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5. Mai 2022

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Sonntag also eine Lesung vor echt anwesenden Leuten. Meine zweite in dieser Form seit mein Buch vor – oh, Moment, HEUTE GENAU EINEM JAHR rausgekommen ist. Sekunde, kurz twittern und danke sagen!

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So. Weiter. Kurz vor Erscheinen vergangenen Frühling unterhielt ich mich mit zwei Autorinnen, die schon mehrere Bücher veröffentlicht hatten. Sie seien so traurig, sagten sie unisono, weil durch Corona so gut wie keine Lesungen stattfinden würden. Die seien aber das Tollste am Bücherschreiben!

Ich las erst mal digital. Saß in meinem Arbeitszimmer, blickte auf meinen Computerbildschirm in Zoom-Räume und in interessierte Gesichter von Menschen, die wiederum vor ihren Rechnern saßen. Digitale Lesungen, habe ich mir als Neuling erklären lassen, funktionieren anders als analoge. Die Leute können oder wollen am Bildschirm nicht so lange zuhören, sondern lieber diskutieren, lautet die Begründung. Finde ich gut, klappte gut.

Und dann kam meine erste „echte“ Lesung. Auf einem Literaturfestival in Bayern, mitten im Sommer. Draußen, pandemiekonform. Ich freute mich wie Bolle, war stolz wie Oskar, suchen Sie sich was aus. An einem frühen Samstagabend sollte ich dort lesen. Perfekt, dachte ich, und zuckelte mit der Bahn los. Davon mal abgesehen, dass ein Mann mir beinahe die Visage poliert hätte, weil ich ihn ums Masketragen gebeten hatte, verlief die Fahrt super. Ich ging noch mal die zu lesenden Passagen durch, bereitete mich auf mögliche Fragen vor, prägte mir den zirka 50 Meter langen Weg vom Bahnhof in meine Unterkunft ein. Ich war vorbereitet. Im Kopf.

Auf die niederschmetternde Praxis jedoch war ich nicht vorbereitet gewesen: 12 Leute waren da. Das war der Peak. Schwitzend, mit meinen Beinen hinunterlaufendem Schweiß saß ich vor ihnen, las, antwortete auf die Fragen meiner Moderatorin, und betete, es möge bald vorbei sein. Neben der niedrigen Zahl an Gästen gab es nämlich einen weiteren Unterschied zu digitalen Lesungen: Ich bekam 1:1 mit, kramte jemand während der Veranstaltung sein Mobiltelefon hervor oder lenkte sich anderweitig von meinen Inhalten ab. Menschlich, aber auch sehr verunsichernd.

Im Nachhinein stellte sich raus: Parallel zu mir absolvierte die Nationalmannschaft gerade ein EM-Spiel. Weil die deutsche Elf spielte, kamen zu mir nur zwölf. (Rede ich mir ein, lassen Sie mich bitte in dem Glauben, danke!)

In Essen sind jetzt schon mehr Leute angemeldet, und das ist schön. Das kleine Trauma (kleiner Scherz, es ist natürlich kein echtes Trauma) kann ausgemerzt werden. Denn es ist definitiv noch vorhanden: Gestern telefonierte ich mit einem Mann von der New York Times – der hier seinen Angaben zufolge mitliest, also schöne Grüße! – und erzählte, dass ich an meinem nächsten Buch sitze. Er fragte nach dem Erscheinungsdatum. Und ich registrierte, wie ich innerlich zurückwich und einen Termin zirka 2025 vor meinem inneren Auge erschien. Dann, so meine Hoffnung, ist erstens Corona kein Thema mehr für Veranstaltungen, und zweitens haben sich die Leute aber auch wieder entwöhnt von der digitalen Teilnahme an derlei Events. Die sind nämlich, ist zu hören, auch jetzt wirklich spärlich besucht.

Meinen Groll auf die Nationalmannschaft habe ich übrigens wieder im Griff. Es sind Fußballer. Sie sollen kicken, nicht Termine managen. Natürlich sind die nicht immer perfekt in ihrem Timing. Da bin ich generös.

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4. Mai 2022

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In der Linkspartei ist Schlachtfest. Schlacht im doppelten Wortsinne: Das, was wir da lesen, ist ja verbaler Krieg innerhalb einer Partei. Gleichzeitig wird mehrlei gemeuchelt, vor den Augen einer staunenden Teilöffentlichkeit, die das Nischenmedium Twitter nutzt: Anstand, Respekt, der Ruf der Linken – und der eigenen.

In den vergangenen Wochen hab ich das ein- oder andere Mal überlegt, ob ich nicht falsch liege mit meiner Appell an alle, die sozialen Medien zu nutzen, um den extrem agierenden Rand dort zu schwächen. Um die Hater zu übertönen. Und mit meiner Analyse, dass Transparenz auch politisch Handelnder per se eine gute Sache ist.

Zum einen kam ich ins Nachdenken, weil das Beifallheischende beim ein oder anderen anfing, zu nerven. Als bei Markus Lanz noch Zuschauer im Studio saßen, konnte man bei vielen Talkgästen an Gesichtsausdruck, Satzbau und Pausensetzung nach einer Aussage peinlich genau erkennen, dass sie jetzt Applaus erwarteten, weil einkalkuliert hatten. Dann kam Corona, das Publikum musste zu Hause bleiben mit maximal einem anderen Haushalt, Kinder unter 14 zählten nicht, und die Atmosphäre des Talks änderte sich.

