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Aus den Fugen

Der CDU-Chef und Oppositionsführer, der im Zusammenhang mit ukrainischen Flüchtlingen von “Sozialtourismus“ spricht.


Der Freund, der erzählt, wie er im Café in Prenzlauer Berg fragte, ob sie eine Steckdose für ihn übrig haben, an der er sein leergelaufenes Handy aufladen kann – und dies als Antwort erhielt: „Haben Sie eigentlich ne Ahnung, was Strom kostet?“ Sein Handy luden sie ihm dort nicht auf.

Die Freundin, die reihum fragt, ob wir anderen auch Angst vor dem weißen Blitz haben.

Der Vizepräsident des Bundestages und stellvertretende FDP-Vorsitzende, der den türkischen Präsidenten als “Kanalratte“ bezeichnet.

Die Bekannte, die ein Zimmer bei einer Familie gemietet hat in Berlin-Tempelhof, 700€ Miete dafür zahlt und nun schriftlich von der Familie, mit der sie sich die Wohnung teilt, mitgeteilt bekommen hat, dass sie nur noch zweimal die Woche duschen darf. Persönlich wollten sie es ihr nicht sagen. Aus Scham.

Das Ehepaar an der Fleischtheke, das Leberkäse kauft. Die Verkäuferin, die sagt: „Nehmen Sie ruhig mehr davon, den gibts bald nicht mehr, die Energiepreise!“ Die Frau, die daraufhin sagt: „Den Habeck, den müsste man wegsperren!“ Und ihr Mann, der ergänzt: “Und den Lindner gleich mit!“

Die Nachbarin, die sagt: „Wir haben jetzt einen Gaskocher, eine Platte, die man drauflegen kann für einen Topf, zwei Taschenlampen, Batterien en masse und den Keller voll mit Vorräten. Den Blackout kriegen wir hin.“

Die Freundin, die sagt: „In Hiroshima ist der Bambus damals schon nach zwei Wochen wieder heile gewesen. Meinst du, es macht Sinn, jetzt welchen zu pflanzen?“

Die Verwandte, die seit vier Tagen quasi nicht mehr anzutreffen ist, weil sie ihre Garage leerräumt und in Panik vor einem bislang unkalkulierbar teuren Winter alles zu verkaufen versucht, was sie dort findet und seit mindestens sechs Monaten nicht mehr benutzt hat.

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Gibt es guten Hass?

In Iran erheben sie sich. Gehen in Massen auf die Straße, protestieren, schneiden sich die Haare, legen das Kopftuch ab. Riskieren ihr Leben, verlieren es sogar auch. Der feministische Aufstand vereint Frauen und Männer in ihrer Wut auf das Regime, nachdem die 22-jährige Mahsa Aminidas in Teheran von der Sittenpolizei wegen zu legeren Tragens ihres Kopftuchs festgenommen worden war und anschließend starb.

Ein Aufstand im Jahr 2022, in einem Land, in dem Unterdrückung herrscht und demnach auch Zensur. Es ist das klassische Setting, die klassische Chance für alternative – für: soziale Medien.

Die in Iran 2009 schon mal eine zentrale Rolle gespielt haben, nach der Präsidentschaftswahl. Als der Hardliner Ahmadineschad erneut an die Macht gekommen war, nutzten Dissidenten vor allem Twitter, um ihre Proteste zu organisieren und die Bilder davon in die Welt hinauszusenden. Vorbei an Pressesperren. Das Time Magazine feierte Twitter damals als das „Medium der Bewegung“. Der Ruf von Social Media war (kurz) aufpoliert.

Es war auch das Time Magazine, das Mark Zuckerberg nur ein Jahr später zum Menschen des Jahres erklärte. Zuckerbergs Facebook hatte ebenfalls eine glorreiche Rolle gespielt, nämlich im Arabischen Frühling. Nicht nur die Medien, NGOs – nein: die ganze Welt lag Zuck zu Füßen. Die Rede war gar von der „Facebook-Revolution“, so wichtig war das Netzwerk gewesen im Versuch der Oppositionellen, sich ihrer Herrscher zu entledigen und sich eine Demokratie zu erkämpfen.

Inzwischen gehören zu Zuckerbergs Imperium, dem Meta-Konzern, neben Facbook auch WhatsApp und Instagram. Letzeres zählt in Iran zu den meistgenutzen Plattformen. Journalisten in Iran schreiben nun, Meta lösche regimekritische Inhalte. Der Konzern arbeite gar mit dem Regime zusammen. Meta dementiert und weist auf seine Gemeinschaftsrichtlinien hin, die Aufrufe zu Hass oder Gewaltdarstellungen verbieten.

Lassen wir mal beiseite, wie konsequent und wie effektiv bzw. eben nicht Meta im Kampf gegen diese Phänomene im Alltag ist. Es stellt sich nämlich eine ganz grundlegende und auf den ersten Blick unheimlich zynische Frage: Gibt es guten Hass? Oder anders: Nach welchen Maßstäben sollten soziale Netzwerke eingreifen? Oder aber, fangen wir noch grundlegender an: Was sind soziale Netzwerke?

Sind soziale Netzwerke lediglich eine userfreundliche Oberfläche, die wir anwenden können, um unsere Inhalte dort zu verbreiten? Sind diese nur an uns gebunden? An unsere Vorstellung von Moral – oder aber an die Gesetze unseres Herkunftslandes? Oder aber an die Gesetze unseres Aufenthaltsortes – also des Landes, in dem wir uns zum Zeitpunkt eines Posts aufhalten?

Könnte ich – dazu später mehr – während meines Urlaubs in Spanien auf Facebook den Holocaust leugnen (das ist in Spanien seit 2007 nicht mehr verboten)? Oder würde ich bei meiner Rückreise nach Deutschland dafür belangt? Oder was wäre, hätte ich mich im in Spanien über einen kleinen Trick über Deutschland ins Netz eingeloggt, weil ich beispielsweise Sportinhalte sehen will, für die eine deutsche Website keine Streamingrechte im Ausland besitzt?

Kriege ich ein Problem, wenn ich auf Twitter den Völkermord an den Armeniert geleugnet habe und dann nach Griechenland reisen will? Oder ihn sogar während meines Aufenthalts dort leugne? In Griechenland ist das nämlich verboten.

