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Berlin rastet aus: ein neuer Supermarkt!

Ich lebe seit 17 Jahren in Berlin. In der größten Stadt, in der ich bisher je gelebt habe. Gebürtig stamme ich aus Gütersloh. Da wurden wir quasi jedes Jahr zum Zählappell gebeten, weil wir ENDLICH die 100.000 durchbrechen wollten. Hat erst nach meinem Wegzug geklappt. Worin ich keinen Zusammenhang sehe.

Gütersloh ist ein Dorf. Ob 80.000 oder über 100.000 Einwohner – Gütsel besteht aus einem Kern und vielen eingemeindeten Bauernsprengseln drum herum. (In die wir Kerngütersloher ab Teenie-Alter an den Wochenenden zum Feiern gefahren sind, aber die völlig missglückte Freizeit-Politik meiner Heimat ist ein anderes Thema und womöglich zu nischig.)

Alle kennen in Gütersloh also alle. Ich finde dieses Konzept ja schön. Meine Eltern waren selbstständig, meine Großeltern auch, dazu waren alle auch noch Vereinsmeier und Stammtischler. Zogen mein Vater oder auch meine Mutter und ich durch die Stadt, winkten wir abwechselnd bis zum Abwinken in sämtliche Richtungen. So definiere ich Geborgenheit.

Gut, Provinz bringt natürlich nicht nur Vorteile mit sich. Diskretion, Rebellion oder Rumstümpern spielen sich selten im Verborgenen ab. Einmal zum Beispiel tönte ich mir heimlich bei einer Freundin die Haare lila, fuhr die ca. 10 Minuten Distanz mit dem Rad nach Hause – und erlebte dort statt des Überraschungs- nur den Entsetzenseffekt. Eine Freundin meiner Mutter hatte mich von ihrem Laden aus gesehen und direkt die Style-Polizei meine Eltern informiert. Ähnlich lief es ab, als ich mit sehr frischem Führerschein einem Kumpel meines Vaters den Seitenspiegel abfuhr.

Bei allen Nachteilen für Fahranfängerinnen und Jugendliche auf der Suche nach der optimalen Haarfarbe („Wildpflaume“ ist es jedenfalls nicht) – ich liebe ja Provinz. Wenn ich viele Leute kenne, grüße, zufällig treffe und über Jahre begleite, finde ich das schön. Nach Berlin bin ich nicht gezogen, weil ich die Anonymität der Großstadt schätze. Sondern, weil ich jemanden sehr schätzte und diese Anonymität dafür in Kauf genommen habe.

A propos Kauf: Heute fühle ich mich, als wäre ich wieder in Gütersloh. Heute hat nämlich der Edeka an der Winsstraße endlich geöffnet, und das hat tatsächlich zu einem kleinen Twitterdialog geführt mit Leuten hier aus dem Kiez. Wir freuen uns! Vor ich glaube sechs Jahren war das Haus, in dem sich der Vorgänger-Supermarkt befunden hatte, abgerissen worden, und nun ist der Neubau fertig. Ich möchte eine Nachbarin zitieren, die ich heute flugs informierte:

Nun ist es nicht so, dass wir hier einen Mangel an Supermärkten hätten. Ich lebe, Klischees kommen nicht von ungefähr, im Prenzlauer Berg, und die Infrastruktur ist tipptopp. (Ist sie aber auch in Gütersloh-Avenwedde oder Harsewinkel zumindest in dem Maße, dass ein neuer Laden da jetzt nicht zu dreitägigen ekstatischen Paraden führen würde.)

Nein, wir haben keinen Mangel an Supermärkten. Wir haben einen Mangel an Freundlichkeit.

Durch den temporären Wegfall des ehemaligen „Flirt-Kaisers“, so hieß der jetzige Edeka einst wegen der dort legendären Anbahnungsquote zwischen Fleisch und Pflaumen, mussten wir ausweichen. Unter anderem auf einen Markt, in dem nicht der Kunde König ist, sondern der motzigste Mitarbeiter oder die motzigste Mitarbeiterin.

Man ist hier ja viel gewohnt. Im Café: „Welchen Kuchen haben Sie denn heute?“ – „Steht allet inna Vitrine!“ Beim Bäcker: „Entschuldigung, ist das Brot frisch?“ – „Nee, sind Sie et?!“ Beim Italiener, den der „Lonely Planet“ wegen seiner unfreundlichen Mitarbeiter anpreist (wie irre kann man sein?): „Könnten wir die Nudeln vielleicht auch als Kinderportion haben?“ – „Nein, könnt Ihr selber zu Hause kochen.“

Im Ausweichsupermarkt würde man vom Rest der Belegschaft vermutlich geächtet, würde man so mit der Kundschaft reden. Weil man den Kodex verletzen würde. Zu freundlich.

Nun also haben wir wieder Sonne im Herzen, denn egal, wer im neuen Edeka wohl arbeitet: Es kann nur freundlicher sein. Morgen werde ich mir das in aller Ruhe anschauen, und habe auf Twitter schon versprochen, zu berichten. Flirten will ich nicht. Nur ein paar Bananen kaufen. Und nicht angeschrien werden. Ost-Berlin eben.

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Kühnert macht den Habeck.

Kevin Kühnert hat sich bei Twitter abgemeldet. Twitter führe zu „Irrtümern in politischen Entscheidungen“, so begründet der SPD-Generalsekretär seinen Schritt (€). „Etwas ist schiefgelaufen“ erscheint nun auf seinem Account. Findet Kühnert auch, irgendwie so prinzipiell und generell. Er macht also Twitter, eine Plattform, und ihre zugegebenermaßen äußerst schwierige Debattenkultur verantwortlich für Fehler bzw. Probleme seines Handelns.

Man könnte es auch so ausdrücken: Kühnert macht den Habeck.

Robert Habeck, damals noch Grünen-Chef, hat sich Anfang 2019 vom Kurznachrichtendienst verabschiedet. Der polarisierende Ton dort, der Zwang, zuzuspitzen, färbe auf ihn ab, schrieb Habeck dazu in seinem Blog. Was er dort auch sehr offen erwähnt, nicht aber als ausschlaggebenden Grund für seine öffentlichkeitswirksam inszenierte Abkehr nennt: dass er quasi zwei Mal denselben Fehler gemacht hat. Nämlich zwei Bundesländern durch eine ungenaue Formulierung quasi ihre demokratische Verfasstheit abgesprochen. Und das nicht etwa in einem Schwung – nein, im Abstand von mehreren Monaten. Beim zweiten Mal traf es Thüringen: „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird, ein ökologisches Land“, sagte Habeck in einem von den thüringischen Grünen anlässlich der dortigen Wahl im Januar 2019 veröffentlichten Video.