Manche schienen in den sozialen Netzwerken ein gutes Ausgleichsinstrument gefunden zu haben. Das hat einerseits Vorteile für die Mitlesenden, denn in aller Regel lässt sich das Klatschen bei Twitter etc. gut zuordnen. Kommt er von Parteifreunden, zieht man diesen Faktor eben ab. (Bei der Linken muss man das vielleicht noch mal überdenken, da scheint sich der Umgang miteinander ja an völlig anderen Maßstäben zu orientieren. Das stellt sogar die AfD in den Schatten, und da gehen die Lager auch nicht gerade zimperlich miteinander um.)

Andererseits ist Applaus bei Twitter und Co. ja Massenware. Ich meine nicht nur den für komplette Ausfälle, ich meine auch Tweets, die auf „Ich gehe jetzt mal schreien“ oder anderen Phrasen enden. Unterkomplexität zieht auch meistens ganz gut.

Zum anderen kam ich ins Nachdenken, weil ich nicht abzuschätzen vermag, wie viel Schaden Dialoge wie der oben zitierte bei ohnehin politikverdrossenen Leuten anrichtet. Aber das ist ja Quatsch. Wenn es so ist, denn ist es eben so. Warum sollen die Wähler glauben, es läuft, wenn man einander bisher hinter den Kulissen mit Gülle übergießt? Menschen haben ja ein Recht auf Wissen. Mit den plumpen, aber harmlosen Tweets, die auf billigen Beifall setzen, kann man ja leben. Und: Die sagen ja auch was aus, liefern also quasi Metadaten. Bei Lanz will man übrigens dauerhaft auf Publikum im Studio verzichten.

Zurück zum Ausgangspunkt und dem Recht auf Wissen und Bildung, man muss ja immer auch das Gute sehen: Was haben wir alle nun durch die obige, unappetitliche Episode gelernt? „Beleidigte Leberwurst“, wie der ukrainische Botschafter den Kanzler genannt hat, ist im Vergleich geradezu ein Kompliment. Hätte ich bis heute Morgen so auch nicht mit gerechnet.

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2. Mai 2022

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Olaf Scholz ist ja sehr laut geworden, in Düsseldorf am Sonntag, und seitdem finden ihn jetzt Leute super.

Ich will das inhaltlich gar nicht bewerten, was er in Düsseldorf gesagt hat, weil es arg nachgeklappt wäre, wie man im Nachrichtenjournalismus sagt. Hier übersetzt: Sehr spät würde ich in die Debatte einsteigen, und als Nachrichtenjournalistin darf einer so etwas ja nicht passieren. Spät, weil: Scholz ist als Kanzler schätzungsweise einigermaßen eingebunden in Entscheidungen wie die, nun doch (wenn auch alte) Panzer an die Ukraine zu liefern. Also wird ihm der Gedanke schon vor dem 1. Mai gekommen sein, dass schwere Waffen für die Ukraine das Gebot der Stunde sein könnten. Abstimmungen im Bundestag sind aber nicht laut, und Scholz war es am 1. Mai deshalb, weil man ihn sonst aufgrund von ihrerseits lauten Protestlern in Düsseldorf nicht so gehört hätte. Vielleicht auch nicht so gut verstanden,

Es ist demnach eher nicht damit zu rechnen, dass der Kanzler künftig SEINE STANDPUNKTE UND ENTSCHEIDUNGEN NUR NOCH IN GROSSBUCHSTABEN VERKÜNDET, WEIL ER JETZT NÄMLICH ANDERE SAITEN AUFZIEHT.

In den sozialen Netzwerken sind Äußerungen in Versalien seit jeher ein untrügliches Zeichen, es mit jemandem zu tun zu haben, dem die Argumente fehlen und/oder die Manieren, da sind die Grenzen manchmal fließend. Tweets in Großbuchstaben erleichtern den Alltag, denn man sieht auf den ersten Blick: Damit muss man sich nicht lange aufhalten und kann sich Wichtigerem zuwenden.

Nun ist seit einiger Zeit zu beobachten, dass eine zweifelhafte Anpassung auch bei denen stattfindet, die können und wollen. Die Verkürzung der Argumentation, die Reduktion des Argumentationswillens. Beides könnte einer sehr menschlichen Neigung entspringen: der zur Steigerung der Effizienz. Warum, hab ich mich auch schon oft gefragt, soll ich überhaupt in die Tiefe gehen, wenn es hier eh keinen großen Resonanzboden dafür gibt? Das Interesse an Ausgewogenheit ist in den sozialen Netzwerken quasi wegprogrammiert worden. Pick your fights, sagen sich also anscheinend Viele, und beteiligen sich (dabei sein ist alles, vornehm schweigen ist ebenfalls nicht vorgesehen im Social Media-Kosmos) am eher holzschnittartigen Stakkato-Denken und -Formulieren.