Kommen wir zurück auf das Beispiel Holocaustleugung. In Deutschland, dem Land des Tätervolks, ist sie verboten, in den USA nicht. Und auf Facebook war sie es auch lange nicht. Eine Gangart, die Mark Zuckerberg (der Jude ist) wiederholt verteidigte mit Verweis auf die Redefreiheit – und indirekt mit dem Argument, Facebook stelle quasi lediglich die Infrastruktur: Es sei nicht Ziel der Plattform, so Zuckerberg, seine Nutzer davon abzuhalten, Unwahrheiten zu schreiben. Einige Jahre lang war Facebook deshalb laut deutschem Gesetz (NetzDG) dazu verpflichtet, Holocaustleugnung zu löschen, sofern sie von Deutschland aus gepostet wurde. Vorher sah eigentlich auch schon das Telemediengesetz, Stichwort: Störerhaftung, eine solche Verantwortung bei den Plattformen. Allerdings wurde da nicht wirklich konsequent geahndet.

Dann änderte Zuckerberg seine Meinung (!) und im Zuge dessen wurden auch die Gemeinschaftsregeln verändert: Der Holocaust darf nun auch bei Facebook nicht mehr geleugnet werden, egal, von wo aus das geschieht.

Klingt gut, oder? Besser spät als nie. Wenn Männer wie Zuckerberg oder auch Elon Musk, der ja behauptete, seine Satelliten den von Russland überfalnenen Ukrainern zur Verfügung zu stellen, mehr solcher Entscheidungen und Taten vollbringen würden – die Welt wäre ein besserer Ort. Nur: Wer sagt uns denn, dass dermaßen viel Macht in die Hände von Menschen fällt, die sie gut einsetzen? Wer definiert eigentlich gut? Vor allem, wenn Gut und Böse nicht so plakativ verteilt sind?

Nächste Frage: Mit wem kooperieren die Plattformen, nach wem richten sie sich in solchen Entscheidungen? Folgt Meta einem moralischen Kompass? Oder entscheidet es nach gewinnmaximierenden Maßstäben – denn es ist ja neben der sehr hybriden Infrastruktur/Kurator-Rolle auch (vor allem) ein Unternehmen. Das Geld verdienen möchte. Und angesichts sinkender Gewinne erschreckend schnell nervös wird und an aus vermeintlich altruistisch-moralischen Beweggründen getroffenen Entscheidungen wieder rührt, zum Beispiel in der Frage, ob Fake News zu Corona ok sind oder nicht.

Nehmen wir an, die Behauptungen stimmen: Meta mischt sich ein und richtet sich nach den Wünschen der iranischen Mullahs. Es wäre nicht das erste Mal, dass Meta eingreift. Zuckerberg selbst hat eingegriffen, wie er 2018 in einem Interview erzählte, als auf Facebook zum Genozid gegen die muslimische Minderheit der Rohingya in Myanmar aufgerufen hatte. ES wird kein Zufall sein, dass Zuckerberg diese Geschichte preisgab, zumal im Jahr 2018: Eben da dokumentierten die UN, wie bedeutend und unheilvoll Facebooks Rolle für die orchestrierten und tödlichen Hasswellen gegen die Rohingyas gewesen war. Mit der Schilderung, wie er höchstpersönlich an einem Samstag aktiv geworden und zum Schutz der Rohingyas beigetragen hatte, sichert Zuckerberg sich und seinem Unternehmen Sympathien.

Denn Hass gegen eine Minderheit – das findet niemand gut. Generell ist Hassrede in den sozialen Netzwerken ist ein ernstzunehmendes Problem, die Kritik an den Plattformbetreibern wurde in den vergangenen Jahren (in Wellenbewegungen) lauter.

Aber es gibt ein Dilemma: Gibt es guten Hass? Soll Instagram dann Hass zeigen dürfen, wenn er sich gegen die Bösen richtet? Ist das eine moralische Frage? Eine kuratorische? Die sich moralisch beantworten ließe?

Gibt es guten Hass? Wer definiert ihn? Und, damit schließen wir den Kreis: Wo und wann unterwirft sich Meta, unterwerfen sich andere Konzerne dem Recht von Nationalstaaten? Wenn Meta sich als Kurator versteht, als ein aufklärerisches Medium – muss es dann nicht zum Beispiel das Posten von Videos von Steinigungen etwa von Frauen in Iran erlauben, damit die Welt sieht, was da los ist? Fällt Facebook unter einen Pressekodex? Irgendeinen Kodex? Wer würde, da ist sie wieder, die Frage, diesen Kodex definieren? Oder braucht es nicht vielmehr Gesetze? Wer definiert die? Wer setzt sie durch? Die EU hat 27 Staaten, die sich kaum auf etwas einigen können – wie soll sich die Welt auf irgendein verbindliches und wirklich tiefgriefendes Regelwerk einigen können? Für etwas, das es vorher noch nie gab?

Ich stelle nur Fragen. Lieber hätte ich Antworten.

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Isch eskaliere

Während der Zeit, in der ich oft und regelmäßig in Israel arbeitete, diskutierte das Land über einen Gesetzentwurf: Nazi-Vergleich im israelischen Parlament, der Knesset, sollten endlich verboten werden. Nazi-Vergleiche – ausgerechnet in Israel? Ja, es stimmt wirklich. In Israel gehörten sie im Parteienstreit, ich zitiere: zum „Standardvokabular.

Generell ist die Auswahl an Eskalationsstufen in Debatten mit und innerhalb von Israelis einigermaßen begrenzt. Im Autoverkehr ist das dermaßen hörbar, dass der damalige Mann an meiner Seite sich weigerte, noch als Beifahrer mit mir in mein Auto zu steigen: Ich hatte mich nach seinem Geschmack zu stark vom Prinzip: „Hupen und Schimpfen, Rest regelt sich von selbst“ überzeugen lassen, das auf den Straßen Israels gilt.