Ein demokratisches Land „wird“, sagte Habeck. Nicht „bleibt“. Das wäre auch eine schwierige Formulierung gewesen, wären die Grünen dort nicht gar an der Regierung beteiligt gewesen, als ihr Bundesvorsitzender seine unbedachten Worte sprach. Und damit auf übergeordneter Ebene erstens den Eindruck erweckte, schlampig zu sein und zweitens, nicht aus Fehlern zu lernen. Denn, wie bereits erwähnt, de facto war ihm mit Bezug auf Bayern im Oktober 2018 dasselbe passiert. Etwas war schiefgelaufen. Zwei Mal.

Nun also Kühnert. Der heute Morgen noch massiv kritisiert wurde wegen Äußerungen zu Panzerlieferungen an die Ukraine. Die er ablehnt. Es gibt ja kaum noch ein emotionslos diskutiertes Thema in den sozialen Netzwerken. Russland/Ukraine aber gehört eindeutig zu den großen Aufregern. Wenn man sich dazu äußert, zumal dermaßen exponiert und umstritten, ist auf Twitter einiges los. Die Hölle. Ein logischer Tag also, um seinen Account zu deaktivieren.

Ich kann es so gut verstehen. Denn auf den Plattformen ist ja auch sehr viel schiefgelaufen und läuft viel schief. Ich will hier niemanden langweilen, wir wissen das ja inzwischen alle. Aktuell steht mir der Mund noch offen, nachdem gestern jemand unter einem Tweet von mir irrtümlich Cottbus in Thüringen verortete und dafür von diversen Usern angefeindet wurde. Als ich darauf hinwies, dass man sich womöglich im Ton moderater äußern könne, antwortete mir wahrhaftig jemand, der Accountinhaber habe sich den Hass verdient. Es gehöre schließlich zur Allgemeinbildung, dass Cottbus in Brandenburg liegt.

Zur Allgemeinbildung gehört mittlerweile auch, dass Teile der Social Networks in der Hölle liegen.

Und trotzdem ist der Abgang die falsche Entscheidung, die falsche Schlussfolgerung, das falsche Signal. Politiker müssen in der Lage sein, zu kommunizieren. Ob es unbedingt offener Streit sein muss wie am Wochenende zwischen Armin Laschet und Markus Söder wegen der Frisur von Anton Hofreiter – nein, ich mache keine Scherze, sehen Sie selbst:

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…ob das sein muss, lassen wir mal dahingestellt. Aber gar nicht mehr dabei zu sein und dem dem Mob das Feld zu überlassen – das ist für eine Demokratie nicht gut. Als demokratischer Politiker kommt man seiner Vorbildfunktion damit nicht nach. Problematisch ist auch, nicht mal zu versuchen, es besser zu machen. A

ber schauen wir uns noch mal genau an, was wir aktuell auf Kühnerts Twitter-Account zu lesen bekommen:

„Erneut versuchen“. Vielleicht macht er das ja.

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Warum Skrupellose gern übers Gendern reden

Strommarktdesign. Gaspauschale. Energiemix. Speicherkapazitäten. Flüssiggas-Terminals. Wasserstoff-Verbrennungsmotoren. CO2-Bepreisung. Inflation. Rezession. Reservebetrieb. Der Kolonialismus der britischen Krone.

Na, elektrisiert?

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Winnetou. Der Tod der Queen. Lange Haare bei Männern. Maskenpflicht. Weihnachtsmärkte. Das gemeinsame öffentliche Trauern von William, Harry, Kate und Meghan.

Na, interessiert?

Ich bemerke, dass ich mich durchaus dazu motivieren muss, mich mit den zuerst genannten Themen eingehend zu beschäftigen. Ich trete mich trotzdem in den Hintern, weil das zu meinem Berufsprofil gehört und es mir unangenehm wäre. Ich möchte aber nicht verhehlen, dass es mir ungleich mehr Disziplin abverlangt, mich diesen zu widmen als beispielsweise den in der zweiten Auflistung genannten wie etwa der Maskenpflicht. Oder dem Tod der Queen.

Für Letzteres gibt es zwei Gründe: Man kann da mitreden, ohne groß vorgebildet zu sein, erstmal zumindest. Im unmittelbaren Augenblick des Ereignisses reicht ein Austausch über Emotionen. Die Phase, in der Hintergründiges ausgetauscht wird, kommt erst später. Zum einen funktionieren Medien so, zum anderen erfordert das im konkreten Fall auch das Konzept namens „Pietät“. Zweitens erinnert mich paradoxerweise der Tod der Königin Elisabeth an meine Kindheit, also an eine Zeit, in der ich mir noch keine Sorgen machen musste. Das ist inzwischen anders. Klima, Wirtschaft, Pandemie. (Fast hätte ich hinzugefügt, dass natürlich viele Menschen viel größere Sorgen haben als ich, aber wir sind hier ja nicht bei Twitter, weswegen ich mal optimistisch davon ausgehe, dass man mir hier nicht gleich wieder unterstellen wird, dass ich nur zu einem in der Lage bin: Mir Sorgen um mein Umfeld und mich zu machen ODER um andere.)

So. Weiter. Es ist ja erstmal ein Zeichen von funktionierender Selbstfürsorge und intakten Abgrenzungsmechsnismen, wenn man den komplizierten und auch bedrohlichen Themen andere vorzieht. Der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung ist das, was uns gesund hält, so hab ich das mal gelernt. Je nach Disposition tendiert man mehr zum einen oder zum anderen, und noch mal je nach Disposition ist man entweder in der Lage oder willens (das ist ein Unterschied, beides kommt vor), sich auch zur Beschäftigung mit dem anderen hin zu disziplinieren. So wie die Queen – sehen Sie, geht schon wieder los. Es zieht mich zum Profanen. Meine Entschuldigung lautet: Sonntag.

