zu unterscheiden? Was nicht heißen soll, dass die allermeisten Accounts ohne Häkchen nicht vertrauenswürdig oder aber irrelevant sind. Da muss man dann aber eben etwas genauer hinschauen. Die vergangene Woche hat sehr gut gezeigt, worum es geht und wie es laufen kann, wenn alles durcheinander geht. (Sie hat aber auch gezeigt, dass natürlich auch jeder verifizierte Haken-Inhaber sich verrennen kann. Wer daraus jetzt aber eine allgemeingültige Regel ableiten will, will in der Regel nicht differenziert diskutieren.)

    Ein weiterer Grund, keine 8 oder 20 oder von mir aus auch 0.99$ zu bezahlen: Dadurch würde ich Musk unterstützen.
  4. Ist Mastodon eine Alternative zu Twitter?

    Derzeit nicht. Die Nutzerfreundllichkeit, die Behäbigkeit, das Fehlern von Multiplikatoren, die Zweifel an der Belastbarkeit der Server, ein Fehlen von transparenten Kritierien, wann jemand dort mitmachen kann und wann nicht; valide Schwierigkeiten mit dem Datenschutz… Stand jetzt (!) verhält sich Mastodon zu Twitter wie ein Game Boy wie zu einer Switch.
  5. Sollte man trotzdem zu Mastodon gehen?

    Ja. Der Ton dort ist sehr, sehr viel freundlicher als bei Twitter, und ich registriere an mir ein Aufatmen, obald ich die App öffne. Ich habe sie nur auf dem Tablet, nicht auf dem Smartphone, und das Tablet lasse ich tagsüber zu Haue. (Auf dem Desktop öffnen geht leider nicht, weil ich mein Passwort anscheinend direkt nach Festlegung wieder vergessen habe. Inzwischen habe ich vier Mal versucht, mir per Mail den Passwort ändern-Link schicken zu lassen. Es gab alle vier Male keine Mail (ich kenne den Spam-Ordner, danke), und jetzt hab ich keine Lust mehr. Dann ist das jetzt eben so. Soviel aber zur Nutzerfreundlichkeit.) Um aus der gar nicht Not eine Tugend zu machen, lösche ich Twitter vom Tablet. Lege abends das Handy zur Seite und beschäftige mich nur noch mit den netten Seiten von Social Media. Bestimmt förderlich beim friedlich Einschlafen.
  6. Könnte Twitter auch zerbrechen? Und was passiert dann?

    Klar. Nichts hält ewig, hat meine Oma Therese immer gesagt. Elon Musk ist „quirlig“ (das ist mein Lieblingseuphemismus, hab ich entschieden, nachdem ich das kürzlich in der NZZ gelesen habe), aber er ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht brennend daran interessiert, zu verarmen. Oder auch nur auf ewig Kapitän eines sinkenden Dampfers zu bleiben. Er wird wohl kaum all seine Tesla-Aktien verkaufen, nur um Twitter am Leben zu erhalten. Vor allem nicht, sollten sich noch mehr Firmen zurückziehen und User aufhören, dort viel zu veröffentlichen.
    Sollte das passieren – dann kommt was Neues. Oder etwas schon Bestehendes wird gepimpt.

Der kurzsichtige Mr. Zuckerberg

„Kannst du dir das vorstellen: Die haben Eva bei Meta rausgeschmissen.“ Meine Bekannte Berit steht fassungslos vor mir. Ich kann’s verstehen und mir nur ansatzweise vorstellen, wie fassungslos Eva erst sein muss. Die hat nämlich vor gerade mal acht Wochen Berlin mit Sack und Pack verlassen, um in London bei Meta anzufangen. Im September. Aus ihrem alten Job abgeworben von einem Headhunter. Da dachte Mark Zuckerberg wohl noch, es würde laufen.

Tut‘s aber nicht. Zuckerbergs Traum vom Metaverse ist womöglich ein realistischer; seine Aktionäre sehen das aber anders. Also kündigte Zuckerberg vorvergangene Woche etwa 11.000 der rund 80.000 Mitarbeiter, immerhin rund 13 Prozent der Belegschaft. Eine von ihnen war Eva.

Das ist momentan keine Meta-Besonderheit. Auch die anderen Tech-Riesen feuern Leute. Der Social-Media-Boom während der Corona-Lockdowns ist vorbei; wir können einander wieder in echt treffen statt auf den Plattformen. Hinzu kommen eine galoppierende Inflation und drohende Rezession, die Werbekunden zurückhaltender macht.

Hinzu kommen individuelle Probleme. Bei Twitter ist es Elon Musk. Bei Facebook bahnte sich der Niedergang bereits seit Längerem an. Im ersten Quartal dieses Jahres sanken zum ersten Mal in der Firmengeschichte die Nutzerzahlen, im zweiten dann auch noch der Umsatz. Und wie reagierte Facebook? Mit einem Wort: beschämend. Ob man womöglich nicht mehr ganz so entschieden gegen Fake News vorgehen wolle, wurde da mal angedacht. Fake News schaffen Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit lässt und länger auf den Seiten verweilen, wir lassen mehr Daten da, Unternehmen können ihre Werbung umso besser auf uns zuschneiden, die Social Media-Plattformen entsprechende Preise für diese Werbeflächen verlangen. Ding, Ding, Ding, Ding, Ding – da klingelt die Kasse!

