Über Meinungsfreiheit, über Elon Musk

So schnell kann das gehen bei Twitter: Widersprichste dem neuen Chef, kannste gehen. Schauen Sie selbst:

(Ich habe hier ein Foto gepostet, weil es so übersichtlicher ist, als hätte ich den entsprechenden Tweet verlinkt. Da ist WordPress nicht so gut. Kann auch an mir liegen. Aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig.)

Zunächst mal dies: Stilistisch bin ich ganz bei User Pokemoniku. Man kann seinem Chef anders erklären, dass er seinen Millionen Followern gerade Stuss erzählt. Man sollte das anders erklären. Kritik in Unternehmen ist wichtig, aber natürlich verhält man sich loyal und klärt sowas intern.

Nur: Hier ist ja die Rede von, die Anrede an Elon Musk, und der ist bekanntlich der Welt allergrößter Freund der komplett freien Rede und Meinungsfreiheit. Ein Gut, das gern in Frage gestellt wird von Freunden des ungehemmten Hasses. Misst man Musk also an seinen eigenen Maßstäben, ist das jetzt keine so gute Idee, wenn der Welt größter Meinungs-Freiheitskämpfer so reagiert.

Oder, um es IRONISCH (nicht, dass jetzt wieder halb Deutschland die Zuschauerredaktion anruft!) zu formulieren mit all der Social Media-Erfahrung auf dem verhornten Nervenkostüm zu formulieren: Ist doch gar nix passiert, er hat Musk ja nicht mal beleidigt! (Nochmal zur Sicherheit: So sollten wir nicht argumentieren, ICH MACHE NUR SPASS!)

Also, ernsthaft zurück zu diesem Meinungsfreiheitsding. Achten Sie mal drauf, wer behauptet, wir hätten keine mehr. Das sind, nun kommt eine subjektive Beobachtung, meist Leute, die gerne Dinge behaupten. Die gerne mit Ausrufungszeichen arbeiten. Die also allein schon sprachlich versuchen, Widerspruch möglichst zu verhindern. Weil sie ihn nicht mögen.

So weit, so menschlich. Nur: Er lässt sich ja nicht vermeiden. Nicht in einer, und nun kommt‘s: Demokratie mit angeschlossener Meinungsfreiheit. Das ist halt das Blöde, und wenn eben dieser Widerspruch dann kommt, der auf Meinungsfreiheit basiert, dann ist der Trick, eben diese Meinungsfreiheit infrage zu stellen. Den Tod der Meinungsfreiheit einfach mal behaupten als Totschlagargument. Sonst hätte man sich ja vorher Argumente überlegen müssen. oder wäre das eigene Geschäftsmodell kaputt.

Schlau? Nee, aber wenn ganz Viele das versuchen, gibt es ja wie immer ein paar, die anfangen, zu zweifeln. Und ein paar, die dann lieber weniger sagen. Die sich selbst zensieren. Die sich in der Äußerung ihrer Meinung beschränken. Bedenklicher Kreislauf.

Um hier versöhnlich zu enden: Für den Twitter-Mitarbeiter besteht noch Hoffnung. Schließlich war es ja Elon Musk, dieser „quirlige“ Elon Musk, wie die NZZ es irritierenderweise formuliert, von dem er gefeuert wurde. Kann also sein, dass er schon ganz bald wieder eingestellt wird. Falls er das überhaupt möchte.

Sensation! – oder: Das unhässliche Gesicht von Twitter

Guten Abend. Schön, dass Sie hier sind!

Heute erzähle ich Ihnen eine wahre Geschichte – so absonderlich sie auch klingt. Denn sie handelt von etwas Gutem, Wohltätigem gar, etwas Selbstlosem. Und ihr Ausgangspunkt war, es wird immer absonderlicher, das ja schon immer und besonders momentan vielgescholtene Twitter.

Es begab sich, dass mein Wlan ausfiel. Das ist schon mal immer schlecht, wir haben 2022, und noch schlechter ist das, wenn zum Beispiel alle, ich wiederhole, alle Audiogeräte in einem Haushalt ausschließlich über Wlan angesteuert werden können. Also angesteurt werden müssen. Jahrelang hat mir jemand sukzessive ein tolles Soundsytem geschenkt, das ich nach und nach über die Zimmer verteilt habe. So kann ich morgens zum Beispiel vom Bad übers Schlafzimmer bis in die Küche duschend, mich ankleidend und Kaffee trinkend weiterziehen (und auch mal zurück, wenn ich etwas vergessen habe), und fortwährend ununterbrochen meinen geliebten Deutschlandfunk hören.

Etwa eine Woche vor dem Wlan-Ausfall brachte ich beide noch im Keller befindlichen Stereoanlagen zum Sperrmüll, oder, wie das hier in Berlin heißt: zum Wertstoffhof. Eine hatte mir gehört, die andere meinem Bruder. Der mich seinerzeit ausgelacht hatte, als ich sie mitnahm. Ich sagte: „Wer weiß, wann man sie mal gebrauchen kann!“ Als ich sie dann brauchte… Natürlich.

Auch Fernsehen gibt es hier nur noch über Wlan. Ich streame auf das große Gerät. Und, auch nicht ganz unwichtig: Das Wlan reicht nicht durch die dicken Wände bis in mein Arbeitszimmer.

