4. April 2022

https://twitter.com/FlorianPost/status/1510927921535496193?s=20&t=46pnZBGm2YnXy6ZIut6O5g

Seit sehr vielen Jahren habe ich ein Ritual: Jeden Abend lese ich mich durch meine Blogroll. Jeden Abend schaue ich nach, was es Neues gibt bei der Kaltmamsell, Herrn Buddenbohm, Frau Novemberregen und Frau Herzbruch. Für mich ist das, als würde ich bei Freunden einmal kurz nachhorchen, wie es ihnen geht, ohne dabei reden oder selber Fragen beantworten zu müssen. Sie müssen sich meinen Bedarf an Kommunikation im Laufe des Tages wie eine zunächst flach und ab spätem Nachmittag sehr steil abfallende Kurve vorstellen. Morgenmuffel finden mich ganz schrecklich (dito!), abends möchte ich am liebsten nur unterhalten werden. Diese Blogs erfüllen meine Bedürfnisse perfekt: Sie sind klug und gleichzeitig unterhaltsam.

U und E.

Im Laufe der Jahre kamen ein paar Blogs dazu, von ein paar trennte ich mich – wie im normalen Leben auch. Man entfernt sich thematisch voneinander, das ist ja völlig normal. Registriert man das, winkt man leise zum Abschied und dann liest man halt woanders. Um es mit einem der besten Song aller Zeiten auszudrücken:

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen. YouTube wird dabei Daten übermitteln und eigene Cookies setzen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube (öffnet in neuem Tab).

Von einem Blog habe ich mich vor ein paar Wochen aus anderen Gründen verabschiedet. Es war mir dort zu herablassend. Dahinter steckt ein Mensch, der sich anscheinend vor allem darüber definiert, was er besser weiß und besser macht als andere. Ein Schrei nach Liebe und Anerkennung, könnte man küchenpsychologisch sagen. Aber dieser Schrei war mir dann doch zu unsympathisch. (Den Song dazu lasse ich weg; bei aller Kritik: Einen Nazi würde ich die betreffende Person nun wirklich nicht nennen.)

So. Was wäre der logische Schluss? Bookmark gelöscht, Ende aus, Micky Maus. Was aber passiert? Ich kehre seit meinem Entschluss regelmäßig zu diesem Blog zurück und lese doch. Eine Freundin lacht mich dafür regelmäßig aus. Sie ist da konsequenter (zumindest in der Blog-Beurteilung sind wir einer Meinung.) Ich kann es nur so erklären: Es ist wie ein Verkehrsunfall. Immer wieder gibt es dort dermaßen ätzende Dinge zu lesen; ich kann es mir einfach nicht entgehen lassen. Weil ich es nicht fassen kann.

Mit demselben Mechanismus erkläre ich mir die große und mit ihrer gesellschaftlichen Stellung überhaupt nicht mehr korrespondierende Aufmerksamkeit, die Exen erfahren. Der Ex-MdB Florian Post von der SPD zum Beispiel, der gerne möchte, dass der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk mal aufhört zu nerven mit dem Krieg und so. Wir haben Wetter in Deutschland, wir brauchen Heizung, hat das den Leuten in der Ukraine eigentlich noch niemand gesagt?! So äußert sich Post einen Tag, nachdem sich in Anbetracht der Bilder von Butscha noch allen die Kehle zuschnürt. Und er findet viel Beachtung. Oder Julian Reichelt. Ex-Chef von dieser einen Zeitung. Egal, was er rauslässt bei Twitter (viel anderes hat er ja gerade nicht) – es macht sofort ne Welle.

Weniger Verkehrsunfall, mehr Musik. Das wär doch was. Bitte sehr, Herr Kapellmeister.

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen. YouTube wird dabei Daten übermitteln und eigene Cookies setzen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube (öffnet in neuem Tab).

Ähnliche Beiträge

  • Kurz mal einen raushauen

    Wer kennt es nicht: Follower, die mal eben eine Behauptung mit wegweisendem Effekt aufstellen, würde sie stimmen, die sich allerdings mit der billigsten aller „Recherchen“ (aka Google) binnen drei Sekunden widerlegen lässt und dann antworten: „Ach so, ja, wusste ich nicht.“ Aus Faulheit, selber einmal nachzulesen; aus Geltungsbedürfnis, das alle anderen Mechanismen stumm schaltet; aus…

  • 3. März 2022

    Die Nachbarin, die Urlaub genommen hat, um sich um Flüchtlinge zu kümmern.Die Kollegin, die für einen Ernstfall die Reisepässe der Familie überprüft hat.Der Freund, der eine WhatsApp-Gruppe gegründet hat, die er laufend mit Infos versorgt, welche Hilfsorganisation mit welcher Adresse hier in Berlin gerade welche Güter dringend braucht.Die Bekannte, deren Babysitterin ein Kurbelradio gekauft hat.Der…

  • 23. Mai 2022

    Noch drei Mal schlafen, dann fahre ich in den Urlaub. So wie auf dem Foto sieht’s da nicht aus; ich fahre an die Ostsee. Kurzurlaub. Langes Wochenende. Der Klassiker. Das da oben zeigt meinen Winterurlaub. Der war so hervorragend, einfach, weil es warm war und ich nicht kochen, arbeiten oder mir Gedanken über meine Tagesstruktur…

  • 2. April 2022

    Ritter Sport liefert weiter nach Russland. Und begründet das mit ansonsten zu massiven Problemen, die es den eigenen Angaben nach als mittelständisches Unternehmen schwer stemmen könnte. Das Unternehmen veröffentlichte vorgestern eine Erklärung, es wolle jeglichen Gewinn aus dem laufenden Russland-Geschäft an humanitäre Hilfsorganisationen spenden. Dem ukrainischen Botschafter in Deutschland kann das nicht reichen. Es geht…

  • 30. Mai 2022

    Ich kann erst heute etwas zu diesem leidigen Thema schreiben, weil ich gestern sehr lange Autobahn gefahren bin und vorher sehr schön geurlaubt habe. Urlaub und Bloggen, habe ich festgestellt, schließen einander bei mir anscheinend aus. Nun aber bin ich bereit, und ich bin einigermaßen aufgebracht. Keine Ahnung, wie schön ein Urlaub sein soll, damit…

  • 7. April 2022

    Niemand will Fräulein Rottenmaier sein. Fraäulein Rottenmaier ist die böse, strenge, kalte, herzlose Gouvernante der Familie Sesemann, bei der die kleine Heidi unterkommt und fast eingeht, weil ihr der Alm Öhi, ihr Freund Peter und die Berge so sehr fehlen. Auch ich habe wenig Interesse daran, Fräulein Rottenmaier zu sein und so oft zu sagen…