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21. Mai 2022

Sie sehen hier den Münchener Gasteig. Da tobt momentan eine Konferenz, und ich saß heute auf einem Panel zum Thema „Online-Hass gegen Frauen“. Dieses Panel startete just in dem Augenblick, in dem ich das Foto schoss. (Es startete mit einer Keynote, die nicht ich hielt, deshalb saß ich noch im Publikum.)

Wie Sie sehen, sitzen da viele Leute. Keine Selbstverständlichkeit. Denn was ich bisher meistens gesehen habe: Hass ist kein Blockbuster. Ich beschäftige mich ja viel mit Hass (Lieblingswitz meines Bruders: „Hass ist ihr Hobby“), und normalerweise stehen Leute auf und gehen oder aber kommen erst gar nicht, wenn drüber geredet wird. Niemand mag Hass. Interessant, dass er mancherorts trotzdem so floriert.

Nicht aber heute. Mein Tag war von vorne bis hinten unglaublich nett. Nett im Sinne von: nett. Es fing an mit der Fahrt zum Flughafen – durchweg freundlich. Am Flughafen hatte ich dann versehentlich eine 150 ml-Tube Handcreme im Handgepäck. Das ist ja gegen jede Regel. Der Mitarbeiter an der Sicherheitskontrolle wies mich zwar drauf hin – und drückte dann aber ein Auge zu. „Haick ja ja nich jesehn!“ Und das in Berlin!

Dann fiel mir wenig später nach einem Toilettenbesuch auf, dass mein Ring fehlte. DER Ring. Ich hab ihn vor vielen Jahren, etwa vor 30, von meiner Oma geschenkt bekommen. Er gehörte vorher ihr. Weil ich ihn so sehr liebte, überließ sie ihn mir. Er ist so schön, dass manche Menschen in meinem Umfeld bereits mir nach meinem Leben trachten: Eine Freundin fragte mich kürzlich, ob sie ihn haben könne, wenn ich mal tot sei. Seitdem bin ich wachsam.

Nun ist dieser Ring so beschaffen, dass Seife sich in ihm festsetzt. Also nehme ich ihn zum Händewaschen ab. So auch heute am Flughafen. Ich sprintete sofort zurück in den Waschraum, durchsuchte alles – nichts. Und: Fing an zu weinen. Vorm Waschraum. So. Und dann stand eine Frau vor mir und fragte, ob ich etwas suchte. Ich antwortete – und hatte ihn zurück. Sie hatte hinter mir gestanden am Waschbecken, mich noch rausgehen sehen, dann zu spät meinen Ring, mich dann erst nicht mehr gefunden – und nun zum Glück doch noch. (Sie war zurückgekommen, um nach einer Nummer zu einem Verantwortlichen suchen, wo sie ihn abgeben konnte.)

Und so ging es weiter. Erst traf ich eine liebe ehemalige Cutterin, die seit zwei Jahren in Rente ist, am Gate. Und dann, im Flugzeug, surprise, surprise: alle nett. Angekommen in München, Fahrt zur Konferenz: nett. Auf der Konferenz, Sie können es sich wohl denken, selbst wenn Mustererkennung nicht Ihre Stärke sein sollte. Genau: Alle nett!

Wieder zurück am Flughafen hatte ich noch Zeit. Trank Kaffee. Links von mir am Tisch: eine Frau mit kurzen blonden Haaren. Wir machten uns gegenseitig Komplimente für unseren hervorragenden Geschmack. Rechts von mir: vier Frauen. Sie aßen und tranken dazu Aperol Spritz. Als eine seufzte: „Ich lalle schon, es ist halb fünf!“, musste ich lachen. Sie lachte zurück und bot an, mir auch einen auszugeben. Eine andere bewunderte meine Brille und ließ sich von mir die hervorragende Site buchstabieren, die meine und andere schöne Brillen verkauft.

Ins Flugzeug zurück nach Berlin stieg ich als eine der Letzten ein. Hatte den Fensterplatz. Der in der Mitte und der am Gang waren schon belegt. Zwei große und massive Männer hätten beide aufstehen müssen, hätte ich drauf bestanden. Mir war es aber egal, ich sagte also: „Rücken Sie doch einfach auf, das passt schon“, und das fanden die beiden so schön im Sinne von nett, dass sie mir ihre Schokoladentafeln schenkten, die die Flugbegleiterinnen verteilten.

Was soll ich Ihnen sagen? Dieser Tag stand im Zeichen des Hasses und war von vorne bis hinten nett. Nett im Sinne von selten in einer solchen Ballung erlebt. Wenn ich jetzt für die restlichen Stunden Social Media meide, kann nichts mehr schiefgehen!

