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Pläne

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Ja ja, Pläne sind das, was man macht, um Gott zum Lachen… Es ist nicht sehr originell, und das Folgende ist auch nicht sehr Hippie-esque. Es ist aber nun mal, wie es ist: Ich find Pläne gut. Pläne uns alle nur leider gar nicht mehr.

Es war schon mal einfacher, Pläne zu machen. Kommenden Samstag zum Beispiel. Da fliege ich in den Urlaub. Stand jetzt. Ob ich wirklich fliege, da bin ich mir noch nicht so sicher. Und sollte ich tatsächlich ohne Zwischenfälle hier aus Berlin und vom Flughafen wegkommen, hab ich mir bei der Buchung vor zehn Monaten völlig ahnungslos, wie absurd alles werden kann, direkt noch eine potenzielle Stolper-Falle eingebaut: umsteigen.

Mir könnte das gelingen. Aber gelingt es auch meinem Gepäck?

Es ist ein sehr kleines Übel. Nur: Es ist meins. Ich möchte gerne in Urlaub, und ich möchte gerne mit Wechselwäsche in Urlaub. Und mit dicken Büchern und mit meinem eigenen Kopfkissen. Noch mal: Es sind Luxussorgen, keine Frage. So wie auch die von Freundin J., die gestern am französischen ÖPNV verzweifelte und deshalb morgen nicht nach Südfrankreich in ein Ferienhaus fährt, sondern stattdessen zum Zelten an die Ostsee.

Als ich J. meinen Respekt zollte (Zelten käme für mich aufgrund meiner Schusseligkeit niemals in Frage; selbst nach lediglich drei kurzen und kurzweiligen Tagen Zelten auf Festivals hassten mich alle Mitreisenden vorübergehend), waren wir uns einig in folgendem Punkt: Was geht es uns doch gut.

Luxussorgen also, ja. Ich mache sie mir trotzdem und bin dennoch in der Lage, mir auch Sorgen bezüglich des Krieges in der Ukraine zu machen und mir der Tatsache bewusst zu sein, wie gut es mir geht. Ambiguitätstoleranz ist nicht immer nur das, was die anderen haben sollten.

Was ja auch alles weiterhin unplanbar macht: Corona. Noch nie kannte ich so viele Leute mit Corona gleichzeitig. Vor ein paar Tagen erzählte mir jemand, die unheimlich vorsichtig ist seit Pandemie-Beginn, wie sie beim Arzt sagte: „Ich bin schwer erkältet und lasse die Maske lieber auf.“ Sie teste sich regelmäßig, fügte sie hinzu, und sei negativ. Der Arzt nickte wissend, bat sie, sich mit einem Test eines beliebigen anderen Fabrikats zu testen als bisher – und: bumms. Jetzt sitzt sie zu Hause. Positiv. Des Arztes These: Alle derzeit mit angeblich schwerer Erkältung haben Corona.

Man weiß es nicht. Einhellige Meinung gestern in mittelgroßer, nicht-repräsentativer Runde: Man lässt es gerade laufen trotz ja schon relativ krasser Hellziffer von über 700, weil man Motivation aufsparen will für Herbst und Winter. Wenn jetzt schon wieder alle genervt sind von Einschränkungen, was wird dann erst im November los sein? Vor allem, wenn dann wieder eine harte Variante grassiert? Fragt sich nur, warum wir dann zu Hause sitzen werden: wegen mit Corona und deshalb Home Office oder wegen ohne Energie im Büro und deshalb Home Office. Manche wegen beidem.

Und nun? Was ist die Folge der allgemeinen Unwägbarkeit? Was sollen wir machen? Oder auch: was nicht? Keine Pläne mehr machen? Nur noch halbherzig? Unverbindlicher werden? Was macht das mit uns? Verlernen wir, uns eineingeschränkt, kindlich-froh zu freuen auf Urlaube, Treffen, Konzerte, weil es ja jederzeit anders kommen kann?

A propos anders: Hellziffer von über 700. Und trotzdem ist doch mal ehrlich so gut wie nichts geblieben von „Jetzt, unterm Brennglas, wird nichts mehr sein wie vor Corona“, oder? Menschen schütteln wieder Hände. Fliegen. Tragen freiwillig so gut wie gar nicht mehr Maske. Auch Konferenzen sollen möglichst wieder in Präsenz stattfinden.

Und aus „Wir rücken alle nun enger zusammen im kollektiven Angesicht einer Pandemie“ scheint auch nichts Nachhaltiges erwachsen zu sein: Heute schrieb mir jemand, und das hörte ich auch schon von anderen, ihrem Empfinden nach seien alle gerade so hart miteinander. (Sie und ich nicht. Ich weiß, dass sie hier mitliest und schicke die weichsten Grüße in den Urlaub!)

Also. Wir wissen, wir bleiben doch irgendwie alle gleich, besser wird’s jedenfalls nicht. Damit müssen wir planen. Nicht gut, aber gut zu wissen. Denn das bedeutet: Wir machen weiter Pläne und freuen uns auch weiter, höchstwahrscheinlich. Die schlechte Nachricht: Wir werden enttäuscht werden, immer wieder und wohl öfter als früher. Und das ist aber eigentlich auch direkt die gute Nachricht: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir verlernen das Hoffen nicht.

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Danke, Corona

„Ich bin ja immer noch positiv“, hörte ich vor wenigen Monaten jemanden neben mir auf meiner Couch sagen. Erst dachte ich, mit meinen Ohren würde etwas nicht stimmen. Es stimmte aber alles mit ihnen. Mit der Person neben mir hingegen stimmte etwas nicht. Bereits ein paar Mal vorher hatte ich so etwas schon über sie gedacht, und nun lieferte sie den letzten Beweis. Seitdem mache ich einen weiten Bogen um sie.

Das ist der extremste Vorfall in meinem Umfeld, mit Abstand. Die meisten haben sich verantwortungsbewusst, umsichtig, solidarisch, durchdacht verhalten. Und tun es noch.

Corona kam für mich zur passenden Zeit. Das ist, gar keine Frage, auf der einen Seite eine unglaublich privilegierte Aussage. Mein Job war die ganze Zeit über sicher. Ich konnte gut von zu Hause aus arbeiten, wenn ich wollte oder musste oder durfte. Ich bin gerne alleine und kann mich gut disziplinieren. Just zu Beginn des ersten Lockdowns begann ich außerdem, an meinem schon länger geplanten Buch zu arbeiten. Besser kann man es nicht timen. Ich verpasste exakt nichts, wenn ich am Feierabend am Schreibtisch saß und schrieb. Es fand ja sowieso nichts statt.

