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23. April 2022

Es wird Frühling. Bei uns in Berlin zwar ein bisschen zögerlicher als anderswo, aber hier klappt ja selten was auf Anhieb. Trotzdem ist es spürbar, leugnen zwecklos. Nicht nur das Wetter zeugt davon. Auch nicht die Tatsache, dass mir schon wieder ein Besen vor der Haustür weggeklaut worden ist (vorm Haus steht ein Baum, der verteilt sich um diese Zeit ordentlich. Ich fege, lasse den Besen im Reinen mit der Welt draußen stehen, jemand nimmt ihn mit, die Spirale der Niedertracht beginnt von Neuem, der Kapitalismus, vertreten durch die besenfabrizierende Industrie, gewinnt). Auch sozial macht sich der Frühling bemerkbar: Die Leute kriechen aus ihren Löchern. Die ja dank Corona tiefer waren als sonst.

Ich habe das riesige Glück einer sehr intakten Nachbarschaft. Man mag sich, man kennt sich, man sieht sich. Zumindest, wenn es warm wird und ist und noch ein bisschen bleibt. Im Winter sehen wir uns zwar auch, aber nicht ständig alle und nicht unverabredet. Wer Lust auf Kaffee und Gesellschaft hat, geht hier einfach vor die Tür. Irgendwer wird da sein. Jetzt kommen alle wieder raus, Kinder spielen, Wein wird getrunken, Verabredungen mit anderen sind unnötig, man hat ja einander. Bis zum Winter halt.

Auch die Freundinnen feiern ihre Comebacks. So meldete sich gestern A. Unser letztes Treffen ist glaube ich ein Dreivierteljahr her. Allerdings kennen wir uns seit fast 20 Jahren, da macht das nix. Wir sehen uns nächste Woche, wir freuen uns, gut is. (Anlass ihrer Meldung war mein Blog, das fand ich außerordentlich schön. Schmeichelhaft einerseits, weil sie einen Beitrag lobte und selbst eine fantastische Schreiberin ist; wir wurden gemeinsam ausgebildet. Und schön auch deshalb, weil es ja ein netter Nebeneffekt der Schreiberei hier ist, von den Lieben zu hören. Und ein überraschender, da ich eher das Gegenteil befürchtet hatte: Mehr als einmal sagten Leute zu mir, sie hätten immer den Eindruck, auf dem Laufenden zu sein, weil sie mich auf social media lesen. Deshalb würden sie sich auch so selten melden. Bis ihnen einfällt, dass sie ja womöglich gar nicht alles aus meinem Leben via Twitter erfahren.)

Allein heute habe ich Zeit mit zwei Freundinnen verbracht, deren Gesichter ich im Fall einer nötigen Phantomzeichnung gar nicht mehr einwandfrei ohne Überlegen hätte beschreiben können. Es wird Frühling. Wunderbar.

Die logische Forderung wäre ja: Jahreszeiten abschaffen! Im Sommer sind alle geselliger und freundlicher; fragen Sie mich jetzt bitte nicht nach Huhn und Ei. Nun bin ich aber ja ein paar Jahre regelmäßig gereist und war auch mehrmals für einige Wochen in anderen Klimazonen. In dieser Zeit habe ich gelernt: Du kriegst die Diekmann aus den Jahreszeiten, aber du kriegst die Jahreszeiten nicht aus der Diekmann. Sie haben mir gefehlt.

Meine Freundinnen auch. Das nehme ich als Trost: Ohne Vermissen keine Wiedersehensfreude.

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22. April 2022

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Anfang dieser Woche habe ich einem Menschen mitgeteilt, mich umentschieden zu haben. Es gab gemeinsame Pläne, es gab Absprachen, es gab Euphorie. Es gab aber auch meinen Bauch. Und mein Bauch sagte mir: „Das wird für dich persönlich schiefgehen, das passt nicht für dich, du wirst nicht zufrieden sein.“ Also trat ich auf die Bremse und sagte dem anderen Menschen, dass ich den Plan so nicht weiter verfolgen wolle. Im weiteren Verlauf dieser Woche hat sich mein Bauchgefühl in mehrlei Hinsicht bestätigt. Was die Geschichte zu einer guten macht: Nichts ist schlimmer, als eine Entscheidung zu bereuen.