Dieser Mechanismus greift nun wieder: Vergangenes Jahr noch verbannte Facebook Donald Trump. Das war nach dem Sturm aufs Kapitol. Tja, und was lesen wir nun? Facebooks Faktenchecker dürfen Trumps Aussagen nicht mehr checken, berichtet CNN. Posten kann er dort weiterhin nichts (warten wir mal ab, wie lange noch), aber auch seine außerhalb von Facebook getätigten Aussagen sind tabu. Und das ausgerechnet bei einem notorischen Lügner, dem US-Medien zigtausend Falschaussagen während seiner Amtszeit als US-Präsident nachgewiesen haben.

Ja, Facebook checkt generell keine Politikeraussagen auf ihren Wahrheitsgehalt. Das ist problematisch genug. Nur: Trump ist kein Politiker wie jeder andere. Dass man sich bei Facebook nun, da Trump seine erneute Kandidatur angekündigt hat, nicht auch so entschieden hat, weil es Geld bringt – das glauben wohl nur Leute, die auch das Märchen von der gestohlenen Wahl glauben.

Es ist ein durchsichtiger und ein kurzsichtiger Schritt, den Meta da tut. Ebenso kurzsichtig, wie es die Anstellung von Eva und anderen Leuten in der jüngeren Vergangenheit war. Nur: Menschen kann man rausschmeißen. Hass und Lügen aber verbreiten sich. Und lassen sich, einmal in der Welt, nur schwer wieder einfangen.

Liebe am Abend und in harten Zeiten.

Heute erreichte mich ein Newsletter mit dem Betreff „Shit in, shit out“. Soll sagen: Wir sollten uns mit Positivem beschäftigen, denn dann sind wir auch positiv gestimmt und tragen das in die Welt hinein. (Nein, kein Eso-Klangschalen-Newsletter, sondern einer für Finanzen.)

Nun sind die sozialen Medien dafür nur in eingeschränktem Maße geeignet. Ich schreibe regelmäßig darüber und thematisiere das auch regelmäßig, nennen Sie mich ruhig unlogisch, in den sozialen Medien.

Vorvergangene Woche unterrichtete ich Journalistenschüler einen Tag lang und erklärte ihnen Twitter. Jetzt nicht so sehr die technischen Finessen. Gibt ja erstens keine, und zweitens sind das junge Leute. Vielmehr ging es um Positionierung, um Vermarktung journalistischer Produkte – und, natürlich, um Shitstorms.

Aus privaten Gründen konnte ich nicht nach München, wo diese crazy jungen Leute gerade ausgebildet werden, sondern kam meiner Lehrtätigkeit (ich bin ein bisschen stolz, so muss ich das also betonen) digital nach. Und hatte mir den Ablauf minutiös in eine Excel-Tabelle geschrieben und eine Präsentation erstellt. Deshalb kann ich auch felsenfest belegbar sagen: Ich hätte das Thema Shitstorms erst in der zweiten Hälfte des Schultages aufgemacht und zweitens nicht zu dick.

Es kam anders, diese jungen Leute fragten erfreulich viel, und wir behandelten diesen Aspekt unseres Social Media-Daseins bereits früh und dann, so wollte es die Dynamik, sehr ausführlich.

Irgendwann meldete sich eine Teilnehmerin und fragte, warum sie denn überhaupt Twitter benutzen sollten. Ob da auch was Gutes passieren würde.

Das tat mir Leid und gut – denn dadurch konnte ich tun, was ich gern tue: Von Twitter und all den anderen schwärmen. Ein Buch zu schreiben ist, glauben Sie mir, nicht glamourös, es ist nicht mal schön. Es ist Arbeit, und irgendwann, wenn der Lektor wieder anderer Meinung ist, hat man auf die Scheiße Aufgabe keine List mehr. Würde ich also Social Media nicht aus tiefster Überzeugung und ganzem Herzen liegen, hätte ich mir die ganze Scheiße Arbeit nicht angetan.

Gestern war wieder so ein Moment. Ich habe eine neue Esszimmerlampe gekauft. Und erst nachgedacht, als sie hier ankam. Einige nicht ganz unkomplizierte Dinge müssen getan werden, damit sie hier hängen kann. Und sie muss hier hängen, denn ich finde sie schön. Sonst hätte ich sie nicht gekauft. So, da sehen Sie’s: Ich bin logisch. Entschuldigen Sie sich gerne später, ich erzähl erstmal zu Ende.

Ich kürze das aber ab, es ist nicht so spannend. Sollten Sie jedoch einen Lampenfetisch haben oder einen für kniffelige elektronische Fragen, können Sie alles hier nachlesen.

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Und Sie können 28 Antworten lesen. Da sind sehr nette Tipps dabei. Links zu Produkten. Fotos, wie man es lösen könnte. Das finde ich großartig. Ganz, ganz toll finde ich das.

Der wahrscheinlich altruistischste Ratschlag, den ich bekommen habe: Fachmann ranlassen. Mit Elektrik ist nicht zu spaßen. Das stimmt. So wird’s jetzt gemacht. Ich liebe Social Media!

Über Meinungsfreiheit, über Elon Musk

So schnell kann das gehen bei Twitter: Widersprichste dem neuen Chef, kannste gehen. Schauen Sie selbst:

(Ich habe hier ein Foto gepostet, weil es so übersichtlicher ist, als hätte ich den entsprechenden Tweet verlinkt. Da ist WordPress nicht so gut. Kann auch an mir liegen. Aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig.)