Auf der anderen Seite kam Corona, kam die weltweite Entschleunigung mir sehr entgegen, weil ich nach einigen Jahren mit sehr viel privater Unruhe Entschleunigung gut gebrauchen konnte. Ich musste mich nicht mehr anstrengen, mit dem Rest der Welt Schritt zu halten und gleichzeitig etwa den plötzlichen Tod meiner Mutter zu verarbeiten. Es gab mehr Ruhe, es gab mehr Zeit für mich. Und auch die eben ohne Angst, etwas zu verpassen.

Im März diesen Jahres dann hatte ich Corona. Milder Verlauf, keine Langzeitwirkungen. Bis auf eine: ein neues Menschenbild. Lädiert und aufpoliert.

Lädiert haben es die überraschend unangenehm Aufgefallenen. Damit meine ich nicht den Mob, der mit Fackeln vor Privathäuser von Politikern gezogen ist, oder „Querdenker“, die sich Tampons vors Gesicht hängen, um so ihr Freidrehen gegen die Coronamaßnahmen zu demonstrieren. Wie bizarr Menschen sein können, wusste ich vorher schon, ich bin ja schon seit ein paar Jahren aktiv auf Twitter.

Es sind die, die Facetten von sich preisgegeben haben, die vorher im Verborgenen geblieben waren. Ich habe kluge Menschen erlebt, die sich plötzlich für klüger hielten als Fachleute und mit einer sie der Lächerlichkeit preisgebenden Arroganz auftraten. Die die abenteuerlichsten Argumente gegen stichhaltige Studienergebnisse ins Feld führten. Einfach nur, weil ihnen der Shopping-Samstag so fehlte. Leute, die mitten in der fettesten Delta-Welle in den Urlaub flogen und von dort in den sozialen Medien Postings absetzten, in denen sie so taten, als wären sie zu Hause geblieben. Leute, die nicht dazu standen, dass sie die Maske nicht tragen wollten und sie hektisch, wie ertappte Kinder, hochzogen, wenn sich ihnen jemand mit bekanntlich anderer Meinung näherte.

Es sind eher die kleineren Ausschläge, die etwas verschoben haben. Eine Delle in mein Menschenbild gefügt. Gut, nun kann man natürlich sagen: Alles ist klein, verglichen mit einem Fackelaufmarsch. Aber Fackelaufmärsche sind ja auch kein Maßstab.

Und dann sind da die anderen. Eine Freundin hat einen Impfgegner als Bruder, die Mutter eines Freundes entpuppte sich als radikale Querdenkerin und zieht das nun mit Blick auf den russischen Überfall auf die Ukraine weiter durch. Die Freundin einer Freundin ist völlig abgedreht, spricht allen Ernstes von einer „Plandemie“.

Die Freundin trifft ihren Bruder weiter regelmäßig und bittet ihn vorher, sich zu testen. Sie ist Mutter zweier Kleinkinder. Und er dem Vernehmen nach ein toller Onkel. Der Freund meidet alle strittigen Themen, wenn er seine Mutter sieht. Und die Freundin hat ihre Freundin bei Facebook entfreundet, weil sie die Postings nicht mehr erträgt, lädt sie aber weiter zu ihrem Geburtstag ein. Weil sie sie nicht ganz an den Wahn verlieren soll. Und weil sie doch Freundinnen sind!

Das sind die, die mein Menschenbild aufpolieren. Die zu ihren Leuten halten, trotzdem. Die klar sagen, was sie denken, und Bedingungen für Treffen stellen. Nicht aber für ihre Zuwendung. Die ist bedingungslos.

Danke, Corona. Für mehr Graustufen in meinem Menschenbild.

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Übers Gendern

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Das da oben bin ich. In der Sendung „Maischberger“, Mai 2021. Ich habe mir den Zusammenschnitt noch immer nicht angeguckt, weiß aber, was dort zu sehen ist: Man sieht dort, wie ich in den insgesamt 75 Minuten Sendung das tue habe, was landläufig als „Gendern“ gilt. Ich benutze den Glottisschlag.

Dieses Machwerk wird mir immer wieder von Leuten als Antwort getwittert, wenn sie mir vor Augen führen wollen, wie doof ich bin. Die meisten finden auch Corona-Maßnahmen doof. Und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Beide Stränge finden sich in der Maischberger-Sendung (ARD) wieder. Also schicken sie mir das Video. Denn wenn ganz viele doofe Sachen zusammenkommen, nehmen sie das glaube ich als Beleg dafür, dass sie doch nicht danebenliegen. Und somit doch nicht die oder der eine Geisterfahrer:in sind, für die sie von den Millionen eigentlichen Geisterfahrer:innen gehalten werden.

Das kann man so machen. Wir leben in einem freien Land, auch wenn das viele innerhalb der erbitterten Glottisschlag-Gegnerschaft anders sehen oder zumindest behaupten, es anders zu sehen. Ganz endgültig kann ich das nicht beurteilen, denn es fällt mir schwer, mich in diese Menschen hineinzuversetzen. Oder, um das zu präzisieren: Es fällt mir schwer, überhaupt den Versuch zu unternehmen. Es fällt mir schwer, mich in diese Menschen hineinversetzen zu wollen.

Zurück zum Video. Ich habe also den Glottisschlag verwendet. Mehrfach, denn wenn man das macht, ergibt es nur konsequent durchgezogen Sinn. Nun weiß jeder Mensch, der daheim am Personalcomputer schon mal ein Filmchen von Onkel Hansis 65. Geburtstag zusammengetöckelt hat, wie man Leute möglichst bescheuert dastehen lässt. „Komprimieren“, „wiederholen“, „sinnentstellend zusammenschnippseln“, lauten die Stichworte. Da ich ja weiß, dass ich nicht doof bin, und mich deshalb nicht lange aufhalte mich seltsamen Leuten (oder solchen, die „Ha ha, Diekmann:innen“ für einen originellen, klugen Witz halten), habe ich mir das Video noch immer nicht angeguckt.

Das Video an sich stellt also kein Problem für mich dar. Anders solche Zuschriften: „Was bist du dumm, du Sau!“ – oder: „Du bist ein Stück Dreck, das nicht mal die deutsche Sprache beherrscht“, oder das längere Anschreiben eines Herrn, der mir wünschte, ich würde einen Schlaganfall erleiden, aber nicht sterben, sondern ins Wachkoma fallen. Damit meine Familie stets zwischen Hoffen und Bangen leben müsse und ich mich quäle. Alles, nochmal: alles Reaktionen darauf, dass ich den Glottisschlag verwendet habe. Nicht darauf, dass ich eine Katze bei lebendigem Leibe angezündet habe, jemanden verprügelt oder einen Obdachlosen bestohlen. Menschen beleidigen mich und wünschen meiner völlig unbeteiligten Familie und mir langes, schweres Leid, weil ich gendere.

