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19. März 2022

Es gibt ja Menschen, die glauben sehr viel. So konnte ich es damals nicht glauben, als sich rausstellte: Einige Leute meinten tatsächlich, ich hätte ernsthaft in einem Tweet behauptet, alle Leute, die eine andere Partei als die Grünen wählen, wären Nazis. Bis heute weiß ich, dass der größte Teil derer, die sich danach affektiert hochschaukelten, Ironie verstehen. Sie zielten mit ihrem vorgegaukelten Zorn und Entsetzen eben auf die, die es auch gibt: diejenigen, die sie eben nicht verstehen. Es gibt sie, keine Wertung. Ein mir sehr nahes Familienmitglied ist umzingelt von Menschen mit trockenem Humor. Seit Jahrzehnten. Aber: nix. Nada. Der Ironie-Detektor ist nicht eingebaut. Immer wieder Missverständnisse. Und dieses Familienmitglied ist schlau.

Es gibt also Menschen, die verstehen manche Dinge nicht. Dann gibt es Menschen, die auf diese Menschen bauen, wenn sie Quatsch in die Welt setzen. Um sie für eine Sache zu gewinnen, die sich häufig gegen eine andere Sache oder gegen Menschen richtet. Diese Strategie (neben anderen) wenden auch Parteien an. Alle. Es variieren Themen und Skrupel. Auch Politiker als Individuen wenden die Strategie an. Und andere. Normale Leute.

Anschaulich und ein bisschen schmerzhaft zu beobachten war das, als die #MeToo-Debatte aufkam. Was wurde da ein Stuss geäußert. Und zwar durchaus von klugen Menschen gegenüber klugen Menschen. „Schönes Kleid – aber das darf man ja heutzutage gar nicht mehr sagen. MeToo.“ – „Deine Haare sind super so. Oh, ist das jetzt MeToo?!“ Genau, Hans-Dieter. Das ist MeToo. Nein, ist es nicht. Und das weißt du auch. Du weißt aber, dass es zu durchschaubar wäre, würdest du einfach geradeheraus sagen, wie doof du diese MeToo-Sache findest. Dass das in deinen Augen alles Anstellerei ist. Aber du hältst dein Gegenüber (in diesem Falle: mich, danke dafür) dann doch für so stark geistig limitiert, dass es die hidden message nicht mitbekommt. Oder für so eitel. Dein Kompliment, so dein Kalkül, macht mich dermaßen glücklich, dass die flugs rosarot getönten Gläser meiner Weltsicht-Brille alle Grautöne rausfiltern.

Und dann gibt es noch die Strategie, so zu tun, als wäre man bewusst missverstanden worden. Nachdem man sich sehr klar in eine Richtung geäußert hat – mit dem Ziel, aus genau dieser Richtung Widerspruch zu ernten. Den kann man dann nämlich als Beleg für die Ausgangsthese anführen und das eigene Weltbild zementieren. Catch 22.

Nennt man beispielsweise eine Frau „hysterisch“, dann ist das misogyn. Lässt sich gar nicht wirklich drüber diskutieren, bisschen langweilig also, denn wer sich zirka zwei Minuten mit dem Thema Misogynie beschäftigt, stößt, hält er sich dabei weder Augen noch Ohren zu, auf „hysterisch“. Ich meine hier kein Synonym, ich meine keine Beschreibung, die am Ende dann auf das hinausläuft, was man landauf, landab jahrzehntelang als „hysterisch“ verstand – ich meine ganz konkret das Wort „hysterisch“. Um es anschaulich zu machen, hier ein Beispiel:

Bezeichnet man also eine Frau, in diesem Fall eine Politikerin, als hysterisch, kommen die entsprechenden Reaktionen. So, wie wenn man etwas fallen lässt und es dann – genau: fällt. (Die Rede mag zu laut gewesen sein, zu kurzatmig, zu polemisch, zu Ich-bezogen – das ist Kritik. „Hysterisch“ ist eben keine. Und das weiß man ja auch.)

Ist es jemandem persönlich wichtiger, Recht zu behalten und andere als bescheuert – oder als hysterisch – dastehen zu lassen denn selbst als klug dazustehen, dann wertet er diesen Widerspruch als Beleg. Nicht wenige Leute stellen sich gern dumm, um andere noch dümmer dastehen zu lassen. Jede Wette: Manche Leute fallen darauf rein.

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18. März 2022

Man sieht diese Zahlen. Und man denkt: „Ja, logisch.“

Für die CDU läufts nicht, weil Tobias Hans ja zum Beispiel Videos vor Tankstellen dreht, in denen er die sehr hohen Spritpreise beklagt, dabei durch Kamerawahl, Kameraführung und Sprache („irre“) sehr nah bei de Leut wirkt, aber den irre peinlichen Fehler begeht, zwischen „Fleißigen“ und „Gerinverdienern“ einen Gegensatz aufzumachen. Tobias Hans ist zwar amtierender Ministerpräsident, wahlkämpft als solcher aber ja zum ersten Mal, weil er einst Annegret Kramp-Karrenbauer beerbte, als die nach Berlin ging, um Generalsekretärin zu werden und dann Parteichefin, um vielleicht Kanzlerkandidatin, aber dann kam Rezo und Friedrich Merz war noch in der freien Wirtschaft und wir bezahlten quasi noch mit D-Mark, so weit weg scheint das alles, aber wo war ich?

Genau. Die Umfragewerte der CDU erscheinen logisch, die der AfD auch (im Westen ist sie nicht so erfolgreich wie im Osten, im Saarland tritt die Partei ohne Landesliste an, weil sie dort intern dermaßen streitet, dass sie das nicht geregelt bekommen hat; hinzu kommt aktuell die Entscheidung des Kölner Gerichts, dass die AfD als rechtsextremistischer Verdachtsfall vom Verfassungsschutz beobachtet werden darf, und ob sie Putin jetzt wirklich gut findet oder nicht, ist auch noch nicht ganz raus). Die Linke ist sich da auch nicht so ganz sicher, hat es so gerade eben in den Bundestag geschafft, kommt seitdem aber irgendwie auch nicht richtig klar, und nun ist auch noch Übervater, Saarland-Ikone Oskar Lafontaine aus der Partei ausgetreten, bevor die ihn rausgeschmissen konnte. „Balagan!“, sagte die Studio-Assistentin in Tel Aviv jedes Mal, wenn sie meinen Schreibtisch sah. Das würde sie angesichts dieser Gemengelage auch sagen, aber mit weniger Sympathie und Verständnis im Blick. Hoffe ich.