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20. Mai 2022

Heute am frühen Abend bin ich auf dem Balkon eingeschlafen. Im Sitzen. Erst ein einen Basketball während des Schlenderns dribbelnder Teenie weckte mich auf. Sonst säße ich immer noch da.

Die Woche war anstrengend, weil zerfasert. Nichts macht mich müder als fragmentiertes Arbeiten. Die eine Hälfte des Tages dies, die andere das, zwischendurch noch Unvorhergesehenes, dann die Bahn (nein, ich fange jetzt nicht schon wieder an) – Mutti kaputti. So sieht’s aus.

Eigentlich sollte ich heute noch einen Geburtstag mitfeiern. Hatte ich aber keine Lust drauf. Morgen fliege (ja, fliege, die Bahn, Sie wissen Bescheid. Wer nicht mal Berlin-Dresden ohne Probleme hinbekommt, dem bietet nach meinem Geschmack die Strecke Berlin-München eindeutig zu viel Potenzial zum Scheitern auf – Achtung: ganzer Strecke) ich zu einem Panel nach München, ich bin ja müde – ich habe abgesagt. Nun ist es ja nicht freundlich, auch wohlformuliert abzusagen. Es gibt aber ein Problem: Ich bin (selbstgewählt) gläsern.

Würde ich nämlich zu einer weißen Lüge greifen, sagen wir mal: Ich bin krank – da wäre das Staunen aber groß, wenn ich morgen was von der Veranstaltung twittere. Oder die Veranstalter etwas mit mir posten. Ich müsste jetzt auch irgendwas hier schreiben, das die Wahrheit elegant ausspart. Aufs Trainingsgerät hätte ich heute auch nicht steigen und trainieren können. Andere Geburtstagsgäste und ich sind miteinander dort vernetzt. Meine Trainingszeiten können sie mühelos nachschauen. Wer krank ist, fährt kein Rad. Außer Profis. Aber selbst wenn ich nicht gläsern wäre, wüsste so ziemlich jeder: Ein Radprofi bin ich nicht.

Also hab ich gesagt: „Es tut mir Leid, ich kann nicht. Ich brauche Ruhe, lass uns nächste Woche einen Wein trinken.“ Antwort Geburtstagskind: „Alles gut. Ich hab gesehen, was alles bei Dir los ist. Erhol Dich, freu mich auf nächste Woche!“

Gläsern ist also Pest und Fest. Und davon ganz unabhängig stimmt ja auch, was Freundin H. immer sagt: „Ich rechtfertige mich nicht dafür, was ich mit meiner Freizeit mache.“ Kluge Frau.

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19. Mai 2022

Dieses Foto ist aus einem Zug heraus aufgenommen worden. Einem fahrenden. Ein Zustand, den man nie für selbstverständlich halten sollte. Ich bin heute zu meiner eigenen Lesung zu spät gekommen. Weil mein Zug 45 Minuten stand. Zirka 100 Meter vom Dresdener Hauptbahnhof entfernt. ICH KAM ZU SPÄT UND ALLE MUSSTEN AUF MICH WARTEN. Und ich hatte eigentlich genügend Puffer eingeplant. Nach normalem Dafürhalten. Aber ich fuhr ja Bahn. Mein Fehler.

Gar nicht mal so kurz habe ich heute darüber nachgedacht, mir einen zweiten Twitter-Account einzurichten. Keinen anonymen, sondern schon klar als meiner erkennbar. Den würde ich aber ausschließlich dafür nutzen, Berichte (aka Pamphlete) von Bahnreisenden (aka Leidensgenossen) zu retweeten. Ich hab das wieder verworfen. Erstens macht mir das nur schlechte Laune und zweitens käme ich dann ja zu nichts anderem mehr. Ich brauche ein anderes Hobby.

Früher hatte ich eines. Jahrelang hatte ich rumprobiert. Tennis. Badminton. Jazz Dance. Keyboardspielen (ich habe sehr kleine Hände, Klavier ging deshalb nicht). Jahrelang lag mein Vater mir in den Ohren, ich solle Mannschaftssport treiben, auch aus charakterlichen Gründen. Jah-re-lang.

Als er es endlich aufgegeben hatte und mich nicht mehr belagerte, fing ich an mit Softball.

Softball ist eine Variante von Baseball. Irrtümlicherweise meinen viele Leute, als Ball würde ein weicher, gelber benutzt. Stimmt nicht. Der Ball ist größer als ein Baseball, aber genau so hart. Glauben Sie mir. Mir wurde mal die Nase mit einem gebrochen und eine Rippe irgendwann auch. Rippe war schlimmer, weil das im Winter passiert ist und Husten mit gebrochener Rippe wirklich unangenehm ist. Dafür waren die Fotos von mir mit Nasenbeinbruch spektakulärer. Irgendwas ist halt immer.