Und so ist die Empörung um den offenen Brief an Olaf Scholz an vielen Stellen (hier der Hinweis an das Team „Holzschnitt“: nein, nicht an allen), groß. Die Unterzeichner, so lese ich an vielen Stellen, haben die Bezeichnung „Intellektuelle“ nicht verdient. Man habe sich jahrelang in [hier den Namen eines der 28 Erstunterzeichner einsetzen] getäuscht. Seitdem Initiatorin Alice Schwarzer in einem Interview konsequent „Ukraine“ und „Ungarn“ verwechselt hat, ist eh klar: Der offene Brief ist das Werk Grenzdebiler.

Man kann das so machen. Aber: Man macht dann eben auch dabei mit, Diskurse nachhaltig und prinzipiell zu verflachen. Und dabei, die Fähigkeit und vor allem: die Bereitschaft, Menschen und ihre Argumente erst mal nicht in eine der beiden Schubladen namens „Mein Team“ und „Gegnerisches Team“ zu stecken. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Harte Kritik muss sein, sonst ist der Diskurs nicht erwachsen. Aber das ist „Kritik“ à la: „Ha ha, die sagt immer ‚Ungarn‘“ ja auch nicht.

Vielleicht, nur mal hypothetisch angenommen, ist es ja möglich, das intellektuelle Potenzial, über das man verfügt, für zweierlei zu nutzen: Erstens abzuziehen, dass man sich durchaus in Live-Situationen im Fernsehen verspricht. Wer das ein- oder zweimal ohne Teleprompter und überdies in kontroversen Situationen gemacht hat, weiß das und wird sich hüten, sich bei anderen darüber lustig zu machen oder es auch nur als Beleg für geminderte Denkfähigkeit zu betrachten. Und zweitens für die Anerkennung der ja eigentlich sehr basalen Tatsache, dass eine andere Meinung nicht gleich komplette Bescheuertness bedeuten muss.

Die Initiative Hass melden gibt nun also auf, erst mal, weil sie im Hass untergeht. Hoffentlich tut sie das nicht für immer. Und hoffentlich reißen sich mal alle am Riemen. Wir haben es ja alle in der Hand, dafür zu sorgen, dass es nicht noch schlimmer wird. Richard Gutjahr hat das gerade im Zusammenhang mit dem Shopping King Elon Musk klug aufgeschrieben.

Hier noch einmal für den Freundeskreis „schnell, schmutzig, Aufmerksamkeit heischend und bequem“: Ich verteidige hier nicht den Inhalt des offenen Briefs. Ich gehe nämlich gar nicht auf den Inhalt ein! Das ist hier gar nicht das Thema. Und ich setze den Hass-Mob nicht gleich mit Debatten verkürzenden und es sich in ihrer Bubble bequem gemacht habenden anständigen Leuten. Nur sind die eben auch dafür verantwortlich, dass Respekt herrscht. Und diese Herrschaft unangefochten bleibt.

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1. Mai 2022

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Zirka alle fünf Jahre im Schnitt und über den Daumen gepeilt komme ich in irgendeiner Auseinandersetzung im echten Leben an den Punkt, an dem ich merke: Ich bin in Rage, es geht hier nicht weiter, ohne dass ich laut und/oder gemein werde. Zum Hulk. Bevor das passiert, sage ich lieber: „Ich diskutier das jetzt nicht.“ Und gehe. Das ist auch nicht nett, weiß ich, und souverän sieht auch anders aus. In einer idealen Welt würde das nicht passieren. In einer idealen Welt wäre ich aber auch perfekt, und machen wir uns nichts vor: Das wird nichts mehr. Es hätte sich längst abgezeichnet, verfügte ich über das Potenzial dazu.

In aller Regel diskutiere ich sehr gern, ausgiebig und viel. Ich bewege mich in einem beruflichen Umfeld, in dem Nicht-Diskutieren-Wollen unangenehm auffällt. Grundsätzlich finde ich alles Unausgesprochene bedrohlich, unangenehm, trennend. Lieber höre ich mir harte Kritik an als jemanden, der mir wichtig ist und dem ich wichtig sein möchte, hinter meinem Rücken tuscheln.

Nun ist Kritik aber ganz offensichtlich ein sehr relativer Terminus. Man sieht es beispielsweise an dem äußerst verwaschenen Meinungsfreiheitsbegriff, der ins Feld geführt wird von Leuten ohne Manieren und mit ganz viel Wut und noch mehr Interesse, andere in Sachen Geschmacklosigkeit, Brutalität und Primitivität noch zu übertrumpfen – oder zu untertrumpfen, alles eine Frage der Perspektive.

Da diskutiere ich gar nicht mehr. Da blocke ich. Lange wollte ich das nicht und stellte lediglich stumm. Die Leute konnten mir also noch folgen und antworten, allerdings wurde ich über ihre Reaktionen nicht mehr informiert. Das funktioniert ja im echten Leben auch: Merkt man, dass man an einen in Kombi mit einem selbst (inzwischen) undenkbaren Menschen geraten ist, trennt man sich, beendet die Freundschaft, bricht man den Kontakt ab. Und belässt es im Falle tiefer innerer Überzeugung auch dann dabei, wenn der andere Mensch Rückhol-Aktionen startet.

