Christine Lambrecht

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Christine Lambrecht

So wie es aussieht, geht Christine Lambrecht. Nein, sie geht nicht, sie tritt. Zurück. Nachzutreten wäre jetzt billig. Es lassen sich aber Lehren ziehen aus ihrem Social Media-Verhalten als Ministerin. Denn gestolpert ist sie (auch) darüber.

Erstens: Überlegen, warum man Social Media nutzt.

Zweitens: Social Media ist in einem Punkt anders als klassische Medien: Man kann die Leute von dort aus lockerer ansprechen. Man sollte sie sogar lockerer ansprechen. Es bringt weder Usern und – daraus folgend – noch Accountinhabern Zusatznutzen, wenn auf Twitter oder Instagram genau so kommuniziert wird wie in mündlichen oder schriftlichen Pressestatements. Die gute Nachricht: Der Grat zwischen „locker ansprechen“ und „sich anbiedern“ ist nicht so schmal, dass man zwangsläufig ausrutscht. Das Schlüsselwort lautet „authentisch“. Kein schönes Wort, ich weiß. Abgelutscht und oft missbraucht, aber: Kein Wort beschreibt Authentizität besser als „authentisch“.

Drittens: Social Media ist auch in einem anderen Punkt anders als die klassischen Medien: Niemand erwartet perfekte Ausleuchtung, das sterile Ambiente eines Fernsehstudios, fancy Schnitte oder sonstige Perfektion. Einzige Ausnahme: der Ton im Sinne von: Akustik.

Viertens: Der Inhalt muss aber sitzen. Spontan, impulsiv, authentisch – sie alle sind nicht das Gegenteil von „nicht perfekt“. Dieser Irrglaube hält sich hartnäckig. Sich beispielsweise als Ministerpräsident an einer Tanke zu filmen, ohne Stab, ohne Jacket, ohne Krawatte, dabei wütend zu wirken, als wäre diese Aktion eine spontane, impulsive Handlung ohne Vorbereitung, ohne Strategie, ohne Kalkül – das wirkt, wenn man es gut macht, authentisch. Verunglimpft man aber in diesem Video unabsichtlich Menschen, die wenig Geld verdienen, das ist peinlich – und, ganz pragmatisch: strategisch relativ schlecht. Dann gab es womöglich wirklich kein Drehbuch. Und keine Beratung im Vorfeld.

Und damit sind wir bei Punkt 5: das Vier-Augen-Prinzip. Hat sich über Jahrhunderte bewährt, lange vor Social Media. Und besitzt weiterhin Gültigkeit aus naheliegender Gründen. Am besten lässt man jemanden drüber schauen, der einem wohlgesonnen ist und dementsprechend ehrlich. Und sagt: „Besser, du sprichst nicht ausschließlich über dich, wenn du den Krieg in der Ukraine erwähnst, und über die Vorteile, die er dir gebracht hat. Die Leute könnten das richtig falsch verstehen.“

Sechstens: Die Vier-Augen-Regel ist nicht so wichtig, weil: Ist ja nur Internet? Genau deshalb nicht. Nichts versendet sich mehr, wie man lange zu sagen pflegte – und nichts sendet sich dermaßen unkompliziert ganz schnell weiter, potenziert, wie ein Video oder ein Post aus dem oder im Web. Goldene Regel deshalb: Social Media nie unterschätzen – und ebenso wenig die Leute, die sich damit beschäftigen. Weder die Profis (selbst, wenn sie 40 Jahre jünger sind als man selbst. Die kennen keine Welt ohne), noch die Konsumenten. Und erst recht nicht die Wucht.