Softball war schön. Zweimal die Woche Training, jedes Wochenende Ligaspiel. Mein damaliger Freund spielte Baseball im selben Verein, also verbrachten wir abwechselnd als Spieler oder Spielerin und als Zuschauer bzw. Zuschauerin beide Tage am Wochenende auf dem Platz. Unser Freundeskreis rekrutierte sich zu weiten Teilen aus dem Verein. Der aber auch wirklich großartig war. Wir waren jung, wir waren partywütig, wir waren sehr lustig. Mein Team, behaupte ich jetzt mal, war auf Turnieren, auf Partys und auch im Alltag immer das extrovertierteste, das lustigste und das netteste. Traumkombi.

Dann machte ich Abi, zog weg und fand die Freiheit, immer das zu tun, was ich will, viel toller als ein Hobby. Also tat ich gar nichts, jedenfalls nichts Sportliches. Dann hatte ich irgendwann einen Beruf, der hatte mit Nachrichten zu tun, die sind unberechenbar, also nix mehr mit Training und Ligaspielen am Wochenende und so. Schade Marmelade. Wirklich schade. Hätte mein Vater mein trotziges Teenie-Ich mal nicht so genervt. Dann hätte ich viel früher angefangen. Im Grunde ist er schuld. Sein Fehler. Gleich mal anrufen und mich beschweren.

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18. Mai 2022

Ich war heute Abend eingeladen. Ja, das Sozialleben eskaliert, es ist der blanke Wahnsinn. Mein Leben ist eine einzige Polonaise.

Sinnigerweise ging es in der Veranstaltung um Einsamkeit.

Besonders jüngere Leute (in den Zwanzigern) und Ältere bezeichnen sich überdurchschnittlich häufig als einsam, habe ich gelernt. Die Jüngeren, weil eine neue Lebensphase beginnt. Schule vorbei. Ausbildung, oft in einer neuen Stadt. Ältere – das Phänomen kennt man.

Vor allem Frauen sollen betroffen sein, aber eine Teilnehmerin zog das in Zweifel: Sie würde das nicht eine Sekunde lang glauben, sagte sie. Sondern vielmehr davon ausgehen, dass Frauen besser in der Lage sind, ihre Gefühle zu kommunizieren. Das halte ich für sehr schlüssig. Aber man weiß es natürlich nicht.

Die Veranstaltung war erstaunlich lustig und – natürlich – sehr geprägt vom Thema Pandemie. Es waren sehr schlaue Frauen dort (ein Frauennetzwerk soll geknüpft werden, deshalb), drum nahmen die Diskutantinnen die intellektuelle Hürde locker und gelangten schnell über das ja einigermaßen simple „Wir waren ja oft einsam in der Pandemie“ hinaus.

Zwei Punkte fand ich interessant: Eine Frau im Publikum engagiert sich ehrenamtlich in einem Wahlpaten-Verein. Menschen ohne Enkel zum Beispiel gehen in Familien, denen wiederum die Großeltern fehlen. Weil sie zu weit weg leben. Oder gar nicht mehr. Diese Ehrenamtliche erzählte, die Wahlpaten hätten, vor die Wahl gestellt zwischen Immunschutz und weiterhin Kontakt zu „ihren“ Familien, letzteres gewählt. Sehr logisch, wenn man drüber nachdenkt. Wer sich eine Familie sucht, will nicht mehr einsam sein. Und dann kommt Scheiß-Corona.

A propos: Es ist manchmal auch okayes Corona. Ein, zwei Begleiterscheinungen haben es ja auch auf die Positiv (pun intended)-Liste geschafft. So werde, zweiter für mich interessanter Punkt, dank des Virus inzwischen offener über Einsamkeit gesprochen, berichteten anwesende Politikerinnen. Ein Teil des Stigmas sei verloren gegangen. Niemand vermisst es. Es können sich gern noch mehr Teile dazu gesellen.

Über Affenpocken möchte ich trotzdem nicht nachdenken.