Der oben zitierte Tweet zeigt, warum Blocken gut und richtig ist: Es ist auch ein Signal an andere, dass hier diskursiv nichts mehr zu holen ist. Und sich Abwenden die einzig angemessene Haltung. In einer idealen Welt würde niemand blocken und würde auch niemand den Kreis derer beschränken, die zum Beispiel auf Tweets antworten dürfen. Aber machen wir uns nichts vor: Das wird auch nichts mehr.

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30. April 2022

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Der Tag danach am Ball danach. Den Tag danach fühle ich in Reinform mit allem, was dazu gehört: die innere leichte Verwirrung des Zeitgefühls wegen spät ins und spät wieder aus dem Bett kommen. Die Gnade mit mir selbst ob einer heute gesenkten Leistungsfähigkeit und -Bereitschaft. Die Sehnsucht, das alles heute Abend fortzusetzen, wo wir uns doch jetzt aneinander so angewärmt haben. Und der Wunsch, ein oder zwei Begegnungen sanft in eine noch schönere Richtung zu lenken.

Vor allem aber: große Freude, wie schön das war. Und wieder werden könnte.

Vorhin drehte ich eine kleine Spazierrunde um den Block. Man muss sich beim Körper ja dafür bedanken dafür, dass er so viele Stunden so viel gute Anstrengung mitgemacht hat (bei meinen Füßen ist noch Luft nach oben, man ist halt nichts mehr gewohnt, keine 20 mehr und selber schuld, wenn man Sitzschuhe auf einem Ball trägt, für den man nur eine Flanierkarte gekauft hat – und die noch nicht mal bezahlt…). Ich traf jemanden aus dem Sender, sehr passend zu meiner gestrigen Liebeserklärung an meinen Kiez. Er sagte: “Wie ich las, kommst du quasi gerade vom Presseball. Wie war‘s?“

Und ich konnte ihm erzählen von einem sehr herzlichen Ball. Ungewohnt herzlich. Zwar begegnen wir einander in Berlin nun auch nicht ständig aufs Schroffste bedacht, ich zähle durchaus herzenswarme, empathische und philanthropische Menschen zu meinem Umfeld (wir sind ja auch alle Zugezogene ;)). Aber das gestern Abend war oustanding. Mein Abend war ganz voller Wunder, so wundervoll.

Die Bekannte, die sagte: “Wie gehts dir? Und ich frage das mit der Bitte um eine ehrliche Antwort, wir sind ja schließlich Nicole und B.!“.

Freundin J., mit der ich lange zusammenstand, wir blickten beide von einer Galerie nach unten auf eine Tanzfläche und führten so ein ganz organisches Gespräch, wie man es nach fast 20 Jahren führen kann: Wellenförmig kamen wir von sehr ernsten und auch schweren Themen auf leichte. Wir lachten, wir nickten, wir versanken zwischendurch mal in uns selbst, nahmen den Faden wieder auf. Wir lachten total banal über selbstvergessene Tanzeinlagen, bewunderten Rhythmusgefühl, Mut zur Performance. Der Faden war deshalb ein roter, weil wir uns freuten, einander in so ähnlicher Stimmung endlich mal wieder außerhalb der pandemiebedingt wenigen Parameter getroffen zu haben.

Die andere Freundin J., die sich ganz offensichtlich alkoholtechnisch unter unser aller Aufmerksamkeitradar durchgemogelt hatte und plötzlich betrunken war, und zwar sehr lustig. J. wird dann noch geselliger, als sie ohnehin schon ist, sie verteilte Blumen an Fremde (die Blumen waren Deko, aber einen besseren Zweck als Verbrüderung kann doch nichts auf der Welt haben), sie tanzte, lachte, sie schaffte den Absprung rechtzeitig, wir teilten uns ein Taxi, und ihr Telefon taucht bestimmt wieder auf.

Ich traf Leute, die ich nur aus dem Netz kenne und aus einander geschriebenen Nachrichten via Social Media-Postfächern, und man umarmte sich wie selbstverständlich zur Begrüßung und freute sich aufrichtig, einander endlich mal in echt zu sehen. Ich lernte Leute kennen, die ich nur aus dem Fernsehen kenne, wir kamen ins Gespräch und sagten einander nette Dinge. Immer wieder gab es herzliche kleine Berührungen am Arm. Und es gab sehr oft sehr offenes Lächeln ins Gesicht. Ich bin, der ein oder andere mag es beim Lesen zwischen den Zeilen hervorblitzen sehen, beseelt.

„Das klingt wie der Ball danach“, sagt der Mann aus dem Sender, dem ich auf der Straße davon erzähle und der beim Zuhören mitgelächelt hat. “Wie der erste Ball nach der Pandemie.“ Die ist ja noch gar nicht vorbei, aber er spricht einen Gedanken aus, den ich heute auch schon hatte. Es war der Ball nach der Pandemie in den Köpfen. Es war ganz dringend nötig für die, die da waren, das war sehr offensichtlich. Nun waren wir alle gestern getestet, ich bin ja gerade genesen, es war im Rahmen meiner individuellen Risikobereitschaft total ok. Die Warn-App wird sich rot färben, alles andere wäre eine Überraschung. Dann ist es so. Ich habe gestern Abend gesehen und spüre heute, dass ein anderes Risiko größer war: Nicht zu merken, was wir alle mal wieder so dringend gebraucht haben. “Nach“ Pandemie, während eines Krieges.