Auch das kann man so machen. Man muss sich dann halt nur nicht wundern, wenn man Post vom Staatsanwalt bekommt. Denn ich finde, man sollte so etwas nicht machen. Ich bin privilegiert, in vielerlei Hinsicht. Unter anderem, weil ich ein sagenhaft dickes Fell habe und weiß, wie man einen Screenshot von derlei Post anfertigt. Und wohin ich diese Screenshots schicken muss, damit sich geübte und ambitionierte Menschen aus dem Strafverfolgungsbereich damit befassen. Ich denke, wenn man denn so privilegiert ist wie ich, kann man das zugunsten anderer nutzen und dafür sorgen, dass immer mehr Bewusstsein dafür geschaffen wird, was im Netz eigentlich los ist. Und was sich gehört und was nicht. Egal, ob im Netz oder anderswo. Erfahrungsgemäß sind viele im Netz aber sehr viel „mutiger“. Erst gestern wieder habe ich jemanden von den ganz Lieben bei Twitter drauf hingewiesen, dass ich seine Botschaft an mich an die entsprechenden Stellen weiterleite. Zack, hat er erst nur den betreffenden Tweet gelöscht, und dann, nach meinem Hinweis auf den Screenshot, den ich habe, gleich seinen kompletten Account. Es wird ihm wenig nutzen.

Zurück zum eigentlichen Thema. Ich verzichte inzwischen auf den Glottisschlag. Das haben viele derjenigen, die ganz aufgeregt auf das über ein Jahr alte Video stoßen und jetzt auch schnell noch mal mitteilen möchten, was sie von mir halten, nicht mitbekommen. Aber gut, wenn man ernsthaft von einer „Corona-Diktatur“, nicht mehr vorhandener Meinungsfreiheit und sonstigem Unsinn faselt, gehört Nicht-Mitbekommen ja zur Grundausstattung des „Selber denkend“-Habitus.

Warum ich den Glottisschlag nicht mehr benutze? Mir war es irgendwann zu undankbar, viel Arbeit zu investieren, um komplexe Sachverhalte selber zu verstehen und anschließend so zu erklären, dass andere das auch tun, und dann in der anschließenden Debatte zu 80 Prozent Kommentare übers Gendern zu lesen. Ich möchte über Inhalte diskutieren. Was nicht bedeutet, dass gendergerechte Sprache mir nicht mehr wichtig ist. Pick your fights, das war mein Leitsatz in dieser Sache.

Zurück zu den Inhalten und zum Thema. Für den Freundeskreis „Eine Minderheit will uns zum Gendern zwingen und man wird diskriminiert, wenn man nicht mitmacht!!!“ dieser Hinweis: Nicht eine, ich wiederhole: nicht eine einzige auch nur im Ansatz unangenehme Zuschrift hat mich erreicht, seitdem ich drauf verzichte.

Um eine gern gewählte Aufforderung der Social Media-Gripselite zu zitieren: Denken Sie mal drüber nach!

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Im Freibad – eine Menschenbetrachtung

Sonntag war ich im Freibad. Zum zweiten Mal überhaupt in meiner 17-jährigen Berlin-Zeit. Freibad – das ist hier nicht nur eine aktive Entscheidung für Massengedränge, sondern im ungünstigsten Fall auch für Massenschlägerei. Wenn man Glück hat, lediglich als Zuschauer. Ich wiederhole: Wenn man Glück hat.

Eigentlich sollte es Sonntag zum See gehen, das ist ja die Alternative für uns in der Hauptstadt. Da ich aber Samstag komplett flach lag, hatten die Freunde sich in Erwartung meiner Abwesenheit und mit Blick auf ihre Ablehnung von JWD-Aufenthalten statt für den See lieber fürs Freibad entschieden. Als ich nun am Sonntag überraschenderweise wie ein junges Reh aus dem Bett sprang (oder wie ein Kleinkind, die regenerieren ja auch gerne im Speedy Gonzales-Tempo), war der Freibad-Entschluss schon gefasst. Ich schloss mich an.

Weite Teile meiner Jugend habe ich im Freibad verbracht, genauer: im Gütersloher Nordbad. Mit dem Rad brauchte ich von meinem Elternhaus dorthin 5 Minuten, die Jahreskarte kostete 80 Mark, und das war gut investiertes Geld in meine Glückseligkeit.

In disziplinierten Zeiten ging ich morgens um 6 vor der Schule mit meiner Freundin Christina schwimmen. Die Sonne stand noch tief, wir schwammen zwischen älteren Leuten (vermutlich das Alter, das wir inzwischen erreicht haben, aber lassen wir das), und brachten unseren Familien auf dem Rückweg Brötchen mit.

Nachmittags nach den Hausaufgaben fuhr ich wieder hin, klingelte bei meiner direkt gegenüber wohnenden Freundin Eva (beste Lage, damals meine Meinung), und wir gingen rüber. Und legten uns zu irgendwem dazu. Im Laufe eines solchen Nachmittags wuchs die Gruppe auf im Schnitt 20 Leute. Mit vielen hatte ich außerhalb des Nordbad nichts zu tun. Das hier war unsere gemeinsame Welt.

Wir waren Teenies in einer mittelgroßen Stadt mit exakt einem Freibad. Das heißt wir kannten quasi alle, und alle kannten uns. Niemand musste sich verabreden, das Bad war offen, wir waren dort, in den Ferien schon am Vormittag. Leute fuhren mit ihren Eltern oder Freizeiten in den Urlaub, kamen zurück, erzählten Neuigkeiten, erfuhren Neuigkeiten.

Wir ernährten uns von Pommes, Ketchup-Brötchen, gemischten Tüten für eine Mark 50 und von Cola-Eis. Irgendeiner hatte immer einen Ghetto-Bluster dabei, und wenn der nicht lief, raschelten die großen, alten Bäume im Wind oder schepperte die Lautsprecheranlage, weil Bademeister „Hölzchen“ (weil er so trockene, braune Haut hatte) jemanden zusammenstauchte. Diese Ermahnungen drangen bei entsprechenden Windverhältnissen bis auf den Balkon meiner Eltern. Hörte ich sie dort, erfasste mich augenblicklich Fomo (fear of missing out).

Selten war ich so folgsam wie während der Sommermonate: Im Hausarrest alleine vor mich hinzubrüten, während die „Clique“ zusammen im Bad lag, der große, schwere Junge namens Hippo (Jugendliche können grausam sein) zu aller Vergnügen einen Labello verspeiste oder der Riesenkrach zwischen dem schönen Sven und seiner Monika öffentlich ausgetragen wurde – blanke Horrorvorstellung.