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17. Mai 2022

Lustig sehen wir aus, oder? Und gut gelaunt auch. Beides trifft auch zu. Ich war aus, essen, mit Freunden, unter anderem dem da oben. Und wissen Sie was? Ich wollte erst schreiben: „Heute hab ich gar nicht viel zu berichten“ (nachdem ich gestern schon nichts geschrieben habe, weil um 21 Uhr eingeschlafen bin wie so ein Baby oder wie eine Seniorin, you name it, um 5 war ich heute früh wach, passt auch auf beides, nur dass ich durchgeschlafen hab, egal, ich verliere mich hier in thematischen Schnörkeln), „denn ich war nur aus und hatte auch sonst einen unspektakulären Tag.“

„Nur.“

Heute Morgen musste ich beruflich in den Bundestag, zu einem alldienstäglichen Pressetermin einer Fraktion. Wegen Regens nahm ich die Bahn, musste ein Stück des Weges laufen – und fühlte mich qua Masse fast schon regelrecht angebrüllt von Plakaten. Für Konzerte. Musik. Kultur. Ich interessiere mich nicht sehr für Konzerte. Wenn ich Musik höre, will ich tanzen und nicht dabei zugucken und -hören, wie Leute Lieder, die ich von ihren Alben kenne, plötzlich anders spielen und singen. Ich bin da Banausin, ich bin da einfach gestrickt.

Plötzlich sind da überall Konzerte

Wenn ich das richtig überblicke, gibt es drei Möglichkeiten dafür, dass selbst ich die vielen Konzertankündigungen sehe:

1. Es fällt mir jetzt einfach viel mehr auf, weil es das wegen Corona so lange nicht mehr gab, schon gar nicht in dieser Fülle. 2. Es gibt einfach mehr Konzerte wegen Nachholbedarfs. 3. Es gibt jetzt mehr Konzerte, weil man so viel wie möglich aus Sorge vor der nächsten Welle ab Herbst in den Frühling und den Sommer stopft. (A propos Frühling: Gibts den überhaupt noch? Für morgen sind 26, für Donnerstag 29 und für Freitag 27 Grad angesagt. Dieser Tweet bildet meine Einstellung dazu perfekt ab:)

„Wenn immer so ein Wetter wäre, wäre Einiges einfacher“, sagte ich vorhin auf dem Nachhauseweg aus dem Restaurant zu Freund C. Wir fahren durch die Alte Schönhauser Allee. Leute sitzen draußen, essen, trinken, gesellen so herum. „Nur.“

Sogar C. findet’s schön

„Ach, Nicole“, seufzte es auf dem Klapprad neben mir, unter einem weißen Fahrradhelm. C. hat eine GoPro drauf geschraubt, damit die aggressiven Berliner Autofahrer ihn in Frieden lassen. Er sieht damit aus wie ein als UN-Blauhelm verkleidetes Mitglied der Ameisenarmee aus „Biene Maja“. Ihm ist das völlig egal; auch, dass ich ihm das immer wieder sage. Er ist und bleibt ein Nerd. „Du weißt doch, ich bin nicht so ’ne Frohnatur wie du“, sagt er. „Ich kann das nicht uneingeschränkt teilen.“

Und doch war er es, der beim Rausgehen aus dem Restaurant in einem sehr unbedachten Moment in überraschtem Singsang sagte: „Das war schön! Das hatte ich vergessen, wie schön das ist. Ich hab das so lange nicht mehr gemacht!“

„Nur.“

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15. Mai 2022

Ich höre und lese die tumbe und gefährliche Behauptung von der „Lügenpresse“ relativ häufig. In den sozialen Medien. Auf Drehs, sobald jemand das Kamerateam und unsere Herkunft erkennt. Wo ich es äußerst selten höre: in meinem privaten Umfeld. Warum sollte ich mich auch freiwillig mit Menschen umgeben, die sich einem Narrativ von Demokratiefeinden anschließen? Gestern Abend aber fand ich mich an einem Tisch wieder, in kleiner Runde, wir waren zu siebt – und unter uns ein Vertreter des „Lügenpresse“-Unsinns.

Ursprünglich war ich mit drei Freundinnen verabredet gewesen, das Ganze seit zwei Wochen geplant. Eine nach der anderen sagte am Freitag ab: schiefer Haussegen bei der einen, irgendwie verpeilt war die andere, und die dritte saß beruflich außerhalb Berlins fest. Ich erzählte Freundin E. fasziniert davon, die kurzerhand beschloss, mich mit zum Chinesen zu nehmen. Sie und ihr Partner T. (beide Österreicher) waren von ihrem guten Freund B. und dessen Frau dorthin eingeladen worden. Außerdem sollte noch irgendeine Frau dazu kommen, die mit irgendeinem entfernten Bekannten von irgendwem mal was gehabt hatte, und ihren Großcousin mitbringen, der auch Österreicher ist, und dann ist man ja quasi von einem Schlag und wird sich schon verstehen.

Jaha. Denkste.