Zunächst mal dies: Stilistisch bin ich ganz bei User Pokemoniku. Man kann seinem Chef anders erklären, dass er seinen Millionen Followern gerade Stuss erzählt. Man sollte das anders erklären. Kritik in Unternehmen ist wichtig, aber natürlich verhält man sich loyal und klärt sowas intern.

Nur: Hier ist ja die Rede von, die Anrede an Elon Musk, und der ist bekanntlich der Welt allergrößter Freund der komplett freien Rede und Meinungsfreiheit. Ein Gut, das gern in Frage gestellt wird von Freunden des ungehemmten Hasses. Misst man Musk also an seinen eigenen Maßstäben, ist das jetzt keine so gute Idee, wenn der Welt größter Meinungs-Freiheitskämpfer so reagiert.

Oder, um es IRONISCH (nicht, dass jetzt wieder halb Deutschland die Zuschauerredaktion anruft!) zu formulieren mit all der Social Media-Erfahrung auf dem verhornten Nervenkostüm zu formulieren: Ist doch gar nix passiert, er hat Musk ja nicht mal beleidigt! (Nochmal zur Sicherheit: So sollten wir nicht argumentieren, ICH MACHE NUR SPASS!)

Also, ernsthaft zurück zu diesem Meinungsfreiheitsding. Achten Sie mal drauf, wer behauptet, wir hätten keine mehr. Das sind, nun kommt eine subjektive Beobachtung, meist Leute, die gerne Dinge behaupten. Die gerne mit Ausrufungszeichen arbeiten. Die also allein schon sprachlich versuchen, Widerspruch möglichst zu verhindern. Weil sie ihn nicht mögen.

So weit, so menschlich. Nur: Er lässt sich ja nicht vermeiden. Nicht in einer, und nun kommt‘s: Demokratie mit angeschlossener Meinungsfreiheit. Das ist halt das Blöde, und wenn eben dieser Widerspruch dann kommt, der auf Meinungsfreiheit basiert, dann ist der Trick, eben diese Meinungsfreiheit infrage zu stellen. Den Tod der Meinungsfreiheit einfach mal behaupten als Totschlagargument. Sonst hätte man sich ja vorher Argumente überlegen müssen. oder wäre das eigene Geschäftsmodell kaputt.

Schlau? Nee, aber wenn ganz Viele das versuchen, gibt es ja wie immer ein paar, die anfangen, zu zweifeln. Und ein paar, die dann lieber weniger sagen. Die sich selbst zensieren. Die sich in der Äußerung ihrer Meinung beschränken. Bedenklicher Kreislauf.

Um hier versöhnlich zu enden: Für den Twitter-Mitarbeiter besteht noch Hoffnung. Schließlich war es ja Elon Musk, dieser „quirlige“ Elon Musk, wie die NZZ es irritierenderweise formuliert, von dem er gefeuert wurde. Kann also sein, dass er schon ganz bald wieder eingestellt wird. Falls er das überhaupt möchte.

Sensation! – oder: Das unhässliche Gesicht von Twitter

Guten Abend. Schön, dass Sie hier sind!

Heute erzähle ich Ihnen eine wahre Geschichte – so absonderlich sie auch klingt. Denn sie handelt von etwas Gutem, Wohltätigem gar, etwas Selbstlosem. Und ihr Ausgangspunkt war, es wird immer absonderlicher, das ja schon immer und besonders momentan vielgescholtene Twitter.

Es begab sich, dass mein Wlan ausfiel. Das ist schon mal immer schlecht, wir haben 2022, und noch schlechter ist das, wenn zum Beispiel alle, ich wiederhole, alle Audiogeräte in einem Haushalt ausschließlich über Wlan angesteuert werden können. Also angesteurt werden müssen. Jahrelang hat mir jemand sukzessive ein tolles Soundsytem geschenkt, das ich nach und nach über die Zimmer verteilt habe. So kann ich morgens zum Beispiel vom Bad übers Schlafzimmer bis in die Küche duschend, mich ankleidend und Kaffee trinkend weiterziehen (und auch mal zurück, wenn ich etwas vergessen habe), und fortwährend ununterbrochen meinen geliebten Deutschlandfunk hören.

Etwa eine Woche vor dem Wlan-Ausfall brachte ich beide noch im Keller befindlichen Stereoanlagen zum Sperrmüll, oder, wie das hier in Berlin heißt: zum Wertstoffhof. Eine hatte mir gehört, die andere meinem Bruder. Der mich seinerzeit ausgelacht hatte, als ich sie mitnahm. Ich sagte: „Wer weiß, wann man sie mal gebrauchen kann!“ Als ich sie dann brauchte… Natürlich.

Auch Fernsehen gibt es hier nur noch über Wlan. Ich streame auf das große Gerät. Und, auch nicht ganz unwichtig: Das Wlan reicht nicht durch die dicken Wände bis in mein Arbeitszimmer.

Sie sehen: Ich bin Angela Merkel während ihrer Kanzlerinnenschaft, nur leider ohne Macht, und das Wlan ist russisches Gas. Ich habe unkluge Entscheidungen getroffen und mich abhängig gemacht.

