Metas „Threads“ – Die ersten 36 Stunden

Metas „Threads“ – Die ersten 36 Stunden

Seit gestern Morgen bin ich auch dabei. Bevor ich erste Eindrücke schildere, diese Einschränkung: Den gestrigen Tag habe ich nicht nonstop mit „Threads“-Beobachtung verbracht. Sie werden es verstehen; hier herrschten über 30 Grad, ich hatte frei, ich liebe den Sommer und Hitze*, Freunde fragten nach Begleitung zu einem der zahlreichen, wunderschönen Seen in der Umgebung – also verbrachte ich meinen Tag dort mit regelmäßigem Blick in die neue App. Eine Anekdote von vor Ort: Vor uns lagen ein Vater mit seinem Teenie-Sohn. Die beiden diskutierten dies und das, und als man unterschiedlicher Meinung war, sagte der Junge für alle laut vernehmbar zu seinem Vater dies: „Fick dich. Ich hasse dich.“ Der Vater reagierte mit einem Lachen, Sohnemann lachte auch, man plauderte weiter. Ich bin noch immer ein wenig – nun, nennen wir es: erstaunt.

Und damit wären wir bei Twitter. Dort postete ich diese primitive kleine Begebenheit. Einige teilten mein Befremden, andere aber sahen das Problem eher bei mir. Nun gut. Es ist halt Twitter. Da hat sich ein solcher Umgang ja bereits lange vor Elon Musk etabliert. Warum sollte sich in der Gosse jemand wundern über Gossensprache?

„Threads“ ist nun angetreten als Twitter-Gegenentwurf. Auch wenn Mark Zuckerberg sich nicht zu schade ist für Debatten um einen etwaigen Käfig-Kampf mit Musk, ist er ja schon nicht gänzlich unzurechnungsfähig. Dass seit Musks Übernahme und trotz Mastodons nerdig-lahmer politisch korrekter und vorbildlich dezentraler Performance ein großer Bedarf da ist nach einer Alternative, hat er ausgenutzt und kombiniert nun gleich drei sich aus seiner Sicht tippitoppi zusammenfügende Vorlagen: Viele wollen weg von Twitter, erstens. Viele mussten weg von Twitter: Musk hat in großem Stil und Bogen Mitarbeiter rausgeschmissen. Die müssen Geld verdienen. Und haben Ahnung von einem textbasierten sozialen Netzwerk. Das hat Zuckerberg drittens auch, siehe Facebook, zudem besitzt er Instagram und wenig Skrupel, und so schließt sich der Kreis: Relativ schamlos hat Zuckerberg Twitter kopiert, sich dabei von Leuten helfen lassen, die lange bei Twitter waren, und direkt mal die Crowd von Instagram befähigt, ihren dortigen Account nach Threads rüber zu transferieren. (Mehr dazu habe ich hier mit Gavin Karlmeier in seinem und Dennis Horns Podcast „Haken dran“ besprochen und hier in meinem Blog, den Sie vielleicht noch nicht kennen, ha ha, aufgeschrieben.)

Es ist also noch ganz kuschelig da drüben. Das ist ein Unterschied. Ein weiterer: In der Timeline erscheinen nicht nur diejenigen, denen man folgt. Das war ja früher bei Twitter so. Finde ich eine gute Sache, weil es den Horizont erweitert undsoweiter, nur hat man ja inzwischen bei Twitter sogar solche in der Timeline, die man geblockt oder gemutet hat. Aus guten Gründen. Darunter, auch das ein Unterschied, Leute mit blauem Haken. Ich kann jetzt nicht ganz uneingeschränkt sagen, dass der vor Musk und seinem peinlichen Blue-Abo-Modell zu 100% ein Garant war für gewinnbringende Beiträge. Das verbietet mir schon allein die Bescheidenheit, denn ich hatte auch einen. Aber er war ein Garant dafür, es nicht zu 90% mit Leuten dahinter zu tun zu haben, die ihre aus ebenfalls sehr guten Gründen vor ihrem blauen Haken nicht allzu große Followerschaft nun mithilfe großer, gekaufter Reichweite wenn nicht zu vergrößern, dann doch zu kompensieren. Etwas einfacher formuliert: Dass Hans74040 nur zwei Follower hatte, lag an seinen bescheuerten Tweets. Nun hat er auch nicht mehr Leute, die sich aktiv dafür interessieren. Weil er aber wichtig sein will, zahlt er Geld und wird nun passiv konsumiert, weil man sich kaum dagegen wehren kann. Da erweitert sich nicht mein Horizont, sondern ab und zu meine Halsschlagader.

Das soll alles so bleiben, wünschen sich die Leute bei Meta natürlich. Nur ist ihre Idee, wie diese Vision gelingen kann, abenteuerlich, nicht allzu demokratiefördernd und deshalb in Summe eine weitere Kapitulationserklärung einer Plattform gegenüber den Geistern, die sie rief:

https://www.threads.net/t/CuZ6opKtHva/?igshid=MzRlODBiNWFlZA%3D%3D

Insta-Chef Adam Mosseri sieht also eine Lösung des massiven Hassproblems, das sein Netzwerk über Jahre massiv verschlafen und anschließend über Jahre massiv geleugnet und gleichzeitig über Jahre massiv vernachlässigt hat und dies noch tut, hierin: Wir posten einfach keine politischen Inhalte.

Halleluja, warum sind wir da denn nicht früher drauf gekommen? Oder Meta?

Tja. Weil Meta, damals noch Facebook, sich äußerst gerne feiern ließ für seine Rolle im Arabischen Frühling. Weil man plötzlich everybody’s darling war. Von Menschen bevölkert, von Werbetreibenden fürstlich entlohnt, und von denen, die man jetzt nicht mehr so gern dabei oder thematisiert haben will, hofiert: von Politikern. Es ist der bisher bizarrste, peinlichste und entlarvendste Vorschlag, den ich je von einem Netzwerk-Verantwortlichen gehört habe. So viel Nonsens hätte ich nicht mal Musk zugetraut.

Die öffentliche Sphäre entpolitisieren zu wollen, lässt die gewinnen, die andere zum Schweigen bringen wollen. Und zeigt vor allem eins: Wie wichtig Regulierung ist. Und wie absurd es ist, auf Meta zu hoffen. Nur weil man nicht so absurd unterwegs ist wie Musk, ist man nicht automatisch nicht absurd.