Im Grunde war mir schon klar, wohin die Reise ging, als er mich nach meinem Beruf fragte, nach meinen Schwerpunkten, und daraufhin: „Dürftest du eigentlich auch positiv über die AfD berichten?“ Ich antwortete, dass ich alles darf, jedoch berichten ja bedeutet: weder positiv noch negativ, sondern einordnend, analytisch, nicht aber kommentierend. Seine Anschlussfrage: „Und was meinst du, wie ist es um die Pressefreiheit bestellt in Deutschland?“ Ich erwiderte: Na ja, war schon mal besser, die Einschränkungen werden mehr, die Bedrohung wächst, auf Demos nur noch mit Security…

Er hatte jedoch wohl „Meinungsfreiheit“ gemeint, als er „Pressefreiheit“ gesagt hatte, denn seine Reaktion auf meine Antwort hatte mit dieser wenig zu tun. Sie lautete: „Ja, aber Ken Jebsen wird hier in Deutschland zensiert!“ Auf meine Nachfrage, worauf konkret er sich beziehe, nannte er Jebsens Sperre bei YouTube. Ich entgegnete erstens die korrekte Definition von Zensur, schilderte zweitens die problematischen Inhalte Jebsens, daraufhin kam er mit RT (früher Russia Today), ich nannte Beispiele für Staatspropaganda, erläuterte kurz den Unterschied zu Journalismus, das war aber alles gar nicht von Belag für ihn, er kürzte den argumentativen Teil schnell ab und erklärte er mir, die Medien (ja, „die Medien“) würden ja ständig lügen.

Der Rest des Tisches muss ihn ähnlich angeguckt haben wie ich. Bis dahin hatte er sich – zumindest, so weit ich das beurteilen kann von außen – nicht unwohl gefühlt. Jetzt aber ruderte er ein wenig zurück und schob nach, was er wohl für konsensfähig in der Runde hielt: „Zum Beispiel die Bild.“

Ich halte weder „die Medien“ noch den Vergleich mit der Bild für klug oder gar redlich, hatte jetzt ja auch schon genug gehört, stellte klar, dass ich mit Bild nicht in einen Topf geworfen werden möchte, das Label „die Medien“ für zu undifferenziert halte und die Mär von der Lügenpresse für gleichsam unterkomplex wie gefährlich. Dann ging ich noch kurz im Kopf mögliche Handlungsoptionen durch (seine Thesen durchdeklinieren mit der Bitte um diese Thesen untermauernde Fakten; mein Buch in Form eines engagierten Impulsreferats zusammenfassen und ihn somit ins Koma quatschen; etwas anzünden; einfach gehen), und entschloss mich: sitzenbleiben, Gespräch weiterführen. Nichts von dem, was er bisher vorgebracht hatte, war fundiert. Und vor allem aber: Ein Gespräch war ja möglich.

Was mich zugleich – auch heute noch – sehr erschreckte, war nämlich ja gleichzeitig auch eine Chance: Er war kein wildgewordener Irrer auf einer Querdenkerdemo, dem beim Reden Spucke aus einem Mundwinkel läuft. Auch kein hoch aggressiver Gegner des ganzen angeblichen Schweinesystems, der sich vor Jahren abgekoppelt hat und mit Mitte 50 noch bei Mutti wohnt. Kein Twitteruser mit dem Namen „Penispropeller85“. Vor mir, direkt vor mir, saß ein sehr gut verdienender, akademisch gebildeter Mann. Wirtschaftsprüfer und Partner in einer großen, bekannten Beraterfirma. Es war die Gelegenheit, ohne Zeitdruck, weil ich beruflich unterwegs war, ohne Angst vor möglichen körperlichen Angriffen der Gegenseite sowie ohne innerliches Abwinken ob seines Geisteszustands endlich mal zu erfahren, wie sich so ein Weltbild eigentlich zusammensetzt. Ohne Twitterpublikum. Ohne die Möglichkeit, einfach nicht mehr zu antworten, wenn ihm die Argumente ausgehen.

Das ging aber nicht. Denn nun übernahm der neben mir sitzende B., der den Abend organisiert hatte. Vielleicht fühlte er sich verantwortlich und es war ihm peinlich, dass jetzt so ein Quatsch erzählt wurde. Keine Ahnung. Jedenfalls: B. wurde sauer und hielt ein flammendes Plädoyer für die deutsche Presselandschaft, für den Zustand der Meinungsfreiheit hierzulande. Nannte gute Argumente, warum Ken Jebsen und RT nicht so großartige Quellen sind und warum er gerne Rundfunkgebühren zahlt. B. schraubte sich dermaßen hoch – so hoch komme ich mittlerweile gar nicht mehr. Nicht wegen Altersmilde, sondern wegen Abnutzung. Ich höre all diesen Mist so oft, dass ich die Konsequenzen dieses „Lügenpresse“-Geschreis zwar durchaus noch ernstnehme, mich allerdings auf keine Debatten mehr einlasse. Es lohnt sich nicht. Meine Motivation für das Gespräch wäre im Leben nicht gewesen, den Mann zu überzeugen, dass es die Lügenpresse nicht gibt. Das versuche ich nicht mal mehr an Wochentagen im beruflichen Kontext geschweige denn an meinem Samstagabend in einem sauleckeren Restaurant (Hot Pot – super, ich hatte ja keine Ahnung!).