Irgendwann diese Woche erzählte ich Freundin J. davon. J. teilte meine Einschätzungen, hatte auch vorher schon mal das ein oder andere skeptische Argument vorgetragen, sagte aber auch: „Es wäre mir echt schwer gefallen, jemanden so zu enttäuschen.“

Über diesen Satz habe ich seitdem viel nachgedacht. J. hat mir in den langen Jahren unserer Freundschaft schon ein paar Mal gesagt, sie hätte manchmal gern mein Gesicht. Mein Gesicht, sagt J., setze Grenzen. Ich könne mit meinem Gesicht sehr deutlich machen, wann gut ist und wann Schluss mit lustig ist. J. kann das nicht so gut. Ich wiederum frage J. manchmal im Spaß, wenn jemand sich ihr gegenüber doof verhalten hat, ob sie dieser Person jetzt noch Blumen schickt. Um der Person das schlechte Gewissen ein wenig zu erleichtern. (Ich sage aber auch zu J., dass ich sie um ihre Mischung aus Großherzigkeit und analytischer Schärfe beneide, und sie dämpft mich regelmäßig in die akut notwendige Richtung. Es ist also nicht so, dass sie mir ständig erzählt, wie super ich bin und ich mich im Gegenzug über sie lustig mache. Es ist eine alte Freundschaft zwischen zwei Frauen, die die jeweils andere und sich selbst sehr gut kennen und schätzen, mit Stärken und Schwächen.)

Zurück zu J.s Aussage, sie hätte den Schritt wahrscheinlich nicht getan, weil sie andere so ungern enttäuscht. Darin ist kein Vorwurf versteckt. Es handelt sich um eine nüchterne Feststellung. Die in mir arbeitete. Zumal Freund C., dem ich die Geschichte ebenfalls erzählte, eines seiner klugen Mantras hinzufügte: „Wir lernen, Liebesbeziehungen zu beenden. Aber wie man sich aus anderen unguten Verbindungen löst, das bringt uns kein Mensch bei.“

Nun frohlocke ich nicht, wenn ich anderen sagen muss, dass ich raus bin aus einer Planung. Aber am Ende ist es ja ganz einfach: Hätte ich jetzt weiter an etwas mitgearbeitet, das sich für mich zunehmend ungut anfühlte, hätte ich ja auch einen Menschen enttäuscht: mich.

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21. April 2022

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Eine der Regeln in meinem Elternhaus lautete: Neue Sachen werden für gut aufgehoben.

Shopping war ein fester Bestandteil des wöchentlichen Plans. Samstags ging man in die Stadt und kaufte Klamotten. Das war so. Absurd, aber: Es war so. Und das, was gekauft worden war, wurde erst mal weggelegt. Für später. Weil das Jetzt anscheinend nicht gut war, nicht so wichtig. Eine Hoffnung auf tolle Zeiten ließ Sachen im Schrank auf eben diese Zeiten warten, um sie dann dekorierend zu begleiten. Eine Investition in die Zukunft, wenn man so will, nur eben ein bisschen eigenwillig interpretiert.

Nun wartet aber das Schicksal bekanntlich nicht. Ergo fanden wir nach dem Tod meiner Oma in ihrem Kleiderschrank gar nicht mal so wenige ungetragene Kleidungsstücke, an denen noch das Preisschild hing. Der Wochenordnungspunkt „Klamotten kaufen, nicht weil man sie braucht, sondern weil man es braucht“, stammte von ihr. Meine Mutter war so aufgewachsen.

Paradoxerweise hat meine Oma, die Frau mit vielen überflüssigen und nicht ganz billigen Sachen im Schrank, nichts, aber auch gar nichts weggeworfen. In einer Küchenschublade bewahrte sie Gummibänder auf. Geordnet. Nach Gummibändern aus längst kaputten Einmachgläsern zum Beispiel und dünnen Gummibändern, mit denen etwa Suppengrün zusammengehalten wird. Meine Oma, deren Nerz in meinem Keller hängt, aß Milchsuppe, tunkte die härtesten Brötchen tapfer in ihren Carokaffee und nahm die Dritten vorsichtshalber raus, bevor sie reinbiss. Regelmäßig schenkte sie uns Enkeln Schokolade, die schon weiß angelaufen war. Es. Kam. Nichts. Weg. Bei. Oma. Therese.

Anscheinend bekam sie diese beiden Extreme nur für sich miteinander in Einklang, indem sie die guten Sachen wirklich pflegte. Maximal: durch Nichtbenutzung. Meine Mutter hat das übernommen und versucht, meinen Bruder und mich ebenfalls so zu erziehen.

Das hat in meinem Fall zum Teil gut geklappt. Zu gut. Seit einiger Zeit bemühe ich mich, das abzuschütteln. Nun shoppe ich äußerst ungern. Zu viele Samstage, die ich als Kind gelangweilt in Herrenbekleidungsgeschäften herumsaß, zu viele Situationen als Teenie, in denen meine Mutter ohne Vorwarnung im proppevollen Laden den Vorhang zu meiner Umkleidekabine zur Seite riss, haben mich womöglich in eine andere Richtung getrieben. Und ich mag keinen Überfluss. Freunde nennen das meine Angst vor Verarmung. Das wiederum dürfte zu einem großen Teil an den mitleidigen Blicken der mit einer verheißungsvollen Zukunft gesegneten Jura- und BWL-Studenten liegen, die ich im Studium erntete, wenn ich von meinem Berufswunsch Journalistin erzählte.