Sie sehen: Ich bin Angela Merkel während ihrer Kanzlerinnenschaft, nur leider ohne Macht, und das Wlan ist russisches Gas. Ich habe unkluge Entscheidungen getroffen und mich abhängig gemacht.

Nun ist Wlan aber nicht so wichtig wie Strom, also wurde ich erst nach sechs Wochen tätig. Da hatte ich keine Lust mehr auf Handy-Geschrebbel und rief meinen Anbieter an. Sehr schnell kam ein neues Gerät. Das tat’s auch nicht, also kam auch ganz schnell ein Techniker. Gerät ging wieder. Nicht aber der Repeater, den ich brauche, um in der ganzen Wohnung Wlan zu haben. Anders als in den vergangenen, glücklichen Wlan-Jahren verband er sich nicht mehr mit dem Router.

Ich kürze das ab, denn warum sollen Sie so schwer leiden wie ich. Erst recherchierte ich. Intensiv. Ich kann das ein bisschen, ich bin ja Journalistin. Ich versuchte. Und scheiterte. Ich versuchte anderes. Und scheiterte wieder. Ich versuchte noch mal. Scheiterte wieder. Ich war fast gebrochen und rief die Hotline des Repeaterherstellers an. Ich schilderte alles bisher Versuchte, wurde vom per default eher genervten Mitarbeiter unterbrochen, bekam anschließend eine Mail, von der ich inzwischen weiß, dass sie in Fachkreisen mit „RTFM“ abgekürzt wird: „Read the fucking Manual“. Das hatte ich schon getan, aber das war dem eher desinteressierten Hotliner egal.

Ich rief die Hotline meines Wlan-Anbieters an. (Ich weiß, auch das habe ich gelernt: Am besten sind alle Geräte vom selben Hersteller und Anbieter. Weil die dann besser ineinandergreifen. Es leuchtet mir ein. Aber: Ich wollte nach dieser Episode gerne jemanden angreifen, und zwar beide Hersteller, deswegen wird hier nichts Neues angeschafft, weder vom einen noch vom anderen. Sollte ich noch einmal so auflaufen, wechsle ich zur Telepost.)

Mitarbeiter Nummer eins redete mit mir, als hätte er die Beine auf dem Tisch liegen. Ich hätte den Repeater sieben (!) Jahre lang völlig falsch mit dem Router verbunden und jedes Mal einfach Glück gehabt, dass es trotzdem ging. Repeater in der Nähe des Routers in eine Steckdose stecken, Taste drücken, aufs Blinken warten, dann Taste am Router drücken – das machen, so habe ich den Herrn zumindest verstanden, nur Affen. Sehr dumme Affen. Analog-Affen. Sehr dumme Analog-Affen. Viel mehr Hilfreiches konnte er mir aber nicht mit auf meinen weiteren Lebensweg geben, denn unsere Verbindung wurde abrupt durch eine Bandansage unterbrochen. Ironischerweise wurde ich gefragt, wie zufrieden ich mit dem telefonischen Kundenservice sei. Auf einer Skala von eins bis Falling Down lag ich etwa bei „Man reiche mir eine Axt“.

Ich wählte erneut die Hotline an. Mitarbeiter Nummer 2 war sehr freundlich, erklärte mir, dass jeder Mensch Router und Repeater exakt so verbindet, wie ich es lange zu tun gepflegt hatte, weil es so ja auch im fucking Manual angegeben wird. Dass sein Vorgänger plötzlich weg gewesen sei, erklärte er mit Irrtum. Natürlich würde niemand einfach auflegen, sie wollten uns Kunden ja schließlich helfen. Er zeigte mir einen Lösungsweg auf, für den die fucking Firma aber noch etwas Technisches veranlassen musste, eröffnete ein Ticket, wir verabschiedeten uns. Ich war nicht mehr wütend und fühlte mich nicht mehr hilflos.

Bis mich eine halbe Stunde später Mitarbeiter Nummer 3 anrief. Er habe das Ticket gesehen. Was denn Mitarbeiter 2 für einen Quatsch erzählt hätte. So ginge das nicht. Es könne nicht am Router liegen. Ich versuchte, zu erklären, wie es zur Idee gekommen war, wurde immer wieder unterbrochen, Fragen gefragt, die meinen Laien-Status komplett überstiegen, und belehrt. Ich wurde sehr, sehr ungehalten, erklärte ihm, dass ich allmählich exponenziell steigend uninteressiert an einer weiteren Vertragspartnerschaft mit diesem Unternehmen sei, erwähnte Mitarbeiter Nummer 1, der plötzlich weg gewesen war, und hörte von Mitarbeiter 3: „Ja, da hat der Kollege wohl aufgelegt, gute Frau. Weil wir Ihnen sowieso nicht helfen können.“ Wir legten dann auch auf, und ich tat etwas, das ich nur in seltenen Fällen tue: Ich weinte.

Und dann tat ich etwas, das ich sehr oft tue: Ich twitterte. Ich schilderte meinen Fall und meine Säuerness.

UND DANN PASSIERTE ES. Dann trat T. auf den Plan. Eine Followerin. Eine IT-lerin. Eine Heilige.