Dann wäre da noch die FDP, die hatte bei den letzten Landtagswahlen im Saarland 3,3 Prozent, die Grünen hatten 4. Beide ampeln inzwischen im Bund miteinander und der SPD. Es ist Corona, es ist Krieg, es ist absoluter Ausnahmezustand, es ist nicht die Zeit für kleine Parteien. Es ist wohl Zeit für die SPD und, dahinter, die CDU.

Es ist, wieder mal, auch die Zeit für Rechenspiele.

Mit der AfD will ja weiterhin keiner – jetzt erst recht nicht, Verfassungsschutzbeobachtung gilt ja nur in äußerst verachtenswerten Kreisen als Prädikat. GroKo ginge also, SPD-geführt. Ampel, mit 50%. Minderheitsregierung. Will man das alles? Anscheinend wollen die Leute das, die Zahlen sind, wie sie sind. Jetzt nicht aufregen, Demokratie ist super – aber diese Zahlen machen mich nicht froh. Diese großen Blöcke – das hatten wir so lange im Bund. Niemand war glücklich, vor allem Union und SPD nicht. Jetzt haben wir Ampel, und die Themen Infektionsschutzgesetz und Impfpflicht transportieren jetzt auch nicht mehr so wirklich überzeugend die Euphorie des Aufbruchsgefühls, das diese Koalition versprühen wollte. Die total neu ist und doch mitsamt ihren Schwerpunkten schon komplett überrollt wurde von der Realität.

Vorvergangene Woche berichtete eine US-Korrespondentin des Deutschlandfunks von Bidens Rede zur Lage der Nation. Da fielen schon Bomben auf die und starben schon Menschen in der Ukraine. Und die Journalistin betonte die Einigkeit unter Demokraten und Republikanern in ihrem Entsetzen ob Putins Angriffskrieg. Und schob hinterher: Das sei die absolute Ausnahme. Die Zeiten, in denen die Nation spätestens in Kriegszeiten geeint sei, seien lange vorbei. Unter den Republikanern gebe es außerdem durchaus Putin-Verteidiger.

Davon erzählte ich einer Freundin am Telefon, als ich durch den Supermarkt hastete. Einkaufen und politische Analyse gleichzeitig – dafür, so die Einsicht, bin ich inzwischen wohl zu alt: „PUTIN-Freunde? DIE DEMOKRATEN?!“, fragte meine Freundin verstört. Ich hatte mich versprochen. Und beruhigte sie. Ihre Antwort: „Ach, in ein paar Jahren wird uns nicht mal mehr das wundern. Alles ist möglich.“

Alles ist möglich. Fast alles. Auch das, was vielleicht nicht gut wird. Auch im Saarland. Mh.

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17. März 2022

Nein, keine Sternstunde. Alles andere als das. Beschämend war das, was heute Morgen im Bundestag passiert ist. Heute, drei Wochen, nachdem wir alle in einer anderen Welt aufgewacht sind, wie Außenministerin Annalena Baerbock den Angriff der russischen Armee auf die Ukraine zu einem uns alle betreffenden Ereignis erklärte, sprach der ukrainische Präsident zum deutschen Parlament, zugeschaltet aus seinem vom Krieg gebeutelten Land. Wolodimir Selenskij hat Deutschland aufgegeben, auch wenn er das so offen nicht gesagt hat. Und auch nicht so drastisch wie sein Botschafter hierzulande. Nord Stream 2 aber sprach er offen an. Die deutsche Putin-Politik, die seiner Ansicht nach viel zu laxen Sanktionen gegen Russland.

Der Bundestag lauschte Selenskijs Worten. Man sah ergriffene, bewegte, nachdenkliche Gesichter hinter den Masken. Manche Abgeordnete musste sichtbar schlucken, andere rieben sich das Gesicht, weil sie irgendwo hinmussten mit ihren starken Gefühlen. Die Lage in der Ukraine, an der Deutschland akut nicht viel ändert, ist entsetzlich. Das schmerzt, so nachvollziehbar die Gründe auch sein mögen. Drei Wochen sind lang genug, um den allerersten Schrecken verdaut zu haben. Lang genug, dass nicht mehr jeden Abend Sondersendungen laufen, nicht eine Push-Meldung die nächste jagt. Aber der Krieg ist zeitlich und – so ist es nun mal – geographisch und politisch auch zu nah, als dass er nicht weiterhin die absolute Hauptrolle in der öffentlichen Wahrnehmung spielen würde. Jeder kennt jemanden, der Flüchtlinge aufgenommen hat. So nah.

Wie nah uns die Bilder gehen – ob von der bombardierten Geburtsklinik, getöteten Familien, in Bunkern singenden Kindern – need I say more? So nah ist all das, rein praktisch, rein emotional, dass wir in den vergangenen drei Wochen gespendet haben, über einen Dritten Weltkrieg nachgedacht, über Reisepässe. Es wurde und wird gehamstert (ich übrigens auch; ich bin nicht stolz, aber es hilft mir – vor allem jetzt, da ich mit Corona zu Hause sitze).

Sehr nah.