Alles popkulturell Relevante lernte ich im Nordbad: dass REM gute Musik machten. Blue System nicht, aber dass die gleichnamige Klamottenmarke wichtig war. Dass man Stephen King lesen musste und Italo Pop maximal während des Urlaubs oder anschließend heimlich zu Hause ok war. Wer Nick Cave war, lernte ich, und wie man 501er richtig eintrug und möglichst lässig vom 10er sprang (nicht die Nase zuhalten). Ich erlebte das Leben in einer Familie mit einer alleinerziehenden Mutter zweier Kinder (meine Freundin Eva und ihr Bruder Philipp) mit. Ohne feste Essenszeiten, ohne sonntägliche Kirchgänge, ohne viel Geld. Ohne perfekte Sauberkeit und tolle Möbel, dafür aber mit viel Gelassenheit. Und ich lernte die unterschiedlichen Kategorien von Freibadtypen kennen.

1. Die Bahnenschwimmer: Bahnenschwimmer haben ein festes Ziel vor Augen. Sie sind geradeaus unterwegs, schwimmen Hindernissen im Zweifel ohne großes Aufhebens aus dem Wege, bevorzugen aber die ungestörte Routine, in der sie wiederum andere nicht stören. Sie ziehen tiefe Befriedigung aus gleichbleibendem Tempo und moderater, regelmäßiger Anstrengung. Bahnenschwimmer sind klug. Nach 10 Uhr morgens oder vor 18:30 Uhr unter der Woche meiden sie das Freibad. Man ist ja nicht bescheuert, sondern fokussiert und unaufgeregt.

2. Anders die Wochenendbesucher: Wochenendbesucher wollen vor allem eines: Entschädigung für die Arbeitswoche. Sie suchen nach der größtmöglichen Schnittmenge aus Entspannung, Vergnügen, körperlicher Ertüchtigung und kulinarischer Sünde in Form von Pommes Schranke. Sie kollidieren mit Typ 3, Familien, und Typ 4, den Arschbombern, was zu Lasten der körperlichen Ertüchtigung und Entspannung geht, geben die Hoffnung aber nicht auf und integrieren deshalb ihre teilweise Enttäuschung ins Freibaderlebnis, die im Laufe einer Woche ohnehin verblasst.

3. Familien: Familienväter und -mütter haben in der Regel ein gutes Gedächtnis, aber keine guten Argumente gegen die Sehnsüchte ihrer Kinder sowie die eigene Nostalgie – oder aber gegen das große Fragezeichen, wie man am besten Zeit mit Kindern verbringt und diese am Abend möglichst müdegespielt hat. Die Folge sind entweder Erwachsene, die in vollgepinkelten Plantschbecken sitzen und dem Nachwuchs entzückt bei den ersten Wasserspielchen zuschauen, oder aber frierend im Nichtschwimmerbecken stehen, wo sie versuchen, möglichst wenig getreten oder angesprungen zu werden. In der Regel heult auch immer jemand und muss in seiner Empörung heruntergeschraubt werden. Entweder hat das Geschwister mehr Pommes, Mama die Frisbee zu Hause vergessen oder das Wasser unerwartete Auswirkungen.

4. Die Arschbomber: Von Hormonen durchtoste Jungs, die Mädchen und andere Jungs beeindrucken wollen. Wahlweise werden dafür Bademeister provoziert oder aber Frauen, deren Haare nicht nass werden dürfen, oder vulgäre Parolen mitten im Sprung gebrüllt. Manche lassen diese Phase nie hinter sich.

5. Teenie-Mädchen: Entweder auch Arschbomber oder junge Damen, die am Beckenrand sitzen und nicht nass werden wollen. Mit ersteren geht man ein paar Jahre später Bier trinken, mit zweiteren shoppen. Mit den Tollen geht beides.

6. Pärchen: Liegen eng zusammen, spüren ob knapper Begkleidung ihre Gefühle, vergessen mitunter, dass sie nicht zu Hause sind. Wenn ihnen stilistisch wirklich alles egal ist, spielen sie die Wasserszene aus „Dirty Dancing“ nach.

Welche Typen ich am Sonntag gesehen habe? Zuallererst Security. Berlin halt. Und ab da weiß ich nicht mehr. Es war sehr, sehr voll. Und es gab keine Massenschlägerei. Alles andere war mir egal. Und, ganz ehrlich: All diese Kategorie Menschen treffe ich doch auch außerhalb des Freibads.

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Julian Reichelts Kurzstreckenflug

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Julian Reichelt ist jemand, den findet man entweder dermaßen freidrehend und indiskutabel, dass man wenig mehr dazu sagen muss und möchte, weil das Leben kurz ist und Reife sich unter anderem in der Fähigkeit zeigt, sich auf positive, konstruktive Seiten unseres ja eben endlichen Daseins zu konzentrieren. Oder aber man findet Julian Reichelt total super. Es mag an meiner Timeline liegen, die ich sorgfältig kuratiert habe, denn das Leben ist kurz, siehe oben. Oder daran, dass Julian Reichelt freidrehend und indiskutabel ist und das für den Salon irgendwann nicht mehr ausreichend genug verstecken konnte – in meiner Timeline jedenfalls stellen die Reichelt-Fans eine verschwindend geringe Minderheit dar.

Das ist für diese Geschichte aber völlig egal. Finde ich zumindest. Denn ob man etwas richtig oder falsch findet, sollte ja – Stichwort: Reife – nicht davon abhängen, wer es tut oder nicht tut.

Julian Reichelt ist also Kurzstrecke geflogen. Und hat sich über seine lange Wartezeit aufgeregt. Einer der am meisten beachteten und bejubelten Tweets dazu:

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Ein in mehrfacher Hinsicht phänotypischer Tweet. Punkt 1: Kurzer Satz, klare Ansage. Punkt 2: Die Absenderin haut drauf. Dafür wurde Social Media zwar nicht erfunden, wohl aber darauf programmiert. Und, Punkt 3, dankbarerweise haut sie drauf auf jemanden, der es aus Sicht Vieler mehr als verdient hat. 24/7.

Julian Reichelt hat eine lange Zeit sehr viel Geld damit verdient, draufzuhauen. Draufzuhauen im Sinne von wohlkalkuliert wild draufzuprügeln. Ohne Skrupel. Also kriegt er jetzt auch einen ab, die Vorlage ist so steil, steiler geht nicht.

„When they go low, gehen wir eben auch low, was soll’s“ – eine in den sozialen Medien ja nicht komplett unverbreitete Denke. Wir ächzen alle unter der Hitze – Stichwort: Klimawandel – und sind dankbar für möglichst geringe Komplexität. Kurzstreckenflüge sind schlecht – Stichwort: Klimawandel, Julian Reichelt ist schlecht. Man muss sich geistig nicht anstrengen, weder beim Thema noch beim Sender-Empfänger-Schema. Hallelujah!