Ich hätte dieses Gespräch also gerne geführt, ich hätte es initiiert. Ich bin nicht konfliktscheu. Aber als B.s Frau ihm ihre Hand aufs Bein legte und ihn bat, es nicht eskalieren zu lassen, entschloss ich: Wir wechseln das Thema. Ich war das Anhängsel gestern Abend. Ich hatte genau zwei von sechs Leuten gekannt, als ich im Restaurant angekommen war, ich würde den Abend nicht an mich reißen. Es war ja für alle Wochenende.

Wir saßen noch zwei Stunden zusammen. Nach einer habe ich es über mich gebracht, den Lügenpresse-Behauptungs-Mann wieder anzusprechen, bei unverfänglicheren Themen. Wir haben den Abend mit Anstand hinter uns gebracht, war später auf dem Heimweg unser Fazit. Anstand, den ich dem Mann abspreche.

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14. Mai 2022

Wir Journalisten merken es in den Redaktionen: Das Interesse vieler Leserinnen und Leser nimmt ab. Der Krieg geht weiter, aber irgendwann kann man es nicht mehr hören. Das ist der Gang der Welt.

Schreibt Florian Harms, Chefredakteur von t-online, in seinem morgendlichen Newsletter. (Da bin ich Kolumnistin, um transparent zu sein. Hätte ihn aber andernfalls auch verlinkt 😉

Der Krieg in der Ukraine beschäftigt uns noch, aber nicht mehr so sehr. Ein normaler Prozess. Kaum was passiert ja von jetzt auf Fall.

Die Menschen, die hier her geflüchtet sind, beschäftigen uns alle in sehr unterschiedlichem Maße. Eine russischstämmige Bekannte hat vor Wochen drei Ukrainerinnen bei sich aufgenommen, eine Mutter mit zwei Töchtern. Die ältere der beiden ist bereits über 20, das jüngere Kind geht noch zu Schule.

Inzwischen hier in Berlin, erzählte die Bekannte gestern. Und von einem parallel laufenden Prozess: „Wir [sie sagt ‚wir‘, das finde ich schön] haben jetzt einen Wohnberechtigungsschein. Es geht weiter.“ Es geht weiter. Zurück geht es nicht. Ein Wohnberechtigungsschein, das ist ja ein großer Schritt. Sesshaft werden bedeutet das. Den ursprünglichen Plan über den Haufen werfen bedeutet das. „In vier Wochen gehen wir wieder zurück“, lautete der, erzählt meine Bekannte. Ihre Gäste waren fest davon überzeugt, dass der Krieg dann vorbei sei. (Verloren für ihr Land, übrigens.)

Das ist zwei Monate her. Der Krieg tobt noch, die ältere Tochter hat hier Arbeit gefunden, die kleinere einen Schulplatz und einen Musikurs. Kein Online-Unterricht mehr mit den gewohnten Lehrern und Mitschülern, in der Muttersprache, obwohl weit weg vom Vaterland. Der Job der Großen und der Schulplatz der Kleinen sind ein riesiger Schritt raus aus einem Ausnahmezustand.

Niemand möchte lange in einem Ausnahmezustand leben, egal, wie er gelagert ist. Schule ist Alltag, und Alltag bedeutet: Zuhause.

Das Zeitgefühl von Kindern ist ein anderes als unseres. Und Menschen haben eine unterschiedlich starke Bindung an ihre Heimat. Die Mutter der beiden sucht Arbeit, will nähen. Sie ist Designerin und hat meiner Bekannten einen tollen Mantel genäht. Langfristig will sie aber zurück in die Ukraine. Ihre ältere Tochter will hierbleiben. Die Kleine weiß es noch nicht. Alle drei haben eines gemeinsam: Sie gucken so wenig Nachrichten wie möglich. Die Bilder tun ihnen weh. Und sie sind froh, dass sie leben. Demnächst, wenn alles klappt, werden sie sogar wieder wohnen.

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12. Mai 2022

Mein Tag begann heute früh, er begann mit dem Thema Energie. Mein morgiger Tag wird noch früher beginnen, ich müsste eigentlich ins Bett. Aber ich werde morgen nicht müde sein, denn ich hab was für mich entdeckt: Energie ist nicht gleich Energie. Ich (er)spare mir seit Monaten konsequent die schlechte und kann dadurch mehr leisten. Und damit meine ich weiß Gott nicht nur bei der Arbeit. Wo leben wir denn? Im Calvinismus?

