Julian Reichelts Kurzstreckenflug

Hier klicken, um den Inhalt von Twitter anzuzeigen. Twitter wird dabei Daten übermitteln und eigene Cookies setzen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von X (öffnet in neuem Tab).

Julian Reichelt ist jemand, den findet man entweder dermaßen freidrehend und indiskutabel, dass man wenig mehr dazu sagen muss und möchte, weil das Leben kurz ist und Reife sich unter anderem in der Fähigkeit zeigt, sich auf positive, konstruktive Seiten unseres ja eben endlichen Daseins zu konzentrieren. Oder aber man findet Julian Reichelt total super. Es mag an meiner Timeline liegen, die ich sorgfältig kuratiert habe, denn das Leben ist kurz, siehe oben. Oder daran, dass Julian Reichelt freidrehend und indiskutabel ist und das für den Salon irgendwann nicht mehr ausreichend genug verstecken konnte – in meiner Timeline jedenfalls stellen die Reichelt-Fans eine verschwindend geringe Minderheit dar.

Das ist für diese Geschichte aber völlig egal. Finde ich zumindest. Denn ob man etwas richtig oder falsch findet, sollte ja – Stichwort: Reife – nicht davon abhängen, wer es tut oder nicht tut.

Julian Reichelt ist also Kurzstrecke geflogen. Und hat sich über seine lange Wartezeit aufgeregt. Einer der am meisten beachteten und bejubelten Tweets dazu:

https://twitter.com/LaVieVagabonde/status/1541312668803416064?s=20&t=Sak78QWByIgG_-GBMZX-8A

Ein in mehrfacher Hinsicht phänotypischer Tweet. Punkt 1: Kurzer Satz, klare Ansage. Punkt 2: Die Absenderin haut drauf. Dafür wurde Social Media zwar nicht erfunden, wohl aber darauf programmiert. Und, Punkt 3, dankbarerweise haut sie drauf auf jemanden, der es aus Sicht Vieler mehr als verdient hat. 24/7.

Julian Reichelt hat eine lange Zeit sehr viel Geld damit verdient, draufzuhauen. Draufzuhauen im Sinne von wohlkalkuliert wild draufzuprügeln. Ohne Skrupel. Also kriegt er jetzt auch einen ab, die Vorlage ist so steil, steiler geht nicht.

„When they go low, gehen wir eben auch low, was soll’s“ – eine in den sozialen Medien ja nicht komplett unverbreitete Denke. Wir ächzen alle unter der Hitze – Stichwort: Klimawandel – und sind dankbar für möglichst geringe Komplexität. Kurzstreckenflüge sind schlecht – Stichwort: Klimawandel, Julian Reichelt ist schlecht. Man muss sich geistig nicht anstrengen, weder beim Thema noch beim Sender-Empfänger-Schema. Hallelujah!

Was die Antwort auf seinen Tweet ebenfalls erfolgreich macht: Reichelt ist böse, die Absenderin nicht.

Das aber führt in eine Bredouille, zumindest Twitter-Süchtige aufmerksame Twitter-Konsumenten. Denn nicht nur Julian Reichelt fliegt Kurzstrecke bzw. versucht es.

Hier klicken, um den Inhalt von Twitter anzuzeigen. Twitter wird dabei Daten übermitteln und eigene Cookies setzen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von X (öffnet in neuem Tab).

Von Deutschland nach Wien, war der Plan. Kurzstrecke. Hinter dem Plan steckt Natascha Strobl. Strobl, österreichische Politikwissenschaftlerin und Autorin, gehört zu den Hassobjekten der Rechten. Weil Strobl sie chirurgisch analysiert, ihre Mechanismen erklärt und ihnen die Stirn bietet. Wem sie nicht die Stirn bieten musste: derselben Bubble, die Julian Reichelt verurteilt. Ich betone: für seinen Kurzstreckenflug. Es gibt sehr viele andere Punkte, für die Julian Reichelt krtisiert wird, aber hier geht es ja eindeutig um seinen Kurzstreckenflug. Und der einzige Unterschied zwischen ihm und Natascha Strob ist der, dass seiner nicht gestrichen wurde. Natascha Strobl bekam natürlich auch etwas ab, aber nicht allzu viel. Wohl aber viel Zustimmung hierfür:

Hier klicken, um den Inhalt von Twitter anzuzeigen. Twitter wird dabei Daten übermitteln und eigene Cookies setzen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von X (öffnet in neuem Tab).