Was die Antwort auf seinen Tweet ebenfalls erfolgreich macht: Reichelt ist böse, die Absenderin nicht.

Das aber führt in eine Bredouille, zumindest Twitter-Süchtige aufmerksame Twitter-Konsumenten. Denn nicht nur Julian Reichelt fliegt Kurzstrecke bzw. versucht es.

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Von Deutschland nach Wien, war der Plan. Kurzstrecke. Hinter dem Plan steckt Natascha Strobl. Strobl, österreichische Politikwissenschaftlerin und Autorin, gehört zu den Hassobjekten der Rechten. Weil Strobl sie chirurgisch analysiert, ihre Mechanismen erklärt und ihnen die Stirn bietet. Wem sie nicht die Stirn bieten musste: derselben Bubble, die Julian Reichelt verurteilt. Ich betone: für seinen Kurzstreckenflug. Es gibt sehr viele andere Punkte, für die Julian Reichelt krtisiert wird, aber hier geht es ja eindeutig um seinen Kurzstreckenflug. Und der einzige Unterschied zwischen ihm und Natascha Strob ist der, dass seiner nicht gestrichen wurde. Natascha Strobl bekam natürlich auch etwas ab, aber nicht allzu viel. Wohl aber viel Zustimmung hierfür:

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Ich habe keine Ahnung, warum Julian Reichelt Kurzstrecke geflogen ist. Vielleicht ist ihm alles egal. Der Gedanke liegt nahe, betrachtet man diese seine Tat im Kontext anderer seiner Taten. Kann aber ja auch sein, dass er gute Gründe hatte. Ich bin zum Beispiel kürzlich morgens von Berlin zu einer Konferenz in München hin- und nachmittags wieder zurückgeflogen. Weil ich pünktlich sein musste. Weil ich vor Ort sein musste, der Veranstalter bestand drauf. Weil ich bei alle drei Bahnfahrten zuvor nicht pünktlich war. Unter anderem kam ich – auf der direkten und nicht allzu langen Strecke von Berlin nach Dresden – zu meiner eigenen Lesung zu spät. Und das fand ich äußerst unangenehm den Leuten gegenüber, die ich warten lassen musste.

In München übernachten konnte und wollte ich nicht. Die Gründe dafür sind privat und gehen niemanden was an.

Und, wer bin ich jetzt? Julian Reichelt oder Natascha Strobl? Oder bin ich jemand, die fest von einem überzeugt ist: Wir müssen alle etwas ändern. Aber so kann man sich nicht benehmen. Das ist zu billig. Natascha Strobl twitterte übrigens, dass sie versprochen hatte, pünkltich (!) zur Geburtstagsparty ihres Sohnes zurück in Wien zu sein. Kann man das kritisieren? Ist das nicht ein guter Grund, zu fliegen?

Ich finde, schon. Aber: Meine Meinung ist doch völlig unerheblich. Wer bin ich denn, zu richten, wer wie oft wie weit oder kurz aus welchem Grund und aus welchem nicht fliegen darf? Und wer was verdient hat?

Wer ich bin: Jemand, die nicht in einer Welt leben will, in der wir uns jetzt voreinander rechtfertigen müssen, was wir essen, wie wir unsere Zeit managen, welche Prioritäten wir setzen. Wer tatsächlich glaube, dass das der Weg ist, hat den Glauben an sehr Vieles schon lange verloren. Nur nicht in seine eigene Unfehlbarkeit. Und an zweierlei Maß. Und daran, dass die Twitter-Polizei irgendeine relevante Größe ist. Kann man alles glauben. Ist aber intellektuelle Kurzstrecke.

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Eine Sehenswürdigkeit names Leben

Gestern war ich auf zwei Veranstaltungen. Erst auf einem Betriebsfest an einem Badesee mit Strand und Pommes und Musik. Danach auf einem sehr schicken Dinner mit ansprechendem Blumenschmuck, wie man sieht.

Heute hatte ich dann auch noch eine Mittagessenverabredung. Meine kommenden beiden Wochenenden sind verplant. Nicht mit AfD-Parteitagen, sondern mit Geselligkeit. Zwei Geburtstage hier in Berlin und eine Party in Friesland einfach so stehen da unter anderem im Kalender.

Für meine Verhältnisse ist das ein einziger Rausch. Ich bin damit binnen eines Quartals zirka so viel unterwegs und freiwillig außerhalb der Arbeit oder anderen klar definierten Zwecken unter Leuten wie sonst in den vergangenen vier Jahren zsammen.

Der Grund heißt: Corona.

Ich muss dieser Tage öfter an meine Umzüge von Hamburg nach München und später dann von München nach Berlin denken. In Hamburg lebte ich knapp fünf Jahre, in München immerhin fast eines. In beiden Städten nutzte ich die letzte Woche, um schnell alle Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Hatte ich vorher nicht getan, sondern alles als selbstverständlich und ja irgendwann mal dazwischenschiebbar abgespeichert.

So ähnlich habe ich die vergangenen Jahre gelebt. Ich war die Meisterin der Verabredungen im Geiste, die ich dann aber im echten Leben doch nicht getroffen habe. Das Wissen darum, zu können, wenn ich wollte, reichte mir. Ich wollte nicht.

Jetzt will ich aber. Denn demnächst ziehen wir ja vielleicht alle (mit alle meine ich: alle, die Verantwortung übrnehmen für sich und andere) wieder um ins Kontakbeschränkungen-Leben. Deshalb gucke ich mir jetzt möglichst viel an, was Spaß macht und ein warmes Herz. Und nehme im Rahmen meiner vernünftigen Möglichkeiten vor dem Hintergrund einer harmlosen aktuellen Variante vieles mit. Die Sehenswürdigkeit names Leben.

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Vor dem AfD-Parteitag

Morgen ganz früh fahre ich los. Nach Riesa in Sachsen. Da trifft sich die AfD, mit der ich beruflich viel zu tun habe, zum Bundesparteitag. Es ist der erste Parteitag, seitdem die gesamte AfD als rechtsextremistischer Verdachtsfall vom Bundesverfassungsschutz beobachtet wird. Und es ist der erste Parteitag, seitdem Jörg Meuthen als Chef hingeschmissen hat. Jetzt soll ein neuer, vielleicht sollen auch zwei neue gewählt werden, vielleicht sogar drei. Vielleicht bleibt Tino Chrupalla an der Spitze mit jemand anderem, sehr vielleicht tritt Björn Höcke an. Viel Kluges und Informatives ist im Vorfeld schon geschrieben worden, zum Beispiel hier. Empfehlen kann ich auch diesen interessanten Hintergrund zum Hören. Es gibt auch etwas Hintergründiges zum Gucken (Spoiler: von mir). Meine Kollegen und ich werden in den kommenden drei Tagen von vor Ort berichten.