Nun. Es ist ja einigermaßen gutgegangen bisher. Ich bin Journalistin, ich werde satt, ich kann gut leben. Was ich nicht so gut kann: Sachen jetzt machen. Schöne Sachen für mich. Ungelogen habe ich beispielsweise jahrelang im Winter immer ein bisschen gefroren. Nicht schrecklich doll, aber gefroren. Ich friere schnell. Letzten Winter dann, nach 16 Jahren in Berlin, habe ich mir einen richtig dicken, richtig guten Wintermantel gekauft. Als Belohnung für mein Buch. Nun kann ich mitreden und sagen: Es ist schön, im Winter in der oft rattenkalten Hauptstadt nicht zu frieren.

A propos Winter: Über Weihnachten war ich im Urlaub. Es war aus unterschiedlichen Gründen der erste wirklich teure Urlaub, den ich allein bezahlt habe. Ich sah mich im Vorfeld bereits für diesen Leichtsinn büßen, gleichzeitig half mir die Vorfreude auf zwei Wochen Licht, Wärme und Liegen nach eineinhalb Jahren Pandemie und einem nebenbei geschriebenen Buch super durch den Winter. Als ich dann angekommen war, sah ich mich von außen als sehr zufriedene Frau, wenngleich auch ein bisschen erzürnt sich selbst gegenüber, sich so oft Dinge zu versagen, weil kann man ja auch wann anders machen. Es geht doch noch irgendwie auch so, es ist doch auch so total ok.

Das denke ich auch in anderen Zusammenhängen. Und das ändere ich auch in anderen Zusammenhängen. Vor ein paar Tagen hab ich hier über meine Vorstellung von einem schönen Sommer geschrieben. Heute sagte Freund D.: „Machste dann ja jetzt, ne?“* Ja. Den August nehme ich mir komplett frei, so mein Arbeitgeber nichts dagegen hat. (*Hab ich natürlich erst beschlossen, nachdem D. es mir wie selbstverständlich hingeworfen hatte. Es ist noch ein weiter Weg, aber ich beschreite ihn.)

Denn wer weiß, was wann noch kommt. Keine Sorge, ich bin 44, Arztbesuche gönne ich mir sehr wohl, bin also ordentlich durchgecheckt, alles tippitoppi.

Aber, ich möchte meine Tante zitieren, die Schwester meiner Mutter – und in vielen Dingen das komplette Gegenteil meiner Mutter: „Was bringt es dir, die reichste Frau auf dem Friedhof zu sein?“

 

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20. April 2022

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Xavier Naidoo gehts wieder besser. Er ist jetzt kein Antisemit mehr, nicht mehr homophob, er hängt keinen Verschwörungsmythen mehr an. Fragten sich Fans spätestens seit Beginn der Pandemie – ja, es gibt eine Pandemie – oft bang, ob ihr Idol womöglich der nächste Promi sein würde, der durchdreht und wirre Videos verbreiten, scheint Naidoo gegen den Wendler-Nena-Strom zu schwimmen. Behauptet er jedenfalls im Video. Kein leichter Weg, sollte er ihn tatsächlich eingeschlagen haben.

Aber geht das? Kann man sich so tief verirren im Dickicht des Wahnsinns und dann doch wieder herausfinden? Oder sind es nicht viel mehr ganz profane Motive, die Naidoo zur Rückkehr in die Welt der Zurechnungsfähigen trieben? So was wie der Dispo? Oder Sehnsucht nach Anerkennung von Leuten, die nicht spinnen?

Fragen, die auf der Hand liegen. Die man auch gar nicht vergessen muss, während man gleichzeitig auch die Frage stellt: Könnte es nicht tatsächlich so sein, wie Naidoo sagt? Kann man nicht abwarten, einkalkulieren, dass hinter seinem Move wiederum Kalkül steckt, und gleichzeitig naiv hoffen, dass er wirklich anders denkt?

Xaidoo könnte (Konjunktiv) ein Vorbild sein und andere darin ermutigen, ihre Blase zu verlassen. Und wir, die wir es nicht nötig haben, entweder kein Wort davon zu glauben oder aber alles davon zu glauben und nie wieder kritisch zu hinterfragen, könnten die Brücke sein für Leute, die zurückwollen. Es ist ja nicht so, dass man in dem Moment, in dem man in Erwägung zieht, jemand hätte umgedacht, in komplette Naivität umswitcht. Es gibt ja etwas, sehr viel sogar, zwischen Zynismus und kindlicher Gutgläubigkeit. Vorsichtig abwarten, misstrauisch abwarten. Neugierig abwarten. Verhalten abwarten. Hoffnungsvoll abwarten. Oder eben einfach nur: abwarten.

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19. April 2022

Nächsten Freitag ist hier in Berlin großer Ball, und ich gehe hin. Stand jetzt. Stand jetzt habe ich aber noch kein Kleid. Ich gehe gern auf Bälle, aber ich gehe ungern shoppen. Lieber jäte ich Unkraut oder schrubbe die Fugen im Badboden mit einer Zahnbürste. Allerdings ist alles, was ich online bisher gesehen habe, entweder nicht schön, nicht passend oder aber: finanziell nicht zu rechtfertigen vor mir selbst. Die schwäbische Hausfrau kann gebürtig auch aus Nordrhein-Westfalen stammen, ich bin der Beweis.