Ich habe ein paar Jahre lang aus Krisengebieten berichtet. Dort habe ich ein paar harte Szenen erlebt, und ich habe dort Drehmaterial auch nicht-deutscher, nicht-europäischer Nachrichtenagenturen gesehen. Die oft drastischer drehen als wir. Einmal aus kulturellen Gründen und zusätzlich, weil sie wissen, dass erst Redakteure das Material sehen und es dann daraufhin filtern, was sie ihren jeweiligen Zuschauern zumuten können. Redakteure wie ich. Es gab Bilder etwa aus Syrien oder Gaza, die ich lieber niemals gesehen hätte und die ich unter keinen Umständen für meine Berichterstattung benutzt hätte. Weil sie in ihrer unerbittlichen Darstellung der Realität unerträglich waren.

Trotz dieser Erfahrungen und des dadurch automatisch erworbenen dickeren Fells: Vor drei Wochen, sehr rasch nach Kriegsbeginn, habe ich beschlossen, mir so viel wie auch für meine tägliche Arbeit nötig und so wenig wie für den Fortbestand meiner seelischen Stabilität möglich anzuschauen. Lesen und hören gehen besser. Vielleicht ist der Unterschied zu „damals“, dass die Masse der Bilder in den sozialen Medien zugenommen hat. Dort filtert ja kaum jemand. Ich will das nicht bewerten, und ehrlich gesagt würde ich das auch alles gern sehen können, denn Krieg ist ja fürchterlich, und selbst in Anbetracht der grausamsten Bilder bleibt ja dies: Ich sehe sie auf meinem Berliner Sofa sitzend. Nur stimmt es andersherum eben auch: So nah gehen mir die Bilder, dass ich ihre schiere Menge filtern muss. Von meinem Berliner Sofa aus. Aus der Komfortzone.

Tja. Als Selenskij heute Morgen fertig geredet hatte, applaudierten die Bundestagsabgeordneten ihm. Man stand auf, man zollte ihm Respekt – vordergründig zumindest. Denn das konterkarierte man das, denn dann sofort im Anschluss – ging der Bundestag zur Tagesordnung über. Beziehungsweise: Er stritt erst mal darüber, ob es richtig oder falsch ist, dies zu tun. Man griff einander in der Komfortzone des Parlaments verbal scharf an. Im Bemühen um den richtigen Umgang mit denen, die mit Raketen angegriffen werden. Vielleicht ist es zu nah. Vielleicht musste man es filtern. Das wäre die erträglichste Erklärung für das, was meine Kollegin Andrea Maurer heute in einem in seiner Lakonie genial-fürchterlichen Tweet so zusammenfasste:

Need she say more?

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16. März 2022

Sören Bartol von der SPD arbeitet als Parlamentarischer Staatssekrekretär im Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen. Er nutzt die sozialen Medien, was im noch relativ eher frisch vereidigten Kabinett erfreulicherweise keine Besonderheit mehr darstellt. (Sieh an: Im Detail habe ich mir das Nutzungsverhalten der Ampel-Granden noch gar nicht angeguckt. Zu viele andere Dinge waren bisher wichtiger, wäre jetzt meine Ausrede. Dafür möchte ich mich entschuldigen. Oder um Entschuldigung bitten. So muss es ja ganz korrekt heißen.

Darauf wurde Sören Bartol von den ganz, ganz Ausgeruhten heute auch eindrücklich hingewiesen und seine Entschuldigung direkt als Nonpology abqualifiziert. Da Twitter aber ja die Hölle sein kann und derzeit ohnehin ein gegenseitiger Überbietungswettbewerb im Demonstrieren von Härte denen gegenüber, die vermeintlich nicht genauso schnell und entschlossen Frieden in der Ukraine wollen wie man selbst, muss man da nun vielleicht nicht päpstlicher sein als der Papst. Wobei der ja wahrscheinlich eher Gnade walten lassen würde. Nanu, wie hab ich mich denn jetzt dermaßen flott auf dieses thematisch denkbar dünne Eis manövriert? Katholische Kirche. Hören Sie es knacken? Ich nicht, ich bin nämlich schon wieder runter.)

So, hier bin ich.

Zurück zu Sören Bartol. Im weiteren Verlauf seines dreiteiligen Threads wird er sich nicht nur entschuldigen, sondern auch erklären. Und zwar dafür, dass er zuvor geschrieben hatte: „Ich finde diesen ‚Botschafter‘ mittlerweile unerträglich. So verhält man sich nicht gegenüber einem befreundeten Land. Und vor allem nicht gegenüber einem Kanzler, einer Bundesregierung, die gerade der Ukraine gemeinsam mit dem Deutschen Bundestag hilft #respektlosigkeit“ (Bartol hat den Tweet ja gelöscht, aber ich habe einen Screenshot, um ihn korrekt zu zitieren, wenn ich den Kontext hier herstelle. Zur Schau stellen will ich ihn aber nicht, deswegen hier kein Bild. Er hat ja gelöscht und diese Löschung mit Selbstkritik versehen begründet. Ich hoffe, die Gratwanderung ist mir einigermaßen gelungen.)

Sören Bartol und dem Vernehmen nach, weitere Teile der SPD sind genervt vom ukrainischen Botschafter. Der sich, deshalb wohl die „“ in Bartols gelöschtem Tweet, aktuell nicht wie ein klassischer Botschafter verhält. Andrij Melnyk, dessen Land seit gut drei Wochen von Wladimir Putins Armee bekriegt wird, hält nichts von Diplomatie in diesen Zeiten. In denen Deutschland und andere Staaten wie etwa Polen sehr viele Flüchtlinge aufnehmen, auch Waffen liefern – Zeitenwende – sich aber nicht zu solch harten Sanktionen gegenüber Russland durchringen, wie Melnyk sie für angemessen und notwendig hält. Sein Land droht unterzugehen. So oder so.