Nun ist Wlan aber nicht so wichtig wie Strom, also wurde ich erst nach sechs Wochen tätig. Da hatte ich keine Lust mehr auf Handy-Geschrebbel und rief meinen Anbieter an. Sehr schnell kam ein neues Gerät. Das tat’s auch nicht, also kam auch ganz schnell ein Techniker. Gerät ging wieder. Nicht aber der Repeater, den ich brauche, um in der ganzen Wohnung Wlan zu haben. Anders als in den vergangenen, glücklichen Wlan-Jahren verband er sich nicht mehr mit dem Router.

Ich kürze das ab, denn warum sollen Sie so schwer leiden wie ich. Erst recherchierte ich. Intensiv. Ich kann das ein bisschen, ich bin ja Journalistin. Ich versuchte. Und scheiterte. Ich versuchte anderes. Und scheiterte wieder. Ich versuchte noch mal. Scheiterte wieder. Ich war fast gebrochen und rief die Hotline des Repeaterherstellers an. Ich schilderte alles bisher Versuchte, wurde vom per default eher genervten Mitarbeiter unterbrochen, bekam anschließend eine Mail, von der ich inzwischen weiß, dass sie in Fachkreisen mit „RTFM“ abgekürzt wird: „Read the fucking Manual“. Das hatte ich schon getan, aber das war dem eher desinteressierten Hotliner egal.

Ich rief die Hotline meines Wlan-Anbieters an. (Ich weiß, auch das habe ich gelernt: Am besten sind alle Geräte vom selben Hersteller und Anbieter. Weil die dann besser ineinandergreifen. Es leuchtet mir ein. Aber: Ich wollte nach dieser Episode gerne jemanden angreifen, und zwar beide Hersteller, deswegen wird hier nichts Neues angeschafft, weder vom einen noch vom anderen. Sollte ich noch einmal so auflaufen, wechsle ich zur Telepost.)

Mitarbeiter Nummer eins redete mit mir, als hätte er die Beine auf dem Tisch liegen. Ich hätte den Repeater sieben (!) Jahre lang völlig falsch mit dem Router verbunden und jedes Mal einfach Glück gehabt, dass es trotzdem ging. Repeater in der Nähe des Routers in eine Steckdose stecken, Taste drücken, aufs Blinken warten, dann Taste am Router drücken – das machen, so habe ich den Herrn zumindest verstanden, nur Affen. Sehr dumme Affen. Analog-Affen. Sehr dumme Analog-Affen. Viel mehr Hilfreiches konnte er mir aber nicht mit auf meinen weiteren Lebensweg geben, denn unsere Verbindung wurde abrupt durch eine Bandansage unterbrochen. Ironischerweise wurde ich gefragt, wie zufrieden ich mit dem telefonischen Kundenservice sei. Auf einer Skala von eins bis Falling Down lag ich etwa bei „Man reiche mir eine Axt“.

Ich wählte erneut die Hotline an. Mitarbeiter Nummer 2 war sehr freundlich, erklärte mir, dass jeder Mensch Router und Repeater exakt so verbindet, wie ich es lange zu tun gepflegt hatte, weil es so ja auch im fucking Manual angegeben wird. Dass sein Vorgänger plötzlich weg gewesen sei, erklärte er mit Irrtum. Natürlich würde niemand einfach auflegen, sie wollten uns Kunden ja schließlich helfen. Er zeigte mir einen Lösungsweg auf, für den die fucking Firma aber noch etwas Technisches veranlassen musste, eröffnete ein Ticket, wir verabschiedeten uns. Ich war nicht mehr wütend und fühlte mich nicht mehr hilflos.

Bis mich eine halbe Stunde später Mitarbeiter Nummer 3 anrief. Er habe das Ticket gesehen. Was denn Mitarbeiter 2 für einen Quatsch erzählt hätte. So ginge das nicht. Es könne nicht am Router liegen. Ich versuchte, zu erklären, wie es zur Idee gekommen war, wurde immer wieder unterbrochen, Fragen gefragt, die meinen Laien-Status komplett überstiegen, und belehrt. Ich wurde sehr, sehr ungehalten, erklärte ihm, dass ich allmählich exponenziell steigend uninteressiert an einer weiteren Vertragspartnerschaft mit diesem Unternehmen sei, erwähnte Mitarbeiter Nummer 1, der plötzlich weg gewesen war, und hörte von Mitarbeiter 3: „Ja, da hat der Kollege wohl aufgelegt, gute Frau. Weil wir Ihnen sowieso nicht helfen können.“ Wir legten dann auch auf, und ich tat etwas, das ich nur in seltenen Fällen tue: Ich weinte.

Und dann tat ich etwas, das ich sehr oft tue: Ich twitterte. Ich schilderte meinen Fall und meine Säuerness.

UND DANN PASSIERTE ES. Dann trat T. auf den Plan. Eine Followerin. Eine IT-lerin. Eine Heilige.

Sie könne mir helfen, schrieb sie mir. Ich war zunächst skeptisch, denn die vier Männer, mit denen ich zuvor mit eben diesem Anliegen gesprochen hatten, hatten mir nicht geholfen, sondern mich psychisch quasi ruiniert. Aber hatte ich eine Wahl? Hatte ich Wlan? Hatte ich Wlan? Ich ließ mich drauf ein.