Im Folgenden möchte ich Sie gerne teilhaben lassen an Gesprächen mit Frauen, die sich meine Freundinnen nennen und das Konzept Freundschaft ganz offensichtlich anders definieren als ich.

Anruf bei Freundin H. Sie begleitete mich, als ich das letzte Mal auf den Bundespresseball ging. Es dürfte mindestens zwölf Jahre her sein. „H., ich hab nix zum Anziehen!“ – „Was ist denn mit dem Kleid von damals? Das war doch schön! Haste das noch?“ – „Ja klar, hab ich das…“ – „Ach nee, warte, das passt ja wahrscheinlich nicht mehr, oder?“ Abruptes Ende des Telefonats.

Anruf bei Freundin J. Sie wird mich begleiten. „J., ich hab kein Kleid! HILFE!“ – „Ich hab eins. Das sieht super aus! Aber du hast doch so viele schöne Sachen! Da wird doch was bei sein.“ – „Nein, festlich und lang hab ich nicht.“ – „Dann zieh was anderes an. Die sollen sich nicht so haben.“

Anruf bei Freundin V. Sie weilt gerade in Bologna. Als ich sie erreiche, picknickt sie auf einem Hügel, genießt den ersten Negroni und ist entsprechend gut gelaunt. „V., ich hab kein Kleid!“ – „Du, ich hab eins, das kannst du haben!“ – „Ach, Gottseidank! Beschreib mal.“ – „Na ja, es ist zwar lang, aber kein klassisches Ballkleid. Du siehst darin aus wie ein Regenbogen. Also, ein Hingucker wärste!“ Ende des Telefonats.

Tja. Entweder muss ich nun doch losziehen in so Geschäfte. Oder ich geh halt nicht zum Ball. Und verbringe den Abend zu Hause. Alleine. Fast alleine. Bei mir sein wird eine neue Erkenntnis: Sage mir, wie deine Freundinnen dich beraten – und ich sage dir, wer du bist.

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18. April 2022

Wenn mich Leute fragen, wie sie einen Shitstorm verhindern können, antworte ich: „Gar nicht.“ (Oder aber, indem man sich einfach nicht in den sozialen Netzwerken anmeldet, aber das ist ja keine Option. Denn so wie für Wahlen gilt, dass die Rechten mit jeder nicht abgegebenen Stimme erstarken, so gilt für social media: Mit jeder vernünftigen Stimme, die nie erklingt oder aber verstummt, wird der Mob lauter und einflussreicher.)

Man kann ein Gänseblümchen posten, man kann damit im Zeit-Raum-Kontinuum großes Pech haben – man kann selbst damit einen Shitstorm ernten. Die Wahrscheinlichkeit ist dann jedoch geringer als wenn man entgleist. So zurechnungsfähig ist die Masse dann ja doch noch. Wenn man einen “Witz“ über Vergewaltigungen reißt, zum Beispiel.

Wenn man entweder keinen Anstand besitzt oder aber dem eigenen Empfinden nach zu wenig Aufmerksamkeit genießt, dann reißt man zum Beispiel einen Vergewaltigungswitz. (So wie Joyce Ilg, die ich bis gestern nicht kannte. Nun heiße ich zwar weder Brockhaus noch Wikipedia mit zweitem Namen, aber einigermaßen informiert bin ich schon.) Dann geht das mit der Aufmerksamkeit sehr schnell, denn dann erntet man natürlich einen Shitstorm. So schreiben es heute jedenfalls in paar Websites.

Nur, Moment, ist das denn überhaupt ein Shitstorm? Wird da Shit mit Shit beantwortet? Entgleist die Masse, die sich zur Entgleisung äußern? Mein Eindruck: nein. Die Kritik ist hart, aber im Großen und Ganzen zivilisiert. Shitstorm entwertet die berechtigte Kritik.

Wäre ich Sprecherin oder Beraterin prominenter oder pseudoprominenter Leute – ich würde ihnen immer raten, schnell das Narrativ vom Shitstorm zu verbreiten. Nichts entwertet berechtigte Kritik besser. Und noch immer sind Redaktionen und andere kaum in der Lage, den Unterschied zu erkennen.