Mittlerweile, so mein Eindruck, geht der Trend global gesehen weg von vielen Nuancen auf der Eskalationsleiter. So global sogar, dass das Wetter diese zweifelhafte Mode mitmacht. 15:30:30 Uhr: „Diese Hitze!“ – 15:30:33 Uhr: „Wo ist meine Winterjacke?!“ So fühlte sich dieses Jahr das an, was wir einst den Übergang nannten. In dem wir einander obendrein fragen: „Heizt ihr schon?“

Um das Bild zu vervollständigen: Wer Eskalation sagt, muss natürlich auch „Social Media“ sagen. Vorgestern twitterte ich eine wieder mal ganz kolossal großartige „Torte der Wahrheit“.

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Isse nicht wieder grandios? Kann man finden, muss man natürlich nicht, klar. Aber: So sind die Zeiten ja nicht. „Widerwärtig“ lautete das verbale Geschoss, das jemand als Reaktion abfeuerte. Seiner Ansicht nach fehlten wichtige Themen in der Auflistung. Krieg, Artensterben und Klimakatastrophe scheinen nach seinem Empfinden nicht die aktuell höchststehenden Probleme zu sein. Das ist ja völlig legitim, es könnte ja durchaus bereichernd sein, seine Begründung zu hören, an seiner Abwägung teilhaben zu können. So funktionieren Debatten. Aber, man kann es nicht ändern, er konkret wollte es nicht ändern: Auch auf Nachfrage blieb es bei seinem Urteil: „Widerwärtig.“ Reiht sich ein in das mal eben kurz gefällte Urteil einer Autorin, die das Buch eines Journalisten zur ja ohnehin unfassbar aufgeladenen Debatte um die „Cancel Culture“ schlankerhand als „Schande“ verdammte.

Wer kann, der muss, scheint die Devise der Stunde zu sein. Warum kleckern, wenn man klotzen kann? Ich mache mir das jetzt womöglich mal zu eigen. Der Postbote etwa kommt, die Nachbarschaft ist sich in ihrer Beobachtung einig, derzeit nicht täglich. Man könnte sich mal bei der Bundesnetzagentur erkundigen, durchaus beschweren. Aber will ich altmodisch wirken? Nein, ich will nicht altmodisch wirken. Bei seinem nächsten Besuch mache ich sein E-Bike zu Kleinholz.

A propos Nachbarn: Die Alarmanlage des Autos eines Nachbarn geht ständig los, aus dem Nichts, ohne Grund. Also, jedenfalls ohne den Grund, für den sie gedacht ist: versuchter Diebstahl. Der Grund ist vielmehr ein technischer Defekt. Beim nächsten Mal leg ich ihm eine tote Ratte vor die Tür. Was ich mit dem Nachbarn mache, der eine andere Partei wählt als ich, überlege ich mir dann noch. Zweimal tote Ratte ist ja langweilig.

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Ordentliche Selbstbestrafung

Meine Magisterarbeit habe ich zu 99 Prozent zu Hause geschrieben. Ich bin gerne zu Hause, kann mich gut selbst disziplinieren und lasse mich schnell von äußeren Reizen ablenken. Also schrob ich daheim. Dafür musste ich viele Bücher ausleihen. Sehr viele.

Eines Tages ließ ich den Blick vom Schreibtisch durch mein Wohn-/Arbeitszimmer schweifen, schweifte hin, schweifte zurück, schweifte ab – und blieb an einer Kiste hängen. Warum stand diese Kiste dort? Welchen Inhalts war diese Kiste?

Meine Untersuchung ergab: In dieser Kiste lagen sehr viele Bücher. Die ich zu Beginn meiner sechsmonatigen Schreibzeit gebraucht hatte. Nun war ich fast fertig. Kurz war ich benommen, dann fasste ich mir ein Herz, packte die Kiste und fuhr in die Stabi. Manche Dinge muss man handhaben wie Pflasterabreißen.

In der Rückgabestelle staunte man nicht schlecht. Zumindest, bis ich ein Drittel der Bücher auf den Tresen gelegt hatte. Ab da war der Berg schon so hoch, dass die Miene des Mitarbeiters dahinter verschwand.

Nach langer Stille, nur unterbrochen vom grob über den Daumen gepeilt 150-fachen Piepsen des Scanners, nannte der Mann mir eine Summe. Als ich wieder bei Bewusstsein war, fragte ich, ob Kartenzahlung ginge. Raten Sie mal: 2004, Staatsbibliothek. Also machte ich mich auf den Weg zum Geldautomaten.

Bei meiner Rückkehr war der Mitarbeiter nicht mehr alleine. Er hatte ein paar Kollegen dazu geholt. Schaulustige könnte man sie auch nennen. Ich konnte sie verstehen. Mit schmalen Lippen zahlte ich und warte seitdem auf die Umbenennung in „Nicole Diekmann-Bibliothek“. Hat man bisher wohl vergessen.

Was ich vergessen konnte, war das Heather Nova-Konzert, auf das zu gehen ich vorgehabt hatte. Das verbot ich mir. Nicht aus finanziellen Gründen, darauf kam es nun wirklich nicht mehr an. Sondern aus pädagogischen.

Und weil ich so funktioniere, habe ich nun endlich, ich möchte es laut tirilierend wiederholen: ENDLICH einen aufgeräumten Keller.

Seit zweieinhalb Jahren hat der Gedanke an diesen Keller mir schlechte Laune gemacht und saß mir wirklich schwer im Nacken mit kontinuierlicher Tendenz zum schwerer Werden. Eine von mir nur halb lustig gemeinte These lautet, dass ich mein Buch geschrieben habe, um eine Ausrede fürs NichtKellerAufräumen zu haben.

Gestern fiel mir durch eine Verkettung von Zufällen auf, dass ich finanziellen Mist gebaut habe. Eine 100%-ige Eigenleistung, bedingt durch Bequemlichkeit, Unkonzentriertheit und Unwillen. Ich kann hier nicht ins Detail gehen, weil ich niemanden auf dumme Gedanken bringen will und mein kaufmännisch ausgebildeter und -gefuchster Vater mich wohl zur Adoption freigeben würde, würde er davon erfahren. Ich will auch gar nicht ins Detail gehen, weil es wirklich peinlich ist. Finde ich. Die ich in einem eben kaufmännisch geprägten und sehr ordentlichen und sparsamen Haushalt aufgewachsen bin.