Nun gibt es zwei Arten der Reaktion auf den ob des wütenden Andrij Melnyk wütenden Sören Bartol. Die einen sagen: „Was soll Melnyk denn beklatschen? Soll er sich noch dafür bedanken, dass der Rest der Welt der Ukraine in einer absoluten Ausnahmesituation zwar keinen Rettungsring hinwirft, sie aber vom Ufer aus anfeuert?“
Die anderen hingegen sagen: „Der Mann ist Diplomat. Da gehört Diplomatie zur Schlüsselqualifikation. Immer. Immer. Mit seinem Benehmen, wenngleich es auch menschlich nachvollziehbar ist, erweist er der Sache einen Bärendienst.“

Kann man beides so sehen. Was man aber keinesfall übersehen kann, ist die Ironie: Sören Bartol hat sich unbedacht auf Twitter geäußert. Weil der ukrainische Botschafter sich seiner Meinung nach zu unbedacht äußert.

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15. März 2022

Seit gestern habe ich Husten, seit heute Morgen habe ich zwei Striche auf dem Schnelltest, heute Morgen sagte mein Arzt beim Blick in den Rachen, noch bevor er ein Stäbchen erst bis in meinen Magen und anschließend bis unter meine Schädelecke schob: „Corona-Rachen. Ich teste dich trotzdem mal.“ Jo. Keine Angst, das wird jetzt nicht das 800. Corona-Tagebuch. Ich bin krank, die ununterbrochene Nieserei nervt – aber es könnte viel, viel schlimmer sein, ich gieße mir gleich eine Mass Wick MediNeit hinter die Binde und schlafe mich meiner Genesung entgegen*, UND SOCIAL MEDIA NERVT AUSSERDEM NOCH VIEL MEHR.

Ich bin hartgesotten, was Twitter angeht. Aber nach Bekanntmachung meiner Erkrankung ist unter meinen sich auf meine Infektion beziehenden Tweets alles, ich wiederhole: alles kumuliert, was man an Unverantwortlichkeit, an Hass, an Bräsigkeit und, irgendjemand muss es mal aussprechen, an Dummheit kennt. (In überwiegender Zahl waren es freundliche Genesungswünsche. Ich will nicht undankbar klingen; über jeden habe ich mich wirklich gefreut. Aber: Das ist ja normales Verhalten. So wie einfach auch gar nicht drauf zu reagieren. Ich bin ja nicht die Queen. Deshalb reagiere ich hier wiederum auf die kommunikativ Auffälligen. Nicht aufgrund ihrer Überzahl.)

Da sind erstens die, die sich freuen, dass es nur eine mittelschwere Erkältung ist. Nicht, weil ich ihnen so sehr am Herzen liege. Sondern, weil sie das ja immer schon gesagt haben. Weil sie vielleicht keine Virologen sind, nicht mal Mediziner. Aber schlauer. Universell. Sie besitzen keine Abschlüsse in dem Fachgebiet (gerne variierend, die Bandbreite reicht von Virologie über Sicherheitspolitik bis hin zu Pharmazie), in dem sie gerade in den Sozialen Medien reüssieren. Sie besitzen keine Prädikate. Ihre Kompetenz weist sich ihrer Ansicht nach im Beifall anderer ihres Schlages aus.

Zweitens sind da die radikalen Imfpgegner. Die ebenfalls lässig den großen Bogen spannen. So wie die Frau, die mir heute antwortete, erst wären es die Juden gewesen, dann die Impfgegner, dann die Russen. Ich habe meine Zeit nicht gestohlen, deshalb schreibe ich hier zu solchen Leuten nichts und habe den Account geblockt.

Der Übergang zur dritten und für mich persönlich am schwierigsten zu handelnden Gruppe: Die, die entweder schlecht informiert sind, oder aber so tun. Die meine Infektion als Beleg dafür begreifen, dass a) die Impfung nichts nutzt und/oder b) dasselbe für das Masketragen gilt. Mein jeden Tag bei der Arbeit ausgelebter, tief sitzender Impuls lautet: Sachverhalte, Zusammenhänge erklären. Nur: Wer hat es im dritten Pandemiejahr wirklich noch nicht verstanden? Wer tut nur so? Wie viel Rücksicht muss man auf Leute nehmen, die sich nicht informieren wollen? Man muss sich angestrengt haben, und zwar enorm, um nicht Bescheid zu wissen. Ich wage gar die Behauptung: Sich nicht zu informieren, war von einem gewissen Zeitpunkt an anstrengender, als es zu tun. Und dieser Zeitpunkt liegt, grob und vorsichtig geschätzt, mehrere Monate zurück.

Nun habe ich in meinem direkten Umfeld Leute, die hochgebildet sind. Akademischer Abschluss. Und trotzdem, nach zweimaliger Infektion, immer noch nicht verstanden haben, was Phase ist. Oder ab dem Moment, in dem sie es nach vierfacher (!) Impfung haben, schludrig werden. Sie müssen ja keine Angst mehr haben, es zu kriegen. Es ist nicht unbedingt (nur) eine Frage der Intelligenz.

In der Krise zeigt sich der Charakter.

Ich habe hier ja bereits erwähnt, dass mich die Pandemie nun eine Freundschaft gekostet hat. Kein leichter Schritt. Nun sind einige meiner Freunde auch in den sozialen Medien, aber die sozialen Medien werden nicht von ihnen bevölkert. Entsprechend zackig lief das heute. Ich habe meiner ungeduldigen Seite freien Lauf gelassen. Und geblockt. Wegen doof. Und werde das fortsetzen. Long Covid, Self Care-Version.

*Dass ich von Long Covid verschont bleibe, kann ich nur hoffen.

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14. März 2022

Eine Frau Mitte 50 und ihre Kinder (Mitte 20 und ein kleiner Nachzügler von zehn Jahren) wohnen seit einigen Tagen bei meiner Bekannten Jekatarina und ihrer Familie. Heute traf ich Jekatarina zufällig und fragte, wie es allen ergeht. Und sie erzählte das da oben. Und ich war kurz wieder in Gaza. Diese Starrheit, von der Jekatarina erzählte, habe ich dort gesehen.