Karin Prien, CDU-Politikerin und Kultusministerin in Schleswig-Holstein, hat das vor gar nicht langer Zeit ziemlich erfolgreich so gemacht. Ihre Parteifreundin Julia Klöckner, damals noch Bundesverbraucherschutzministerin, hat 2019 einen ähnlichen Kniff angewendet: Als sie massiv in den sozialen Medien kritisiert wurde, weil sie genau dort ein gemeinsames Video mit dem Chef von Nestlé Deutschland gepostet hatte, sprach sie kurzerhand von “Hatern“. Nicht Menschen mit einem legitimen und diskutablen Anliegen, nämlich eine zu große Nähe einer Ministerin zur Industrie, kritisierten sie, sondern der voreingenommene Mob. Diesen Eindruck wollte Klöckner bei den Leuten (und Leute sind ja aus Sicht der Politik immer gleich potenzielle Wähler) zumindest hinterlassen. Und damit kam sie bei manchen auch durch; ein gar nicht mal so kleines Nachrichtenportal begann die Zusammenfassung der Ereignisse mit dem Zitat eines Tweet, in dem Klöckner als “Hure“ bezeichnet wurde. Dass der Account etwa fünf Follower besaß und für seinen Dreck ungefähr 3 Likes bekommen hatte – das waren wohl keine Kriterien. Um in diesem Fall die Nicht-Repräsentativität zu erkennen, hätte es keine Datenanalyse gebraucht.

Andere Fälle liegen da schon weniger klar; da schadet es nicht, genauer hinzuschauen. Denn nicht alles, was wie ein Shitstorm riecht, ist auch ein Shitstorm. Nicht sehr appetitlich, ich weiß. Aber das ist der Beitrag von dieser Frau auf Instagram ja auch nicht. Er ist Shit.

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17. April 2022

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Ein guter Tag ist das heute, “gut“ im Sinne von entspannt sinnierend resümieren, dass er gut war. Nicht laut, nicht triumphierend, nicht selbstzufrieden, weil man an diesem Tag geglänzt hat oder weil etwas Spektakuläres passiert ist. Sondern gerade weil genau all das nicht der Fall war. Weil man sogar aktiv dafür gesorgt hat, dass all das keine Rolle spielt.

Bestes Indiz für gute Tage? Das gute Müde. Abends auf dem Sofa liegen, so wie jetzt, die Wangen noch warm vom vielen Draußensein. Den Kopf schön befreit vom Schwierigen, Verknoteten, Knarrzenden. Weil man alles erledigt hat, was auf der to do-Liste stand. Und da standen nur gute Dinge, die man sich vorher überlegt hat, zu tun. Manchmal reicht schon: „Rausgehen und dann gucken wir weiter.“ Hauptsache, und Achtung, jett folgt die goldene Regel für Tage, die mit dem guten Müde enden sollen: Hauptsache, man tut möglichst nichts, was von außen an einen rangetragen wurde. Von der Gesellschaft, vom Universum, vom äußeren Schweinehund halt. Arbeit. Zahnarzt. Überweisungen. Haushalt. Schwierige Gespräche. Banale Gespräche; nicht, weil alles gesagt ist und man einfach nur ein bisschen rumlabert, sondern weil man sich eigentlich nichts zu sagen hat, aber Ahnung von höflichem Benehmen, also banalster Small Talk.

Das gute Müde tritt dann ein, wenn der Kopfinhalt einmal komplett ausgetauscht worden ist. Der Muff raus, das Frische rein. Mein gutes Müde ist heute die Folge von: vollgepumpt mit Grün weil Frühling, mit lecker, weil Bratwurst im Brot auf ner Parkbank, mit schön, weil Sonne, kein Anruf aus dem Büro, alle gut gelaunt und die perfekte Musik im Kopf gehabt den ganzen Tag. Die lange nicht mehr da war und heute so gut passte und sich deshalb wohl dachte: „Sollte mich mal wieder melden bei der Nicole. Parameter stimmen alle. Könnte sie freuen.“ Hat se.

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Leben im Schritttempo. Nicht, weil man muss, sondern weil man kann. Und weil man es muss. Wahrscheinlich öfter, als wir glauben. Und können. Und dürfen.

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16. April 2022

Viele Jahre meines Lebens war ich Ostern auf Sylt. Meine Eltern waren große Sylt-Fans, also fuhren wir zusammen mit der Familie der Schwester meiner Mutter hin. Ich habe diese Treppen noch gut in Erinnerung, weil ich als Kind die gesamte Strecke von oben nach unten an den Strand mit der Hand am Geländer entlangfuhr. Das Ziehen der unzähligen Splitter kostete meine Mutter und mich Zeit, Nerven und einen Teil unseres zwischenmenschlichen Verhältnisses. Ich habe Die Ärzte zum ersten Mal auf Sylt gehört, mit meiner Cousine zusammen das Miramar-Hotel besucht, weil Bela, Farin und Hagen damals ihr Abschiedskonzert dort gegeben haben.

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Wo ich letztes Jahr Ostern war? Ich habe keine Ahnung. Und vor allem habe ich keine Ahnung, warum ich keine Ahnung habe. Normalerweise funktioniert mein Gedächtnis einwandfrei. Und Feiertage helfen ja obendrein dabei, Zeitmarken zu setzen. Dabei verwende zumindest ich wechselnde und sich überschneidende Kategorien.