Sie könne mir helfen, schrieb sie mir. Ich war zunächst skeptisch, denn die vier Männer, mit denen ich zuvor mit eben diesem Anliegen gesprochen hatten, hatten mir nicht geholfen, sondern mich psychisch quasi ruiniert. Aber hatte ich eine Wahl? Hatte ich Wlan? Hatte ich Wlan? Ich ließ mich drauf ein.

Die folgenden Tage schickten wir Nachrichten hin und her. Ich versuchte Dinge nach ihrer Anweisung. Ich legte Passwörter neu fest. Ich schaltete Firewalls an und aus. Sie forschte und forschte und kam mit immer neuen Vorschlägen, die ich wie ferngesteuert einfach ausführte. Stunden, und ich meine wirklich Stunden, investierte diese unfassbar nette Frau. Ich gewährte ihr Remote-Zugriff auf meinen Rechner, sie zauberte wild herum – nichts half. Sie überlegte, meldete sich Tage später wieder mit einer neuen Idee, wir scheiterten wieder, sie dachte weiter nach. Einfach so. Unfassbar, oder?

Als ihr nichts mehr einfiel und ich auch schon mehrfach angeboten hatte, es sein zu lassen, erschöpft vom Leben, erschöpft von der Digitalisierung, schloss sie sich mit meinen Kundendaten ausgestattet, mit den Kundendiensten zusammen. Und verhandelte in meinem Namen mit ihnen. Ein neuer Repeater wurde geschickt. Ich brauchte ein paar Tage mentalen Anlauf, um einen neuen Versuch zu starten. Inzwischen hatte ich eine Wlan-Lethargie entwickelt und war bereit zum Kauf einer Stereoanlage. Oder eines Kurbelradios. Blackouts, Putin, da schließt sich ein Kreis, warum nicht?!

Nun. Ich schreibe Ihnen in meinem Arbeitszimmer. Der Versuch ist geglückt. Happy End. Und das dank Twitter! Es gibt sie noch, die guten Kurz-Nachrichten-Dienste. Und Menschen.

The end of the world as we know it?

Credits: Pixelkult auf Pixabay

Mark Zuckerberg kündigt gut 13% seiner Belegschaft. Was Elon Musk vom Zeitpunkt meines jetzt gerade in diesen Sekunden stattfindenden Tippens bis in zirka 30 Minuten, wenn ich den Text veröffentliche, getan hat oder nicht oder doch oder vielleicht anders oder trial and error oder „i just killed it“ – keine Ahnung und keine Energie, es nachzuverfolgen. Ich bin kein Ticker, und selbst als solcher wäre ich wahrscheinlich kurz vorm Nervenzusammenbruch.

Fakt aber ist: Bei Twitter geht es rund, und bei Meta läuft es auch anders, an der Börse zum Beispiel: Da ging es zuletzt bergab. In beiden Konzernen ändert sich was. Hier sei der Fairness halber angemerkt, dass die Entlassungen bei Meta deutlich, deutlich humaner ablaufen als bei Twitter.

Wo aber geht es hin? Eine Ära scheint zu enden, und wie sieht die neue aus?

Bei Meta zeigen sich mehrere Widersprüchlichkeiten. Heute ist die ARD/ZDF-Onlinestudie erschienen. Zeigt sich: Facebook ist immer noch das meistgenutzte Social Network in Deutschland. Gefolgt von Instagram – einer Tochter von Zuckerbergs Meta-Konzern, genau so wie Facebook.

Und doch entlässt Meta etwa 11.000 Mitarbeiter. Warum?

Zunächst einmal geht der Trend in der Tech-Branche allgemein dorthin. Musk hat rund 3.700 Leute rausgeschmissen – anders kann man das nicht formulieren. Snapchat spricht 1.300 Kündigungen aus. Der Guardian sieht einen Grund dafür in einem Corona-Backlash: Von Lockdown und Home Office hätten die Techriesen profitiert, denn wer zu Hause sein musste, glich den Mangel an echten sozialen Kontakten zum Beispiel durch die Nutzung sozialer Netzwerke aus.

Ein weiterer Grund: Die nächste Krise, die Corona ja längst überlagert. Die Werbekunden halten sich in Anbetracht teils zweistelliger Inflationsraten und drohender Rezession zurück. Das trift auf eine für Facebook, Meta und Zuckerberg schon vorher einsetzende Entwicklung: abwärts. Erstmals in der Facebook-Geschichte gingen im ersten Quartal dieses Jahres die Nutzerzahlen zurück. Im zweiten dann der Umsatz. Das kannte man in Palo Alto bis dahin auch noch nicht.

Ein Spezifikum bei Facebook: Es verliert an Bedeutung, nämlich bei den Jüngeren. Die nutzen lieber Instagram, Snapchat und TikTok. Was man nicht zuletzt an der TikTokisierung von Instagram sieht: Storys und so genannte Reels, die den TikTok-Video nachempfunden sind, werden dort gehypt. Ein typischer Zuckerberg-Move: Wenn du Konkurrenten schon nicht schlucken kannst, um sie aus dem Weg zu räumen, dann kopier sie halt. (Geronto-Einschub: Snapchat spielt in meinem Alltag überhaupt gar keine Rolle; TikTok nutze ich nur passiv, worüber wir alle froh und dankbar sein sollten.)