Konsequenterweise schweife ich ab, aber: Zurück zum Thema. Es ist also total menschlich und logisch (psycho-logisch), sich lieber mit Profanem zu beschäftigen. Das Ganze wird sogar durch einen Namen geadelt (ich kann es nicht lassen, tut mir Leid): Wir haben es hier mit dem Law of triviality zu tun.

Dieses besagt, dass es uns Menschen einfach viel näher liegt, uns mit Trivialem zu beschäftigen – vor allem in Anbetracht von zu treffenden weitreichenden, komplexen Entscheidungen. Ironie der Geschichte: Als Beispiel für seine These wählte ihr Aufsteller, ein Mann namens C. Northcote Parkinson, ein fiktives Komitee, das sich mit dem Bau ausgerechnet eines Atomkraftwerks beschäftigen sollte. Stattdessen beschäftigte sich das Komitee aber lieber mit Fragen wie: Aus welchem Material soll der Fahrradschuppen für die Mitarbeiter:innen (ich mach das jetzt wieder) bestehen?

Man kann sie nur allzu gut verstehen, diese Mitglieder des Komitees, oder? Atomkraft – krasse Entscheidungen. Und eben komplexe. Viele Variablen müssen berücksichtigt werden, übereinander gelegt, miteinander kombiniert, gegeneinander gestellt. Viel Input braucht man dafür – und damit auch viel Zeit. Das Potenzial, Fehler zu machen, ist hoch. Und das Ausmaß der möglichen Folgen möglicher Fehler potenziell katastrophal. Dystopisch.

So ein Fahrradschuppen kann also entweder eine Ersatzhandlung sein, oder eine Etappe. Um sich zu motivieren. So wie wenn ich an einem schwierigen Text sitze, nicht weiterkomme oder auch einfach unzufriedne bin, und dann erst mal den Backofen putze. Ich hab dann was geschafft. Ich bin zu etwas in der Lage, mein Selbstbewusstsein freut sich, trau ich mich wieder an den Text ran.

Ist der Text für einen meiner Arbeitgeber oder Auftraggeber gedacht, muss ich ihn zu Ende schreiben. Sonst kriege ich ein Problem. Sollte das ausgedachte Komitee sich ausschließlich mit allem anderen außer der ihm eigentlich zugedachten Aufgabe beschäftigen, hat es das auch. Seine Mitglieder verlieren an Glaubwürdigkeit und Reputation, der Bau des AKW könnte veschleppt werden, woran energiepolitische Planungen und Arbeitsplätze hängen. (Ich argumentiere hier völlig ideologiefrei.)

Wenn Politik sich an Profanem abarbeitet oder aber überaus komplexe Probleme so weit herunterprofanisiert, dass sie plötzlich sehr einfach zu beantworten scheinen und in Folge sehr schlecht gelöst werden, ist das auch menschlich. Niemand hat heutztage noch Zeit, die nächste Wahl in irgendeinem Bundesland steht an, und eine Fehlerkultur besitzen wir hier auch nicht. Die Fronten sind hart, das Lauern ist spürbar, Gnade hat in Zeiten von Inflation und drohender Rezession keine Hochkonjunktur.

Wenden politisch Handelnde also das Law of triviality an (ob bewusst oder unbewusst, egal), ist das menschlich – aber auch sehr verantwortungslos. Leider ist das aber für manche Politiker überhaupt kein Probem, zum Beispiel intellektuell. Die meisten von ihnen sind locker in der Lage, im Grunde alles so weit herunterzubrechen, dass die Wähler am Ende die Wahl haben zwischen Schwarz und Weiß. (Wie übrigens das Gender-Thema. Ganz so einfach ist das alle ja gar nicht.) Nur schlichte Menschen denken, alle oder auch nur die meisten Politiker wären dumm.

Moralisch sind einige Politiker dazu in der Lage. Oder, um es klar zu benennen: Einige haben keine Skrupel, das zu tun.

Manchen Menschen gelingt es auf der anderen Seite nicht, sich mit dem Nicht-Trivialen zu beschäftigen. Die Gründe dafür sind individuell, also äußerst unterschiedlich. Eines ist ihnen aber gemeinsam: Auf sie zielen die Skrupellosen. Die Populisten. Und die Extremisten. Leider bekommen dann nicht nur sie ein Problem. Sondern wir alle.

(Hier wird das Ganze übrigens sehr hörenswert beschrieben, analysiert und auch bewertet. Ich kann den Podcast sehr empfehlen.)

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Karl, der König, wurde nicht gefragt.

Die Queen wird ja gerade relativ oft erwähnt. Auch von mir, so zum Beispiel hier und jetzt. Ihre Disziplin wird gelobt, ihr lebenslängliches persönliches Zurückstecken für den Dienst am Volk. Auch ihr Sohn und Nachfolger auf dem Thron, Prinz Charles sprach gestern in seiner ersten Ansprache als König vom „Dienen“, hoben Kommentatoren lobend hervor.

Es sagt viel aus über uns, über unseren Anspruch an uns und an andere, dass wir das Dienen und die Disziplin so wohlwollend betrachten. Und noch etwas ist interessant: wie viel auch jetzt darüber gesprochen wird, dass Charles ja sehr, sehr lange darauf warten musste, endlich den Thron besteigen zu können und deshalb vermutlich nur ein Übergangskönig sein wird.

Mit anderen Worten: Der arme Charles musste lange darauf warten, dass seine Mutter stirbt.

Nun weiß ich nicht, wie die beiden so miteinander waren. Ja, man kennt Geschichte wie die vom eher harten Philip, Charles‘ Vater, der auf Drill in der Erziehung setzte und seinen Sohn ins schottische Internat schickte, was dieser ihm nie verzieh.

Das wissen wir, andere Dinge meinen wir zu kennen, ihr Wahrheitsgehalt schwankt von Quelle zu Quelle. Netflix, Das Goldene Blatt, BBC… Aber wie tief sind denn unsere Einblicke in die Familien um uns herum, um die Strukturen, die Bindungen, den Alltag miteinander? Was wissen wir denn über das Verhältnis selbst unserer engen Freundinnen zu ihren Eltern? Wie gut können wir das zu unseren Eltern durchdringen? Eltern-Kind-Beziehungen sind ja ein bisschen komplexer als die Frage, ob Winnetou verboten wurde oder nicht.