Die Teenie-Zeit zum Beispiel kann ich gut in Sommerferien einteilen. Die einen verbrachte ich überwiegend im Freibad. Morgens hin, zum Mittagessen heim, danach wieder ins Nordbad. Ich las Stephen King, ich hörte R.E.M. Ein anderer Sommer war sehr besonders. Meine Freundin Lari und ich (wir kennen uns seit unserem zweiten Lebensjahr) waren Messdienerinnen, etwa 13 oder 14 Jahre alt, verbrachten Zeit mit ein paar Messdienerjungs, die wir seit unserer Kommunion kannten, und einer von ihnen wusste, wo an welcher Stelle des Kreuzwegs der Küster den Schlüssel zum Glockenturm versteckte. Wir haben oft dort oben gesessen. Chips und Schokolade gegessen, Cola getrunken, uns verschworen gefühlt. Laris und mein Soundtrack waren Madonna und Jon Secada, die Jungs hörten das Abbaesque-Album von Erasure. Lari und ich schlichen uns heimlich in Pretty Woman, und ich las Bravo Girl.

Einen anderen Sommer lang war ich das erste Mal verliebt; der Mann war sechs Jahre älter als ich, hatte schon den Führerschein, also fuhren wir viel an Seen. Ich himmelte an und hoffte. Der Mann fand mich zu jung, also fuhr ich Freundinnen in Frankfurt besuchen. Der Mann vermisste mich, wir wurden ein Paar. Ich hörte Coolio, ich las nicht mehr. Schule, Vereinssport, endlich ausgehen können und Teil eines Paares sein, etwas musste auf der Strecke bleiben. Auch Kirmes war vorbei.

Kirmes war nämlich auch lange so eine Marke. In Gütersloh gibt es eine dreitägige zu Pfingsten und eine einwöchige im Herbst, die Michaelis-Kirmes. Freitagsmittags ging es los, und ich fuhr schon freitagsmorgens mit Herzklopfen zur Schule. Für mich roch alles anders, wenn Kirmes war, klang alles anders, fühlte sich alles anders an. Über der Stadt, auf meinem Herzen lag ein Kirmesfilter. Den ganzen Tag lang hing ich auf der Kirmes rum. Meine Eltern fanden das furchtbar, aber nichts nutzte. Es zog mich hin. Bis halt der Mann kam.

Später wurden es Discos, die die Phasen charakterisierten, so nannten wir ja damals Clubs. Der Mann blieb lange derselbe, auch die Leute, mit denen wir unterwegs waren, und immer mal wieder wechselte das Ziel. Es gibt einen Moment in der „Hechelei“ in Bielefeld, wir waren alle zusammen dort: der Mann, Lari und ein paar andere. Es war kurz vor Weihnachten, Tannengirlanden hingen, und es lief „Last Christmas“. Ab und zu hat man ja dieses Gefühl, genau jetzt genau am richtigen Ort den perfekten Moment erwischt zu haben. Das war so einer.

George Michael starb an dem Tag, an dem ein mir sehr wichtiger Mensch geboren wurde.

Dann begann das Studium, grob kann ich es nach Städten unterteilen (erst Münster, dann Hamburg), etwas feiner nach Wohnungen. Keine Ahnung, warum, aber ich zog andauernd um. Mal wohnte ich alleine, mal in WGs mit Freundinnen, auch mal mit Fremden, dann wechselte ich die Stadt. Die Erinnerungsblöcke wurden trotz des Nomadentums länger. Grundstudium, Haupstudium. Urlaube gab es nicht; für Bafög verdienten meine Eltern zuviel, für die Unterstützung durch meine Eltern verdiente ich mit meinen Jobs an der Uni und beim NDR irgendwann zu viel. Fanden sie jedenfalls. Ich las zirka alles, viel Philippe Djian, Andrea de Carlo, Popliteratur und Camus. Im Sommer meiner Magisterarbeit musste ich immer mal wieder meinen Standort wechseln, sonst wäre ich verrückt geworden. Am offenen Fenster meines Kinderzimmers in Gütersloh, es lief „Moon River“, die Audrey Hepburn-Version, und ich las „Die Pest“. Wieder der perfekte Moment. Irgendwann las ich dann nur nur noch Literatur für meinen Abschluss.

In Münster hörte ich alles, wozu ich tanzen konnte, immer bis in die Früh. Der Vorlesungsplan followed Discoabendplanung. In Hamburg hörte ich auch das und Elektro. Ich habe nie zuvor und nie wieder danach so gute Musik gehört wie in Hamburg, weil ich einen Architekten-Freundeskreis hatte, der sein Stilbewusstsein auch musikalisch auslebte.

Der eine Mann war irgendwann nicht mehr da, dafür der andere. Der kam und ging, dann ging ich mal, wir trafen uns in einem Garten, wahrscheinlich unter einem Baum, ich kam wieder zu ihm zurück, das Ganze zog sich über zehn Jahre. Er hörte Punkrock, ich hörte mit.