Nun habe ich kein Vermögen an der Börse verjubelt. Dazu müsste ich ja eins (gehabt) haben. Oder auf falsche Berater vertraut. Ich bin ja nicht Steffi Graf. Es ist keine Katastrophe. Ärgerlich, das ja.

Was aber nun passiert, ist folgendes: Die „Schöner Wohnen“ kann sich schon mal ready machen. Um halb sechs heute Morgen bin ich aus den Federn, habe die Sommersachen verräumt, allen zu erledigenden Papierkram erledigt, auf dem Rückweg aus dem Büro notwendige Herbst- und Wintersachen gekauft und anschließend DEN KELLER AUFGERÄUMT. Und so wird das hier weitergehen. Damit mir sowas nicht noch mal passiert.

Ich fühle mich wie eine Mischung aus Marie Kondo und einem Opus Dei-Mitglied. Mit einem sensationellen Keller. Immerhin.

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Berlin rastet aus: ein neuer Supermarkt!

Ich lebe seit 17 Jahren in Berlin. In der größten Stadt, in der ich bisher je gelebt habe. Gebürtig stamme ich aus Gütersloh. Da wurden wir quasi jedes Jahr zum Zählappell gebeten, weil wir ENDLICH die 100.000 durchbrechen wollten. Hat erst nach meinem Wegzug geklappt. Worin ich keinen Zusammenhang sehe.

Gütersloh ist ein Dorf. Ob 80.000 oder über 100.000 Einwohner – Gütsel besteht aus einem Kern und vielen eingemeindeten Bauernsprengseln drum herum. (In die wir Kerngütersloher ab Teenie-Alter an den Wochenenden zum Feiern gefahren sind, aber die völlig missglückte Freizeit-Politik meiner Heimat ist ein anderes Thema und womöglich zu nischig.)

Alle kennen in Gütersloh also alle. Ich finde dieses Konzept ja schön. Meine Eltern waren selbstständig, meine Großeltern auch, dazu waren alle auch noch Vereinsmeier und Stammtischler. Zogen mein Vater oder auch meine Mutter und ich durch die Stadt, winkten wir abwechselnd bis zum Abwinken in sämtliche Richtungen. So definiere ich Geborgenheit.

Gut, Provinz bringt natürlich nicht nur Vorteile mit sich. Diskretion, Rebellion oder Rumstümpern spielen sich selten im Verborgenen ab. Einmal zum Beispiel tönte ich mir heimlich bei einer Freundin die Haare lila, fuhr die ca. 10 Minuten Distanz mit dem Rad nach Hause – und erlebte dort statt des Überraschungs- nur den Entsetzenseffekt. Eine Freundin meiner Mutter hatte mich von ihrem Laden aus gesehen und direkt die Style-Polizei meine Eltern informiert. Ähnlich lief es ab, als ich mit sehr frischem Führerschein einem Kumpel meines Vaters den Seitenspiegel abfuhr.

Bei allen Nachteilen für Fahranfängerinnen und Jugendliche auf der Suche nach der optimalen Haarfarbe („Wildpflaume“ ist es jedenfalls nicht) – ich liebe ja Provinz. Wenn ich viele Leute kenne, grüße, zufällig treffe und über Jahre begleite, finde ich das schön. Nach Berlin bin ich nicht gezogen, weil ich die Anonymität der Großstadt schätze. Sondern, weil ich jemanden sehr schätzte und diese Anonymität dafür in Kauf genommen habe.

A propos Kauf: Heute fühle ich mich, als wäre ich wieder in Gütersloh. Heute hat nämlich der Edeka an der Winsstraße endlich geöffnet, und das hat tatsächlich zu einem kleinen Twitterdialog geführt mit Leuten hier aus dem Kiez. Wir freuen uns! Vor ich glaube sechs Jahren war das Haus, in dem sich der Vorgänger-Supermarkt befunden hatte, abgerissen worden, und nun ist der Neubau fertig. Ich möchte eine Nachbarin zitieren, die ich heute flugs informierte:

Nun ist es nicht so, dass wir hier einen Mangel an Supermärkten hätten. Ich lebe, Klischees kommen nicht von ungefähr, im Prenzlauer Berg, und die Infrastruktur ist tipptopp. (Ist sie aber auch in Gütersloh-Avenwedde oder Harsewinkel zumindest in dem Maße, dass ein neuer Laden da jetzt nicht zu dreitägigen ekstatischen Paraden führen würde.)

Nein, wir haben keinen Mangel an Supermärkten. Wir haben einen Mangel an Freundlichkeit.

Durch den temporären Wegfall des ehemaligen „Flirt-Kaisers“, so hieß der jetzige Edeka einst wegen der dort legendären Anbahnungsquote zwischen Fleisch und Pflaumen, mussten wir ausweichen. Unter anderem auf einen Markt, in dem nicht der Kunde König ist, sondern der motzigste Mitarbeiter oder die motzigste Mitarbeiterin.

Man ist hier ja viel gewohnt. Im Café: „Welchen Kuchen haben Sie denn heute?“ – „Steht allet inna Vitrine!“ Beim Bäcker: „Entschuldigung, ist das Brot frisch?“ – „Nee, sind Sie et?!“ Beim Italiener, den der „Lonely Planet“ wegen seiner unfreundlichen Mitarbeiter anpreist (wie irre kann man sein?): „Könnten wir die Nudeln vielleicht auch als Kinderportion haben?“ – „Nein, könnt Ihr selber zu Hause kochen.“

Im Ausweichsupermarkt würde man vom Rest der Belegschaft vermutlich geächtet, würde man so mit der Kundschaft reden. Weil man den Kodex verletzen würde. Zu freundlich.

Nun also haben wir wieder Sonne im Herzen, denn egal, wer im neuen Edeka wohl arbeitet: Es kann nur freundlicher sein. Morgen werde ich mir das in aller Ruhe anschauen, und habe auf Twitter schon versprochen, zu berichten. Flirten will ich nicht. Nur ein paar Bananen kaufen. Und nicht angeschrien werden. Ost-Berlin eben.

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Kühnert macht den Habeck.