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29. April 2022

Harry und Sally, die Leute, um die es in Klaus Lages „1000 und 1 Nacht“ geht, Dalli und Ethelbert in den „Mädels vom Immenhof“ – es gibt sie nicht selten, die späte Liebe. Tiefe, schwere, wahre Gefühle zwischen zwei Menschen, die sich schon lange kennen und erst auf den zweiten Blick erkennen, dass sie das Allergrößte füreinander sind und sich mit niemandem wohler fühlen als mit dem jeweils anderen.

Ich habe so etwas noch nie erlebt. Bis jetzt. Gestern fiel es mir auf: Berlin und ich, nach 17 Jahren, nach zirka 8749.74628330 Blicken – it‘s a match. Ich schlenderte durch mein Viertel, traf eine gute Bekannte, die gerade zur Freundin avanciert, wir unterhielten uns kurz und verabredeten uns für Samstagabend. Ich schlenderte weiter, traf einen entfernten Kollegen, wir aßen ein Eis. Heute Morgen traf ich auf dem Weg zum Bäcker eine alte Freundin, wir freuten uns und plauschten miteinander. Ich kam mir vor wie die Bürgermeisterin. Heute Abend, aufmerksame Leser und Leserinnen wissen es, gehe ich auf den Bundespresseball. Und mit jedem Tag wird die Zahl derer, die ich kenne und dort treffen werde, mehr. Nach 17 Jahren kennt man halt ein, zwei Leute. Das Regierungsviertel ist ja zudem auch nicht riesig, die Bundespressekonferenz schon mal gar nicht.

Hinzu kommt: In Berlin ist ja so gut wie jeder Kiez eine Entscheidung für einen Lebenswandel. Zumindest die, für die man sich aktiv entscheiden kann. Die, in die man ziehen muss, weil das Geld einen verdrängt, werden mehr, wir haben hier ja ein akutes Mietsteigerungsproblem. Ich weiß, ich weiß, in Hamburg (wohnte ich schon) und München (wohnte ich auch schon) lacht man darüber. Hier nicht. Viele Menschen zogen einst her wegen der günstigen Mieten, und diese Stadt hat einen Wandel hinter sich, wie ihn Hamburger und Münchener wohl schwerlich durchstehen würden. Die Fallhöhe ist also eine andere.

Mein Kiez ist folgerichtig eine bewusste Entscheidung, eine sehr typische, wie sie mittelalte Frauen treffen, die was mit Medien machen. Ich wohne also schon lange im Kiez, wenn auch nicht in dieser Wohnung. Dementsprechend gut bin ich hier vernetzt. Es ist kaum möglich, zum Rewe, zum Lidl, in den Biosupermarkt, zur Eisdiele, in den Buchladen oder Pizza essen zu gehen, ohne zufällig jemand mir Bekanntem über den Weg zu laufen. Und das ist genau das, was ich sehr lange vermisst habe. In Gütersloh muss man sich schon aktiv verstecken, um nicht bekannt zu sein wie ein bunter Hund. Meine Eltern sind dort beide geboren und aufgewachsen, meine Vater ist ein Vereinsmeier. Ich bin dort in den Kindergarten gegangen, zum Kinderturnen, zum Kinderschwimmen. Zur Grundschule, aufs Gymnasium. Auf jede Party, die mit dem Fahrrad erreichbar war. Ich war immer sehr kommunikativ, also: Ich kannte alle, die auch alle kannten.

Manche nervt das und die damit Hand in Hand gehende soziale Kontrolle. Ich brauche das, ich liebe das sehr. Für mich gehört das zum Zuhause-Gefühl dazu. Die ersten Jahre hier in Berlin ging es mir wie an der Uni: Ich war entsetzt darüber, dass unterzugehen, ohne dass jemand etwas davon merkt, eine realistische Option war.

Nach 17 Jahren ist das nicht mehr so; man muss auch glaube ich schon eine Menge verkehrt machen, um nicht doch irgendwann anzukommen. Im Kiez. Ich erinnere mich, wie ein Kommilitone im Grundstudium in Münster mal sagte: „Wer in die Großstadt zieht, verliert seine Seele.“ Ich gebe ihm Recht, nach 17 Jahren Berlin, einem Jahr München und vier Jahren Hamburg. Aber mein Kiez, der rettet mich. Ich liebe meine Stadt. Bleib ich wohl hier.

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27. April 2022

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Als ich heute Morgen aus dem Haus trat, bot sich mir ein ungewohntes Bild: Leere. Die Fahrräder und Autos der Nachbarn, und zwar so gut wie aller Nachbarn – weg. Alle im Büro. Wie früher, vor Corona. Ich weiß nicht, wann das passiert ist. Dinge geschehen ja allermeistens nur in unserer Phantasie Knall auf Fall, in der Realität sind es Prozesse, schleichende oft. Ich gehe also nicht davon aus, dass sich alle hier gestern Abend dazu verabredet haben, zurückzukehren an ihre Schreibtische im Nicht-Home-Office. Es wird nach und nach so gekommen sein, und ein paar sitzen wahrscheinlich auch heute daheim. Und ein paar von denen, die heute außerhäusig arbeiten, dafür dann vielleicht wieder morgen.