Dann kamen München und Berlin, München rauschte so durch, obwohl es die schönste aller Städte ist, in der ich je gewohnt habe. In München las ich Zeitung, Zeitung, Zeitung, denn ich besuchte eine Journalistenschule und glaubte, trotz Examens jetzt erst mit dem Denken anzufangen und noch mal anfangen zu müssen, genauso war es mit dem Zeitunglesen. Ich hörte Musik, mit der mich die Hamburger versorgten. Während der Zeit in München begann das mit den Serien. Ich sah Six Feet Under und habe mich seitdem nicht getraut, es noch mal zu gucken, um den Zauber nicht zu zerstören.

Ich zog nach Berlin, weil der Mann, der immer ging und zurückkam, nennen wir ihn Bumerang, hier lebte. Hörte seinen Punkrock mit und hörte meine Musik, immer mehr nur noch meine, und irgendwann hörten wir auf mit dem Unsinn, weil dieses ständige Gehen und Zurückholen macht einen ja irre und alle anderen auch und die Liebe nicht stärker.

Berlin ist die mir unsympathischste aller bisherigen Städte, und hier lebe ich konsequenterweise seit 17 Jahren. Die sind unterteilt in Jobs; der eine Job wiederum in die Länder, in die er mich führte. Darunter Orte wie Myanmar, Nepal, Brasilien, Gaza. In diese Zeit fallen viele perfekte Momente.

Und natürlich fallen auch in meine Berlin-Zeit viele Wohnungen. In meiner aktuellen lebe ich seit sechs Jahren, ein Rekord, und es ist das erste richtige Zuhause seit dem Auszug bei meinen Eltern. Ich las hier unfassbar viel Zeitung, ich las hier auch sehr viele Bücher, und: Ich schrieb hier ein Buch. Während der Zeit in Berlin gab es zwei Todesfälle in meinem Umfeld, die beide einen Bruch zwischen dem Vorher und dem Jetzt markieren. Und es gab zwei Geburten; eine davon ist das Buch. Ich hörte eine Zeitlang The Smiths, langsam fange ich wieder damit an. Und ich höre die Lieder aus Hamburg. Seit einiger Zeit höre ich auch manchmal neue Lieder. Seit einiger Zeit mache ich sehr viel Neues. Schönes.

Vielleicht weiß ich deshalb nicht mehr, was ich letztes Jahr zu Ostern gemacht habe.

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14. April 2022

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Es ist eine Scheißnachricht, verzeihen Sie mir diese Ausdrucksweise. Aber ab einer gewissen Tragweite braucht es Drastik. Und Elon Musk als Alleinherrscher über Twitter wäre: eine Scheißnachricht.

Ich fange mal an mit dem Grundsätzlichen, von Musks Person Losgelösten. Und steige dafür ein mit einer anderen Person: Mark Zuckerberg. Wir sehen doch, was bei Facebook los ist. Und auch bei WhatsApp. Und bei Instagram. Dass wir bei Letzterem alles gar nicht so schlimm finden, liegt daran, dass das Hassloch namens Facebook die Maßstäbe setzt. Der Hass, die Aufrufe zum Genozid, das live Streamen von Amokläufen, die gigantischen Datenlecks, die gefährliche Verbreitung von Desinformation – der Metakonzern kriegt es nicht in den Griff. Man kann auch einfach sagen: Zuckerberg kriegt es nicht in den Griff. Denn Zuckerberg hat die goldene Aktie, er hat das letzte Wort. Er verfügt über eine Machtfülle, von der Regierungschefs träumen. Nur hat er es während der explosionsartigen Entwicklung des Studentenbuden-Projekts zum Megakonzern versäumt, die Unternehmensstrukturen anzupassen.

Was Zuckerberg inzwischen zumindest ein kleines Stück an die Realität angepasst hat: seine einst naive Vorstellung vom Nutzen der Redefreiheit in Zeiten der sozialen Netzwerke. Die Leugnung des Holocaust war lange Zeit erlaubt auf Facebook. Immer wieder konfrontiert mit dem weltweit erstarkenden Antisemitismus, zuckte “Zuck“ nur mit den Achseln. Ihn als Juden würde das durchaus schmerzen – aber: Redefreiheit. Es dauerte Jahre, bis er seine Meinung änderte.

Elon Musk wirbt für sein Vorhaben, Twitter zu kaufen und von der Börse zu nehmen, mit: genau, der Meinungsfreiheit. Nur so könne sie gewährleistet bleiben. Sagt einer, der Journalisten nach kritischen Berichten bei Presseterminen nicht dabei haben will. Der blockt, wenn er kritisiert wird.