2014 war ich noch Kriegs- und Krisenreporterin. Israel und Gaza bekämpften einander, wieder einmal. Es klingt lapidar, ist aber katastrophal. Jedes Mal. Die beiden Parteien einigten sich auf eine dreitägige Feuerpause, und mein Sender erlaubte einem Kollegen und mir, für diese drei Tage nach Gaza hineinzugehen. Das Risiko schien allen Verantwortlichen überschaubar. Also fuhren wir bis zum Grenzübergang, durchliefen das Prozedere am Terminal und berichteten die drei Tage lang aus dem Küstenstreifen.

Am Freitagmorgen um 8 Uhr sollte die Feuerpause enden. Vorher schaltete ich noch live ins Morgenmagazin, direkt danach sollte ich dann direkt direkt zum Grenzübergang nach Israel gebracht werden, um rechtzeitig rauszukommen. Der Plan war eng getaktet, aber machbar. Weil wir jedoch anscheinend aneinander vorbeigeredet hatten, als wir diesen Morgen planten, wurde es dann doch plötzlich hektisch. Wir hinkten im Zeitplan hinterher. Die Sorge war groß, dass die Raketen wieder fliegen würden, bevor wir Gaza verlassen hatten. Sie haben dort keine Bunker. Tunnel, ja. Aber die sind der Hamas vorbehalten, die da durch Waffen und Raketen schmuggelt. Die einfache Bevölkerung ist relativ ungeschützt in Kriegszeiten.

Nun saß ich also hinten im Auto, neben mir ein Übersetzer, vorn ein Fahrer. Die beiden wollten mich jetzt einfach nur möglichst schnell hier raus bringen. Alle drei waren wir still. Ich hoffte, mein Producer recherchierte auf seinem Telefon den schnellsten Weg, und der Fahrer versuchte, den Menschenmassen auszuweichen. Denn viele, sehr viele Einwohner von Gaza waren auf den Beinen. Auf der Suche nach einem möglichst sicheren Unterschlupf. Oft suchen sie Schutz vor dem Krieg in Schulen oder UN-Gebäude. Auf solche, so ihre Hoffnung, feuern die israelischen Streitkräfte nicht. Keine kritische Infrastruktur.

Ich sah aus dem Fenster, um mich abzulenken von meiner Luxus-Angst. Ich war freiwillig hier. Um zu berichten, ja. Aber auch, um Geld zu verdienen. Das hier war mein Job, nicht mein Schicksal.

Und da sah ich sie, vorn auf einem Pferdefuhrwerk: eine junge Frau, nicht viel jünger als ich. Neben ihr saß der Mann, der das Pferd antrieb, hinter ihnen zwei kleine Kinder auf einer großen, blanken Matratze und zwischen ein paar Taschen.

Den Blick der Frau werde ich nie vergessen. Er war komplett leer. So, als könne sie keine Angst mehr haben. Keine Energie mehr verschwinden auf Hoffen oder Bangen. Sie hatte sich ergeben. Starr.

Das Leben ist wie ein Lottospiel. Diese Frau hatte schlicht und einfach Pech gehabt, dort auf die Welt gekommen zu sein. Ich hatte Glück. Fair ist das nicht.

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13. März 2022

Ich habe heute leider kein Foto für Sie. Auch keinen Tweet. Alles, was ich an diesem Sonntag gesehen habe, war zu anstrengend, quasi jeder gegen jeden. Ukraine, Corona (ist ja auch noch da), Spritpreis. Waren die sozialen Netzwerke bisher, sagen wir mal: anstrengend, dann sind sie jetzt gerade SEHR ANSTRENGEND. Kann aber auch an mir liegen.

Zur Ukraine: Es ist weiter eine Katastrophe. Das wird es auch immer bleiben, selbst wenn alles vorbei ist. Ist es aber nicht. Es ist also, präziser formuliert, eine ongoing Katastrophe.

Den ehrlichsten Kommentar zu jemandes Gefühlslage dazu habe ich heute bei YouTube entdeckt.

Diese Aussage, womöglich sarkastisch gemeint, vielleicht aber auch nicht, das finde ich aber auch egal, denn sowohl Sarkasmus als auch keinen – ich kann das nachvollziehen. Interessant ist vor allem der Kontext: Der Kommentar steht unter einem Video, in dem eine Kollegin und ich erklären, was die Beobachtung der AfD durch den Bundesverfassungsschutz bedeutet. Gegen Putin und seinen Angriffskrieg wirkt die AfD schon fast entspannend. So weit ist es gekommen.


Zu Corona: ach, ach, ach. Hier hat’s diese Woche zweimal sehr laut wegen Corona gekracht. Eine Freundschaft ist zerbrochen. Die erste in dieser Pandemie. Ein guter Schnitt, oder? Und, a propos Schnitt, ein notwendiger. Aber Schnitte sind selten schön. Bis auf Kurzhaarschnitte. (Sarkasmus.)

Spritpreise. Hach ja. Ich habe da keine abschließende Meinung zu und kämpfe sehr darum, die auch zu behalten. Zum einen komme ich aus einer nicht allzu großen Stadt, die aber zu meinen Zeiten dort schon 80.000 Einwohner hatte. Dorf geht anders. Ohne Auto ging da aber nichts. Gütersloh hat bis heute keine Disco, wie meine Generation Clubs noch zu nennen pflegte. Zum Beispiel. Und der ÖPNV besteht da aus Bussen. Das war’s. In Gütersloh zählt man die Tage bis zum 18. Und um Gütersloh herum liegen viele kleine Dörfer. Die sind wunderschön. Aber arbeiten kann man da oft nicht. Das tut man bei Bertelsmann. Oder Miele. Oder, ja, auch das gehört zur Wahrheit: Tönnies. Da muss man hin. Nicht selten arbeiten Leute dort Schicht. Deshalb verwundert mich die sehr plumpe Argumentation, auf dem platten Land bräuchte man aber auf jeden Fall ein Auto. So weit muss man gar nicht gehen. Bzw. fahren. Dass Leute dort auch über ihren Kontostand nachdenken und nicht nur über das Leid der Ukrainer, ist logisch.