Kevin Kühnert hat sich bei Twitter abgemeldet. Twitter führe zu „Irrtümern in politischen Entscheidungen“, so begründet der SPD-Generalsekretär seinen Schritt (€). „Etwas ist schiefgelaufen“ erscheint nun auf seinem Account. Findet Kühnert auch, irgendwie so prinzipiell und generell. Er macht also Twitter, eine Plattform, und ihre zugegebenermaßen äußerst schwierige Debattenkultur verantwortlich für Fehler bzw. Probleme seines Handelns.

Man könnte es auch so ausdrücken: Kühnert macht den Habeck.

Robert Habeck, damals noch Grünen-Chef, hat sich Anfang 2019 vom Kurznachrichtendienst verabschiedet. Der polarisierende Ton dort, der Zwang, zuzuspitzen, färbe auf ihn ab, schrieb Habeck dazu in seinem Blog. Was er dort auch sehr offen erwähnt, nicht aber als ausschlaggebenden Grund für seine öffentlichkeitswirksam inszenierte Abkehr nennt: dass er quasi zwei Mal denselben Fehler gemacht hat. Nämlich zwei Bundesländern durch eine ungenaue Formulierung quasi ihre demokratische Verfasstheit abgesprochen. Und das nicht etwa in einem Schwung – nein, im Abstand von mehreren Monaten. Beim zweiten Mal traf es Thüringen: „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird, ein ökologisches Land“, sagte Habeck in einem von den thüringischen Grünen anlässlich der dortigen Wahl im Januar 2019 veröffentlichten Video.

Ein demokratisches Land „wird“, sagte Habeck. Nicht „bleibt“. Das wäre auch eine schwierige Formulierung gewesen, wären die Grünen dort nicht gar an der Regierung beteiligt gewesen, als ihr Bundesvorsitzender seine unbedachten Worte sprach. Und damit auf übergeordneter Ebene erstens den Eindruck erweckte, schlampig zu sein und zweitens, nicht aus Fehlern zu lernen. Denn, wie bereits erwähnt, de facto war ihm mit Bezug auf Bayern im Oktober 2018 dasselbe passiert. Etwas war schiefgelaufen. Zwei Mal.

Nun also Kühnert. Der heute Morgen noch massiv kritisiert wurde wegen Äußerungen zu Panzerlieferungen an die Ukraine. Die er ablehnt. Es gibt ja kaum noch ein emotionslos diskutiertes Thema in den sozialen Netzwerken. Russland/Ukraine aber gehört eindeutig zu den großen Aufregern. Wenn man sich dazu äußert, zumal dermaßen exponiert und umstritten, ist auf Twitter einiges los. Die Hölle. Ein logischer Tag also, um seinen Account zu deaktivieren.

Ich kann es so gut verstehen. Denn auf den Plattformen ist ja auch sehr viel schiefgelaufen und läuft viel schief. Ich will hier niemanden langweilen, wir wissen das ja inzwischen alle. Aktuell steht mir der Mund noch offen, nachdem gestern jemand unter einem Tweet von mir irrtümlich Cottbus in Thüringen verortete und dafür von diversen Usern angefeindet wurde. Als ich darauf hinwies, dass man sich womöglich im Ton moderater äußern könne, antwortete mir wahrhaftig jemand, der Accountinhaber habe sich den Hass verdient. Es gehöre schließlich zur Allgemeinbildung, dass Cottbus in Brandenburg liegt.

Zur Allgemeinbildung gehört mittlerweile auch, dass Teile der Social Networks in der Hölle liegen.

Und trotzdem ist der Abgang die falsche Entscheidung, die falsche Schlussfolgerung, das falsche Signal. Politiker müssen in der Lage sein, zu kommunizieren. Ob es unbedingt offener Streit sein muss wie am Wochenende zwischen Armin Laschet und Markus Söder wegen der Frisur von Anton Hofreiter – nein, ich mache keine Scherze, sehen Sie selbst:

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…ob das sein muss, lassen wir mal dahingestellt. Aber gar nicht mehr dabei zu sein und dem dem Mob das Feld zu überlassen – das ist für eine Demokratie nicht gut. Als demokratischer Politiker kommt man seiner Vorbildfunktion damit nicht nach. Problematisch ist auch, nicht mal zu versuchen, es besser zu machen. A

ber schauen wir uns noch mal genau an, was wir aktuell auf Kühnerts Twitter-Account zu lesen bekommen:

„Erneut versuchen“. Vielleicht macht er das ja.

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Warum Skrupellose gern übers Gendern reden

Strommarktdesign. Gaspauschale. Energiemix. Speicherkapazitäten. Flüssiggas-Terminals. Wasserstoff-Verbrennungsmotoren. CO2-Bepreisung. Inflation. Rezession. Reservebetrieb. Der Kolonialismus der britischen Krone.

Na, elektrisiert?

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Winnetou. Der Tod der Queen. Lange Haare bei Männern. Maskenpflicht. Weihnachtsmärkte. Das gemeinsame öffentliche Trauern von William, Harry, Kate und Meghan.

Na, interessiert?

Ich bemerke, dass ich mich durchaus dazu motivieren muss, mich mit den zuerst genannten Themen eingehend zu beschäftigen. Ich trete mich trotzdem in den Hintern, weil das zu meinem Berufsprofil gehört und es mir unangenehm wäre. Ich möchte aber nicht verhehlen, dass es mir ungleich mehr Disziplin abverlangt, mich diesen zu widmen als beispielsweise den in der zweiten Auflistung genannten wie etwa der Maskenpflicht. Oder dem Tod der Queen.

Für Letzteres gibt es zwei Gründe: Man kann da mitreden, ohne groß vorgebildet zu sein, erstmal zumindest. Im unmittelbaren Augenblick des Ereignisses reicht ein Austausch über Emotionen. Die Phase, in der Hintergründiges ausgetauscht wird, kommt erst später. Zum einen funktionieren Medien so, zum anderen erfordert das im konkreten Fall auch das Konzept namens „Pietät“. Zweitens erinnert mich paradoxerweise der Tod der Königin Elisabeth an meine Kindheit, also an eine Zeit, in der ich mir noch keine Sorgen machen musste. Das ist inzwischen anders. Klima, Wirtschaft, Pandemie. (Fast hätte ich hinzugefügt, dass natürlich viele Menschen viel größere Sorgen haben als ich, aber wir sind hier ja nicht bei Twitter, weswegen ich mal optimistisch davon ausgehe, dass man mir hier nicht gleich wieder unterstellen wird, dass ich nur zu einem in der Lage bin: Mir Sorgen um mein Umfeld und mich zu machen ODER um andere.)