Nehmen wir mal an, Charles und Elisabeth hatten ein durchschnittlich gutes Verhältnis. Er hatte sich abgenabelt, ein eigenes Leben, rief zwar nicht mehr jeden Tag bei Mutti an, hielt aber den Kontakt. Wenn man sich sah, verstand man sich in der Regel gut und sprach nicht in Großbuchstaben miteinander. Streit kam vor, aber in normalem Maße wie bei anderen Leuten auch, wenngleich es allerdings vermutlich selten um Themen ging wie „Du hättest ruhig mithelfen können, als deine alte Mutter den Keller aufräumen musste, mein Sohn!“.

Dies angenommen, wirkt folgende Annahme einigermaßen plausibel: Charles ist traurig. Seine Mutter ist gestorben. Kinder egal welchen Alters sind fast immer traurig, wenn ihre Mutter stirbt. Auch wenn das Verhältnis unterdurchschnittlich gut war. Und gleichzeitig wird Charles wissen, ein mindestens durchschnittlich gutes Verhältnis vorausgesetzt, dass er Glück hatte, so lange eine Mutter gehabt zu haben.

Ich persönlich würde mich relativ unwohl fühlen und meinen Umgang noch mal überdenken, erlebte ich eine Beerdigung, auf der offen ausgesprochen und obendrein konsensual, kollektiv und völlig selbstverständlich dazu genickt würde, dass es doch super für die Nachkommen ist, weil die jetzt zum Beispiel im Familienunternehmen endlich das Sagen haben. Man kann das wohl mal denken, als positiven Nebeneffekt, aber man muss ja nicht alles aussprechen. Oder gar feiern.

Charles ist jetzt König. Vorher war er aber ja auch schon was. Insofern sagt dieses „Was hat der Mann ein Glück, endlich ist seine Mutter tot“ mehr über uns aus als über ihn. Wir setzen das Streben und das Ankommen (nach) ganz oben über alles. Losgelöst von faktischen, praktischen, pragmatischen Fragen. Vielleicht hat Charles ja gar keinen Bock, jetzt durch die Lande ziehen zu müssen. Und zu dienen. Und unparteiisch zu sein, was er bisher nicht immer war und für die Zukunft als König jetzt versprochen hat. Vielleicht wäre Charles jetzt auch einfach lieber noch ein bisschen traurig als direkt König. Aber Charles, der König, wurde nicht gefragt. Er dient jetzt. Der Glückliche.

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Das Ende unserer Kindheit.

Jetzt ist sie nicht mehr da, die Queen. Dabei war sie doch immer da. Ich bin ziemlich genau 44,5 Jahre alt und heute Morgen zum ersten Mal in einer Welt ohne Elizabeth II. aufgewacht. Neun von zehn Menschen, so ist zu lesen, geht es ebenso. Wahnsinn.

Zwei Tage, nachdem sie die neue britische PM Liz Truss empfangen hat, ist die Königin von England gestorben. Kurz nach dem 25. Todestag von Diana.

Damals, als Lady Di starb, rief mich meine Oma Therese an und weckte mich. Sie musste die Nachricht loswerden. In Omas Wohnzimmer habe ich regelmäßig die kompletten Niederungen der deutschen Yellow Press durchgeblättert. Ich bin aufgewachsen mit stetigem Informationsfluss über das Verhältnis zwischen der Queen und ihrer ungeliebten Schwiegertochter.

Das Wohnzimmer, das Haus meiner Oma, waren ein fester Bestandteil meiner Kindheit. Wollten meine Eltern mal einen draufmachen mit dem Kegelclub oder den Freunden aus dem Schützenverein, schlief ich bei der Omma unter der dicksten Daunendecke der Welt. Es roch überall nach „Uralt Lavendel“, das sie großflächig benutzte, und in diesem Geruch saß ich neben ihr auf dem Sofa und guckte mit ihr „Der blaue Bock“ mit Heinz Schenk. Neben dem Sofa, auf der Kommode, stand ein Bild von Papst Johannes Paul II., in einer kleinen Schale daneben lag ihr Rosenkranz. Wenn sie ihn betete, musste ich leise sein. Jeden Samstagmorgen ging meine Oma, die bis zu ihrem 80. Geburtstag arbeitete, zum Friseur, danach in die Stadt. Von dort aus kam sie zu uns, zu Fuß, sie hatte keinen Führerschein. In ihrer Handtasche: je eine Tafel Milka Vollmilch und je zwei Mark Taschengeld für meinen Bruder und mich. Abends gingen meine Mutter und ich mit ihr in die Kirche, und sonntags dann fuhren wir zu ihr und aßen Mittag. Meistens gab es Rouladen, damals mein Lieblingsessen als Kind. Meine Kindheit war sehr westdeutsch und sehr behütet.

Meine Oma war immer da und ist es seit 2001 nicht mehr. Auch meine Mutter ist nicht mehr da. Wer seine Mutter oder seinen Vater verloren hat, weiß: Egal, wie alt man bei ihrem Tod ist – die Kindheit geht damit noch mal ein Stück zu Ende. Die ist dann noch ein bisschen mehr vorbei. Diejenigen, die lange die Hand schützend über uns hielten, sind weg. Und damit rückt man selbst unfreiwillig nach. Man ist in der natürlichen Rangfolge näher dran – näher daran, als nächste abzutreten.

Sicherheiten gehen. Und diese Zeiten sind, es ist schon jetzt eine Binse, für meine Generation äußerst ungewohnt unsicher. Pandemie, Rezession, Krieg quasi direkt nebenan, you name it. Und inmitten dieses neuen, nicht schönen Lebensgefühls, bricht eine weitere Konstante weg. Das könnte ein Grund dafür sein, dass ich gestern Abend auf meinem Sofa, in meinem Wohnzimmer, schlucken musste. Und warum social media gestern das war, was es gerne viel, viel öfter sein sollte: Das Lagerfeuer, um das wir uns gemeinsam setzten, ein Gefühl teilten und Erinnerungen. Unter anderem die Wehmut an unbeschwertere Zeiten.