Der Krieg kam für die allermeisten von uns Knall auf Fall. Heute ist der 64. Tag. Schon vor drei Wochen sagte eine Freundin: „Ich habe heute einen Podcast aufgezeichnet. Am Anfang haben wir auf Spenden für die Ukraine hingewiesen – aber ich hab nicht das Gefühl, dass jemand sich aufregen würde, hätten wir das nicht getan.“ Wir sprechen alle weiter drüber, wir denken alle weiter drüber nach. Viele fürchten sich, viele helfen. Aber die Furcht schleicht sich in den Alltag ein. Der Krieg wird in den Alltag integriert, wir tun das kognitiv und emotional und automatisch.

Gestern Abend kam mein Kleid für den Bundespresseball. Der ist morgen, ich geh hin. Ich freue mich. Nicht so unbedingt, wie ich das in anderen Zeiten getan habe. Aber: Ja, ich freue mich auch. Ich weiß um viele Leute, die dort hin gehen, die ich mag, und ich bin gespannt, wen ich zufällig treffe.

Und ich frage mich: Ist das ok?

Inzwischen steht der Ball unter dem Vorzeichen „Solidarität mit der Ukraine“. Viele haben trotzdem abgesagt, der Bundespräsident, der Kanzler, Ministerinnen und Minister. Diese Woche hat die Bundesregierung beschlossen, nun doch schwere Waffen an die Ukraine abzugeben. 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr werden diskutiert. Deren unbedingte Verteidigungsbereitschaft von vielen Seiten betont wird, „gerade jetzt“. Die Frage, ob Deutschland zur Kriegspartei wird, ob Putin einen Atomkrieg anzetteln könnte – alles in der Luft, alles parallel zum Frühling, parallel dazu, dass draußen gerade alles heller und grüner wird.

Andererseits haben aber auch sehr viele zugesagt; es soll sogar eine Warteliste geben.

Der ukrainische Botschafter wird eine Rede halten, Pressefreiheit ist auch ein Motto des Balls. Aber machen wir uns nichts vor: Wir werden nicht den ganzen Abend lang über den Krieg reden. Also stellt sich die Frage: Kann man tanzen, lachen, feiern angesichts des Krieges? In einer Gegenwart, die dunkel ist, blickt man auf die Weltpolitik und die Weltkarte? Auf die Bedrohungsszenarios, die ja da sind, obwohl wir uns auch an sie schon gewöhnt haben? Darf man das? Warum? Warum nicht?

Wo ist die Grenze? Was geht, was nicht? Das ist ja eine Frage, die sich in körperlich unmittelbarer Form während der Pandemie stellt – nicht stellte, die ist ja auch noch da. Wann fährt man in Urlaub, wohin fährt man in Urlaub, ohne leichtsinnig und/oder unsolidarisch zu sein? Wie lange hält man es aus, die Kinder zu Hause zu unterrichten? Wie stark reizt man die Vorgaben aus? Lädt man wirklich einen weiteren Haushalt ein, erlaubt ist es ja, oder oder setzt man sich vorsichtshalber doch lieber in dicker Jacke zusammen auf eine Parkbank, wegen der Aerosole?

Nun ist ein Ball ja so ziemlich das highest level of Vergügung. Viele Leute, viel Spaß. Und viel Ich-Bezogenheit in Kombination mit Fragen wie: Was ziehe ich an? Wie trage ich die Haare? Welcher Schmuck, welche Schuhe? Vergleichsweise lächerliche Fragen im Vergleich zu: Was packen wir ein für die Flucht? Wie kommen wir hier am schnellsten und sichersten raus? Wie erkläre ich meinem Kind, was passiert ist? Und dass sein Vater hierbleibt, um zu kämpfen? Wie erkläre ich meinem Kind, dass seine Mutter es nicht geschafft hat?

Die gute Antwort für mich persönlich (!) lautet: Es geht ja immer mehr als nur ein Gefühl, als nur ein Aufmerksamkeitsstrang. Gehe ich morgen Abend auf den Ball, beschäftige ich mich vorher mit den oben genannten banalen Fragen, bedeutet das ja nicht automatisch, dass ich meine Gedanken- und Gefühls-Festplatte ausbaue und durch eine ersetze, die aussschließlich mit Amüsement-Daten gespeist werden kann. Ich bekomme auch kein neues Herz implantiert, das ausschließlich um mich und meine hedonistischen Bedürfnisse kreist und keinen Platz mehr birgt für Schicksale, die anders verlaufen als meines.

Übrigens: Für den Einlass morgen Abend ist ein tagesaktueller Corona-Test nötig. Allein dieser Hinweis auf der Einladung hat mir klargemacht: Das wäre ja auch ein „Hingehen? Ein Pro und Kontra“ wert. Die Pandemie schleicht sich aus, zumindest in unseren Köpfen. Auch das ein Prozess.

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26. April 2022

Das ist Kalle. Kalle gehört jetzt zur Hälfte mir. Ich besitze neuerdings einen halben Hund. Und das kam so.