Hier soll es jetzt aber um Parteitage als solche gehen.

Parteitage haben einen riesigen Vorteil: Man ist „draußen“. Raus aus der Redaktion, nah ran am Berichtsgegenstand. Den ganzen Tag lang hat man sehr viele von denen, über die man regelmäßig berichtet und die man für Interviews und O-Töne normalerweise anrufen muss und die dann oft gerade nicht verfügbar sind, direkt vor der Nase. Geballt. Verfügbar. Entweder für Gespräche vor Kameras und/oder Mikros, oder aber auch mal für fünf Minuten am Rande. Man sieht endlich mal bedeutende Teile der Partei als Gesamtkonstrukt. Als soziales Gebilde. Wer sitzt zwischendurch überraschenderweise mit wem zusammen, wer streicht durch die Reihen, wer könnte versuchen, zu kungeln? Das ist dann schon eher Denver Clan, Politikversion, als Telekolleg.

Dasselbe gilt für andere Journalisten aus anderen Häusern. Berichtet man seit Jahren über eine Partei, dann kennt man sich Mit den allermeisten arbeitet man freundlich zusammen, tauscht Infos aus. Klar, man steht auch in gewisser Konkurrenz zueinander, aber Hauen und Stechen gibt es nicht. Manchmal murrt jemand, wenn sich wer aus Versehen ins Bild schiebt. Schlimmer wirds nicht. Warum auch?

Parteitage haben eine Tagesordnung, die wiederum je nach Parteitagscharakter aus vielen Anträgen bestehen können oder aus vielen Kandidatenvorstellungen oder aus allem. Beides kann sehr, sehr zäh sein. Thrill geht anders; knisternde intellektuelle Erotik sucht man ebenfalls vergebens. Es ist eher Telekolleg Politik als Politkrimi. Sehr viel Zeit auf Parteitagen sitzt man mit dem Antragsbuch an einem Tisch, hört zu, notiert sich die Uhrzeit von Aussagen vorne auf der Bühne, von denen man meint, sie später für die Berichterstattung gebrauchen zu können.

Die Kunst ist, die ganze Zeit über konzentriert zu bleiben. Den Überblick über das oft sehr bürokratische Prozedere zu behalten. Änderungsanträge zu verfolgen, deren Ausgang, der manchmal erst nach Auszählung bekannt gegeben wird, wenn schon längst ein anderes Thema dran ist. Die Atmosphäre gleicht über Strecken der Jahreshauptversammlung eines Kaninchenzüchtervereins. Dann aber kann sich plötzlich alles schlagartig ändern. Dann geht man sich scheinbar plötzlich gegenseitig an und man befindet sich wie aus dem Nichts auf der Jahreshauptversammlung eines Vereins nicht mehr ganz dichter Kaninchenzüchter.

Vorher zu ahnen: Wo könnten Fallstricke sein, wer steckt weshalb hinter welchem Antrag, welche übergeordnete Agenda wird da verfolgt, wer schmiedet Allianzen – das klappt einigermaßen, wenn man schon länger dabei ist.

Aber auch nicht imme. Was Parteitage nämlich stets haben, ist das, was man Dynamik nennt. Stimmungen können entstehen, die den zwei- bis dreitägigen Veranstaltungen plötzlich einen vorher ungeahnten Spin geben. Wie sich das als Parteichef gehört, hielt Meuthen zum Beispiel in Kalkar eine Rede. Die es in sich hatte. Meuthen griff Teile seiner eigenen Partei aufs Schärfste an. Die Delegierten reagierten – quasi erst mal gar nicht. Ich kann es mir nur mit Schockstarre erklären. Dann aber, am darauffolgenden Tag, nachdem man sich hinter den kulissen ausgetauscht und formiert hatte, implodierte der Parteitag fast. Da gab es sehr viel Wut. Laute Reden an Saalmikrofonen, sowohl von Meuthengegnern als auch -befürwortern, ein vorzeitg abgereister Alexander Gauland, ein sich von Rede zu Rede weiter vertiefender Riss quer durch die Partei. Kalkar war der Anfang vom Ende Meuthen. Hatte zu Beginn des Parteitages niemand mit gerechnet. Und Meuthen hätte diese Rede nie gehalten, hätte er sich dort zur Wiederwahl stellen müssen. Kalkar war aber kein Wahlparteitag.

Auch besonders auf Parteitagen: die Infrastruktur. Im Sender haben wir feste Schnittplätze, kennen die Cutterinnen und Cutter, mit denen wir täglich zusammenarbeiten. Die Abläufe sind eingespielt und komfortabel. Komme ich mit einer Chipkarte voller Drehmaterial in den Sender zurück, übergebe ich es an die Produktion. Dort wird das Material eingelesen auf einen zentralen Sever. Von jedem Rechner aus und von jedem Schnittplatz hat man Zugriff darauf.

Auf Parteitagen schneiden wir auf so genannten SNGs, also Ü-Wagen. Das Einlesen von Material geschieht auf Zuruf. Was da ist oder was nicht, muss man erfragen. Niemand hat den Gesamtüberblick. Das macht das Produzieren von tagesktuellen Beiträgen anspruchsvoll. Zudem schneiden wir unter hohem Zeitdruck mit Leuten, die wir vorher nicht kennen. Etwas beengt, etwas provisorisch. All das mag ich auch sehr. Man muss einander vertrauen. Es ist unmittelbarer und in seiner komprimierten und trotzdem so wahnsinnig gut funtkionierenden Technik für mich immer noch enorm beeindruckend.

Die Hölle auf Parteitagen ist das Essen. Man ist ständig auf der Suche nach einem guten Bild, macht gerade einen O-Ton, die Zentrale ruft an, oder es ist irgendwas anderes. Dynamik zum Beispiel. Da hat man keinen Nerv fürs in Ruhe hinsetzen und Essen. Und das, was es gibt, entspricht diesem Spirit exakt. Ergo isst man irgendwann zwischendurch irgendwas, wenn es sich gerade ergibt oder was rumsteht, zum Beispiel auf dem Schreibtisch oder am Schnittplatz. Ich nehme auf Parteitagen traditionell pro Tag zirka 10.000 Kalorien zu mir. Parteitage sind meine Tour de France. Nur ohne Sport. Und komplett ohne Vitamine.