Die folgenden Tage schickten wir Nachrichten hin und her. Ich versuchte Dinge nach ihrer Anweisung. Ich legte Passwörter neu fest. Ich schaltete Firewalls an und aus. Sie forschte und forschte und kam mit immer neuen Vorschlägen, die ich wie ferngesteuert einfach ausführte. Stunden, und ich meine wirklich Stunden, investierte diese unfassbar nette Frau. Ich gewährte ihr Remote-Zugriff auf meinen Rechner, sie zauberte wild herum – nichts half. Sie überlegte, meldete sich Tage später wieder mit einer neuen Idee, wir scheiterten wieder, sie dachte weiter nach. Einfach so. Unfassbar, oder?

Als ihr nichts mehr einfiel und ich auch schon mehrfach angeboten hatte, es sein zu lassen, erschöpft vom Leben, erschöpft von der Digitalisierung, schloss sie sich mit meinen Kundendaten ausgestattet, mit den Kundendiensten zusammen. Und verhandelte in meinem Namen mit ihnen. Ein neuer Repeater wurde geschickt. Ich brauchte ein paar Tage mentalen Anlauf, um einen neuen Versuch zu starten. Inzwischen hatte ich eine Wlan-Lethargie entwickelt und war bereit zum Kauf einer Stereoanlage. Oder eines Kurbelradios. Blackouts, Putin, da schließt sich ein Kreis, warum nicht?!

Nun. Ich schreibe Ihnen in meinem Arbeitszimmer. Der Versuch ist geglückt. Happy End. Und das dank Twitter! Es gibt sie noch, die guten Kurz-Nachrichten-Dienste. Und Menschen.

The end of the world as we know it?

Credits: Pixelkult auf Pixabay

Mark Zuckerberg kündigt gut 13% seiner Belegschaft. Was Elon Musk vom Zeitpunkt meines jetzt gerade in diesen Sekunden stattfindenden Tippens bis in zirka 30 Minuten, wenn ich den Text veröffentliche, getan hat oder nicht oder doch oder vielleicht anders oder trial and error oder „i just killed it“ – keine Ahnung und keine Energie, es nachzuverfolgen. Ich bin kein Ticker, und selbst als solcher wäre ich wahrscheinlich kurz vorm Nervenzusammenbruch.

Fakt aber ist: Bei Twitter geht es rund, und bei Meta läuft es auch anders, an der Börse zum Beispiel: Da ging es zuletzt bergab. In beiden Konzernen ändert sich was. Hier sei der Fairness halber angemerkt, dass die Entlassungen bei Meta deutlich, deutlich humaner ablaufen als bei Twitter.

Wo aber geht es hin? Eine Ära scheint zu enden, und wie sieht die neue aus?

Bei Meta zeigen sich mehrere Widersprüchlichkeiten. Heute ist die ARD/ZDF-Onlinestudie erschienen. Zeigt sich: Facebook ist immer noch das meistgenutzte Social Network in Deutschland. Gefolgt von Instagram – einer Tochter von Zuckerbergs Meta-Konzern, genau so wie Facebook.

Und doch entlässt Meta etwa 11.000 Mitarbeiter. Warum?

Zunächst einmal geht der Trend in der Tech-Branche allgemein dorthin. Musk hat rund 3.700 Leute rausgeschmissen – anders kann man das nicht formulieren. Snapchat spricht 1.300 Kündigungen aus. Der Guardian sieht einen Grund dafür in einem Corona-Backlash: Von Lockdown und Home Office hätten die Techriesen profitiert, denn wer zu Hause sein musste, glich den Mangel an echten sozialen Kontakten zum Beispiel durch die Nutzung sozialer Netzwerke aus.

Ein weiterer Grund: Die nächste Krise, die Corona ja längst überlagert. Die Werbekunden halten sich in Anbetracht teils zweistelliger Inflationsraten und drohender Rezession zurück. Das trift auf eine für Facebook, Meta und Zuckerberg schon vorher einsetzende Entwicklung: abwärts. Erstmals in der Facebook-Geschichte gingen im ersten Quartal dieses Jahres die Nutzerzahlen zurück. Im zweiten dann der Umsatz. Das kannte man in Palo Alto bis dahin auch noch nicht.

Ein Spezifikum bei Facebook: Es verliert an Bedeutung, nämlich bei den Jüngeren. Die nutzen lieber Instagram, Snapchat und TikTok. Was man nicht zuletzt an der TikTokisierung von Instagram sieht: Storys und so genannte Reels, die den TikTok-Video nachempfunden sind, werden dort gehypt. Ein typischer Zuckerberg-Move: Wenn du Konkurrenten schon nicht schlucken kannst, um sie aus dem Weg zu räumen, dann kopier sie halt. (Geronto-Einschub: Snapchat spielt in meinem Alltag überhaupt gar keine Rolle; TikTok nutze ich nur passiv, worüber wir alle froh und dankbar sein sollten.)

Außerdem setzt Mark Zuckerberg seit geraumer Zeit vor allem auf sein Metaverse; auf virtual reality, das er für die Zukunft hält. Ob das wirklich so kommt, keine Ahnung, er jedenfalls glaubt fest dran, und wer sind wir, dem social media-Pionier ein gewisses Gespür abzusprechen?