Ich komme gerade von einer Lesung, Britta Buchholz’ „Mutterseelenallein“. Ich erwähnte und empfahl es bereits, was ich hiermit ausdrücklich erneut tue. Britta hat den Tod ihrer Mutter zum Anlass genommen, ein Buch übers Trauen, übers Wertschätzen, übers Loslassen, über Liebe zu schreiben. Heute Abend lautete eine Frage an sie, ob sie sich an einen ganz konkreten Moment des Loslassens erinnern kann, und sie erzählte, wie sie die Trauerkarten ihrer Freunde ins Feuer geworfen habe. Nachdem sie sie eineinhalb Jahre lang mit sich herumgetragen hatte. Auf die Nachfrage, ob sie gezögert habe aus Angst, es einst zu bereuen, sagte sie: „Natürlich.“ Sie habe es aber nie bereut. Ihr sei klar, dass das Gefühl beim Lesen der Karten ja immer noch da sei. Und Loslassen wichtig.

Ich habe dieses Jahr zwei relativ radikale Entscheidungen getroffen. Eine Freundschaft beendet und einen Plan gecancelt. Ich bin meinem Gefühl gefolgt, und bisher gab es im ersten Fall wenige, im zweiten Fall gar keine Momente, in denen ich dachte: ‚Könnte man noch mal drüber nachdenken.‘

Natürlich hinterlässt so etwas eine Lücke. Aber: Es schenkt auch viel Energie. Man entscheidet das ja nicht, weil die beteiligten Leute so super ins eigene Leben passen.

Ich habe diese Woche ein sehr unangenehmes Gespräch geführt, das ich seit Monaten vermieden habe. Ich musste deutlich werden und Entscheidungen mitteilen. Das war nicht schön und wird das Verhältnis zu einem Menschen höchstwahrscheinlich nicht unbedingt zum Besten verändern, der mir sehr wichtig ist. Aber: Es ist endlich ausgesprochen und arbeitet und nicht mehr in mir.

Und gleichzeitig habe ich ein unangenehmes Gespräch abgewendet, weil ich sehr klar und ohne Unterton gesagt habe, was mir nicht gefällt. Man war sich sehr schnell einig, und nun bin ich in dieser Konstellation zufriedener denn je. Ich habe nicht erst Dampf an anderer Stelle abgeladen, wie ich es sonst getan hätte (die Anlaufstelle ist nämlich derzeit nicht verfügbar, weil sie, oh the Irony, gerade raus ist, Energie tankt, und ich sie mit derlei Anliegen nicht behelligen will) und dabei eigentlich nur noch mehr Dampf produziert.

Ich gehe wieder mehr unter Menschen, mein soziales Leben explodiert gerade quasi nach mehreren Trauerjahren, Corona und Buchschreiben. Dadurch schlafe ich weniger. Trotzdem bin ich fröhlicher, ausgeglichener – und anstrengender, „weil du jetzt wieder so präsent bist“, sagt Freundin J., tut genervt, lacht und drückt mich. Tja. Wo Licht, da Schatten 😉

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11. Mai 2022

Die Kritik an Christine Lambrecht reißt nicht ab – und nun ist er wieder da: der Spin, es handle sich um Frauenfeindlichkeit. Den gab es ja auch schon bei Anne Spiegel. Da sei es um Vereinbarkeit gegangen, darüber sei die inzwischen ehemalige Familienministerin gestolpert, hieß es. An der ja unzweifelhaft unfairen Verteilung von mental load und care Arbeit unter Männern und Frauen.

Dass Anne Spiegel behauptet hatte, an Kabinettssitzungen teilgenommen zu haben – das fiel in der Argumentation unter den Tisch und wird dann wohl bestenfalls als Beleg für die steile Misogynie-These bemüht: Weil Vereinbarkeit nicht möglich sei, habe Spiegel ja lügen müssen. Das ist auch deshalb eine würdelose Verteidigungslinie, weil sie Frauen klein macht. Als wären Frauen nur dann durchsetzungsfähig, wenn sie zu einer List greifen. So wie die Mutter eines meiner ehemaligen Partner einmal voller Stolz erzählte, ihr Vater habe ihre Mutter von allen finanziellen Belangen ferngehalten – die sich aber regelmäßig selber einen Überblick verschafft. Heimlich, wenn ihr Mann nicht im Hause war. Entsetzlich.