Außerdem setzt Mark Zuckerberg seit geraumer Zeit vor allem auf sein Metaverse; auf virtual reality, das er für die Zukunft hält. Ob das wirklich so kommt, keine Ahnung, er jedenfalls glaubt fest dran, und wer sind wir, dem social media-Pionier ein gewisses Gespür abzusprechen?

Die Gegenwart ist das Metaverse jedenfalls noch nicht. (Hoffentlich, ich glaube eher nicht dran, aber wer bin ich…. kümmern sich politisch Handelnde bereits jetzt, sollte Metaverse sich durchsetzen, um mögliche Kollisionen mit demokratischen Grundwerten und daraus folgende notwendige gesetzgeberische Flankierungen!) Deshalb finden Facebooks Aktionäre nur so halb witzig, – und Humor ist an der Börse eh keine Schlüsselkategorie – dass Zuckerberg Facebook schleifen lässt und Geld und Energie lieber in seine Vision pumpt. Verluste sind die Folge, und nun eben Entlassungen. Wie bei Twitter. Wo unter anderem Leute gehen mussten, die für die Bekämpfung von Hassrede zuständig waren.

Das lässt nichts Gutes erahnen. Meiner Ansicht nach war es kein Zufall, dass man bei Meta zeitgleich mit den plötzlich sinkenden Zahlen bei Nutzern und Umsatz plötzlich darüber nachdachte, sich doch wieder etwas lockerer zu machen im Umgang mit Fake News.

Eine Zeitenwende also? Und falls ja: Was folgt? Was folgt darauf und was folgt daraus? Wird es jetzt noch zügelloser? Global gesagt: schlimmer? Oder besser? Kommen neue soziale Netzwerke, boomen dezentrale Lösungen wie Mastodon? Nehmen womöglich gerade irgendwo Menschen, Institutionen gar, Geld in die Hand, das Wort „gesamtgesellschaftliche Verantwortung“ ernst, und bauen was Neues? Etwas, das uns verwöhnten Nutzern entgegenkommt? Die wir eine schnelle und sehr userfreundliche Infrastruktur bisher als gegeben erachtet haben und gewohnt sind und nicht missen wollen? Oder kommunizieren wir anders? Oder bleiben wir irgendwie doch mehr oder weniger alle bei Twitter, weil wir den Überblick über all die Schurken und Geflechte verloren haben, die wir beim Konsumieren beachten sollten?

Es gibt einen ziemlich nervigen und peinlichen Mechanismus in den sozialen Netzwerken und natürlich auch im real life: So zu tun, als hätte man auf alles eine Antwort. Nun weiß ich endlich, wozu der gut ist. Er verleiht mir eine gewisse Eleganz und Klugheit, wenn ich schreibe: Ich weiß es nicht.

Hallo U-Boote! Oder: Vielleicht tut Musk uns allen ja…

„Es ist nahezu unmöglich, den aktuellen Stand zusammenzufassen, ohne kurz darauf schon wieder von der Realität überholt zu werden.“ Julia Jäkel schreibt in der Süddeutschen über Twitter unter Musk. Das ist bemerkenswert, zumal die Online-Süddeutsche den Gastbeitrag (Paywall) der ehemaligen Chefin von Gruner & Jahr sogar zum Aufmacher machte. Jäkels Kernbotschaft, unmissverständlich zusammengefasst in der Überschrift, lautet: „Stoppt Elon Musk“.

Dafür ist es wohl ein wenig zu spät. Ja, Werbetreibende haben jetzt zum Teil erstmal aufgehört, auf Twitter zu werben. Ich kann mich aber noch bestens erinnern, wie schnell der Facebook-Boykott immens großer Unternehmen wieder vorbei war. Und die hatten einen handfesten Grund für ihre Aktion angegeben: Sie warfen Facebook vor, aufgrund seiner miesen Moderations-Policy einen nicht geringen Anteil zum Tod von George Floyd beigetragen zu haben. Wie gesagt: Man kehrte nach wenigen Wochen wieder als Kunde zu Facebook zurück.

Ja, es gibt Mastodon. Aber.

Unternehmen wollen Geld verdienen, Mastodon verhält sich zu Twitter wie der Fiat Panda meiner Schulfreundin Ilka, aus dem alle Mitfahrerinnen aussteigen mussten, weil er es sonst nicht mal auf nun auch nicht so hohe sauerländische Berge geschafft hätte, zu einem Tesla. Noch – wer weiß – ist Mastodon ein Liebhaberstück und ein Statement. Aber keine Alternative zu Twitter.

Und trotzdem, auch wenn man zur Glas-halb-leer-Sicht neigt: Jäkel fragt, wie es sein kann, „dass wir bis jetzt keinen Gesetzesrahmen erlassen haben, der so eine Entwicklung verhindern kann“, also dass jemand allein über ein solches Netzwerk herrscht. Was ja selbst im Falle eines nicht so „quirligen“, wie die NZZ Musk irritierend verniedlichend charkterisiert, Typen schlicht schlecht wäre.

Alleinherrschaft ist immer schlecht.