Die Gegenwart ist das Metaverse jedenfalls noch nicht. (Hoffentlich, ich glaube eher nicht dran, aber wer bin ich…. kümmern sich politisch Handelnde bereits jetzt, sollte Metaverse sich durchsetzen, um mögliche Kollisionen mit demokratischen Grundwerten und daraus folgende notwendige gesetzgeberische Flankierungen!) Deshalb finden Facebooks Aktionäre nur so halb witzig, – und Humor ist an der Börse eh keine Schlüsselkategorie – dass Zuckerberg Facebook schleifen lässt und Geld und Energie lieber in seine Vision pumpt. Verluste sind die Folge, und nun eben Entlassungen. Wie bei Twitter. Wo unter anderem Leute gehen mussten, die für die Bekämpfung von Hassrede zuständig waren.

Das lässt nichts Gutes erahnen. Meiner Ansicht nach war es kein Zufall, dass man bei Meta zeitgleich mit den plötzlich sinkenden Zahlen bei Nutzern und Umsatz plötzlich darüber nachdachte, sich doch wieder etwas lockerer zu machen im Umgang mit Fake News.

Eine Zeitenwende also? Und falls ja: Was folgt? Was folgt darauf und was folgt daraus? Wird es jetzt noch zügelloser? Global gesagt: schlimmer? Oder besser? Kommen neue soziale Netzwerke, boomen dezentrale Lösungen wie Mastodon? Nehmen womöglich gerade irgendwo Menschen, Institutionen gar, Geld in die Hand, das Wort „gesamtgesellschaftliche Verantwortung“ ernst, und bauen was Neues? Etwas, das uns verwöhnten Nutzern entgegenkommt? Die wir eine schnelle und sehr userfreundliche Infrastruktur bisher als gegeben erachtet haben und gewohnt sind und nicht missen wollen? Oder kommunizieren wir anders? Oder bleiben wir irgendwie doch mehr oder weniger alle bei Twitter, weil wir den Überblick über all die Schurken und Geflechte verloren haben, die wir beim Konsumieren beachten sollten?

Es gibt einen ziemlich nervigen und peinlichen Mechanismus in den sozialen Netzwerken und natürlich auch im real life: So zu tun, als hätte man auf alles eine Antwort. Nun weiß ich endlich, wozu der gut ist. Er verleiht mir eine gewisse Eleganz und Klugheit, wenn ich schreibe: Ich weiß es nicht.

Hallo U-Boote! Oder: Vielleicht tut Musk uns allen ja…

„Es ist nahezu unmöglich, den aktuellen Stand zusammenzufassen, ohne kurz darauf schon wieder von der Realität überholt zu werden.“ Julia Jäkel schreibt in der Süddeutschen über Twitter unter Musk. Das ist bemerkenswert, zumal die Online-Süddeutsche den Gastbeitrag (Paywall) der ehemaligen Chefin von Gruner & Jahr sogar zum Aufmacher machte. Jäkels Kernbotschaft, unmissverständlich zusammengefasst in der Überschrift, lautet: „Stoppt Elon Musk“.

Dafür ist es wohl ein wenig zu spät. Ja, Werbetreibende haben jetzt zum Teil erstmal aufgehört, auf Twitter zu werben. Ich kann mich aber noch bestens erinnern, wie schnell der Facebook-Boykott immens großer Unternehmen wieder vorbei war. Und die hatten einen handfesten Grund für ihre Aktion angegeben: Sie warfen Facebook vor, aufgrund seiner miesen Moderations-Policy einen nicht geringen Anteil zum Tod von George Floyd beigetragen zu haben. Wie gesagt: Man kehrte nach wenigen Wochen wieder als Kunde zu Facebook zurück.

Ja, es gibt Mastodon. Aber.

Unternehmen wollen Geld verdienen, Mastodon verhält sich zu Twitter wie der Fiat Panda meiner Schulfreundin Ilka, aus dem alle Mitfahrerinnen aussteigen mussten, weil er es sonst nicht mal auf nun auch nicht so hohe sauerländische Berge geschafft hätte, zu einem Tesla. Noch – wer weiß – ist Mastodon ein Liebhaberstück und ein Statement. Aber keine Alternative zu Twitter.

Und trotzdem, auch wenn man zur Glas-halb-leer-Sicht neigt: Jäkel fragt, wie es sein kann, „dass wir bis jetzt keinen Gesetzesrahmen erlassen haben, der so eine Entwicklung verhindern kann“, also dass jemand allein über ein solches Netzwerk herrscht. Was ja selbst im Falle eines nicht so „quirligen“, wie die NZZ Musk irritierend verniedlichend charkterisiert, Typen schlicht schlecht wäre.

Alleinherrschaft ist immer schlecht.

Aber Jäkel fragt eben. Und so viele andere Medien gehen ähnlichen Fragen nach, ebenso die Politik. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass dieses U-Boot-Verhaltensschema – immer dann auftauchen, wenn sich oben was Unüberhörbares tut – aufhört. Und endlich eine Debatte darüber in Gang kommt, was Alternativen (PLURAL! Nicht nur bei Energielieferanten sollten Abhängigkeiten vermieden werden!) sein könnten und wie Demokratien ihren Teil dazu beitragen können, sie von Anfang an so einzuhegen, dass sie keinen exorbitanten Schaden anrichten.

Denn was auch aufhören muss: diese jämmerliche Blaupausen-Rhetorik. Es sind nicht mehr neue Medien, es sind nicht mehr immer neue Probleme, die auftauchen. Es sind nur immer mehr, weil die nach und nach neu auftretenden und alternden nicht gelöst werden und sich zu Bergen auftürmen.

Wer wir sein wollen – und wer wir sind

Es gibt gerade sehr gute Gründe, Twitter zu verlassen.