Irgendwann ist dann auch mal Feierabend. Für manche von uns lange nach Ende des Parteitags, wenn die Stühle alle leer sind, das Licht wieder an oder schon komplett aus, durchgefegt, die Türen der Halle abgeschlossen, alle Delegierten noch auf ein Bier aus oder schon im Hotel, den nächsten Tag vorbereiten. Denn manche Sendungen laufen ja spät am Abend, und man ist eigentlich immer erst sehr knapp erst vor Sendungsbeginn fertig. Egal, ob im Studio oder „draußen“. Wenn dann aber Feierabend ist, dann gehts ins Hotel. Findet der Parteitag in einer größeren Stadt statt, gibts auch noch ein Bier. Vielleicht sogar was Warmes zu Essen. Und am nächsten Morgen gehts dann weiter.

Jeder Parteitag ist anders. Das mag ich daran vielleicht am allermeisten.

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Borgen, Staffel 4

Diese Woche gab es in der Süddeutschen eine Seite 3 über Robert Habeck. Dort war unter anderem die These zu lesen, dass der nah an der Grenze zu Dänemark lebende Habeck, dessen vier Söhne in DK zur Schule gegangen sein sollen, seinen Politikstil vom Nachbarland übernommen habe: superpragmatisch, superuneitel. Wobei jemand im Artikel Habeck schon auch große Eitelkeit attestiert.

Da musste ich an „Borgen“ denken, dessen 4. Staffel ich vor zwei Wochen frisch erschienen quasi inhaliert habe. Zwei Nächte waren sehr kurz, dann war ich durch. Ich hatte aber auch, wie so viele andere, sehnsüchtig drauf gewartet.

„Borgen“ dreht sich um die dänische, wer hätte es gedacht, Politikerin Birgitte Nyborg. Ihren Aufstieg bis hin zur Regierungschefin, was sie dann irgendwann auch nicht mehr ist. Ihre Familie, das Scheitern ihrer Ehe. Ihr Frausein. Ränkespiele in der Politik, aber auch einfach um: politische Prozesse.

Die vierte Staffel hat Grönland im Vordergrund, das auf eine riesige Menge Öl stößt. Das löst fast einen Dritten Weltkrieg aus. (Vor 4 Monaten hätte das geklungen wie die reinste Dystopie oder nach hysterisch überzeichnetem Drehbuch. Schade, dass es das nicht mehr tut.)

Das ist der Plot im Vordergrund. Nyborg wird gezeigt, wie sie als nunmehr Außenministerin verhandelt. Mit Grönland, mit den USA, China. Mit ihrer eigenen Partei. Und mit ihren eigenen Werten. Sie wird unfreundlich, ungeduldig, unnachsichtig. Hart.

Sie wird aber auch gezeigt als zwar mächtige, jedoch oft auch einsame Frau in dem, was wir so gerne als beste Jahre euphemisieren. Die beiden Kinder sind aus dem Haus, der Ex-Mann wird noch einmal Vater. Birgitte Nyborg hingegen steckt mitten in den Wechseljahren. In einer Szene weint Nyborg, als sie gegenüber ihrem Sohn ziemlich offen zugibt, allein zu sein. Die beiden sitzen dabei in einem Café.

Es gibt keine Szene, keine Heulkrämpfe, keinen Wendepunkt. Nix da Tabula rasa, kein „Eat Pray Love“. Das ist Kopenhaben, nicht Hollywood. Nyborg steigt nicht aus, schmeißt alles hin und wird jetzt Yogalehrerin. Sie macht weiter, und sie tut einem Leid in diesem realistischen Umgang mit dem Angekotztsein von manchen Seiten ihres Lebens. Man kann halt nicht alles haben.

Ähnliches erlebt ihre ehemalige Sprecherin, Katrine Fønsmark. Sie kehrt zurück zu ihrem Fernsehsender, wo sie nun aber nicht mehr als Moderatorin und Redakteurin arbeitet, sondern als Nachrichtenchefin. Also auch über Macht verfügt. Auch sie verändert sich, und das nicht zum Guten. Sie gerät an eine streitbare Mitarbeiterin und merkt: Oben ist es einsam. Der Stress setzt ihr zu, die ihr abverlangten Kompromisse durch die Gratwanderung zwischen Journalismus und den Ansprüchen der Politik an den öffentlich-rechtlichen TV-Sender ebenso. Sie schreit ihre Kinder an, am Ende findet sie sich mit zusammengebrochenen Nerven wieder. Auf einer Toilette beim außerordentlichen Parteitag von Birgitte Nyborgs Partei.

Die Nyborg nicht mehr vertraut, weswegen man sich außerplanmäßig trifft. Nyborg schmeißt hin. Beide Frauen erkennen am selben Ort, dass sie nicht mehr können und/oder nicht mehr wollen. Und geben auf.

Ich liebe es, mir fremde Themen zu erarbeiten. Mit Genuss habe ich zum Beispiel Anfang des Jahres Khuê Phams Roman „Wo auch immer ihr seid“ gelesen. Ich hatte nämlich sehr wenig Ahnung von Vietnam. Und so ging es mir auch mit Grönland. Dafür war „Borgen“ super.

Was mir auch gut gefallen hat: die besonders dieser Staffel zugrunde liegende Annahme, dass in niemandes Leben alles tippitoppi ist. Auch finde ich es intellektuell sehr entgegenkommend, wenn nicht so getan wird, als ließe sich das ändern. Dass aber gleich beide Frauen am Ende aufgeben, ist doch bescheuert. Die Lehre kann ja nicht sein, dass gar nichts geht. Dass die große Karriere das Erste ist, was man hinschmeißt, ohne vorher wenigstens mal an anderen Stellschrauben gedreht zu haben. Am eigenen Perfektionismus zum Beispiel. Da hätte ich mir Varianz gewünscht.

Trotzdem: dicke Empfehlung. Schön erzählt. Sympathische Menschen. Nahbare Politiker. Tolle Bilder vom geliebten Kopenhagen und dem faszinierenden Grönland. Schlaue Gedanken. Fast so grandios wie „The West Wing“. Aber das erzähle ich ein andermal.

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9. Juni 2022

„Sach ma, kennst du das, wenn du tagelang so nen komischen Geruch in der Nase hast und so nen komischen Geschmack im Mund?“, frage ich letzten Samstag meinen Vater, beid em ich über Pfingsten zu Besuch bin. „Jau“, sacht er, „du bist krank.“

Er hatte Recht, ich hatte ein paar Indizien übersehen. War ich wohl krank, ohne mich wirklich krank zu fühlen. Dafür aber abends ab acht müde wie nix. Muste immer früh ins Bett. Jetzt aber nicht mehr. Bin ich wohl nicht mehr krank. Kann ich wohl wieder bloggen. Und das Ostwestfälische ist in ein, zwei Tagen wohl auch wieder weitestgehend raus ausser Sprache.