Aber Jäkel fragt eben. Und so viele andere Medien gehen ähnlichen Fragen nach, ebenso die Politik. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass dieses U-Boot-Verhaltensschema – immer dann auftauchen, wenn sich oben was Unüberhörbares tut – aufhört. Und endlich eine Debatte darüber in Gang kommt, was Alternativen (PLURAL! Nicht nur bei Energielieferanten sollten Abhängigkeiten vermieden werden!) sein könnten und wie Demokratien ihren Teil dazu beitragen können, sie von Anfang an so einzuhegen, dass sie keinen exorbitanten Schaden anrichten.

Denn was auch aufhören muss: diese jämmerliche Blaupausen-Rhetorik. Es sind nicht mehr neue Medien, es sind nicht mehr immer neue Probleme, die auftauchen. Es sind nur immer mehr, weil die nach und nach neu auftretenden und alternden nicht gelöst werden und sich zu Bergen auftürmen.

Wer wir sein wollen – und wer wir sind

Es gibt gerade sehr gute Gründe, Twitter zu verlassen.

Grund Nummer 1: Elon Musk feuert Leute. Mal eben, einfach so, knallhart. Ja, man kann sagen, dass das in den USA und wohl speziell in der Branche so Usus ist. Aber will man jemand sein, der oder die dieses Argument gelten lässt?

Grund Nummer 2: Elon Musk feuert Leute, die für Ethik zuständig sind. Die UN ist bereits auf dem Plan. Nun kann man sagen: Bitte, wir sind auch alle bei Instagram und nutzen WhatsApp. Und nur weil Elon evil ist, ist Mark Zuckerberg ja nicht plötzlich legitimer Anwärter auf Heiligsprechung. Aber will man jemand sein, der oder die dieses Argument gelten lässt?

Grund Nummer 3: Musk lässt sich von Rechten anfeuern und feuert Rechte an mit seiner Definition von Meinungsfreiheit, die er jedoch zum Beispiel nicht so weit fasst, wenn er als Objekt involviert ist. Nun kann man sagen: Gerade deshalb bleibe ich hier, als Teil eines Bollwerks. Aber will man jemand sein, der oder die dem naiven Glauben anhängt, etwas bewirken zu können?

Man könnte nun also sagen: Ich verlasse den Bums. Sollen die mal schön machen, soll 8 Dollar für ein Abo inklusive blauem Häkchen bezahlen (falls Sie jemand sein wollen, der oder die mir jetzt wirklich und wahrhaftig erklären will, dass es ein weißes Häkchen auf blauem Grund ist – das haben Sie super gemacht, danke schön!) wer will und für wen es sich tatsächlich auszahlt, ich würde das jetzt gar nicht per se ausschließen, aber als Privatperson oder dieses Zwitterwesen, die Leute wie ich da sind, ist das doch Kokolores. Ich zahle kein Geld dafür, dass sich jeder Hanselpansel den blauen Haken kaufen kann und so tun, als hätte er Ahnung und Anstand und Relevanz.

Man könnte also den eigenen Account da dicht machen und komplett migrieren zu Mastodon. (Falls Sie jemand sein wollen, der mir jetzt wirklich und wahrhaftig mit der Fediverse-Definition kommen möchte: nein danke, aber super!) Es wäre konsequent, und wir möchten ja wahrscheinlich alle konsequent sein und dem doofen Musk vielleicht auch auf diese Art und Weise den Mittelfinger zeigen. Oder eben, indem wir dortbleiben.

Man will ja klar sein, man will, um es auf Coronadeutsch zu formulieren, wenn schon nicht vor der Welle sein, dann aber doch wenigstens keinesfalls hinter ihr.

Nur leben wir in keiner perfekten Welt, und ich finde, dass Musk eine gute Schablone insofern abgibt, als man sich von ihm fabelhaft abgrenzen kann, indem man sagt, dass man nicht albern sein will. Ich für meinen Teil, bitte seien Sie jetzt niemand, der oder die etwas schnell persönlich nimmt und sich sich schnell angegriffen fühlt, fände es albern, jetzt direkt Nägel mit Köpfen zu machen. Deshalb bin ich bei Mastodon und bei Twitter. Ich gucke mir erstmal weiter an, was bei Twitter passiert und schüttle ab und zu fassungslos den Kopf. Dasselbe tue ich aber bei Mastodon, weil das technisch und optisch und in Sachen Usability auch nicht so recht ernstgemeint sein kann. Vielleicht ist das jetzt die Transition. Was weiß ich.

Ich kann ganz schnellen Entscheidungen gerade nur den ausgestreckten Mittelfinger zeigen. Und diesem Hang zur Selbstinszenierung mancher, die jetzt mit großem Getöse bleiben oder aber auch gehen. Das wenigstens ist konstant gleichgeblieben, der Hang zur heroischen Pose. Dafür bin ich aber zu bequem. Und, ja klar, warum drumrumreden, zu eitel. So schnell geb ich meine Community nicht auf. Alles andere wäre doch gelogen, und das nervt mich auch. Schönen Sonntag!

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Twitter versus Mastodon – oder: Krieg und Frieden

Ich bin ein Schussel. Nicht in einem lustigen, charmanten Ausmaß, mit dem man kokettieren kann, weil man sich eigentlich total super findet, aber für menschlich mit kleinen Fehlern gehalten werden möchte, weil es dort oben an der Spitze ja bekanntlich sehr einsam ist.