Vor ziemlich genau zwei Jahren, als die Angst vor Corona groß war und es schon warm genug, um den Tag draußen zu verleben, stand ich an einem Samstagmittag vorm Haus und wartete auf Gesellschaft. Und während ich da so in die Sonne blinzelnd herumstand, hörte ich einen Nachbarjungen seine kleine Freundin von zwei Häusern weiter fragen: „Holt ihr jetzt den Dackel?“ Als sie nickte, stand ich weiter herum, aber innerlich hüpfte ich.

Ich bin mit Dackeln aufgewachsen. Meine Oma hatte Dackel. Die hießen immer Nicki. Finde ich persönlich retrospektiv schwierig als Enkelin namens Nicole, aber damit vertrete ich wie so oft innerhalb der Familie eine Einzelmeinung. Als ich neun war und keine Nacht durchzuschlafen gedachte, winkten meine Eltern mit einem Dackel (sinngemäß): Würde ich fünf Nächte hintereinander durchschlafen, würden wir auch einen bekommen. Das funktionierte natürlich, man ist ja nicht doof, und so zog Elfie bei uns ein. Als Elfie nach einem langen Hundeleben starb, war ich längst ausgezogen. Auf Elfie folgte Jule, und inzwischen hat Coco ihren Platz eingenommen. Coco sieht haargenau aus wie Kalle, und als sie zu meinen Eltern kam, reichte sie mir vom Handgelenk bis zur Speiche. Besuche ich meine Heimat, liegt Coco etwa 90% der Zeit auf meinen Beinen oder in meinem Arm.

Nur fahre ich nicht so oft nach Gütersloh, dafür aber oft ins Büro. Und dort bleibe ich ziemlich lange, überdies weiß ich meistens morgen nicht, wie lange es sich wohl ziehen wird. Nachrichten sind unberechenbare Viecher. So sehr ich auch gerne eine Coco hätte: Es wäre egoistisch, einen Hund anzuschaffen. Nicht, dass ich diesen Gedanken nicht schon hundertmal durchgespielt hätte.

Dann kam Kalle, und das löste alle meine Probleme. Kalle ist ein sehr lustiger, sich kolossal selbst überschätzender und maßlos lieber Kerl. Autos weicht er grundsätzlich nicht aus, er war ja zuerst da, größere Hunde (und so gut wie alle Hunde sind größer als Kalle) werden ganz selbstverständlich angekläfft und in die Ohren gebissen. Kalle ist der erste Hund, den ich kenne, der ausschließlich das Gelbe vom Ei isst. Das Weiße knabbert er ab und verteilt es in der Wohnung. Und Kalle ist ein kleiner großer Freund des Körperkontakts. Selbst wenn ich in der Küche Gemüse schneide, liegt er auf meinen Füßen. Ich mache keinen Schritt, ohne dass er mir folgt. Keine Redewendung ergibt für mich mehr Sinn als „hinterherdackeln“.

Wenn Kalles Familie in Urlaub fährt, wohnt er hier. Bin ich tagsüber lange weg, passt eine Nachbarin auf ihn auf. So war das auch jetzt über die Osterferien. Das waren sehr schöne zwei Wochen. Es war der vierte Urlaub, den er hier verbracht hat, und wir sind mittlerweile sehr routiniert. Wir haben unsere Liebe in den Alltag hinübergerettet. Umso erschrockener war ich, als ich Freitagabend eine Nachricht von Kalles Besitzern bekam: In gut drei Stunden seien sie zurück. „HEUTE?!!“ lautete meine Antwort, und nun gibt es einen Deal: Kalle kann hier schlafen, wann immer der Wunsch besteht. Auch außerhalb der Ferien.

Ich liebe Kalten Hund, ich liebe Hot Dogs – und ganz besonders liebe ich meinen halben Hund. Morgen kaufe ich ein Körbchen. Er wird es nie benutzen, aber wenn er nicht da ist, kann ich mir mit Blick drauf einbilden, er wäre es doch.

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25. April 2022

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Habe überlegt, wofür es richtig, richtig Ärger gibt auf Twitter. Und auch bei Instagram. Da sind ja auch nicht nur total liebe Leute. Worauf sich alle unzufriedenen und unerzogenen Leute einigen können, wozu sich alle auf einen sehr lauten und ungezogenen Plausch auf der Palme einigen und verabreden können, ist: Gendern. Ich habe selten so absurde Zuschriften bekommen wie nach Sequenzen im Fernsehen, in denen ich gendernd zu sehen und zu hören war.

Lowlight war ein älterer Herr, der sich unter seinem Klarnamen bei Facebook ein vergiftetes Herz fasste und mir schrieb. Er wünsche mir und vor allem meiner Familie, dass ich ins Wachkoma falle. Für sehr lange Zeit. Ich solle nicht sterben, sondern vor mich hinvegetieren. Meine Angehörigen sollten immer mal hoffen, dass ich doch wieder aufwache und stets aufs Neue enttäuscht werden.

Keine Ahnung, was ich hätte anstellen müssen, um das zu verdienen. Geschweige denn meine arme, völlig unbeteiligte Familie. De facto hatte diesen abscheulichen Herrn die Tatsache so in Rage versetzt, dass ich den Glottisschlag verwendet hatte. Womöglich ist er da traumatisiert. Es soll ja Leute geben, die aus ganz anderen Gründen Traumata mit sich herumtragen. Menschen können sehr irre sein.