So. Weiter. Es ist ja erstmal ein Zeichen von funktionierender Selbstfürsorge und intakten Abgrenzungsmechsnismen, wenn man den komplizierten und auch bedrohlichen Themen andere vorzieht. Der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung ist das, was uns gesund hält, so hab ich das mal gelernt. Je nach Disposition tendiert man mehr zum einen oder zum anderen, und noch mal je nach Disposition ist man entweder in der Lage oder willens (das ist ein Unterschied, beides kommt vor), sich auch zur Beschäftigung mit dem anderen hin zu disziplinieren. So wie die Queen – sehen Sie, geht schon wieder los. Es zieht mich zum Profanen. Meine Entschuldigung lautet: Sonntag.

Konsequenterweise schweife ich ab, aber: Zurück zum Thema. Es ist also total menschlich und logisch (psycho-logisch), sich lieber mit Profanem zu beschäftigen. Das Ganze wird sogar durch einen Namen geadelt (ich kann es nicht lassen, tut mir Leid): Wir haben es hier mit dem Law of triviality zu tun.

Dieses besagt, dass es uns Menschen einfach viel näher liegt, uns mit Trivialem zu beschäftigen – vor allem in Anbetracht von zu treffenden weitreichenden, komplexen Entscheidungen. Ironie der Geschichte: Als Beispiel für seine These wählte ihr Aufsteller, ein Mann namens C. Northcote Parkinson, ein fiktives Komitee, das sich mit dem Bau ausgerechnet eines Atomkraftwerks beschäftigen sollte. Stattdessen beschäftigte sich das Komitee aber lieber mit Fragen wie: Aus welchem Material soll der Fahrradschuppen für die Mitarbeiter:innen (ich mach das jetzt wieder) bestehen?

Man kann sie nur allzu gut verstehen, diese Mitglieder des Komitees, oder? Atomkraft – krasse Entscheidungen. Und eben komplexe. Viele Variablen müssen berücksichtigt werden, übereinander gelegt, miteinander kombiniert, gegeneinander gestellt. Viel Input braucht man dafür – und damit auch viel Zeit. Das Potenzial, Fehler zu machen, ist hoch. Und das Ausmaß der möglichen Folgen möglicher Fehler potenziell katastrophal. Dystopisch.

So ein Fahrradschuppen kann also entweder eine Ersatzhandlung sein, oder eine Etappe. Um sich zu motivieren. So wie wenn ich an einem schwierigen Text sitze, nicht weiterkomme oder auch einfach unzufriedne bin, und dann erst mal den Backofen putze. Ich hab dann was geschafft. Ich bin zu etwas in der Lage, mein Selbstbewusstsein freut sich, trau ich mich wieder an den Text ran.

Ist der Text für einen meiner Arbeitgeber oder Auftraggeber gedacht, muss ich ihn zu Ende schreiben. Sonst kriege ich ein Problem. Sollte das ausgedachte Komitee sich ausschließlich mit allem anderen außer der ihm eigentlich zugedachten Aufgabe beschäftigen, hat es das auch. Seine Mitglieder verlieren an Glaubwürdigkeit und Reputation, der Bau des AKW könnte veschleppt werden, woran energiepolitische Planungen und Arbeitsplätze hängen. (Ich argumentiere hier völlig ideologiefrei.)

Wenn Politik sich an Profanem abarbeitet oder aber überaus komplexe Probleme so weit herunterprofanisiert, dass sie plötzlich sehr einfach zu beantworten scheinen und in Folge sehr schlecht gelöst werden, ist das auch menschlich. Niemand hat heutztage noch Zeit, die nächste Wahl in irgendeinem Bundesland steht an, und eine Fehlerkultur besitzen wir hier auch nicht. Die Fronten sind hart, das Lauern ist spürbar, Gnade hat in Zeiten von Inflation und drohender Rezession keine Hochkonjunktur.

Wenden politisch Handelnde also das Law of triviality an (ob bewusst oder unbewusst, egal), ist das menschlich – aber auch sehr verantwortungslos. Leider ist das aber für manche Politiker überhaupt kein Probem, zum Beispiel intellektuell. Die meisten von ihnen sind locker in der Lage, im Grunde alles so weit herunterzubrechen, dass die Wähler am Ende die Wahl haben zwischen Schwarz und Weiß. (Wie übrigens das Gender-Thema. Ganz so einfach ist das alle ja gar nicht.) Nur schlichte Menschen denken, alle oder auch nur die meisten Politiker wären dumm.

Moralisch sind einige Politiker dazu in der Lage. Oder, um es klar zu benennen: Einige haben keine Skrupel, das zu tun.

Manchen Menschen gelingt es auf der anderen Seite nicht, sich mit dem Nicht-Trivialen zu beschäftigen. Die Gründe dafür sind individuell, also äußerst unterschiedlich. Eines ist ihnen aber gemeinsam: Auf sie zielen die Skrupellosen. Die Populisten. Und die Extremisten. Leider bekommen dann nicht nur sie ein Problem. Sondern wir alle.

(Hier wird das Ganze übrigens sehr hörenswert beschrieben, analysiert und auch bewertet. Ich kann den Podcast sehr empfehlen.)

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Karl, der König, wurde nicht gefragt.

Die Queen wird ja gerade relativ oft erwähnt. Auch von mir, so zum Beispiel hier und jetzt. Ihre Disziplin wird gelobt, ihr lebenslängliches persönliches Zurückstecken für den Dienst am Volk. Auch ihr Sohn und Nachfolger auf dem Thron, Prinz Charles sprach gestern in seiner ersten Ansprache als König vom „Dienen“, hoben Kommentatoren lobend hervor.