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Die Analog-Strategie

Vorletzte Woche fuhr ich nach Österreich. Von Berlin aus, so riet mir eine über 70 Jahre alte, mit der Strecke hinlänglich bekannte Frau, solle ich über Tschechien fahren. Dafür bräuchte ich, ebenso wie für meine Zeit in Österreich, eine Vignette. Zwei Minuten später schickte mir die Dame via Whatsapp zwei Links. Einen für den digitalen Kauf der österreichischen, einen zweiten für dasselbe Prozedere bezogen auf tschechische Autobahnen. Vier Minuten später hatte ich alles erledigt und wieder einmal den Beweis: Digital betrachtet, lebe ich im Niemandsland. Deutschland kommt hochgerechnet auf weniger Digitalkompetenz als die Ü70-Jährige.

Gut, nun könnten diejenigen, die Fax und BTX immer noch für völlig ausreichend halten und Deutschland wegen „war ja immer so“ für federführend in grundsätzlich allem, entgegnen, dass mein Vergleich hinkt: Wir haben hierzulande keine Pkw-Maut. Ein Begriff, der fest verknüpft ist mit dem Namen Andi Scheuer. Der da ja was verbockt hat. Als Verkehrsminister. Als der er auch für Digitales zuständig war. Wie ja irgendwie sehr viele in der GroKo. Das Organigramm las sich irgendwann wie eine Schnitzeljagd für Hochbegabte. Der Vorteil an solch einem Chaos: Wenn es scheitert, ist niemand schuld. Das Doofe: Wenn es glückt, kann sich niemand die Krone aufsetzen. Aber gut, dieses Szenario schien nie sehr wahrscheinlich.

Inzwischen ist Andi Scheuer kein Minister mehr, denn die Union, also auch seine CSU, sitzt nicht mehr mit am Kabinettstisch. Dafür hat jetzt der FDP-Politiker Volker Wissing den Digitalhut auf, und ich sage es mal so: Sehr viel hoffnungsfroher stimmt das, was bisher aus der Ecke kam, auch nicht.

Wissing hat jetzt eine Digitalstrategie vorgelegt. Er und sein Parteichef Christian Lindner finden sie tippitoppi Spitzenklasse. Behaupten sie zumindest. Ich kann nicht prüfen, ob sie das auch so meinen. Aber natürlich ist es ihre Aufgabe, das super zu finden. Nein, präziser: Es ist ihre Aufgabe, zu behaupten, dass sie es super finden.

Ein interessanter Punkt ist jedoch, dass (ausgerechnet) die FDP etwas super zu finden scheint, dessen Finanzierung noch gar nicht steht. Ich möchte da Herbert Grönemeyer frei zitieren: Wann ist eine Strategie eine Strategie?

Zumal weiter Wirrwarr herrscht. Es gibt kein eigenes Ministerium, damit fängt es schon mal an. Die Begründung, die die Ampel dafür lieferte, gehört zu meinen Lieblingsbegründungen ever ever ever: Man habe kein geeignetes Gebäude in Berlin gefunden. Vielleicht, und das ist nicht unwahrscheinlich, hat man kein Gebäude mit Glasfaseranschluss gefunden. Im Regierungsviertel falle ich teilweise mit demselben Mobilfunkanbieter in Funklöcher, der mich in Nepal und Gaza zuverlässig und stabil hat telefonieren und surfen lassen.

Aber es geht natürlich auch anders. Man kann das Thema auch im Verkehrsministerium lassen. Nur: Es liegt auch in anderen Ministerien. Digitalisierung, so lautet das Mantra, ist eben ein Querschnittsthema. Das stimmt. Aber die Bundesregierung ist ja kein basisdemokratisches Experiment. Jemand muss der Chef sein. Und Volker Wissing ist zwar von vielen Leuten der Chef, nicht aber von anderen Ministern. Zum Beispiel von Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der die Digitalisierung der Medizin vorantreiben soll. Oder von Nancy Faeser, deren Innenministerium für die nicht ganz unwesentliche Digitalisierung der Verwaltung zuständig ist.

Alle Ministerien sollen „Leuchtturmprojekte“ vorstellen und umsetzen, so die Planung laut dem rund 50-seitigen Strategiepapier. Tun sie das nicht, tja. Dann ruft Volker Wissing mal persönlich an und sagt freundlich mahnend: „Jetzt aber!“

Vielleicht ticke ich zu autoritär, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das funktioniert. Zumal ja in Zeiten von Krieg, Inflation, Corona und vielleicht auch heißem Herbst alle einen guten Grund haben, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Nur, spätestens beim Stichwort “Corona“ müssten ja aller Ohren klingeln. Da war doch was! Ein Zusammenhang mit Digitalisierung! Gesundheitsämter, die Faxe schicken. Schulen, die nicht digital unterrichten. Können oder wollen. Digitalisierung hat ja auch was mit Mindset zu tun. Nicht nur mit Corona. Mit allem.

Was wäre es schön, hätte Deutschland mit Digitalisierung endlich auch was zu tun.

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Lisa-Maria Kellermayr

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Jemand schrieb mir auf Twitter daraufhin, dass wir uns alle lieber (er meinte das ironisch und nicht anklagend) mit Themen wie zum Beispiel einer tanzenden finnischen Ministerpräsidentin beschäftigen.

Ich sehe da aber keinen Widerspruch, sondern einen roten Faden. Auch wenn der Fall Kellermayr natürlich tragischer ist. So tragisch wie nur möglich. Das Prinzip hinter beiden aber ist dasselbe. Beide Geschichten handeln von Frauen, die sichtbar sind bzw. waren. Die diskreditiert werden sollen. Zum Verstummen gebracht.

Lisa-Maria Kellermayr hatte um Polizeischutz gebeten. Und ihn nicht bekommen. Vielmehr hatte der Leiter der Pressestelle einer Polizeidirektion kein Problem damit, Kellermayr öffentlich zu unterstellen, sie wolle sich profilieren und „über die Medien das eigene Fortkommen“ fördern.

Sanna Marin, Regierungschefin von Finnland, ist qua Amt mächtig, sichtbar und sie ist laut. Und damit genau so wie alle anderen Frauen in den sozialen Netzwerken quasi automatisch ein Hassobjekt.