Zum anderen aber lebe ich ja inzwischen in der, nein: der Großstadt. Und da wirklich mittendrin. Quasi vor meinem Haus halten ein Bus und eine Tram. Beide brauchen ca. 5 Minuten bis zum Alexanderplatz. Da fährt alles ab. Bis zur Arbeit brauche ich 15 Minuten mit meinem schönen Rad. Ich besitze die wärmste Winterjacke des Universums. Für Schal-Mütze-Handschuhe hat’s auch noch gereicht. Und ich besitze ein Auto. Das war fast immer schon so, ich stamme aus einer Familie von Autoverkäufern und Autoteilegroßhändlern. Bei uns am Tisch wurde permanent über Hubraum, Tieferlegungssätze und Fahrzeugtypen gesprochen. Zum 18. gab es ein Auto. Das war völlig klar. Um Bücher für die Uni musste ich ein bisschen kämpfen. Nicht aber für ein eigenes Auto. Ich habe mal eins kaputtgefahren, ein blöder Auffahrunfall, Achse verzogen. Da wohnte ich schon in Berlin. Als ich meinem Vater sagte, dass ich kein neues haben möchte, weil ich es hier nicht brauche, antwortet der sehr impulsiv: „Du hast wohl den Ar*** auf.“ Man muss wissen: Mein Vater spricht so nicht. Nie. Wir Kinder sind da sehr streng erzogen worden.

Nach dem Unfall besaß ich aber trotzdem tatsächlich ein paar Jahre lang kein eigenes Auto, irgendwann kaufte ich dann einer Freundin meiner Mutter ihren Gebrauchten ab, ich hatte mich in jemanden Hunderte Kilometer von Berliner aus verliebt und bin gern spontan. Der Mann zog mir nach, mein Auto stand so viel herum, dass es deswegen ab und zu in die Werkstatt musste. Das aktuelle ist so riesig, dass ich es oft verleihen kann. Da passiert das nicht. Nun begab es sich aber, dass es neulich keinen Mucks mehr machte. In einer Zeit, in der viel zu tun war. Und Winter. Ich erwähnte ja oben bereits mein professionelles Equipment – ich fuhr Rad und fror nicht mal. Es gab keine Probleme. Brauchte ich in den 7 Wochen doch mal ein Auto – exakt ein Mal -, hatte ich in der direkten Nachbarschaft stets die Auswahl zwischen zirka 15 Carsharing-Autos. Die alle leiser, aufgeräumter und handlicher waren als meins.

Was soll ich sagen? Das Auto ist wieder heile. Und ich benutze es wieder. Bescheuert, aber wahr. Da ich mich da jetzt durchschaut habe, will ich es verkaufen. Das wird jetzt allerdings schwierig: die Spritpreise.

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12. März 2022

Sehr grob zusammengefasst, ist die Lage unverändert. Putins Soldaten rücken weiter vor, kämpfen, töten. Die Ukrainer wehren sich, so gut es geht. Besser als zu Beginn dieses Wahnsinns von aller Welt gedacht. Ihr Präsident Selenskij ist weiterhin in aller Munde. Sein heldenhafter Kampf für das vergleichsweise kleine Land, das er regiert und das Opfer eines Angriffskrieges einer Weltmacht wird. Täter/Oper – die Rollen sind hier ausnahmsweise mal so klar verteilt, wie wir uns alle das ja im Grunde unserer Herzen für alles in diesem anstrengenden Leben wünschen: Putin/Ukraine. Dasselbe unsere archaischen Bedürfnisse erfüllende schwarz-weiß-Schema geht in der Rollenverteilung Putin/Selenskij voll auf: Schurke/Held.

Balsam für unsere geschundenen Seelen und überstrapazierte Differenzierungsfähigkeit, auch wenn das zynisch klingt. Seit 2014, der „Flüchtlingskrise“, dem Aufkommen von Fridays for Future und dann auch noch Corona, streiten wir. Verlieren Vertrauen in die Politik, verlieren Freunde, registrieren dezimierte Geduldsreserven. Und das ist noch die luxuriöse Variante. Ich habe noch meinen Job, meine Gesundheit, meine Zuversicht. Niemand aus meinem nahen Umfeld hat weitergehende Folgen nach einer Infektion davontragen müssen, Stand jetzt. Glück gehabt, pures Glück, nichts anderes. (Und Impfungen und Masken.)

Jetzt müssen wir uns Gottseidank nicht fragen, wo wir die Grenze ziehen müssen. Wann den Mund nicht mehr halten, wenn uns Nahestehende den Quatsch über angeblich horrend hohe Gelder für Flüchtlinge übernehmen. Ob wir der Freundin sagen müssen, wie egoistisch wir ihr Brechen der Quarantäne finden, weil sie das „einfach mal brauchte“. Uns dazu zu äußern, würde anstrengende und unsere Beziehungen mitunter strapazierende Debatten nach sich ziehen. Den Mund zu halten, ist aber auch nicht einfach. Dieser Stress kommt zum alltäglichen, nicht unerheblichen – Angst um die Gesundheit, die Arbeitsstelle, nerviges Home Schooling – noch hinzu.


Und nun dieser Krieg. Bilder von einer zerbombten Geburtsklinik, von Toten, von weinenden oder fast noch schlimmer: nicht weinenden, weil bis ins Mark schockierten, Kindern. Das ist nicht einfach auszuhalten. Wenigstens eines bleibt uns da erspart: differenzieren zu müssen. Die Grenze ist ja für alle sichtbar: der böse, der gut. 

Die Bilder vom zweifellos unheimlich mutigen Selenskij balancieren mich aus, ich merke das jedes Mal. So undenkbar skrupellos Putin agiert, so unvorstellbar selbstlos sehen wir – dank Social Media nahezu in Echtzeit – Selenskij. Der eine mit diesem maskenhaften Gesicht (keine Wertung, Krankheitsgerüchte machen die Runde), der andere mit Dreitagebart. Der eine allein am absurden Tisch, bei dessen Anfertigung anscheinend „DISTANZ“ ganz oben auf der Anforderungsliste stand, in einem sterilen Raum. Der andere dicht an dicht am Tisch mit Mitkämpfern, einfache Leute-Essen vor sich. Das Wissen, dass Menschen zu allem fähig sind – vom einen wird es aufs Erschreckendste bedient, vom anderen aufs denkbar Beste.