Es sagt viel aus über uns, über unseren Anspruch an uns und an andere, dass wir das Dienen und die Disziplin so wohlwollend betrachten. Und noch etwas ist interessant: wie viel auch jetzt darüber gesprochen wird, dass Charles ja sehr, sehr lange darauf warten musste, endlich den Thron besteigen zu können und deshalb vermutlich nur ein Übergangskönig sein wird.

Mit anderen Worten: Der arme Charles musste lange darauf warten, dass seine Mutter stirbt.

Nun weiß ich nicht, wie die beiden so miteinander waren. Ja, man kennt Geschichte wie die vom eher harten Philip, Charles‘ Vater, der auf Drill in der Erziehung setzte und seinen Sohn ins schottische Internat schickte, was dieser ihm nie verzieh.

Das wissen wir, andere Dinge meinen wir zu kennen, ihr Wahrheitsgehalt schwankt von Quelle zu Quelle. Netflix, Das Goldene Blatt, BBC… Aber wie tief sind denn unsere Einblicke in die Familien um uns herum, um die Strukturen, die Bindungen, den Alltag miteinander? Was wissen wir denn über das Verhältnis selbst unserer engen Freundinnen zu ihren Eltern? Wie gut können wir das zu unseren Eltern durchdringen? Eltern-Kind-Beziehungen sind ja ein bisschen komplexer als die Frage, ob Winnetou verboten wurde oder nicht.

Nehmen wir mal an, Charles und Elisabeth hatten ein durchschnittlich gutes Verhältnis. Er hatte sich abgenabelt, ein eigenes Leben, rief zwar nicht mehr jeden Tag bei Mutti an, hielt aber den Kontakt. Wenn man sich sah, verstand man sich in der Regel gut und sprach nicht in Großbuchstaben miteinander. Streit kam vor, aber in normalem Maße wie bei anderen Leuten auch, wenngleich es allerdings vermutlich selten um Themen ging wie „Du hättest ruhig mithelfen können, als deine alte Mutter den Keller aufräumen musste, mein Sohn!“.

Dies angenommen, wirkt folgende Annahme einigermaßen plausibel: Charles ist traurig. Seine Mutter ist gestorben. Kinder egal welchen Alters sind fast immer traurig, wenn ihre Mutter stirbt. Auch wenn das Verhältnis unterdurchschnittlich gut war. Und gleichzeitig wird Charles wissen, ein mindestens durchschnittlich gutes Verhältnis vorausgesetzt, dass er Glück hatte, so lange eine Mutter gehabt zu haben.

Ich persönlich würde mich relativ unwohl fühlen und meinen Umgang noch mal überdenken, erlebte ich eine Beerdigung, auf der offen ausgesprochen und obendrein konsensual, kollektiv und völlig selbstverständlich dazu genickt würde, dass es doch super für die Nachkommen ist, weil die jetzt zum Beispiel im Familienunternehmen endlich das Sagen haben. Man kann das wohl mal denken, als positiven Nebeneffekt, aber man muss ja nicht alles aussprechen. Oder gar feiern.

Charles ist jetzt König. Vorher war er aber ja auch schon was. Insofern sagt dieses „Was hat der Mann ein Glück, endlich ist seine Mutter tot“ mehr über uns aus als über ihn. Wir setzen das Streben und das Ankommen (nach) ganz oben über alles. Losgelöst von faktischen, praktischen, pragmatischen Fragen. Vielleicht hat Charles ja gar keinen Bock, jetzt durch die Lande ziehen zu müssen. Und zu dienen. Und unparteiisch zu sein, was er bisher nicht immer war und für die Zukunft als König jetzt versprochen hat. Vielleicht wäre Charles jetzt auch einfach lieber noch ein bisschen traurig als direkt König. Aber Charles, der König, wurde nicht gefragt. Er dient jetzt. Der Glückliche.

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Das Ende unserer Kindheit.

Jetzt ist sie nicht mehr da, die Queen. Dabei war sie doch immer da. Ich bin ziemlich genau 44,5 Jahre alt und heute Morgen zum ersten Mal in einer Welt ohne Elizabeth II. aufgewacht. Neun von zehn Menschen, so ist zu lesen, geht es ebenso. Wahnsinn.

Zwei Tage, nachdem sie die neue britische PM Liz Truss empfangen hat, ist die Königin von England gestorben. Kurz nach dem 25. Todestag von Diana.

Damals, als Lady Di starb, rief mich meine Oma Therese an und weckte mich. Sie musste die Nachricht loswerden. In Omas Wohnzimmer habe ich regelmäßig die kompletten Niederungen der deutschen Yellow Press durchgeblättert. Ich bin aufgewachsen mit stetigem Informationsfluss über das Verhältnis zwischen der Queen und ihrer ungeliebten Schwiegertochter.

Das Wohnzimmer, das Haus meiner Oma, waren ein fester Bestandteil meiner Kindheit. Wollten meine Eltern mal einen draufmachen mit dem Kegelclub oder den Freunden aus dem Schützenverein, schlief ich bei der Omma unter der dicksten Daunendecke der Welt. Es roch überall nach „Uralt Lavendel“, das sie großflächig benutzte, und in diesem Geruch saß ich neben ihr auf dem Sofa und guckte mit ihr „Der blaue Bock“ mit Heinz Schenk. Neben dem Sofa, auf der Kommode, stand ein Bild von Papst Johannes Paul II., in einer kleinen Schale daneben lag ihr Rosenkranz. Wenn sie ihn betete, musste ich leise sein. Jeden Samstagmorgen ging meine Oma, die bis zu ihrem 80. Geburtstag arbeitete, zum Friseur, danach in die Stadt. Von dort aus kam sie zu uns, zu Fuß, sie hatte keinen Führerschein. In ihrer Handtasche: je eine Tafel Milka Vollmilch und je zwei Mark Taschengeld für meinen Bruder und mich. Abends gingen meine Mutter und ich mit ihr in die Kirche, und sonntags dann fuhren wir zu ihr und aßen Mittag. Meistens gab es Rouladen, damals mein Lieblingsessen als Kind. Meine Kindheit war sehr westdeutsch und sehr behütet.