Frauen werden, so derzeit der Forschungsstand, nicht öfter als Männer Ziel von Hass im Netz – aber ungleich öfter Opfer von sexualisiertem Hass im Netz. Die Hilfs-Organisation für Opfer von digitaler Gewalt, HateAid, (an HateAid wende ich mich seit Jahren, sobald ich im Netz beleidigt werde, das sei der Transparenz halber erwähnt) liefert ergänzende Zahlen: In der Summe, so sagen die Mitarbeitenden dort, würden Frauen nicht mehr bei ihnen einreichen als Männer. Das, was dann aber vor Gericht landet, richtet sich überwiegend gegen Frauen. Sie bekommen also viel härteren, in der Summe mehr potenziell strafbaren Hass ab.

Das Ziel dahinter, und es wird leider vielfach erreicht: Frauen ändern, auch das belegen Zahlen, ihr Social Media-Verhalten öfter als Männer aufgrund des dort herrschenden Tons. Oder mal ganz deutlich ausgedrückt: Wegen des Hasses, der ihnen dort entgegenschlägt – und anderen. Viele, Männer wie Frauen, ziehen sich auch dann zurück, wenn sie Hass „nur“ mitlesen. Ganz konkret verstummen Menschen dort, wenn sie Angst bekommen. Entweder äußern sie sich zu bestimmten, polarisierenden Themen nicht mehr (Flüchtlinge, Corona sind zwei dieser Themen; zu Beginn der Corona-Pandemie fragte HateAid mich sogar extra an, ob ich mehr Hass in meinen Replys verzeichne; allgemein verzeichne man gerade einen solchen Trend), oder sie äußern sich gar nicht mehr. Diese Ausgeburt der zunehmenden Enthemmung hat auch inzwischen einen Namen, so oft wird sie verzeichnet: Silencing Effect.

Was nicht unbedingt hilfreich ist, um dessen Herr zu werden, sind erstens überlastete, zweitens schlecht geschulte und/oder drittens noch immer nicht ausreichend sensibilisierte Polizisten, Staatsanwälte oder Richter. Ja, es gibt inzwischen Schwerpunktstaatsanwaltschaften, und ja, es gibt sogar erste Bundesländer, die Online-Gewalt gegen Frauen gesondert in ihren Statistiken erfassen, um die Dimension des Problems präzisier identifizieren und hoffentlich gezielter bekämpfen zu können. Es reicht aber bei Weitem noch nicht.

Ich möchte hier gern auf zwei Beispiele verweisen: Das erste Urteil in Sachen Renate Künast gegen Facebook. Die Grünen-Politikerin hatte derbe Beleidigungen über sich auf der Plattform lesen müssen. In einer ersten Entscheidung fanden drei Richter, damit müsse Künast als öffentliche Person leben. Drei der Richter (die in ihrer schriftlichen Begründung Facebook mit Twitter verwechselten), waren Frauen. Die Entscheidung fiel 2019. Glücklicherweise teilten nachfolgende Instanzen eher das Entsetzen der Öffentlichkeit als die Meinung ihrer Berufskollegen.

Das zweite Beispiel bin ich selbst. Ich wurde Hure genannt, eine Richterin stellte in Zweifel, dass es sich nach meinem (?) Dafürhalten um eine Beleidigung handeln würde, ich musste quer durch – ach, lesen Sie selbst. Was soll ich mich noch mal aufregen?

Andererseits: Wir müssen uns weiter aufregen. Über unfähige und unwillige Behörden. Über schleppende Gesetzgebng, über mangelnde internationale Initiative, die es braucht, um den Hass und, nicht zuletzt, die Plattformen in ihrer für sie finanziell lukrativen Untätigkeit, einzuhegen. Wir können uns noch aufregen. Lisa-Maria Kellermayr kann das nicht mehr. Sie ist für immer verstummt.

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Wenn immer alles schlimm ist.

„Gehen wir nächste Woche essen?“, schreibe ich Freundin J. Ihre Antwort: „Gerne! Ich bin aber deprimiert. Die Weltlage.“

Zum Zeitpunkt unseres WhatsApp-Wechsels befinde ich mich in Österreich. In der Provinz. Im Freibad. Es gibt in diesem Freibad ein Schwimmerbecken, eine Rutsche, ein Babybecken, zwei Starterblocks und zwei Schaukeln. Was es nicht gibt: Schlägereien. Und deshalb auch keine Security. (Andersherum funktioniert diese Kausalkette wohlgemerkt nicht.)

Dieses Freibad, es ist sinnbildlich für meinen Urlaub. Dessen aufregendste Programmpunkte lauten „ständiges Anfahren am Berg“ (Horror) und Fledermäuse, die äußerst dicht an unseren Köpfen vorbeisausen, wenn wir in der Abenddämmerung draußen sitzen und ins Tal schauen (wer am Berg anfährt, wird mit Bergpanorama belohnt, fairer Deal).

Ich möchte kein Aufregend. Wie immer im Urlaub lese ich deswegen nur das Nötigste. Sogar in diesen Zeiten. Gerade in diesen Zeiten. AfD, Digitales (dazu gibts ja nicht viel, aber ich habe Urlaub und rege mich deshalb nicht auf), und alles Aktuelle nur in Newslettern. Einmal am Tag Schlagzeilen. Lasse ich das ganz, fühle ich mich wie im Studium, wenn ich eine Hausarbeit bis quasi Ende der Semesterferien vor mir hergeschoben hatte. Man will ja nicht völlig ahnungslos im Büro aufschlagen. Andererseits finde ich die aktuelle Lage selbst nach 25 Jahren im Nachrichtenjournalismus und davon vier als Kriegs- und Krisenreporterin nicht optimal dazu geeignet, den täglichen Konsum mehrerer Medien mit einem der Erholung zu dienenden Urlaub im Burgenland zu vereinbaren.

Ab Montag geht das so nicht mehr weiter. Dann bin ich wieder im Büro. Und sehe J. zum Mittagessen, die auch Journalistin ist. Und derzeit nicht so gut verdrängen kann wie ich. Oder es einfach auch nicht will. Das weiß ich nicht. Muss ich sie fragen. Darüber haben wir uns nicht mehr ausgetauscht. Sondern noch diese Frage aufgeworfen: Wie sähen unsere Leben wohl aus, hätten wir Jobs, in denen wir uns nicht permanent (!) mit Problemen, Missständen, Streit, Skandalen, Intrigen und ähnlich Abgründigem beschäftigen. Hübscher formuliert: mit den Tälern menschlichen Seins.

