24. April 2022

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen. YouTube wird dabei Daten übermitteln und eigene Cookies setzen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube (öffnet in neuem Tab).

Barbra Streisand wird 80, gestern Abend schwelgten eine langjährige Freundin und ich in Erinnerungen, und gestern Nachmittag sah ich einen Mann, der so aussah, wie ein anderer Mann jetzt aussehen könnte. Würde er noch leben.

Erinnerungen. Man spricht ja viel drüber im Zusammenhang mit Tod. Der Mensch, der gegangen ist, lebt in unseren Erinnerungen weiter, sagen wir, und das ist ja auch so. Optisch bleibt er auch in Erinnerung. Konserviert. Das wurde mir gestern klar, als ich eben den Mann sah, der einem anderen so ähnlich sah. Hätte der noch die Chance gehabt, weiter zu leben, zu altern. In dem Moment, in dem Schluss ist mit Leben, ist natürlich auch Schluss mit neue Erinnerungen hinterlassen. Und bewusst bin ich noch nie auf die Idee gekommen, mir vorzustellen, wie Menschen jetzt wohl aussähen, wären sie noch da.

Das ist eine Facette von Erinnerungen. Eine andere: Tote bleiben in unserer Erinnerung, aber ihre eigene und auch Teile unserer gemeinsamen nehmen sie mit ins Grab. Gestern Abend saß ich wie gesagt mit Freundin L. zusammen. (In einem Promi-Hot-Spot nebst deprimierenden Ereignissen, aber das Thema Wohlstandsverwahrlosung würde den Rahmen hier sprengen.) Wir kennen uns seit dem allerersten Tag des Studiums, haben sehr viel Zeit zusammen verbracht, auch mal zusammen gewohnt, dann zog ich in eine andere Stadt, und wir lebten nie wieder in derselben. Trotzdem haben wir es geschafft, uns nicht aus den Augen zu verlieren. Aber natürlich verliert man Anekdoten. Kein Mensch kann sich alles merken. Neben allem Aktuellen sprachen wir auch über früher, unser schönes, sehr lustiges Früher (keine Sorge, mit unserem Jetzt sind wir auch sehr zufrieden, wenngleich es wahnsinnig unterschiedlich ist).

Und wir ergänzten einander. Ich hörte Geschichten, die ich längst vergessen hatte, und ich erzählte Geschichten, die L. erst allmählich wieder zu rekonstruieren in der Lage war.

Meine Mutter ist vor drei Jahren gestorben. Die Frau war klein und zierlich, und trotzdem war sie ein Elefant. Ihr Gedächtnis war phänomenal. Sie konnte sich alles merken. Dialoge zwischen ihren Eltern (mein Opa starb in den frühen Siebzigern) konnte sie mühelos wiederholen, die Namen ihrer Grundschulfreundinnen saßen bis zum Schluss, Geschichten aus meines Bruders und meiner Kindheit waren stets akkurat abrufbar. Das alles ist jetzt weg. Skurril: In meinem Leben ist sie immer noch präsent, aber durch ihren Tod fehlen jetzt Teile meines Lebens.

Meine Mutter wurde nur 69. Barbra Streisand wird wie gesagt 80. Gucken Sie „So wie wir waren“. Ich mag den Film sehr. Und wollte ihn meiner Mutter noch zeigen.

Ähnliche Beiträge

  • 2. April 2022

    Ritter Sport liefert weiter nach Russland. Und begründet das mit ansonsten zu massiven Problemen, die es den eigenen Angaben nach als mittelständisches Unternehmen schwer stemmen könnte. Das Unternehmen veröffentlichte vorgestern eine Erklärung, es wolle jeglichen Gewinn aus dem laufenden Russland-Geschäft an humanitäre Hilfsorganisationen spenden. Dem ukrainischen Botschafter in Deutschland kann das nicht reichen. Es geht…

  • Übers Gendern

    Das da oben bin ich. In der Sendung „Maischberger“, Mai 2021. Ich habe mir den Zusammenschnitt noch immer nicht angeguckt, weiß aber, was dort zu sehen ist: Man sieht dort, wie ich in den insgesamt 75 Minuten Sendung das tue, was landläufig als „Gendern“ gilt. Ich benutze den Glottisschlag. Dieses Machwerk wird mir immer wieder…

  • 2. Mai 2022

    Olaf Scholz ist ja sehr laut geworden, in Düsseldorf am Sonntag, und seitdem finden ihn jetzt Leute super. Ich will das inhaltlich gar nicht bewerten, was er in Düsseldorf gesagt hat, weil es arg nachgeklappt wäre, wie man im Nachrichtenjournalismus sagt. Hier übersetzt: Sehr spät würde ich in die Debatte einsteigen, und als Nachrichtenjournalistin darf…

  • 6. März 2022

    Es gibt viele Arten des Schweigens. Das nachdenkliche Schweigen. Das hilflose Schweigen. Das beredte Schweigen. Das überwältigte Schweigen. Das solidarische Schweigen. Das kontemplative Schweigen. Vernichtendes Schweigen. Schweigen, so es denn bewusst gewählt ist und nicht aus einer situativen Unfähigkeit heraus entsteht, kann die eleganteste Form der Reaktion sein. Aber auch die aggressivste. Im Prinzip lässt…

  • 21. Mai 2022

    Sie sehen hier den Münchener Gasteig. Da tobt momentan eine Konferenz, und ich saß heute auf einem Panel zum Thema „Online-Hass gegen Frauen“. Dieses Panel startete just in dem Augenblick, in dem ich das Foto schoss. (Es startete mit einer Keynote, die nicht ich hielt, deshalb saß ich noch im Publikum.) Wie Sie sehen, sitzen…

  • „Sag mal, der Thomas Gottschalk…“

    Ein paar Jahre lang war ich beruflich viel unterwegs, vor allem im Ausland, und flog häufig über Frankfurt. Oft übernachtete ich dann vor meiner Heimreise nach Berlin noch bei meiner Freundin M. in Frankfurt, was eigentlich immer sehr schön war. Eigentlich. Denn M. war damals noch mit einem Mann verheiratet, der mich regelmäßig mit massiv…