Meine Oma war immer da und ist es seit 2001 nicht mehr. Auch meine Mutter ist nicht mehr da. Wer seine Mutter oder seinen Vater verloren hat, weiß: Egal, wie alt man bei ihrem Tod ist – die Kindheit geht damit noch mal ein Stück zu Ende. Die ist dann noch ein bisschen mehr vorbei. Diejenigen, die lange die Hand schützend über uns hielten, sind weg. Und damit rückt man selbst unfreiwillig nach. Man ist in der natürlichen Rangfolge näher dran – näher daran, als nächste abzutreten.

Sicherheiten gehen. Und diese Zeiten sind, es ist schon jetzt eine Binse, für meine Generation äußerst ungewohnt unsicher. Pandemie, Rezession, Krieg quasi direkt nebenan, you name it. Und inmitten dieses neuen, nicht schönen Lebensgefühls, bricht eine weitere Konstante weg. Das könnte ein Grund dafür sein, dass ich gestern Abend auf meinem Sofa, in meinem Wohnzimmer, schlucken musste. Und warum social media gestern das war, was es gerne viel, viel öfter sein sollte: Das Lagerfeuer, um das wir uns gemeinsam setzten, ein Gefühl teilten und Erinnerungen. Unter anderem die Wehmut an unbeschwertere Zeiten.

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Die Analog-Strategie

Vorletzte Woche fuhr ich nach Österreich. Von Berlin aus, so riet mir eine über 70 Jahre alte, mit der Strecke hinlänglich bekannte Frau, solle ich über Tschechien fahren. Dafür bräuchte ich, ebenso wie für meine Zeit in Österreich, eine Vignette. Zwei Minuten später schickte mir die Dame via Whatsapp zwei Links. Einen für den digitalen Kauf der österreichischen, einen zweiten für dasselbe Prozedere bezogen auf tschechische Autobahnen. Vier Minuten später hatte ich alles erledigt und wieder einmal den Beweis: Digital betrachtet, lebe ich im Niemandsland. Deutschland kommt hochgerechnet auf weniger Digitalkompetenz als die Ü70-Jährige.

Gut, nun könnten diejenigen, die Fax und BTX immer noch für völlig ausreichend halten und Deutschland wegen „war ja immer so“ für federführend in grundsätzlich allem, entgegnen, dass mein Vergleich hinkt: Wir haben hierzulande keine Pkw-Maut. Ein Begriff, der fest verknüpft ist mit dem Namen Andi Scheuer. Der da ja was verbockt hat. Als Verkehrsminister. Als der er auch für Digitales zuständig war. Wie ja irgendwie sehr viele in der GroKo. Das Organigramm las sich irgendwann wie eine Schnitzeljagd für Hochbegabte. Der Vorteil an solch einem Chaos: Wenn es scheitert, ist niemand schuld. Das Doofe: Wenn es glückt, kann sich niemand die Krone aufsetzen. Aber gut, dieses Szenario schien nie sehr wahrscheinlich.

Inzwischen ist Andi Scheuer kein Minister mehr, denn die Union, also auch seine CSU, sitzt nicht mehr mit am Kabinettstisch. Dafür hat jetzt der FDP-Politiker Volker Wissing den Digitalhut auf, und ich sage es mal so: Sehr viel hoffnungsfroher stimmt das, was bisher aus der Ecke kam, auch nicht.

Wissing hat jetzt eine Digitalstrategie vorgelegt. Er und sein Parteichef Christian Lindner finden sie tippitoppi Spitzenklasse. Behaupten sie zumindest. Ich kann nicht prüfen, ob sie das auch so meinen. Aber natürlich ist es ihre Aufgabe, das super zu finden. Nein, präziser: Es ist ihre Aufgabe, zu behaupten, dass sie es super finden.

Ein interessanter Punkt ist jedoch, dass (ausgerechnet) die FDP etwas super zu finden scheint, dessen Finanzierung noch gar nicht steht. Ich möchte da Herbert Grönemeyer frei zitieren: Wann ist eine Strategie eine Strategie?

Zumal weiter Wirrwarr herrscht. Es gibt kein eigenes Ministerium, damit fängt es schon mal an. Die Begründung, die die Ampel dafür lieferte, gehört zu meinen Lieblingsbegründungen ever ever ever: Man habe kein geeignetes Gebäude in Berlin gefunden. Vielleicht, und das ist nicht unwahrscheinlich, hat man kein Gebäude mit Glasfaseranschluss gefunden. Im Regierungsviertel falle ich teilweise mit demselben Mobilfunkanbieter in Funklöcher, der mich in Nepal und Gaza zuverlässig und stabil hat telefonieren und surfen lassen.

Aber es geht natürlich auch anders. Man kann das Thema auch im Verkehrsministerium lassen. Nur: Es liegt auch in anderen Ministerien. Digitalisierung, so lautet das Mantra, ist eben ein Querschnittsthema. Das stimmt. Aber die Bundesregierung ist ja kein basisdemokratisches Experiment. Jemand muss der Chef sein. Und Volker Wissing ist zwar von vielen Leuten der Chef, nicht aber von anderen Ministern. Zum Beispiel von Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der die Digitalisierung der Medizin vorantreiben soll. Oder von Nancy Faeser, deren Innenministerium für die nicht ganz unwesentliche Digitalisierung der Verwaltung zuständig ist.

Alle Ministerien sollen „Leuchtturmprojekte“ vorstellen und umsetzen, so die Planung laut dem rund 50-seitigen Strategiepapier. Tun sie das nicht, tja. Dann ruft Volker Wissing mal persönlich an und sagt freundlich mahnend: „Jetzt aber!“

Vielleicht ticke ich zu autoritär, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das funktioniert. Zumal ja in Zeiten von Krieg, Inflation, Corona und vielleicht auch heißem Herbst alle einen guten Grund haben, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Nur, spätestens beim Stichwort “Corona“ müssten ja aller Ohren klingeln. Da war doch was! Ein Zusammenhang mit Digitalisierung! Gesundheitsämter, die Faxe schicken. Schulen, die nicht digital unterrichten. Können oder wollen. Digitalisierung hat ja auch was mit Mindset zu tun. Nicht nur mit Corona. Mit allem.

Was wäre es schön, hätte Deutschland mit Digitalisierung endlich auch was zu tun.