Im Fall Anne Spiegel argumentierten einige ihrer Verteidiger, als würde man gewinnen, wenn man sich durchwurschtelt. Als würde es nicht gerade von Rückgrat zeugen, wenn man sagt: Diese Regeln kann ich nicht einhalten, will ich auch nicht, wir müssen das also offen verhandeln – auch auf die Gefahr hin, dass ich verliere.

Bei Christine Lambrecht scheint der Fall noch glasklarer: Es gibt unter anderem Kritik an ihrer Schuhwahl beim Truppenbesuch in Mali und Niger. Die Ministerin trug Pumps. Wirklich hohe Pumps. Pumps, die sie geschätzt zehn Zentimeter größer machen. In der Wüste. Vor Soldaten. „Frauenhass!“, schreit es da direkt auf, wird diese Schuhwahl in Frage gestellt. Frauen trügen nun mal Pumps!

Jo. Stimmt. Nur ist ja im Leben alles Kontext. Stellen wir uns mal vor, ein Verteidigungsminister hätte in Niger Bundeswehrsoldaten besucht. Und zwar in Lackschuhen. Obwohl die Vorgabe lautet: festes Schuhwerk. Man kann das anders machen, man kann sich schick machen, man kann ausstrahlen wollen, einen eigenen Kopf zu haben. Man kann das machen mit dem Vorsatz, sich am Echo nicht zu stören, sich nicht davon irritieren zu lassen. Nur kann doch niemand allen Ernstes die vorhersehbare Reaktion als frauenfeindliche Kampagne bezeichnen. Es sei denn, man setzt auf ein Ablenkungsmanöver. Als Frauenfeindlichkeit als Chance. Und lässt weg, dass Lambrecht auch neben Pumps und Helikopterflügen für anderes kritisiert wurde. Führungsstil, falsche Ankündigungen etc.

Es gibt eine interessante Parallele zwischen Lambrecht und Spiegel: Beide standen dem Bundesfamilienministerium vor. Lambrecht kommissarisch; sie war gleichzeitig Justiz- und dann auch Familienministerin, nachdem Franziska Giffey wegen ihrer Doktorarbeit zurückgetreten war, um ihre Bürgermeisterkandidatur für Berliner noch zu retten. Es gab damals Unmut ob der Personallösung: Das Familienministerium sei viel zu wichtig, um lediglich nebenbei geführt zu werden, sagten Einige. Unter denen, daran erinnerte nun die Tage eine kluge Freundin, seien erstaunlicherweise viele gewesen, die es nun gar nicht so undenkbar gefunden hätten, die sichtbar völlig überforderte Anne Spiegel im Amt zu belassen. Debatten als Bärinnendienst.

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10. Mai 2022

Stolperfalle Sohn, Stolperfalle Social Media, Stolperfalle: Medienkompetenz.

Alexander Lambrecht ist mit seiner Mutter, der Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, gemeinsam im Hubschrauber geflogen. Geflogen, Gepflogenheiten – Stand jetzt ist die Ministerin rechtlich nicht zu belangen. Die ohnehin um sie tobende Debatte, um Stilfragen, um Führungsfragen, um Fingerspitzengefühl, wird durch das Foto oben befeuert. Eine Frage aber kommt zu kurz: Wieso sind unsere Regierenden nach wie vor zu dämlich für den Umgang mit Social Media?

Alexander Lambrecht ist 21 Jahre alt. Er ist mit Facebook aufgewachsen, mit Instagram, er wird Snapchat kennen und TikTok besser als diejenigen, die sich jetzt gerade in die Debatte um TikTok erst einschalten, weil alle anderen sich jetzt auch gerade einschalten, weil diese jungen Leute da ja so viel sind.

Alexander Lambrecht ist einer von diesen jungen Leuten. Und er ist der Sohn einer Frau, die vor gar nicht langer Zeit das Bundesjustizministerium geleitet hat. In die Zeit von Christine Lambrecht als Justizministerin fällt der Mord an Walter Lübcke. Lambrecht war maßgeblich beteiligt an einem direkt daraus folgenden Gesetzespaket, darunter Maßnahmen gegen Hass im Netz. Sie muss sich allerspätestens da eigentlich in die Materie eingearbeitet haben. In Fragen wie die Wucht von Bildern, Mechanismen, Stolperfallen.

Und Lambrechts Sohn verhält sich dermaßen töricht und postet ein solches Bild, das seine Mutter weiter in die Bredouille bringt? Gut für die Öffentlichkeit. Gut in doppeltem Sinne: Transparenz von Regierungshandeln ist immer begrüßenswert. Auch das Wissen darüber, dass Regierungsverantwortliche das so wichtige Thema „Medienkompetenz“ nicht mal zu Hause hoch (genug) hängen. Gut zu wissen, bestürzend in der Sache. Überraschend allerdings nicht. Leider.