Sondern in einem manchmal riskanten, manchmal auch teuren und für mich anstrengenden Ausmaß. Manchmal, nicht selten, lasse ich versehentlich über Nacht den Schlüssel außen in der Tür stecken. Neuerdings steige ich auch gerne aus dem Auto aus und vergesse den Schlüssel im Zündschloss.

Vorgestern habe ich ZU ZWEI UNTERSCHIEDLICHEN TAGESZEITEN meine Brillen verloren. Meine Lesebrille vormittags, meine Gleitsichtbrille nachmittags. Ohne kann ich nicht mehr lesen. Es regt mich auf, dass ich schon wieder Geld ausgeben muss, das noch bei mir wäre, wäre ich konzentrierter. Zudem wird sich weder das eine (Zerstreutheit, die ist nämlich angeboren) noch das andere Problem (schwindende Sehkraft) lösen: Vorgestern Abend beim Optiker fächelte ich mir kurz hektisch Luft zu, als ich meine aktuellen Dioptrien erfuhr. Rasant ist das Schlüsselwort.

Ebenso verfuhr auch meine Optikerin. Ich hatte wohl ziemlich deutlich gemacht, wie unerträglich ich den Gedanken finde, die kommenden Tage mit meiner (geschliffenen) Sonnenbrille im Büro zu sitzen. Also konnte ich schon gestern meine neue Brille abholen. (Es ist der beste Laden. Auf Nachfrage empfehle ich ihn gern weiter.)

Während die Brille noch ein bisschen enger gemacht wurde, plauderte ich mit dem Optiker. Dem geht es gut, sagt er: Er sei jetzt bei Mastodon und könne sich jetzt endlich abends wieder Nachrichten durchlesen, ohne Puls zu kriegen. Twitter habe er verlassen.

Ich bin auch bei Mastodon, habe Twitter aber nicht verlassen und werde das auch nicht tun. Es sei denn, alle Kabinettsmitglieder ziehen auch rüber zu Mastodon, ebenso alle AfDler, alle Journalisten, Medien, die ich konsumiere, inklusive der ausländischen. Wir wissen, das wird nicht passieren und wenn doch, brauchen die Mastodon-Server erstmal Riechsalz.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin da auch und ich finds da schön. Aber eben auf eine private Art, sofern man das in Bezug auf soziale Netzwerke sagen kann. Es ist so: Twitter ist wie im Büro sein. Da gibt es nette Leute, Kollegen etwa, da gibt es Infos, und da gibt es vor allen Dingen: Arbeit.

Wenn ich nach Hause komme, gibts da auch nette Leute. Nach Feierabend geh ich zum Beispiel gern noch rüber zu Nachbarin E. Die mag ich gerne. Mit der rede ich ab und zu über Politik, aber nicht oft. Mehr rede ich mit ihr über Dinge, die uns beide bewegen, umtreiben. Dabei gehen wir sehr freundlich miteinander um. Nein, im Büro ist es auch freundlich, aber nun stellen Sie sich halt nicht doof, Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps, Sie wissen ganz genau, was ich meine.

Ich werde das jetzt exakt so handhaben wie mein Optiker: abends Mastodon. Abends kein Twitter. Mastodon ist mein Elmex. (Natürlich ist das ein Prozess, da bin ich noch lange nicht am Ziel.)

Was wir alle drüben bei Mastodon machen, sollte Musk eines schrillen Tages aus irgendeiner Champagnerlaune heraus dort aufkreuzen – na, das weiß ich auch nicht. Dann gute Nacht, Marie.

Raider heißt jetzt Twix – Twitter gehört jetzt Musk.

Twitter gehört jetzt Elon Musk. Es ist nicht so, dass ich jetzt ein Feuerwerk nach dem anderen abfackle, aber Heuchelei bringt ja auch niemanden weiter. Wir müssen nicht so tun, als wäre mit dem heutigen Tag aus Walton‘s Mountain oder Stars Hollow plötzlich Stalingrad geworden.

Dass Twitter genau so wie die anderen Netzwerke massive Probleme hat, hat mich zum Beispiel ein Buch schreiben lassen. Brachte jeden Tag Leute dazu, die Plattform zu verlassen. Wie etwa gerade erst SPD-Chefin Saskia Esken. Als ich gestern von ihrem Weggang las, spürte ich den Reflex, dazu etwas zu schreiben. Mir wäre aber nichts anderes eingefallen als das, was ich auch schon zur Twitter-Abkehr von SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert oder der des damaligen Grünen-Chefs Robert Habeck geschrieben habe. Es ist total verständlich. Lediglich (wohlgemerkt, nicht „nur“) ihre Vorbildfunktion verbietet es meiner Meinung nach, zu gehen. Aber gut, wer bin ich schon?

Nun war es heute wohl noch ungemütlicher als sonst schon, schreibt Vice. Mehr Beleidigungen, vor allem gegenüber Frauen. Das N-Wort. Als hätten sich ein paar Spezialagenten gegenseitig überbieten wollen beim Gesehen-Werden-Wollen vom großen Maestro. Spezialagenten, also die, die ich meine, sind ja oft ganz aufgeregt, wenn sie einen großen (also: reichen, mächtigen, großmäuligen) Mann riechen.

Gute Fragen, die sich an die Übernahme durch Musk ergeben, und eine super Erklärung zum Digitale-Dienste-Gesetz der EU liefert Markus Beckedahl. Für Audio-Fans hier auch ein Radio-Interview mit ihm zum Thema.