Ich habe keine Ahnung, warum Julian Reichelt Kurzstrecke geflogen ist. Vielleicht ist ihm alles egal. Der Gedanke liegt nahe, betrachtet man diese seine Tat im Kontext anderer seiner Taten. Kann aber ja auch sein, dass er gute Gründe hatte. Ich bin zum Beispiel kürzlich morgens von Berlin zu einer Konferenz in München hin- und nachmittags wieder zurückgeflogen. Weil ich pünktlich sein musste. Weil ich vor Ort sein musste, der Veranstalter bestand drauf. Weil ich bei alle drei Bahnfahrten zuvor nicht pünktlich war. Unter anderem kam ich – auf der direkten und nicht allzu langen Strecke von Berlin nach Dresden – zu meiner eigenen Lesung zu spät. Und das fand ich äußerst unangenehm den Leuten gegenüber, die ich warten lassen musste.

In München übernachten konnte und wollte ich nicht. Die Gründe dafür sind privat und gehen niemanden was an.

Und, wer bin ich jetzt? Julian Reichelt oder Natascha Strobl? Oder bin ich jemand, die fest von einem überzeugt ist: Wir müssen alle etwas ändern. Aber so kann man sich nicht benehmen. Das ist zu billig. Natascha Strobl twitterte übrigens, dass sie versprochen hatte, pünkltich (!) zur Geburtstagsparty ihres Sohnes zurück in Wien zu sein. Kann man das kritisieren? Ist das nicht ein guter Grund, zu fliegen?

Ich finde, schon. Aber: Meine Meinung ist doch völlig unerheblich. Wer bin ich denn, zu richten, wer wie oft wie weit oder kurz aus welchem Grund und aus welchem nicht fliegen darf? Und wer was verdient hat?

Wer ich bin: Jemand, die nicht in einer Welt leben will, in der wir uns jetzt voreinander rechtfertigen müssen, was wir essen, wie wir unsere Zeit managen, welche Prioritäten wir setzen. Wer tatsächlich glaube, dass das der Weg ist, hat den Glauben an sehr Vieles schon lange verloren. Nur nicht in seine eigene Unfehlbarkeit. Und an zweierlei Maß. Und daran, dass die Twitter-Polizei irgendeine relevante Größe ist. Kann man alles glauben. Ist aber intellektuelle Kurzstrecke.

Ähnliche Beiträge

  • 4. Mai 2022

    In der Linkspartei ist Schlachtfest. Schlacht im doppelten Wortsinne: Das, was wir da lesen, ist ja verbaler Krieg innerhalb einer Partei. Gleichzeitig wird mehrlei gemeuchelt, vor den Augen einer staunenden Teilöffentlichkeit, die das Nischenmedium Twitter nutzt: Anstand, Respekt, der Ruf der Linken – und der eigenen. In den vergangenen Wochen hab ich das ein- oder…

  • 17. März 2022

    Nein, keine Sternstunde. Alles andere als das. Beschämend war das, was heute Morgen im Bundestag passiert ist. Heute, drei Wochen, nachdem wir alle in einer anderen Welt aufgewacht sind, wie Außenministerin Annalena Baerbock den Angriff der russischen Armee auf die Ukraine zu einem uns alle betreffenden Ereignis erklärte, sprach der ukrainische Präsident zum deutschen Parlament,…

  • 17. Mai 2022

    Lustig sehen wir aus, oder? Und gut gelaunt auch. Beides trifft auch zu. Ich war aus, essen, mit Freunden, unter anderem dem da oben. Und wissen Sie was? Ich wollte erst schreiben: „Heute hab ich gar nicht viel zu berichten“ (nachdem ich gestern schon nichts geschrieben habe, weil um 21 Uhr eingeschlafen bin wie so…

  • 2. März 2022

    „Die beiden wichtigsten Dinge, die eine ukrainische Frau wissen muss, sind: Wie man Borschtsch kocht und Molotow-Cocktails herstellt.“ Sagt Kateryna Yurko. Bis vor wenigen Tagen besaß sie ein Geschäft für Autoteile in Kiew. Dann brach der Krieg aus. Kateryna Yokus Laden wurde bei den Angriffen zerstört. Jetzt kocht sie Borschtsch für die Soldaten. Und –…

  • Liebe am Abend und in harten Zeiten.

    Heute erreichte mich ein Newsletter mit dem Betreff „Shit in, shit out“. Soll sagen: Wir sollten uns mit Positivem beschäftigen, denn dann sind wir auch positiv gestimmt und tragen das in die Welt hinein. (Nein, kein Eso-Klangschalen-Newsletter, sondern einer für Finanzen.) Nun sind die sozialen Medien dafür nur in eingeschränktem Maße geeignet. Ich schreibe regelmäßig…

  • Eine Sehenswürdigkeit names Leben

    Gestern war ich auf zwei Veranstaltungen. Erst auf einem Betriebsfest an einem Badesee mit Strand und Pommes und Musik. Danach auf einem sehr schicken Dinner mit ansprechendem Blumenschmuck, wie man sieht. Heute hatte ich dann auch noch eine Mittagessenverabredung. Meine kommenden beiden Wochenenden sind verplant. Nicht mit AfD-Parteitagen, sondern mit Geselligkeit. Zwei Geburtstage hier in…