Heute Morgen fuhr ich auf dem Rad zur re:publica. Ich freute mich wie verrückt. Vor allem natürlich auf die re:publica. (Gut, ich konnte von da aus nicht twittern, WEIL TWITTER MICH GESPERRT HATTE, ABER DAS LESEN SIE GERNE MORGEN IN MEINER KOLUMNE; ICH REG MICH NUR EINMAL AUF.) Ich freute mich aber auch, weil ich zeitlich super im Plan war trotz mir bis dato unbekannter Radstrecke.

Noch immer nämlich unterschätze ich die Wege in Berlin. Zudem kann ich keine Karten lesen und verfüge obendrein über nicht mal einen Hauch von Orientierungssinn. Die Gene. Ich möchte die dafür verantwortliche Person hier nicht explizit nennen. Kleiner Hinweis: Sie wurde eingangs zitiert.

Ich fasse zusammen: Pünktlich würde ich sein. Das Rad schnurrte wie eine Katze. Meine Kleidung war optimal ans Wetter angepasst. Ich fror nicht, ich schwitzte nicht. Ich war ausgeschlafen, auskuriert. Alles war perfekt.

Nun hätte ich mit zufriedenem Lächeln einfach so weiterfahren und diesen seltenen Zustand genießen können. Aber nein, ich machte es anders: Ich überlegte, was ich noch perfekt im Leben haben könnte. Mehr Struktur im Alltag, fiel mir als Erstes ein. Nicht meine Stärke.

Regelmäßige Mahlzeiten, klare Pläne für die Wochenenden, festgelegte Tage etwa für Wäsche, rechtzeitige Einkäufe, Zeitfenster für Sport – ich begann im Kopf schon, zu basteln: samstags waschen, währenddessen auf den Markt, aus den Einkäufen oder zumindest Teilen davon Mittagessen kochen. Dieses Mittagessen hatte ich bereits zu Beginn der vergangenen Woche in einem ausgeklügelten Mahlzeitenplan festgehalten, in dem sich Genuss und Vernunft die Waage (ha ha) halten, alles dafür Notwendige bestellt oder eben samstags erstanden. Nach dem Mittagessen dann Freizeitvergnügen, das ich im Laufe der Woche bereits organisiert hatte. Abends wieser essen, danach irgendwas außer Tatort, noch ein Blick in den Kalender für die Woche, und dann ins Bett.

Es klingt vielleicht spießig, das finde ich aber nicht schlimm. Ich hab nie zu den Coolen gehört, warum sollte es mir jetzt noch gelingen? Ich versuche das gar nicht mehr erst. Und trotzdem hab ich mein Vorhaben heute auf dem Fahrrad in meinem schönen roten Kleid, das ich noch schnell vorher gebügelt hatte (nachdem ich es zufällig im Schrank wiedergefunden hatte, wo es letztes Jahr wohl vom Bügel gerutscht war), und mit meiner schönen guten Laune gekippt. Denn: Ich machte erst mal Bestandsaufnahme. Und wissen Se was? Wissen Se, wie das Ergebnis lautete?

Alle hier sind sehr zufrieden.

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2. Juni 2022

Sheryl Sandberg verlässt Facebook bzw. Meta. Das geht hierzulande medial unter, neben Haushaltsdebatten, erstem Merkel-Auftritt nach Ende ihrer Kanzlerinnenschaft, Einigung übers Sondervermögen und Johnny Depp vs. Amber Heard.

Das ist ungut, weil Meta ja wichtig ist. Größer als jeder Staat. Also hier ein paar Gedanken zum Thema Sandberg.

Sandberg war und ist für viele Frauen ein Vorbild. Nicht nur qua Amt, sondern auch, weil sie nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes öffentlich trauerte. Trauern, also Schwäche zeigen, ist ja schon dann nicht so gern gesehen, wenn jemand über einen normaldurchschnittlichen Job und ein normaldurchschnittliches Maß an Macht verfügt.

Ob Sandberg ihre Macht im Konzern dafür genutzt hat, andere Frauen zu fördern? Die beiden Autorinnen von „Inside Facebook“ haben für ihr Buch mit sehr vielen Leuten im Unternehmen gesprochen. Und die Antwort lautet „Nein“.

Was Sandberg aber getan hat, als sie 2008 von Mark Zuckerberg geholt wurde: Sie wirkte maßgeblich an der Entwicklung des Targeting mit, der nahezu maßgeschneiderten Werbung, die Unternehmen auf Facebook schalten können. Um Maß nehmen zu können, misst die Seite ihre User aus. Die müssen dafür ihre Daten hinterlassen. Mithilfe des „Data Minings“, das Sandberg als Idee mitbrachte, wird dies einfacher. Um dies wiederum zu ermöglichen, müssen wir User möglichst lange auf der Seite verbleiben. Das tun wir vor allem, wenn wir negativ emotionalisierende Beiträge sehen. Und dafür sorgen Algorithmen. Unsere Daten sind das Gold, das Meta an Werbetreibende verkauft.

Zusammengefasst: Hass ist Metas Goldgrube.

Sandberg hatte ebenso wie Zuckerberg, schreiben die New York Times-Journalistinnen Sheera Frenkel und Cecilia King, vor allem an einem Interesse: Geldverdienen. „Über Jahre hinweg war das Sicherheitsteam von der Doppelspitze des Unternehmens, die kein aktives Interesse an seiner Arbeit hegte und auch seine Berichte nicht anforderte, größtenteils vernachlässigt worden.“

Dass Donald Trump davon profitierte, dass im Zuge des Cambridge Analytica-Skandals die Daten von zig Millionen Nutzern missbraucht wurden, dass Desinformation bis heute blüht, in der Pandemie zum Beispiel sehr riskant, dass Massenmörder ihre Taten auf der Plattform streamen – auch daran hat Sandberg Anteil. Und zwar einen gewaltigen.

Sandberg hat auch versucht, einzugreifen. In einzelnen Punkten setzte sie sich durch. So gehörte sie zu denjenigen, die Zuckerberg davon überzeugten, Holocaustleugnung nicht mehr auf seiner Plattform zu erlauben. In anderen Belangen kam sie aber am allmächtigen „Zuck“ nicht vorbei.

Wenn sie jetzt geht, dürfte das deshalb wenig ändern. Interessant wird sein, ob sie irgendwann Interna aus dem Maschinenraum berichtet. Wahrscheinlich ist das allerdings nicht. Sie hängt ja mit drin. Vielleicht aber setzt sie ihr Wissen und ihre Erfahrung ja anderswo ein. Und baut etwas auf, das die gefährlichen Fehler von vornherein vermeidet, die Facebook gemacht hat. Die Hoffnung stirbt zuletzt.