Und: Sagt einer über eine Plattform, die so gut wie gar nicht mit Strafbehörden kooperiert, wie deutsche Strafermittler sagen. Meistens wird das Problem im Zusammenhang mit Facebook thematisiert, weil es hierzulande immer noch von viel mehr Menschen genutzt wird und Twitter wirklich selten im Vergleich. In puncto Zusammenarbeit mit Staatsanwaltschaften aber schneidet Facebook viel besser ab. Von Twitter komme da so gut wie gar nichts, sagen diejenigen, die es regelmäßig versuchen.

Wenn nun also ein hyperreicher, als Nutzer schon erstaunlich verantwortungslos und impulsiv ob seiner Reichweite und Strahlkraft agierender Elon Musk Twitter kauft und den Wünschen und Vorstellungen von Aktionären entzieht – ein Mann, der unter anderem auch ein Satelliteninternet (StarLink) besitzt – dann kann das nicht richtig sein. Und gut schon gar nicht, zumindest nicht für die Welt. Wir haben gesehen, was allein “nur“ ein US-Präsident mithilfe von social media anrichten kann.

Musk wäre die digitale Version von Citizen Cane.

Nichts auf dieser Welt von der Größenordnung eines sozialen Netzwerks sollte von einem Mann allein regiert werden. Und schon gar nicht von einem, der so tut, als hätte er allein der Ukraine StarLink zur Verfügung gestellt. Denn das stimmt anscheinend gar nicht.

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13. April 2022

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Heute, beim Verlassen des Senders gegen 21 Uhr, registrierte ich erst durch ihre Nichterfüllung eine zuvor gehegte Erwartung: die, bei Kontakt mit dem Draußen zu frösteln. Ich trug ein kurzärmliges Kleid und darüber einen Sommermantel. Das Anziehen der Strickjacke hatte ich beim Taschepacken, Maskeaufsetzen und Büroabschließen vergessen und dann aus Faulheit verschoben. War aber gar nicht nötig. Die Luft war noch lau. Heute Morgen hatte ich gar zum ersten Mal in diesem Jahr einen süßlichen Geruch festgestellt. Frühling!

Vorhin dann auf dem Weg zu meinem Rad registrierte ich ein weiteres Gefühl in mir: federnde Heiterkeit. Und ich begann, in mir zu graben: Mir war bisher gar nicht klar gewesen, entsetzlich unter dem Winter gelitten zu haben. Ich empfinde mich seit Monaten als ungewöhnlich gut gelaunt, und außerdem war ich über Weihnachten zwei Wochen in der Sonne im Urlaub. Ein Zusammenhang könnte bestehen.

Egal. Ich bin gut gelaunt und nicht bescheuert, also werde ich das jetzt nicht künstlich kritisch kaputtdenken. Es lief alles weiter glatt: Eine komplette Heimfahrt ohne Gegenwind – in Berlin eigentlich undenkbar -, den Alexanderplatz geschmeidig überquert ohne Nahtoderfahrung durch querende E-Scooterfahrer, orientierungslos rummäandernde Touristen oder von Hybris gelenkte Teenies, zu Hause ein Stück Kuchen vorgefunden plus, und jetzt denken Sie dran, man muss auch gönnen können, also kein Neid: Der talentierte Nachbar spielt endlich wieder bei offenem Fenster Klavier! Außerdem begrüßte mich der kleine lustige Dackel äußerst begeistert, der gerade hier wohnt.

Der Dackel wollte raus, ich wollte raus – wir sitzen auf dem Balkon. Und ich denke nach, wie mein perfekter Sommer aussehen könnte. Vier Wochen Urlaub, schrieb heute jemand im Verlauf einer Twitterdebatte, würden uns allen wohl guttun. Das wäre ein Anfang.

Ich würde hierbleiben wollen, in Berlin. Jeden Morgen zum Badeschiff fahren. Da war ich einmal in den 17 Jahren, die ich jetzt hier wohne, und das war ok. Nicht mehr, nicht weniger. Aber seit zwei, drei Jahren ist das Badeschiff für mich Synonym für “Urlaub zu Hause“. Also. Ich würde jeden Morgen zum Badeschiff fahren. Und danach mal gucken. “Mal gucken“ bedeutet ja maximalstmögliche Freiheit. Sonnenmilch würde eine zentrale Rolle spielen, und zwar die, die nach Kokos riecht. Und Eis. Das Geräusch von Wind in Bambusstauden, der Geruch von Gegrilltem. Spontane Verabredungen, so als hätten wir alle noch keine Verpflichtungen. Bücher werden gelesen, Flip Flop-Abdrücke auf die Füße gesonnt, Lieder so oft gehört, dass sie für den Rest des Lebens die Bilder dieses Sommers in mir hervorrufen werden. Nachts wegen Hitze auf dem Balkon geschlafen. Während die Käuzchen aus dem Park rufen.

Ich gehe jetzt ins Bett, der Dackel schnarcht schon. Morgen soll es regnen. Macht aber nichts. Ich hatte ja heute. Und ich hab einen Traum. Den vom Buchschreiben hab ich mir erfüllt. Dann krieg ich den vom schönen Sommer doch wohl auch realisiert.