Und hier mein Lieblingstext des heutigen Tages. Kurz zusammengefasst: Wenn Elon Musks Performance als Twitter-Nutzer noch nicht dazu geführt hat, uns allen vor Augen zu führen, was für ein furchtbarer Typ er ist – seine Performance als Twitter-Besitzer wird das Übrige tun. Hoffen sie zumindest bei The Verge. Steile These, allein, mir fehlt der gute Glaube. Mein Menschenbild hat unter Twitter und Corona und auch der Kombination aus beidem etwas gelitten. Aber unterhaltsam. Zumal die Hoffnung ja bekanntlich – Sie wissen Bescheid. A propos Hoffnung: Mastodon, das wird nichts. Jede Wette. Das ist wie damals, als alle von WhatsApp nach der Übernahme durch Facebook (heute „Meta“) zu Signal wechseln wollten.

Schönes Wochenende!

2015 darf sich nicht wiederholen

2015 kamen viele Menschen nach Deutschland. Sie kamen aus Syrien, aus Afghanistan. Aus dem Irak, aus anderen Staaten. Flüchtlinge? Migranten? Ein großer Unterschied. An die Begriffe „Flüchtling“ und „Migrant“ drücken unterschiedliche Sachverhalte aus, an die rechtliche Fragen geknüpft sind wie etwa asylrechtliche. An beide Begriffe sind, so sie korrekt verwendet werden, neutrale und sachliche Aussagen geknüpft.

Der Begriff „Flüchtlingskrise“ funktioniert da schon anders. War es eine Krise? Was genau definierte das, was der damalige AfD-Vorsitzende Alexander Gauland ein “Geschenk“ für seine Partei nannte? Die kletterte mit ihrer deutlichen Ablehnung und Ideen wie der, im Zweifel könnten Polizisten an der Grenze auch auf Menschen schießen, die nach Deutschland kommen wollten, aus der politischen Nicht-Mehr-Existent-Zone. Momentan führt die AfD in manch ost-deutschem Land die Umfragen an. Oder meinen diejenigen, die “Krise“ sagen die nicht systematische Erfassung der damals Herkommenden? Die nebulöse Kommunikation der Merkel-GroKo darüber, ob es einen Masterplan gebe – und wie der denn wohl aussehe? Oder aber meint “Flüchtlingskrise“ Ereignisse wie Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, einen völlig enthemmten, hasserfüllten, ja: hässlichen Mob zum Beispiel im sächsischen Freital, der sich mit primitiven Mitteln gegen die Aufnahme von Geflüchteten “aussprach“?

Was sicherlich auch zur Krise gehörte: die teilweise mit voller Absicht, teilweise aber auch aus Unachtsamkeit (man könnte auch schreiben “Schlampigkeit“, qed: Sprache ist wichtig) in Medien verwendeten Begrifflichkeiten.

Von “Flüchtlingswelle“ zum Beispiel las und hörten wir da. Als wären Menschen eine Bedrohung, eine Naturkatastrophe. Dasselbe gilt für „Flüchtlingsstrom“. Und eben für „Flüchtlingskrise“: Dieses Wort suggeriert, Flüchtende wären die Verursacher einer Krise. Von Neutralität kann also keine Rede sein. Trotzdem wird es gerade wieder fleißig verwendet. Auch von Medien, die einer Agenda unverdächtig sind. Es hat sich eingebürgert. So funktioniert Diskursverschiebung.

Ob 2015 sich wiederholt – eine wahnsinnig theoretische und komplexe Frage. Die, ob es sich sprachlich wiederholt, lässt sich hingegen jetzt schon beantworten: Es wiederholt sich. Leider.

Kurz mal einen raushauen

Wer kennt es nicht: Follower, die mal eben eine Behauptung mit wegweisendem Effekt aufstellen, würde sie stimmen, die sich allerdings mit der billigsten aller „Recherchen“ (aka Google) binnen drei Sekunden widerlegen lässt und dann antworten: „Ach so, ja, wusste ich nicht.“ Aus Faulheit, selber einmal nachzulesen; aus Geltungsbedürfnis, das alle anderen Mechanismen stumm schaltet; aus Unwissenheit. Alles möglich.

Ich würde behaupten, Karl Lauterbach, Friedrich Merz und Hubert Aiwanger wissen, wie man recherchiert. Sie kennen nicht nur Google, sondern auch Wikipedia. Königsklasse der Recherche quasi. Und sogar Primärquellen – manchmal sind sie ja sogar Primärquellen. Man kann davon ausgehen, dass sie das politische Geschehen aufmerksam mitverfolgen. Manche Belange gestalten und entscheiden sie ja sogar mit.

Umso erstaunlicher ist es, dass Lauterbach nonchalant twittert, Deutschland befinde sich im Krieg. Einiges an dem, was manche als Rumeierei kritisieren und andere als bedachtes Handeln respektieren, geht darauf zurück, Deutschland nicht als Kriegspartei dastehen zu lassen. Da es nicht das erste Mal ist, dass Lauterbach auf eigene Faust das Medium etwas schlankerhand bedient, das sich seinen Aufstieg ins Bundeskabinett auf die Fahnen schreibt (und ihn mindestens einmal pro Woche als den Rücktrittskandidaten der Ampel anprangert, man kennt ja nur zwei Eskalationsstufen), können wir getrost davon ausgehen, dass dieser Tweet nicht mit dem Rest des Kabinetts abgesprochen war. Zumal die Verteidigungsministerin ihn ja auch eingefangen hat.