Wie wäre es zum Beispiel, dachte ich beim Durchwandern einer Burg vergangene Woche, hätte ich mein Nebenfach Geschichte genutzt, um an einer historischen Stätte zu arbeiten? Ausstellungen mitzukonzipieren etwa. Die erste mögliche Wirkungsstätte, die mir einfiel: das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas.

In einem Verlag zu arbeiten, das würde mir auch Spaß machen. Das habe ich während meines Studiums schon gemacht. Na, und wo sah ich mich während meines Tagtraums vor meinem inneren Auge? In einem Verlag, der die großen Kontroversen unserer Zeit in einem Programm zusammenfasst, das ich verantworten würde.

Sie erkennen ein Muster? Ich seufze, während ich das Folgende schreibe: Ich auch.

Was war wohl zuerst da? Bin ich so angelegt, dass ich mir die schwierigen Bereiche suche? Oder wird „man“ so? Werden wir Nachrichtenjournalisten, weil wir so strukturiert sind: mit Fokus auf Knackpunkte, Widersprüche, Missstände? Oder finden wir uns auf Kita-Elternabenden wieder, mit Nachdruck vortragend und wie ein Boxer tänzelnd auf Gegenargumente wartend, weil Kontroversen für uns ja wie Training sind, weil wir das gar nicht anders aus unserem Berufsalltag kennen, irritiert angeguckt von den anderen Eltern, weil es ja gerade nur um so was Profanes wie die Weihnachtsfeier geht? Ertappen uns dabei, wenn die beste Freundin uns aufgelöst ihr Herz ausschüttet, wie wir innerlich reflexhaft erstmal automatisch die Gegenposition einnehmen und sie erst dann in den Arm, weil wir uns kurz erinnern müssen, was hier gerade gefragt ist?

Lassen wir das mit Henne und Ei mal beiseite: Wie wäre das, wären Leute wie J. und ich in einem anderen Umfeld unterwegs? Wenn ich mich den Großteil des Tages nicht mit dem Herausarbeiten von Problemen (und natürlich auch mit der Suche nach ihrer Lösung, das wollen wir nicht vergessen) beschäftigen würde, sondern zum Beispiel mit Themen, Produkten oder Prozessen, die von ihnen ablenken? Oder zumindest nichts mit ihnen zu tun haben? Wie wäre es, erst abends mit den schweren, ernsten, schrecklichen Belangen der Welt konfrontiert zu sein, auf dem Sofa, nach der Arbeit?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich mag meine Arbeit. Sehr sogar. Es ist ein Gedankenspiel, kein Lamento. Und wenn es mir doch mal zu viel wird, hilft mir der Gedanke eines schlauen Kollegen, der mal sagte: „Wir machen Nachrichten. Nachrichten zeichnen sich dadurch aus, dass sie Ausnahmen von der Norm abbilden. Wenn wir über Kriege, Krisen und Katastrophen berichten, heißt das: Sie sind die Ausnahme.“

Manchmal ist es schwierig, das zu vergessen. Manchmal hilft dabei sogar Anfahren am Berg.

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Raus.

Lange nicht geschrieben, weil einen so schönen Urlaub gehabt wie noch länger nicht. Sehr viel länger nicht.

Am Abend vor der Abreise war das meine Aussicht, und größer hätte der Kontrast kaum sein können. Es folgten: Zwei Wochen von morgens bis spätabends permanent unter Menschen. In der Hitze. Auf der Liege. Im Pool. In der Hotelanlage. Ich habe nicht einen Schritt rausgesetzt, nichts gesehen vom Land. Und war trotzdem so was von draußen. Bücher, Liegen, Sport und Essen. Mehr hatte ich anscheinend nicht entgegengefiebert.

Eine Erkenntnis, und das wird schon immer so gewesen sein, nur nicht vorgedrungen bis zu meiner Wahrnehmung: Urlaube sind langgestreckte Jahreswechsel. Aus ihnen resultieren gute Vorsätze. Wie Silvester, nur ohne Böller-Debatte.

Eigentlich logisch, denn selbst wenn man auf die stumpfstmögliche Art Urlaub macht (siehe oben): Das Zuhause-Ich ist ja draußen. Auch dann, wenn man es in eine Ferienanlage einsperrt. Und dort entfernt es sich nicht nur von der heimischen Umgebung, sondern auch von Gewohnheiten. Den ausgelatschten Wegen. Den vom Dauergebrauch schon ausfransenden Abläufen.

„Ich nehme mir jetzt mehr Zeit für meine Kollegen“, hörte ich die Tage von jemandem. Auch dabei handelt es sich um einen während des Urlaubs gewonnenen Gedanken. Freundin C. hat im Urlaub festgestellt, dass sie ohne Alkohol besser schläft und auch aufwacht. Und Kumpel C. sucht jetzt nen Tennispartner. Ihm kam der Gedanke am Strand, dass das früher ja erstens Spaß gemacht hat und zweitens seinem Leben eine gute Struktur gegeben.

Ich habe einen großen Teil meiner Zeit in Italien mit Büchern verbracht, mit dicken Büchern, mit Romanen, und übe seitdem, wieder lange am Stück zu lesen. Ohne aufs Handy zu gucken. Vom Steigerungs-Prinzip her entspricht es meiner Anfangszeit als Joggerin, späte Nullerjahre. Zuerst schaffte ich 300 Meter, nach ein paar Tagen 1000 und dann immer mehr und mehr, Glückshormonausschüttung als Treiber, weil inbegriffen. Die Steigerung der Strecke, die ich Lesen schaffe, ohne aufs Handy zu gucken, verläuft ehrlicherweise sehr viel flacher. Kein Wunder; je weniger ich aufs Telefon gucke und Likes, Favs und anderen Klimbim erblicke, desto weniger Hormone, desto weniger Glücksgefühle. Der Mechanismus ist so simpel wie armselig wie schwer aufzuknacken.