Grund Nummer 1: Elon Musk feuert Leute. Mal eben, einfach so, knallhart. Ja, man kann sagen, dass das in den USA und wohl speziell in der Branche so Usus ist. Aber will man jemand sein, der oder die dieses Argument gelten lässt?

Grund Nummer 2: Elon Musk feuert Leute, die für Ethik zuständig sind. Die UN ist bereits auf dem Plan. Nun kann man sagen: Bitte, wir sind auch alle bei Instagram und nutzen WhatsApp. Und nur weil Elon evil ist, ist Mark Zuckerberg ja nicht plötzlich legitimer Anwärter auf Heiligsprechung. Aber will man jemand sein, der oder die dieses Argument gelten lässt?

Grund Nummer 3: Musk lässt sich von Rechten anfeuern und feuert Rechte an mit seiner Definition von Meinungsfreiheit, die er jedoch zum Beispiel nicht so weit fasst, wenn er als Objekt involviert ist. Nun kann man sagen: Gerade deshalb bleibe ich hier, als Teil eines Bollwerks. Aber will man jemand sein, der oder die dem naiven Glauben anhängt, etwas bewirken zu können?

Man könnte nun also sagen: Ich verlasse den Bums. Sollen die mal schön machen, soll 8 Dollar für ein Abo inklusive blauem Häkchen bezahlen (falls Sie jemand sein wollen, der oder die mir jetzt wirklich und wahrhaftig erklären will, dass es ein weißes Häkchen auf blauem Grund ist – das haben Sie super gemacht, danke schön!) wer will und für wen es sich tatsächlich auszahlt, ich würde das jetzt gar nicht per se ausschließen, aber als Privatperson oder dieses Zwitterwesen, die Leute wie ich da sind, ist das doch Kokolores. Ich zahle kein Geld dafür, dass sich jeder Hanselpansel den blauen Haken kaufen kann und so tun, als hätte er Ahnung und Anstand und Relevanz.

Man könnte also den eigenen Account da dicht machen und komplett migrieren zu Mastodon. (Falls Sie jemand sein wollen, der mir jetzt wirklich und wahrhaftig mit der Fediverse-Definition kommen möchte: nein danke, aber super!) Es wäre konsequent, und wir möchten ja wahrscheinlich alle konsequent sein und dem doofen Musk vielleicht auch auf diese Art und Weise den Mittelfinger zeigen. Oder eben, indem wir dortbleiben.

Man will ja klar sein, man will, um es auf Coronadeutsch zu formulieren, wenn schon nicht vor der Welle sein, dann aber doch wenigstens keinesfalls hinter ihr.

Nur leben wir in keiner perfekten Welt, und ich finde, dass Musk eine gute Schablone insofern abgibt, als man sich von ihm fabelhaft abgrenzen kann, indem man sagt, dass man nicht albern sein will. Ich für meinen Teil, bitte seien Sie jetzt niemand, der oder die etwas schnell persönlich nimmt und sich sich schnell angegriffen fühlt, fände es albern, jetzt direkt Nägel mit Köpfen zu machen. Deshalb bin ich bei Mastodon und bei Twitter. Ich gucke mir erstmal weiter an, was bei Twitter passiert und schüttle ab und zu fassungslos den Kopf. Dasselbe tue ich aber bei Mastodon, weil das technisch und optisch und in Sachen Usability auch nicht so recht ernstgemeint sein kann. Vielleicht ist das jetzt die Transition. Was weiß ich.

Ich kann ganz schnellen Entscheidungen gerade nur den ausgestreckten Mittelfinger zeigen. Und diesem Hang zur Selbstinszenierung mancher, die jetzt mit großem Getöse bleiben oder aber auch gehen. Das wenigstens ist konstant gleichgeblieben, der Hang zur heroischen Pose. Dafür bin ich aber zu bequem. Und, ja klar, warum drumrumreden, zu eitel. So schnell geb ich meine Community nicht auf. Alles andere wäre doch gelogen, und das nervt mich auch. Schönen Sonntag!

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Twitter versus Mastodon – oder: Krieg und Frieden

Ich bin ein Schussel. Nicht in einem lustigen, charmanten Ausmaß, mit dem man kokettieren kann, weil man sich eigentlich total super findet, aber für menschlich mit kleinen Fehlern gehalten werden möchte, weil es dort oben an der Spitze ja bekanntlich sehr einsam ist.

Sondern in einem manchmal riskanten, manchmal auch teuren und für mich anstrengenden Ausmaß. Manchmal, nicht selten, lasse ich versehentlich über Nacht den Schlüssel außen in der Tür stecken. Neuerdings steige ich auch gerne aus dem Auto aus und vergesse den Schlüssel im Zündschloss.

Vorgestern habe ich ZU ZWEI UNTERSCHIEDLICHEN TAGESZEITEN meine Brillen verloren. Meine Lesebrille vormittags, meine Gleitsichtbrille nachmittags. Ohne kann ich nicht mehr lesen. Es regt mich auf, dass ich schon wieder Geld ausgeben muss, das noch bei mir wäre, wäre ich konzentrierter. Zudem wird sich weder das eine (Zerstreutheit, die ist nämlich angeboren) noch das andere Problem (schwindende Sehkraft) lösen: Vorgestern Abend beim Optiker fächelte ich mir kurz hektisch Luft zu, als ich meine aktuellen Dioptrien erfuhr. Rasant ist das Schlüsselwort.