Man kann auch davon ausgehen, dass Friedrich Merz weiß, dass in der Ukraine Krieg herrscht. Er war ja selber schon vor Ort. Und dass man Behauptungen wie die, Flüchtlinge aus der Ukraine seien „Sozialtouristen“ nicht als gesichert erachten kann, werden sie zum Beispiel via WhatsApp oder Telegram verbreitet. Dass die Identitäre Bewegung da auch ein eher ein problematischer Ideengeber ist, müsste er auch wissen. Er wird den hiesigen Verfassungsschutzbericht ja aufmerksam verfolgen, die IB findet sich darin als gesichert rechtsextrem. Merz wird auch wissen, dass man eine solche Behauptung, so man sie verbreitet, ohne sie geprüft zu haben, bedauert, dann besser nicht auch noch twittert. Und dass, sollte man erstens so eine Aussage getan, sie zweitens mit einiger Verzögerung auch noch gepostet und dann drittens doch wieder gelöscht hat – auch das Löschen öffentlich zu sehen ist.

Hubert Aiwanger wiederum sollte wissen, wie man retweetet. Oder aber er sollte sich erklären lassen, wie man effektiv und eben nicht transparent zwischen Erst- und Zweitaccount hin- und herschaltet.

Alle drei wissen: Twitter ist eine super Plattform, will man das eigene Programm, Denken, Handeln verbreiten. Alle drei müssen aber auch wissen und befolgen: Man muss verantwortungsvoll mit den sozialen Medien umgehen. „Dabeisein ist alles“, das gilt hier nicht. Im Gegenteil. Man kann viel kaputtmachen. Nicht nur das eigene Image, indem man entweder als schlecht informiert, kompasstechnisch schlecht kalibriert oder einfach medial inkompetent gilt. Man kann Vorurteile schüren, man kann dünnes Eis weiter in Richtung Einbruch treiben, man kann zeigen, wie weit entfernt man von der medialen Lebenswelt vieler Menschen entfernt ist. Man kann zeigen, dass man Verantwortung nicht gewachsen ist.

Und wir alle wissen, wie schnell solche Fälle von der Person auf die gesamte Branche übertragen werden. Stichwort: Politikverdrossenheit. In einer Demokratie kein guter Effekt, vorsichtig formuliert.

F*ck Putin 🌻

Heute war ein spitzenmäßiger Tag, quasi eine Tag gewordene Werbung für erfolgreiches Erwartungsmanagement: Die völlig unfähige Wetterapp hatte für den ganzen Tag Regen vorhergesagt. Man war also auf das Schlimmste vorbereitet. Heute Morgen zeigte die Sonne der App dann einen bestens gelaunten Finger. Also sind alle ganz schnell raus.

Insgesamt hat es mit Unterbrechung 1,5 Stunden geregnet. Die haben wir in einem wirklich guten, sehr west-deutschen Gasthaus in Dahlem verbracht. Bis auf „Klar können Sie Nudeln statt Pommes zum Schnitzel haben, kostet aber 4 Euro extra“ war es da tippitoppi. (Die Nudeln wollte ich dann nicht, es hackt wohl.)

Den Rest des Tages stapfte ich mit einigen un-hackenden lieben Menschen über einen großen Bauernhof, der zum Erntedankfest eingeladen hatte. Um uns herum wurden selbstgemachte Bonbons verkauft, Kinder ritten auf glücklichen nicht-Kirmes-gequälten Ponys, Leute ernteten Kartoffeln und Kürbisse zum Selbstkostenpreis, ein Hahn krähte wie bestellt, Kühe muhten, ein Kälbchen niedlichte im immer noch grünsten Gras herum, umrahmt war das Ganze von sich rot färbenden Bäumen. Ich kam mir vor wie in Stars Hollow.

Bis auf ein Detail: Nachdem wir in der Runde, die zum Teil mit den Öffis angereist war, geklärt hatten, ob dort Masken kontrolliert worden waren (ja, hackt’s denn; natürlich nicht, wir sind hier in Berlin, man hatte nur die Tickets kontrolliert), abgeglichen, wer schon heizt und wer noch nicht, sagte jemand: „Putin setzt keine Atomwaffen ein. Ich bin mir sicher. Oder?“ Da hatten wir den oben abgebildeten Wagen gerade passiert. Ich bin dann noch mal die paar Schritte fürs Foto zurück. Es passt ja perfekt.

Wir haben ein bisschen diskutiert. Und es dann wieder gelassen. Wer guckt schon in Putins Kopf? Und vor allem: Wer hat schon Lust auf solche Gedankenspiele? Wenn man gerade essen war und ausnahmsweise mal nicht von der Bedienung angeblafft worden ist, nur weil man is(s)t.

Das Absurdeste aber: Die Stimmung danach war nicht nachhaltig getrübt. Wir hatten das Thema nicht zum ersten Mal. Der Mensch gewöhnt sich. Fast an jeden Wahnsinn. Das ist wohl unser Finger in Richtung Putin.