Es ist so bitter. Erst lernt man und studiert und liest und bildet sich weiter und sucht sich kluge Leute für tolle Gespräche – und dann nimmt man das Smartphone in die Hand und lässt es erst um viertel vor Neandertalisierung wieder los. Und merkt nach ein paar Tagen, wie man ruhiger wird durchs Lesen. Und dass man zumindest für eine Zeit ein paar neue, wenngleich fiktive, Menschen um sich herum hat. Mit denen man sich beschäftigt, bangt, fühlt, sich freut, und die man vermisst, klappt man das Buch zu. Und trotzdem bin ich gerade bei 30 Minuten durchgängig lesen. Mickrigen 30 Minuten. Die Dialektik der Digitalisierung.

A propos: Hätte ich nicht den festen Glauben (und diesen auch an diversen Stellen unauslöschlich hinterlegt), dass wir alle uns dem Mob in den sozialen Netzwerken entgegenstellen müssen (müssen!) – ich hätte mindestens mein Twitter-Konto inzwischen gelöscht. Social Media kann einen tollen Nutzen haben, keine Frage. Es nervt aber auch unglaublich. Wir tun uns allen keinen großen Gefallen damit.

Mein Mittel dagegen ist ein weiterer Vorsatz, den ich im Urlaub gefasst habe: mehr Urlaub! Übermorgen schon. Nägel mit Köpfen!

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Pläne

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Ja ja, Pläne sind das, was man macht, um Gott zum Lachen… Es ist nicht sehr originell, und das Folgende ist auch nicht sehr Hippie-esque. Es ist aber nun mal, wie es ist: Ich find Pläne gut. Pläne uns alle nur leider gar nicht mehr.

Es war schon mal einfacher, Pläne zu machen. Kommenden Samstag zum Beispiel. Da fliege ich in den Urlaub. Stand jetzt. Ob ich wirklich fliege, da bin ich mir noch nicht so sicher. Und sollte ich tatsächlich ohne Zwischenfälle hier aus Berlin und vom Flughafen wegkommen, hab ich mir bei der Buchung vor zehn Monaten völlig ahnungslos, wie absurd alles werden kann, direkt noch eine potenzielle Stolper-Falle eingebaut: umsteigen.

Mir könnte das gelingen. Aber gelingt es auch meinem Gepäck?

Es ist ein sehr kleines Übel. Nur: Es ist meins. Ich möchte gerne in Urlaub, und ich möchte gerne mit Wechselwäsche in Urlaub. Und mit dicken Büchern und mit meinem eigenen Kopfkissen. Noch mal: Es sind Luxussorgen, keine Frage. So wie auch die von Freundin J., die gestern am französischen ÖPNV verzweifelte und deshalb morgen nicht nach Südfrankreich in ein Ferienhaus fährt, sondern stattdessen zum Zelten an die Ostsee.

Als ich J. meinen Respekt zollte (Zelten käme für mich aufgrund meiner Schusseligkeit niemals in Frage; selbst nach lediglich drei kurzen und kurzweiligen Tagen Zelten auf Festivals hassten mich alle Mitreisenden vorübergehend), waren wir uns einig in folgendem Punkt: Was geht es uns doch gut.

Luxussorgen also, ja. Ich mache sie mir trotzdem und bin dennoch in der Lage, mir auch Sorgen bezüglich des Krieges in der Ukraine zu machen und mir der Tatsache bewusst zu sein, wie gut es mir geht. Ambiguitätstoleranz ist nicht immer nur das, was die anderen haben sollten.

Was ja auch alles weiterhin unplanbar macht: Corona. Noch nie kannte ich so viele Leute mit Corona gleichzeitig. Vor ein paar Tagen erzählte mir jemand, die unheimlich vorsichtig ist seit Pandemie-Beginn, wie sie beim Arzt sagte: „Ich bin schwer erkältet und lasse die Maske lieber auf.“ Sie teste sich regelmäßig, fügte sie hinzu, und sei negativ. Der Arzt nickte wissend, bat sie, sich mit einem Test eines beliebigen anderen Fabrikats zu testen als bisher – und: bumms. Jetzt sitzt sie zu Hause. Positiv. Des Arztes These: Alle derzeit mit angeblich schwerer Erkältung haben Corona.

Man weiß es nicht. Einhellige Meinung gestern in mittelgroßer, nicht-repräsentativer Runde: Man lässt es gerade laufen trotz ja schon relativ krasser Hellziffer von über 700, weil man Motivation aufsparen will für Herbst und Winter. Wenn jetzt schon wieder alle genervt sind von Einschränkungen, was wird dann erst im November los sein? Vor allem, wenn dann wieder eine harte Variante grassiert? Fragt sich nur, warum wir dann zu Hause sitzen werden: wegen mit Corona und deshalb Home Office oder wegen ohne Energie im Büro und deshalb Home Office. Manche wegen beidem.

Und nun? Was ist die Folge der allgemeinen Unwägbarkeit? Was sollen wir machen? Oder auch: was nicht? Keine Pläne mehr machen? Nur noch halbherzig? Unverbindlicher werden? Was macht das mit uns? Verlernen wir, uns eineingeschränkt, kindlich-froh zu freuen auf Urlaube, Treffen, Konzerte, weil es ja jederzeit anders kommen kann?

A propos anders: Hellziffer von über 700. Und trotzdem ist doch mal ehrlich so gut wie nichts geblieben von „Jetzt, unterm Brennglas, wird nichts mehr sein wie vor Corona“, oder? Menschen schütteln wieder Hände. Fliegen. Tragen freiwillig so gut wie gar nicht mehr Maske. Auch Konferenzen sollen möglichst wieder in Präsenz stattfinden.

Und aus „Wir rücken alle nun enger zusammen im kollektiven Angesicht einer Pandemie“ scheint auch nichts Nachhaltiges erwachsen zu sein: Heute schrieb mir jemand, und das hörte ich auch schon von anderen, ihrem Empfinden nach seien alle gerade so hart miteinander. (Sie und ich nicht. Ich weiß, dass sie hier mitliest und schicke die weichsten Grüße in den Urlaub!)

Also. Wir wissen, wir bleiben doch irgendwie alle gleich, besser wird’s jedenfalls nicht. Damit müssen wir planen. Nicht gut, aber gut zu wissen. Denn das bedeutet: Wir machen weiter Pläne und freuen uns auch weiter, höchstwahrscheinlich. Die schlechte Nachricht: Wir werden enttäuscht werden, immer wieder und wohl öfter als früher. Und das ist aber eigentlich auch direkt die gute Nachricht: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir verlernen das Hoffen nicht.