Seit einiger Zeit gendere ich nicht mehr, aus ganz pragmatischen Gründen: Unter Videos wurde fast ausschließlich darüber diskutiert, nicht mehr über die Inhalte. Dafür war mir meine Arbeitszeit zu schade. Klar, in meinem Fall haben damit die Krawallos gewonnen, könnte man sagen. Aber erstens gibt es ja auch Menschen, die das Gendern mit Glottisschlag ablehnen, ohne anderen direkt einen Hirnschlag an den Hals zu wünschen. Und zweitens: Wenn ich mit jüngeren Menschen rede, wird mir sehr schnell klar: Das Thema ist einem natürlichen, demografischen Prozess unterworfen, sodass es nur noch eine Frage der Zeit ist. Die jungen Leute gendern.

Obwohl ich das Experiment für mich im vergangenen Jahr an den Nagel gehängt habe, schreiben mich grob über den Daumen gepeilt weiterhin ein, zwei Spezialfachleute pro Woche an. Die sehr originellen veranstalten irgendwas mit meinem Nachnamen, der ja das Wort „Mann“ beinhaltet, und wer auf Zack ist, der erkennt mit dem Adlerauge des Genies die Vorlage darin für einen Spitzengag. Andere pöbeln einfach so. Es geht also gar nicht um einen aktuellen Aufhänger, sondern um aktuellen Frust. Da scheine ich eine beliebte Anlaufstelle zu sein. Ein Ventil. Man weiß es nicht.

Dem älteren Herrn hab ich damals geantwortet, dass ich seine Zuschrift niederträchtig finde und sie meine Familie bestimmt sehr verletzten würde. Darauf entschuldigte er sich ganz schnell mit der – auch dies eine Spezialität der Gripselite – beliebten Begründung, jemand anderes hätte über seinen Account Kontakt zu mir aufgenommen. Ich bin ein Ventil. Bei solchen Maulhelden ist schnell die Luft raus. Haben wir also doch was gemeinsam. Wenn auch denkbar wenig.

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24. April 2022

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Barbra Streisand wird 80, gestern Abend schwelgten eine langjährige Freundin und ich in Erinnerungen, und gestern Nachmittag sah ich einen Mann, der so aussah, wie ein anderer Mann jetzt aussehen könnte. Würde er noch leben.

Erinnerungen. Man spricht ja viel drüber im Zusammenhang mit Tod. Der Mensch, der gegangen ist, lebt in unseren Erinnerungen weiter, sagen wir, und das ist ja auch so. Optisch bleibt er auch in Erinnerung. Konserviert. Das wurde mir gestern klar, als ich eben den Mann sah, der einem anderen so ähnlich sah. Hätte der noch die Chance gehabt, weiter zu leben, zu altern. In dem Moment, in dem Schluss ist mit Leben, ist natürlich auch Schluss mit neue Erinnerungen hinterlassen. Und bewusst bin ich noch nie auf die Idee gekommen, mir vorzustellen, wie Menschen jetzt wohl aussähen, wären sie noch da.

Das ist eine Facette von Erinnerungen. Eine andere: Tote bleiben in unserer Erinnerung, aber ihre eigene und auch Teile unserer gemeinsamen nehmen sie mit ins Grab. Gestern Abend saß ich wie gesagt mit Freundin L. zusammen. (In einem Promi-Hot-Spot nebst deprimierenden Ereignissen, aber das Thema Wohlstandsverwahrlosung würde den Rahmen hier sprengen.) Wir kennen uns seit dem allerersten Tag des Studiums, haben sehr viel Zeit zusammen verbracht, auch mal zusammen gewohnt, dann zog ich in eine andere Stadt, und wir lebten nie wieder in derselben. Trotzdem haben wir es geschafft, uns nicht aus den Augen zu verlieren. Aber natürlich verliert man Anekdoten. Kein Mensch kann sich alles merken. Neben allem Aktuellen sprachen wir auch über früher, unser schönes, sehr lustiges Früher (keine Sorge, mit unserem Jetzt sind wir auch sehr zufrieden, wenngleich es wahnsinnig unterschiedlich ist).

Und wir ergänzten einander. Ich hörte Geschichten, die ich längst vergessen hatte, und ich erzählte Geschichten, die L. erst allmählich wieder zu rekonstruieren in der Lage war.

Meine Mutter ist vor drei Jahren gestorben. Die Frau war klein und zierlich, und trotzdem war sie ein Elefant. Ihr Gedächtnis war phänomenal. Sie konnte sich alles merken. Dialoge zwischen ihren Eltern (mein Opa starb in den frühen Siebzigern) konnte sie mühelos wiederholen, die Namen ihrer Grundschulfreundinnen saßen bis zum Schluss, Geschichten aus meines Bruders und meiner Kindheit waren stets akkurat abrufbar. Das alles ist jetzt weg. Skurril: In meinem Leben ist sie immer noch präsent, aber durch ihren Tod fehlen jetzt Teile meines Lebens.

Meine Mutter wurde nur 69. Barbra Streisand wird wie gesagt 80. Gucken Sie „So wie wir waren“. Ich mag den Film sehr. Und wollte ihn meiner Mutter noch zeigen.