Ebenso verfuhr auch meine Optikerin. Ich hatte wohl ziemlich deutlich gemacht, wie unerträglich ich den Gedanken finde, die kommenden Tage mit meiner (geschliffenen) Sonnenbrille im Büro zu sitzen. Also konnte ich schon gestern meine neue Brille abholen. (Es ist der beste Laden. Auf Nachfrage empfehle ich ihn gern weiter.)

Während die Brille noch ein bisschen enger gemacht wurde, plauderte ich mit dem Optiker. Dem geht es gut, sagt er: Er sei jetzt bei Mastodon und könne sich jetzt endlich abends wieder Nachrichten durchlesen, ohne Puls zu kriegen. Twitter habe er verlassen.

Ich bin auch bei Mastodon, habe Twitter aber nicht verlassen und werde das auch nicht tun. Es sei denn, alle Kabinettsmitglieder ziehen auch rüber zu Mastodon, ebenso alle AfDler, alle Journalisten, Medien, die ich konsumiere, inklusive der ausländischen. Wir wissen, das wird nicht passieren und wenn doch, brauchen die Mastodon-Server erstmal Riechsalz.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin da auch und ich finds da schön. Aber eben auf eine private Art, sofern man das in Bezug auf soziale Netzwerke sagen kann. Es ist so: Twitter ist wie im Büro sein. Da gibt es nette Leute, Kollegen etwa, da gibt es Infos, und da gibt es vor allen Dingen: Arbeit.

Wenn ich nach Hause komme, gibts da auch nette Leute. Nach Feierabend geh ich zum Beispiel gern noch rüber zu Nachbarin E. Die mag ich gerne. Mit der rede ich ab und zu über Politik, aber nicht oft. Mehr rede ich mit ihr über Dinge, die uns beide bewegen, umtreiben. Dabei gehen wir sehr freundlich miteinander um. Nein, im Büro ist es auch freundlich, aber nun stellen Sie sich halt nicht doof, Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps, Sie wissen ganz genau, was ich meine.

Ich werde das jetzt exakt so handhaben wie mein Optiker: abends Mastodon. Abends kein Twitter. Mastodon ist mein Elmex. (Natürlich ist das ein Prozess, da bin ich noch lange nicht am Ziel.)

Was wir alle drüben bei Mastodon machen, sollte Musk eines schrillen Tages aus irgendeiner Champagnerlaune heraus dort aufkreuzen – na, das weiß ich auch nicht. Dann gute Nacht, Marie.

Raider heißt jetzt Twix – Twitter gehört jetzt Musk.

Twitter gehört jetzt Elon Musk. Es ist nicht so, dass ich jetzt ein Feuerwerk nach dem anderen abfackle, aber Heuchelei bringt ja auch niemanden weiter. Wir müssen nicht so tun, als wäre mit dem heutigen Tag aus Walton‘s Mountain oder Stars Hollow plötzlich Stalingrad geworden.

Dass Twitter genau so wie die anderen Netzwerke massive Probleme hat, hat mich zum Beispiel ein Buch schreiben lassen. Brachte jeden Tag Leute dazu, die Plattform zu verlassen. Wie etwa gerade erst SPD-Chefin Saskia Esken. Als ich gestern von ihrem Weggang las, spürte ich den Reflex, dazu etwas zu schreiben. Mir wäre aber nichts anderes eingefallen als das, was ich auch schon zur Twitter-Abkehr von SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert oder der des damaligen Grünen-Chefs Robert Habeck geschrieben habe. Es ist total verständlich. Lediglich (wohlgemerkt, nicht „nur“) ihre Vorbildfunktion verbietet es meiner Meinung nach, zu gehen. Aber gut, wer bin ich schon?

Nun war es heute wohl noch ungemütlicher als sonst schon, schreibt Vice. Mehr Beleidigungen, vor allem gegenüber Frauen. Das N-Wort. Als hätten sich ein paar Spezialagenten gegenseitig überbieten wollen beim Gesehen-Werden-Wollen vom großen Maestro. Spezialagenten, also die, die ich meine, sind ja oft ganz aufgeregt, wenn sie einen großen (also: reichen, mächtigen, großmäuligen) Mann riechen.

Gute Fragen, die sich an die Übernahme durch Musk ergeben, und eine super Erklärung zum Digitale-Dienste-Gesetz der EU liefert Markus Beckedahl. Für Audio-Fans hier auch ein Radio-Interview mit ihm zum Thema.

Und hier mein Lieblingstext des heutigen Tages. Kurz zusammengefasst: Wenn Elon Musks Performance als Twitter-Nutzer noch nicht dazu geführt hat, uns allen vor Augen zu führen, was für ein furchtbarer Typ er ist – seine Performance als Twitter-Besitzer wird das Übrige tun. Hoffen sie zumindest bei The Verge. Steile These, allein, mir fehlt der gute Glaube. Mein Menschenbild hat unter Twitter und Corona und auch der Kombination aus beidem etwas gelitten. Aber unterhaltsam. Zumal die Hoffnung ja bekanntlich – Sie wissen Bescheid. A propos Hoffnung: Mastodon, das wird nichts. Jede Wette. Das ist wie damals, als alle von WhatsApp nach der Übernahme durch Facebook (heute „Meta“) zu Signal wechseln wollten.

Schönes Wochenende!