Der eine macht uns Angst, der andere macht uns Hoffnung.

Wir wollen hoffen. Wir sind Menschen, wir wollen leben. Ohne Hoffnung ist das nix. Also wollen wir Selenskij. Wir wollen, dass Übermenschliches möglich ist. Dass am Ende das Gute siegt. Dann wird vielleicht alles gut, auch das, was uns vor dem Krieg so aufgerieben hat. Vielleicht geht Corona dann auch endlich wieder weg. Können wir wieder so leben, wie wir wollen. Unsere Eltern und Großeltern den Pflegestationen, unsere Kinder.

So fundamental unser Leben berührend und damit hitzig waren die großen Themen der vergangenen Jahre, dass einige nicht hinnehmen wollen oder können, wenn jemand – hier konkret: Sabine Rennefanz – in der aktuellen großen Zweifel sät an ihrer Holzschnittartigkeit. Oder auch nur zu ergründen versucht, warum wir einen Menschen verherrlichen, der ein Mensch ist. Ganz offensichtlich ein sehr mutiger mit Sinn für Verantwortung, Solidarität, Nächstenliebe. Aber eben ein Mensch. Bei dem man sich fragen muss, wie er eigentlich die in ihn gesetzten Hoffnungen und Projektionen erfüllen will, sollte er überleben. Aber Fragezeichen müssen von Einigen umgehend ausgemerzt werden. Die oben zitierte Autorin wird seit gestern von Einigen als nichts Geringeres als Putin-Propagandistin bezeichnet.

Und, fast noch Besorgnis erregender, je länger man drüber nachdenkt: Bei Einwänden, dass dies sehr übers Ziel hinausschießt, brüsten sich Leute damit, wie wenig Mitleid sie empfinden. Dasselbe passiert mit dem auf Twitter verbreiteten Video einer russischen Influencerin: Die weint, weil Putin Instagram in ihrem Land abschalten ließ. Instagram sei ihr Leben, leidet die Frau vor der Kamera, die sie extra zu diesem Zweck laufen lässt.

Nun gehöre ich weiß Gott nicht zu den Fans dieser Eitelkeits-Egozentrik-Peinlichkeit, die Insta in bedeutenden Teilen darstellt. (Sehen Sie etwa hier oder auch hier.) Aber die Lust, mit der dieser Clip spöttisch geteilt und kommentiert wird, sagt mehr über uns als über die Frau. Deshalb auch kein Link an dieser Stelle.

Sicherlich und glücklicherweise hat die Menschheit schon Intelligenteres und Emphatischeres zu sehen bekommen als dieses Dokument der selbstvergessenen Zeitgeschichte. Sogar bei Instagram. Aber welchen Nutzen bringt die Verbreitung dieses Videos? Die Antwort lautet: Triebabfuhr. Es ist ein Ventil, genauso wie die überzogenen (und damit meine ich ausdrücklich nicht die konstruktiv-kritischen) Reaktionen auf den Text von Sabine Rennefanz. Es brodelt so sehr in uns, das muss irgendwo hin.

Unsere Hilflosigkeit ob unseres Mitleids mit dem ukrainischen Volk kompensieren manche von uns mit Gnadenlosigkeit. Putins Krieg zeigt, wie verrückt wir Menschen sind. In vielen Facetten.

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11. März 2022

Die Zeiten sind aggressiv genug, deshalb formuliere ich mein Gefühl bezüglich dieser Nachricht so sachlich, wie nur eben möglich – und glauben Sie mir, das ist ein Kraftakt. 

Also: Ich glaube, es hackt. Ich glaube wirklich, es hackt.

Facebook (Mutterkonzern Meta) erklärt, ein Auge zuzudrücken bei Hassnachrichten. Okay, das wussten wir alle schon, aber bisher hat Facebook ja immer das Gegenteil behauptet. Jetzt aber räumt der Gigant es ein – nein, mehr noch: Er schreibt es sich zugute. Und zwar nicht trotz des Krieges – nein, wegen des Krieges. Und es wird noch besser im Sinne von schlimmer: Facebook ist jetzt nicht nur befreundet mit Hassnachrichten, sondern sogar mit offenen Gewaltaufrufen. Zumindest, wenn sie sich gegen die russische Regierung und gegen russische Soldaten wenden. Laut der Nachrichtenagentur Reuters gilt diese Regel für Armenien, Aserbaidschan, Estland, Georgien, Ungarn, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Russland, die Slowakei und – klar – die Ukraine. 

Die sozialen Netzwerke (dank des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij sogar Telegram) sind seit Kriegsbeginn vom Paria zu digitalen Heiligen avanciert. Facebook kündigte zwei Tage nach Putins Einmarsch in die Ukraine an, keine Werbung russischer Staatsmedien oder andere Wege zum Geldverdienen mehr zuzulassen. Zeitgleich mit Twitter ließ man verlautbaren, Fake Accounts mit anti-ukrainischer Propaganda zu sperren. 

In einem Angriffskrieg, in dem Aggressor und Opfer, David und Goliath astrein identifizierbar sind, erscheint das auf den ersten Blick ebenso richtig wie aller Ehren wert. Die Tech-Giganten nutzen ihre Macht endlich sinnvoll und strahlen plötzlich hell und edel in dieser Finsternis. Die Plattformen der Herzen.

Beim genaueren Hinsehen aber fällt ein Detail ins Auge: Da treffen Firmen Entscheidungen auf Basis von – ja, von was eigentlich? Richtig: der eigenen Machtfülle. Ebenso wie fast überall ist man auch in Palo Alto entsetzt ob Putins Angriff auf den Nachbarn. Also tut man, was man kann. Und darf. Und das ist ja zirka alles. Warum sollte die Politik sich nach all den Jahren ausgerechnet jetzt plötzlich verschärft der Frage zuwenden, wann und wie sie Facebook und andere endlich einhegt? Mitten im Krieg? (Und zur Erinnerung: Corona ist auch noch.)

Würde Meta-Chef Mark Zuckerberg Präsident eines Landes, wäre das ein Abstieg für ihn, schreibt der Autor Steven Levy in seinem Buch Facebook. The Inside Story. Selten wurde das so offenbar wie durch die jüngste skandalöse Ankündigung Metas: „Rufen Sie zu Gewalt auf – wenn es gegen die Richtigen geht, ist das für uns soweit ok!“ Meta ist kein Staat, Meta ist supranational. Eine Institution. Ohne Konstitution. Und ohne nachvollziehbare Regeln. 

Was übrigens nicht verwunderlich wäre: Wenn Meta mit seiner Ankündigung versucht hätte, aus der Not das zu machen, was es absurderweise als Tugend verkaufen will. Womöglich wird Meta der Flut von Hass schlicht und einfach nicht mehr Herr. Und wählt nun lieber den Weg, es als Folge einer  aktiven Entscheidung zu verkaufen, dass es voller Hassnachrichten ist. Statt dies als Beleg für die selbst verschuldete Überforderung einzuräumen. Weil die stinkreichen Tech-Riesen ihr Geld nicht so gerne in Mitarbeiter investieren, die den Verbalmüll entsorgen. 

Vielleicht lügt Meta ja auch. Mal wieder. Was auch sehr schlimm wäre, aber nicht ganz so schlimm wie eine tatsächlich bewusste Eintscheidung, sich zur Waffe zu machen, wenngleich auch des Schwächeren. Denn: Mit der Ankündigung, Hass gegen bestimmte Gruppen werde akzeptiert, ermuntert Meta Leute noch zusätzlich. Meta greift in den Krieg nicht mehr nur dergestalt ein, dass es versucht, den Ein- und den Geldfluss einer Seite zu drosseln. Meta heizt den Krieg nun mit an.

Meta ist kein Staat, Meta ist supranational. Eine Institution. Ohne Konstitution. Ohne nachvollziehbare Regeln. Und ohne Skrupel. So oder so.

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10. März 2022

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Ich sage das wirklich nicht oft, aber die Gelegenheit und der Anlass, ja, die dringende Pflicht, möchte ich fast sagen, ist da: Vieles wäre besser ohne Social Media. Zum Beispiel das – wie paradox! – Image von Gerhards Schröder Frau. Es waren auch schöne Zeiten, damals, ohne Smartphones, als man nicht alles voneinander mitbekam. Oder mitbekommen bekam.

Die letzten Tage haben mir noch mal eindrücklich gezeigt, warum ich Team Twitter bin und nicht Team Instagram. Dieses Sich-Zurschaustellen, dieses egozentrische und dadurch – je nach individuellem Geschick in der Intensität variierend plumpe – Herumbauen von Themen um das eigene Antlitz – schlimm. Twitter ist das härtere Medium, aber Instagram das brutalere in seiner Oberflächlichkeit. Vielleicht auch das ehrlichere.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie viel mehr Zuneigung man dort erhält, postet man ein Selfie. Das sind schnell verdiente Herzchen. Aber auch relativ billig verdiente. Eine Frage des Anspruchs an sich selbst und an sein Publikum. Sage mir, wer dich wofür beklatscht, und ich sage dir, wer du bist.

Und, tatsächlich erstaunlich: Während Twitter schwankt zwischen sehr lustigen und sehr zynischen Memes (es ist alles schlimm genug, deshalb nur der Verweis auf zwei lustige: hier und hier), regnet es bei Instagram rote Herzen für Soyeon Schröder-Kim. Ob jemand in dem Moment, für den Twitter sie verachtet und Instagram sie liebt, das Telefon hielt und ihr zurief: „Guck mal noch ein bisschen ind ich gekehrter!“? Oder: „Sieht schon super aus, aber vielleicht nicht ganz so ernst, das mögen die Leute nicht, mach mal ein bisschen verträumter!“? Vielleicht ihr Mann, der durch die Suche nach der perfekten Inszenierung in Zeitnot kam, Putin anrufen musste und ihm vorlog, im Stau zu stecken? Oder saßen die beiden Männer und Freunde da längst zusammen und sprachen – hoffentlich – über gesichtswahrende Wege für Putin raus aus dem Krieg, den er gegen die Ukraine führt? Ob Frau Schröder-Kim irgendwann total genervt von den Regieanweisungen die Augen öffnete, in scharfem Ton zischte: „Jetzt mach!“ – und dann zurückfiel in die sanfte Pose? Wegen The Show must go on?

Oder war sie allein und hatte ein Stativ aufgestellt und den Selbstauslöser betätigt? Oder, jetzt noch mal ganz anders gedacht und in seiner Normalität schon wieder absurd, denn hier geht es ja um Instagram: Stand sie womöglich wirklich gerade in dieser Pose vor dem Fenster, jemand sah sie zufällig dabei und hatte Glück mit dem Timing: Weil das Gebet innig und lang war, hatte er genug Zeit, das perfekte Foto zu machen? („Schießen“ wollte ich schreiben. Oh Mann.) Ohne, dass sie etwas davon bemerkte? Abwegig, ich weiß, aber spinnen wir das mal weiter: Wenn es so gewesen wäre, muss das Foto ja anschließend zu ihrer Kenntnis und in ihren Besitz gekommen sein. Das Endprodukt ist also gewollt. Und die Aufmerksamkeit. Plus die Anerkennung. Sogar ein Filter liegt drüber, ihr Gesicht wirkt leicht pixelig.

Alle sind verrückt geworden.

„Aber wenn dann morgen der Krieg vorbei ist entschuldigen wir uns alle bei #schroeder und seiner Frau“, antwortet jemand auf meinen Tweet, in den ich das Foto eingebaut habe. Das soll es mir wert sein.